"...alles ist hin!" Aktualisierung eines Volksliedes. Musikpädagogische Übung und Workshop

Umgesetztes Projekt

Ziele

Anliegen der kooperativen Lehrveranstaltung war die Verschränkung von pädagogischer, künstlerisch-praktischer und wissenschaftlicher Lehre im Rahmen des Lehramtsstudiums Musik. Musikpädagogisches Handeln sollte stets theoretisch fundiert sein und in produktives Tun münden. Dies lässt sich am besten in Lehrveranstaltungen vermitteln, welche aufeinander inhaltlich Bezug nehmen und Synergien zwischen den Bereichen nutzen. Ohne den curricularen Rahmen zu sprengen, wurden mehrere Lehrveranstaltungen thematisch verzahnt und Anschluss an außeruniversitäre Kulturinstitutionen (Österreichisches Volksliedwerk, Wiener Volksliedwerk) genommen. Beteiligt waren drei Lehrveranstaltungen aus dem Bachelorstudium Musikerziehung Lehramt, die zum Fächerangebot verschiedener Institute der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw) gehören: Musikpädagogische Übung 1 (Leitung: Katharina Pecher-Havers, auch Initiatorin und Koordinatorin, Institut für musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren, IMP), Ensemble Popularmusik (Leitung: Stephan Gleixner, Institut für Popularmusik I-POP) Bewegung und Tanzpraktikum (Leitung Else Schmidt, Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, IVE). Zudem war durch Eike Fess (Arnold Schönberg Center), der die musikhistorische Expertise einbrachte, das Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung (IMI) einbezogen. Die Lehrveranstaltung war Teil der laufenden Initiative "Komm wir singen" des Österreichischen Volksliedwerkes, deren Ziel es ist, zum Singen von Volksliedern an Schulen zu motivieren. Schirmherr der Initiative ist Hubert von Goisern, der auch in die kooperative Lehrveranstaltung eingebunden war. Am Beispiel eines der vorgeschlagenen Lieder, namentlich "Oh, du lieber Augustin", wurde gefragt, welchen pädagogischen Wert das Singen von traditionellen Volksliedern im Musikunterricht haben könnte und auf welche Weise diese zeitgemäß produktiv zu rezipieren wären.

 

Pädagogische Leitideen der kooperativen Lehrveranstaltung waren:

 

Interkulturalität: Regional gebundene, traditionelle Volkslieder werden als Material verstanden, welches man sich - aus dem Kontext ihrer regionalen Praxis gelöst - künstlerisch-experimentell auf vielfältige Weise aneignen kann. Dies lässt sich am Lied "Oh du lieber Augustin" exemplarisch zeigen, wurde doch die weit verbreitete Wandermelodie unbekannter Herkunft mit einer ebenfalls überregional verbreiteten Sagenmotivik verbunden. Wie im Musikunterricht erreicht werden kann, für historisch oder kulturell fernliegende Artefakte eine eigene Lesart zu finden und so individuelle Bedeutsamkeit anzubahnen, sollte in dieser kooperativen Lehrveranstaltung erfahren werden.

 

Sozialpolitisches Engagement: Die Augustinfigur als Archetypus des gesellschaftlich Ausgegrenzten soll einerseits rezeptionsgeschichtlich erfasst werden, andererseits zur Aktualisierung herausfordern. Wer ist Augustin heute und wie lässt sich die "Pestgrube" interpretieren, aus der Geächtete unbeschadet herausfindet?

 

Gleichwertigkeit: Alle Beteiligten treten in einen produktiven Prozess ein, in welchem sie auf Augenhöhe agieren. ExpertInnen, Lehrende und Studierende stehen in wechselseitigem Austausch und profitieren im Sinne des Co-Learnings voneinander. Die Studierenden wählen, individuell Fragestellungen zum Thema, bringen ihre Vorerfahrungen ein und sind als KoautorInnen der abschließenden Publikation gefordert. Es ist niemals abverlangt, dass im Sinne einer "Gleichschrittdidaktik" alle alles machen, Unterricht wird als Zusammentragen individueller Leistungen begriffen. Im co-kreativen Tun kommen die individuellen Stärken zur Geltung, alle agieren als professionell Musizierende. Den Lehrpersonen fällt die Rolle der Koordination und der reflektierenden Prozessbegleitung zu.

