Applied Technologies in Medical Diagnostics: Eine Kooperation von Organisationen bis in die Lehrveranstaltungen

Umgesetztes Projekt

Ziele

Ausgangslage:

Aufgrund des zunehmend komplexer werdenden Medizintechnik-Marktes ist seitens verschiedener Medizintechnik-Akteure der Bedarf an hochqualifiziertem Personal, welches an der Schnittstelle zwischen Entwicklungsingenieurwesen und Medizinprodukteanwendung sitzt, enorm gewachsen. Dies bedarf an Wissen aus verschiedenen medizinisch-technischen Teilbereichen, sowie im Bereich der methodischen Kompetenzen.

 

Ziele:

Die Schaffung eines fachlich qualifizierten Masterstudienganges durch Kooperation zweier Fachhochschulen, welche die jeweiligen Bedienungsfelder in der Medizintechnik sowie den technologieorientierten Gesundheitswissenschaften kombiniert und den Anforderungen an eine Person an der Schnittstelle seitens der Industrie gerecht wird. Aufgrund der großen Heterogenität an potentiellen Studierenden und deren Vorwissen aus fachspezifischen Bachelorstudien, bedarf es eines didaktisch-methodischen Konzepts um eine Zusammenführung der Inhalte zu forcieren. Dem entsprechend wurde dies in den curricularen Gegebenheiten mitberücksichtigt.

Kurzzusammenfassung

Der Joint-Masterstudiengang "Applied Technologies in Medical Diagnostics" basiert auf der Kooperation der FH OÖ und der FH Gesundheitsberufe OÖ und stellt somit eine erstmalige Kooperation dieser zwei Fachhochschulen auf Studiengangsebene in Österreich dar. Dabei resultiert der Studiengang aus der prospektiv erhobenen Bedarfsanalyse unter verschiedenen Medizintechnik-Akteuren, welche zunehmend den Bedarf an hochqualifiziertem Personal als „Missing Link“ zwischen Entwicklungsingenieurwesen und Medizinprodukteanwendung fordern. Absolventinnen und Absolventen können eine breite Palette an Funktionen abdecken. Dies geht von medizinischen Anwendungstechnologien, über Beschaffungswesen bis hin zum Projekt- und Qualitätsmanagement und Regulatory Affairs im Bereich von Medizinprodukten.

 

Für das 4 Semester dauernde Studium sind Absolventinnen und Absolventen der fachspezifischen Bachelorstudiengänge Radiologietechnologie und Biomedizinische Analytik sowie Medizintechnik zugelassen.

 

Aufgrund der Heterogenität der Studierenden, welche unterschiedliche Grundvoraussetzungen aus ihrem Bachelorstudium mitbringen, kommt eine didaktische Herangehensweise mittels übergeordneter Logiken im Kontext der technischen und anwendungstechnologischen Hintergründe sowie hohe Anteile an konstruktiven Lernprozessen zum Tragen.

 

Dadurch wird neben der Kooperation der beiden Fachhochschulen auch die Kooperation innerhalb der Lehrveranstaltungen bis hin zur Studierendenebene durchgeführt.

Summary

The Joint-Master program “Applied Technologies in Medical Diagnostics" is based on an institutional collaboration between The University of Applied Science for Health Professions Upper Austria and the University of Applied Science Upper Austria, which is the first of its kind. A prospective need analysis among different players in the medical technology industry showed that there is a lack of highly qualified personal, which should be the link between medical engineering and applied medical technology. Our alumnae cover a wide range of skills from technological usage of different medical diagnostic modalities to regulatory affairs, quality management, and project management in the context of the medical device market.

 

Our study program takes four-semester and its access requires a bachelor's degree in radiological technology, biomedical science or medical engineering.

 

A specialty of our program is an interconnected didactic approach to fit the heterogeneity among our students because of their different theoretical and practical backgrounds from their former studies. Referring to this a constructive learning environment is implemented to create overriding principles in technological and applied-technological science.

 

Therefore, we have a top-down perspective of collaboration within both institutions, the lectures, and our students as well.