 

Durchlässigkeit: Die Thematik soll multiperspektivisch beleuchtet werden. Die Lehrveranstaltungen (Musikpädagogische Übung, Ensemble Popularmusik, Bewegungs- und Tanzpraktikum) laufen unabhängig voneinander und bieten punktuell Andockmöglichkeiten. Zusätzliche, zur Thematik passende außeruniversitäre Veranstaltungen (vom Österreichischen Volksliedwerk, vom Wiener Volksliedwerk, vom Arnold-Schönberg-Center, Konzert Albin Paulus) können als Alternative zu einzelnen Lehrveranstaltungs-Einheiten oder zusätzlich besucht werden. Es wird die Möglichkeit gegeben, dass die Studierenden nur für bestimmte Phasen am Prozess beteiligt sind und diesen auch wieder verlassen. Auf diese Weise können trotz kontingentierter Teilnahmezahlen mehr Studierende partizipieren und es besteht nicht die Notwendigkeit, eine Verzahnung der Lehrveranstaltungen curricular festzulegen. Die Teilnahme am abschließenden Blocktermin (Workshop mit Hubert von Goisern) ist als regulärer Termin für die Studierenden der Lehrveranstaltungen Musikpädagogische Übung und Popularmusik Ensemble verpflichtend.

 

Autonomes und individuelles Lernen: Die Studierenden entscheiden selbstständig, in welcher Form und in welchem Grad sie sich inhaltlich einbringen oder vertiefen möchten. Die individuellen Leistungen der einzelnen Studierenden werden auf einer digitalen Plattform geteilt und in einem Sammelportfolio dokumentiert. Studierende, Lehrende und ExpertInnen agieren als Potentialentfaltungsgemeinschaft.

 

Kompetenzorientierung: Als Heranführung an kompetenzorientierten Musikunterricht in der Schule soll das Lernen in Verschränkung von Wissenserwerb und praktischen Fertigkeiten erfolgen. Die Studierenden lernen, co-kreative Prozesse anzubahnen, und erleben diese als Stimulans für weiterführende Auseinandersetzung.

Kurzzusammenfassung

Musikpädagogische Übung und Workshop mit Hubert von Goisern

...alles ist hin! Aktualisierung eines Volksliedes

Das Lied „Oh du lieber Augustin“ ist ein Beispiel des für Wiener Lieder typischen resignativen, schwarzen Humors. Das Lied, das auf einer populären Wandermelodie basiert, bietet zahlreiche didaktische Anknüpfungspunkte: Kompositionen verschiedenster Genres, in denen das Lied zitiert wird (wie Schönbergs Streichquartett op 10 oder „Spinning Wheel“ von Blood, Sweat&Tears), die Rezeptionsgeschichte des Liedes hinsichtlich der intendiert sozialpolitischen Deutung der Figur des „Lieben Augustin“ im Wien um 1900 als Identifikationsfigur des „kleinen Mannes“ sowie die Demontage der Figur durch den Nationalsozialismus. In dieser musikpädagogischen Übung werden verschiedene Aspekte des Wiener Liedes „Oh du lieber Augustin“ fachlich gestützt für den Schulunterricht fruchtbar gemacht. Die Frage, warum man singt, wenn „alles hin ist“, sollte zum produktiven Tun motivieren.

In die Lehrveranstaltung eingebunden waren der Dudelsackspieler Michael Vereno, die Zitherspielerin Cornelia Mayer, das Österreichische Volksliedwerk sowie das Arnold-Schönberg-Center. Gemeinsam mit Studierenden der Lehrveranstaltung Popularmusik Ensemble (Stephan Gleixner) wurden die in der musikpädagogischen Übung erdachten musikalischen Aktualisierungsvorschläge in einem dreistündigen Workshop realisiert. Hubert von Goisern, Schirmherr des Projekts „Komm wir singen“ unterstützte dabei.