Nähere Beschreibung

Der Joint-Masterstudiengang „Applied Technologies in Medical Diagnostics (ATMD)“ resultiert aus der Kooperation der FH OÖ und der FH Gesundheitsberufe OÖ und wird von beiden Organisationen zu gleichen Teilen organisiert und durchgeführt. Der Joint-Masterstudiengang ATMD ist Mitbestandteil eines Schwerpunktes des strategischen Konzeptes „Innovatives OÖ 2020“ sowie ein Beitrag zur Entwicklung des „Medical Valley Upper Austria (MED-UP)“. Der Grundgedanke hinter diesem Joint Masterstudiengang ist, wissenschaftlich fundierte Methodenkompetenz für einen zunehmend komplexen Medizintechnik-Markt zu vermitteln. Letzterer erfordert, getrieben durch breite innovative technologische Entwicklungen im Kontext der regulatorischen Anforderungen der neuen europäischen Medizinprodukte-Verordnungen und internationalen Entwicklungen zur Wahrung von Qualitätsstandards bei Medizinprodukten (Sicherheit) und dessen Anwendungen (Wirksamkeit) den Kompetenzaufbau von Anwendungstechnologinnen und –technologen für medizinisch-diagnostische Produkte. Dies zeigte auch eine prospektiv durchgeführte qualitative Befragung von 144 Medizintechnik-Akteuren. Diese beinhaltete sowohl den Bereich des klinischen Umfeldes als auch wirtschaftliche Bereiche, die mit der Entwicklung von Medizinprodukten beschäftigt sind. Dabei stellte sich heraus, dass um dem hohen Standard gerecht zu bleiben, es eines neuen hochqualifizierten Berufsfeldes bedarf, welches an der Schnittstelle Technik/Naturwissenschaft und technologieorientierten Gesundheitswissenschaften/ Gesundheitsberufen sitzt und den „Missing Link“ zwischen Entwicklungsingenieurwesen und Medizinproduktanwendung ausfüllt.

Das Tätigkeitsprofil der Absolventinnen und Absolventen des Joint-Masterstudienganges stellt sich wie folgt dar:

Die beruflichen Funktionen umfassen einerseits die Anwendungstechnologien, die Position der verantwortlichen Person, das Qualitätsmanagement, Regulatory Affairs Management, das Produkt- und Projektmanagement, die technische Beschaffung und das Schnittstellenmanagement in der Inhouse-Produktion. Das Tätigkeitsprofil stellt entsprechende Forderungen an das Qualifikationsprofil der Absolventinnen und Absolventen. Diese wurden vor dem Hintergrund der Praxisorientierung im Rahmen der Curriculumsentwicklung in technische Fachkompetenzen (Diagnostische Technologien, Gerätetechnik, Biosignale, sensorische Materialien, Digitalisierung, Post-Processing und Rendering, Softwaretools, Trends), Methodenkompetenzen (Regulatorien, Qualitätsmanagement, Produktvalidierung, Technologiebewertung und Innovationsmanagement, Kommunikation etc..) und Transferkompetenz (Projektleitung, fachübergreifende Teamarbeit und Projektmanagement, Forschung zur Produktentwicklung etc..) unterteilt.

Dabei bedarf es zum einen einer naturwissenschaftlich-technischen Grundqualifikation, sowie zum anderen, Wissen über die möglichen technischen Anwendungsfelder in Industrie und Institutionen im Gesundheitswesen. Grundsätzlich zugelassen zum Studium sind Absolventinnen und Absolventen aus den fachspezifischen Bachelorstudiengängen Radiologietechnologie, Biomedizinische Analytik und Medizintechnik. Die Studiendauer beträgt 4 Semester, das Studium kann berufsermöglichend absolviert werden. Der Workload wurde gemäß Bologna mit 30 ECTS pro Semester festgelegt. Die methodisch-didaktische Konzeption der Semester unterstützt die Studierenden in der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit. Die Lehrveranstaltungen finden grundsätzlich Donnerstag und Freitag statt und werden durch zwei Blockwochen im Semester ergänzt.

Eine Kooperation und die Umsetzung eines gemeinsamen Masterstudienganges durch die FH Gesundheitsberufe OÖ und die FH OÖ sowie eine daraus resultierende breite Heterogenität an Studierenden mit unterschiedlichen Vorstudien stellt vor allem Herausforderungen an die didaktische Herangehensweise, die Studentenzentrierung und deren Heterogenität, die Kompetenzorientierung sowie europäische und internationale Ausrichtung dar.

Didaktik, Studentenzentrierung und Heterogenität:

Dementsprechend fungiert das erste Semester als Wissens-Normierung auf Master-Ebene, in dem eine technische/naturwissenschaftliche Wissensbasis im Bereich der angewandten Technologien (z.B. Angewandte Mathematik und Informatik, Biosignale und deren technische Verarbeitung im klinischen Kontext) geschaffen wird. Ziel ist es, dass die Studierenden gegenseitig von Ihrem jeweiligen fachspezifischen Vorwissen profitieren und ein erster vernetzter Wissenstransfer untereinander stattfindet. Es wird vor diesem Hintergrund sowohl Grundlagenwissen der jeweils anderen Sparte geschaffen, aber auch auf bestehendem Wissen der eigenen Sparte aufgebaut. Abgeschlossen wird das erste Semester durch einen ersten frühzeitigen Theorie-Praxistransfer im klinischen Umfeld, in dem anhand verschiedener anwendungsorientierter Aufgabenstellungen (der Fokus liegt hierbei auf problem-based-learning) Teile der Lehrveranstaltungen eine Vertiefung erhalten. Auf die praxisorientierte Vermittlung von fachspezifischen Kompetenzen der jeweiligen Sparten wird durch verstärkte spartenübergreifende Gruppenarbeit und selbstgesteuerte Lernprozesse der Gruppe untereinander eine frühzeitige Vernetzung auf der ersten, zweiten und dritten taxonomischen Ebene nach Bloom (erinnern, verstehen und anwenden) erzielt.

Neben der Weiterführung von technisch-fachspezifischen Inhalten ist das Ziel des zweiten Semesters, die Studierenden aus der fachspezifischen Rolle zu distanzieren und ein fächerübergreifendes kognitives, affektives und psychomotorisches Netzwerk zu spannen. Dieses Netzwerk wird durch entsprechende lernbegleitende didaktische Methoden an der vierten und fünften taxonomischen Ebene nach Bloom erweitert. Es wird dabei auf bestehendem Wissen aufgebaut und Wissen zweiter Ordnung kann entstehen. Dazu erfolgt eine Schwerpunktlegung auf Analysieren und Beurteilen. Das kritische Reflektieren auf Basis des normierten Grundlagenwissens des ersten Semesters stellt den Fokus des zweiten Semesters dar.

Ebenso ermöglicht der Joint-Masterstudiengang Applied Technologies in Medical Diagnostics durch einen hohen Anteil an konstruktiven Lernprozessen übergeordnete Logiken zu entwickeln. Dies erfolgt im Kontext der technischen und anwendungstechnologischen Hintergründe. Insbesondere wird hier auf die Selbstverantwortung der Studierenden gesetzt, damit diese auch die formulierten Learning Outcomes als Ausbildungsziele anerkennen und in Form einer Weiterentwicklung der Kompetenzen erreichen. Dies erfolgt durch ein institutionalisiertes Feedback zwischen Lehrenden und Lernenden, eine Strukturierung der Lehrinhalte in Form von forschendem problemorientiertem Lernen, eine Ermöglichung von hochschulübergreifender Vernetzung in Form von Projekten und der Einbindung der Studierenden in die Gestaltung der eigenen Kompetenzentwicklung (Referate, Seminar- und Hausarbeiten, Präsentationen, Tutor-System, gruppen- und projektbezogenes Arbeiten).

Neben den genannten konventionellen didaktischen Leitlinien und Methoden, die am Joint-Masterstudiengang ATMD zur Anwendung kommen, werden auch Blended Learning und E-Learning Szenarien entwickelt, die einen begleitenden und ergänzenden Aspekt in der Kompetenzentwicklung der Studierenden darstellen. Die Einbindung neuer Medien in die Umsetzung der vorwiegend integrierten Lehrveranstaltungen stellt somit einen unverzichtbaren Bestandteil der didaktischen Analyse dar. Durch die Orientierung an den praxisorientierten Lernzielen, den entsprechenden didaktischen Methoden und der darauf abgestimmten Form der Ergebnissicherung wird die Anforderung des Constructive Alignments erfüllt. Des Weiteren erfolgt dadurch neben der Kooperation der beiden Fachhochschulen auf Ebene der Organisation, eine vertiefende Kooperation innerhalb der Lehrveranstaltungen im Sinne des didaktischen Konzepts bis hin zum Transfer innerhalb der Studierendengruppe.

Kompetenzorientierung und europäische sowie internationale Ausrichtung:

Im dritten Semester erfolgt die Erweiterung der anwendungstechnologischen Kompetenzen im Hinblick auf das Qualitätsmanagement, die sozial-kommunikativen Schwerpunkte, das Projektmanagement und die Projektkalkulation, welche das zukünftige Tätigkeitsprofil komplementieren. Neben den fachspezifischen und fächerübergreifenden Kompetenzen werden im dritten Semester zunehmend die Transferkompetenzen durch die Durchführung eines selbständig organisierten Unternehmensprojekts weiterverfolgt. Themengebiete für die durchzuführenden Projekte können einerseits über den Dienstgeber der Studierenden, andererseits über Auftraggeber seitens der Industrie definiert werden. Komplementiert wird dies durch eigene Projektausschreibungen seitens der jeweiligen Fachhochschulen. Es soll dabei im Vorfeld der Masterarbeit, welche im vierten Semester zu erstellen ist, bereits im dritten Semester die taxonomische Stufe des Entwickelns erreicht werden. Die Projektbegleitung erfolgt durch Personen aus dem praktischen Umfeld (Forschungseinrichtungen, Unternehmungen) sowie durch hauptberufliches Lehr- und Forschungspersonal. Dies ermöglicht eine Vervollständigung des eingangs formulierten “shifts from teaching to learning”. Erste Themengebiete sind hierbei unter anderem die technische Gegenüberstellung, Analyse und Bewertung von medizinischen Technologien und deren weitere Implementierung in den klinischen Alltag.

Das abschließende vierte Semester wird für die Bearbeitung der Masterthese verwendet, wobei aufbauend auf die wissenschaftliche fundierte Projektarbeit sowohl einschlägige Themenstellungen seitens der Fachhochschulen aber auch seitens der Industrie als Auftragsarbeit umgesetzt werden können. Der Theorie-Praxis-Transfer im Verlauf der 4 Semester spiegelt sich auch in der prozentuellen Verteilung aus Theorie- und Praxisorientierung wider. Findet im ersten und zweiten Semester noch ein 76-prozentiger Anteil an Theorieorientierung zur Schaffung von Grundlagenwissen statt, so reduziert sich dieser Anteil im dritten und vierten Semester auf 33 Prozent der konzipierten Lehreinheiten. So werden die Master-Studierenden kompetenzorientiert schrittweise an das selbständige wissenschaftlich-fundierte Arbeiten herausgeführt und zeigen, dass sie selbständig eine konkrete technologische Fragestellung im einschlägigen Kontext bearbeiten und lösen können.

Das Studium ist im Rahmen der Prinzipien des Bologna-Prozess strukturiert. Es erlaubt die breite Durchlässigkeit von Studierenden und berücksichtigt technologisch-fachliche wie regulatorische Entwicklungen auf europäischer und internationaler Ebene. So konnte bereits im 1. Jahr des Studiums eine Studentin aus Mexiko für das Studium gewonnen werden, die im Weiteren Interesse an einer beruflichen Weiterarbeit in Österreich hat.

Mehrwert

Erfüllung zukünftiger gesetzlicher Erfordernisse, Praxisorientierung an der Schnittstelle Technik/Naturwissenschaft und technologieorientierten Gesundheitswissenschaften/ Gesundheitsberufen, Akademisierung der Gesundheitsberufe, neue interprofessionelle Lernformen.

Ist das Konzept auf andere Lehrveranstaltungen bzw. Lehrsituationen übertragbar? Wird das Konzept längerfristig eingesetzt und weiterentwickelt?

Das Konzept stellt einen akkreditierten bundesfinanzierten Joint-Masterstudiengang dar. Er wird dauerhaft durchgeführt und unterliegt einer kontinuierlicher Weiterentwicklung. Die Praxisorientierung wird dadurch dauerhaft gewährleistet. Die didaktische Herangehensweise und methodische Umsetzung der Lehrveranstaltungen lassen sich auf konzeptueller Ebene auf andere interprofessionelle Lehrveranstaltungen umsetzen. Je nach sachlogischer Ausrichtung (im gegebenen Fall handelt es sich um eine starke anwendungsorientierte und technologieorientierte Ausrichtung in den Bereichen der Technik und der Gesund) ist die didaktische Analyse entsprechend anzupassen.

Ist die Akzeptanz des Projekts gegeben? Welche Evidenzen (z.B. Evaluierungsergebnisse) gibt es hierfür?

Es wurde an Studierende und AbsolventInnen einschlägiger Studiengänge (Biomedizinische

Analytik, Radiologietechnologie, (Bio-)Medizintechnik) ein Fragebogen mit elf Fragen versandt. Insgesamt gab es 510 Antworten, davon 425 vollständige und 85 unvollständige. Aus dieser Befragung ist die Akzeptanz für den Joint-Masterstudiengang "Applied Technologies in Medical Diagnostics" ersichtlich: 70% der befragten Personen bejahten, dass sie

sich vorstellen können, diesen geplanten Master-Studiengang zu besuchen.

Aufwand

Es handelt sich hier um einen Joint-Masterstudiengang, der von 2 Fachhochschulen (3 Bachelorstudiengänge) gemeinsam im Rahmen der bestehenden Ressourcen entwickelt wurde. Eine isolierte Betrachtung der zeitlichen und finanziellen Aufwände kann somit nicht, mit Zahlen untermauert, stattfinden.

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudiengang in Kooperation zwischen der Fachhochschule OÖ und der Fachhochschule Gesundheitsberufe OÖ für Absolventinnen und Absolventen in den Bereichen Radiologietechnologie, Biomedizinische Analytik und Medizintechnik.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.