Summary

… all ist lost! Bringing a folk song up to date.

Music-pedagogical exercise and workshop with Hubert von Goisern

The song “Oh, du lieber Augustin” is an example of the resigned black humour that is typical of Viennese songs. The song, which is based on a popular “Wandermelodie", offers numerous points of reference for teaching: compositions of various genres in which the song is quoted such as Schönberg’s string quartet op 10 or “Spinning Wheel” from Blood, Sweat & Tears, the reception history of the song, especially with respect to the intended socio-political interpretation of “Dear Augustin” in Vienna around 1900 as a role model for the “Kleiner Mann” (the petty bourgeoisie), as well as the dismantling of the “Augustin” figure by National Socialism. With professional support, different aspects of the Viennese song “Oh, du lieber Augustin” were used to provide fruitful themes for teaching in schools in this music teaching exercise. The question why we sing “all is lost” should be a motivation for productive activity.

Involved were the bagpipe player Michael Vereno, the zither player Cornelia Mayer, the Österreichische Volksliedwerk and the Arnold Schönberg Centre. Together with students enrolled on the course Popular Music Ensemble (Stephan Gleixner), the musical suggestions for bringing the song up to date, conceived in the music teaching exercise, were put into practice during a three-hour workshop with Hubert von Goisern, patron of the “Komm wir singen”.

Nähere Beschreibung

 (auf Basis eines Berichts für die Zeitschrift Die Musikerziehung, 73/1, 2020)

 

„…alles ist hin!“ Aktualisierung eines Volksliedes. Ein inhaltlicher Streifzug durch eine besondere Lehrveranstaltung von Katharina Pecher-Havers

Im Sommersemester 2019 hatten Studierende des Lehramts Musikerziehung die Möglichkeit, in einer Lehrveranstaltung ihre eigenen aktualisierten Versionen des Liedes „Oh du lieber Augustin“ zu kreieren. In einem dreistündigen Workshop mit Hubert von Goisern, Studierenden aus Ensemble Popularmusik unter der Leitung von Stephan Gleixner, dem Dudelsackspieler Michael Vereno und der Zitherspielerin Cornelia Mayer gelang es, einige nahezu aufführungsreife Nummern einzustudieren. Das Projekt stand in Verbindung mit der Initiative „Komm wir singen“ des Österreichischen Volksliedwerkes, welche unter der Schirmherrschaft von Hubert von Goisern steht. Eines der in der kooperativen Lehrveranstaltung kreierten Lieder, "Wer hilft mir auf?", wurde für das Abschlusskonzert der Initiative "Komm wir singen" am 1. Juli 2020 in Klagenfurt ausgewählt. Bevor es aber ans Musizieren ging, widmeten wir uns verschiedenen musikhistorischen und soziologischen Dimensionen des Liedes.

 

„...alles ist hin!“ Wer kennt das Lied nicht, aus dem diese Zeile stammt! Es wird gerne gesungen, im Musikunterricht auch als vermeintlich ältestes Wienerlied. Das ist es sicherlich nicht: Erst 1865 wurde die weitgereiste Tanzmelodie im raschen Dreiertakt vermutlich böhmischen Ursprungs mit der von Moritz Bermann aufgezeichneten Sage zum Lied „Oh, du lieber Augustin“ verbunden. Aber sollte man sich mit Schülerinnen und Schüler nicht auch Gedanken über die sozialpolitische Relevanz des Liedes machen? Was ist eigentlich „lieb“ am Lieben Augustin, dem Bettelmusikanten, der in der Pestgrube ernüchtert konstatiert, dass „alles hin“ und „weg“ sei. Was gäbe es denn da noch zu singen?

Die Lehrveranstaltung „Musikpädagogische Übung“, die am Beispiel des Liedes „Oh, du lieber Augustin“ Möglichkeiten der Aktualisierung von Volksliedern für den Schulunterricht auslotete, begann an jenem Freitagnachmittag, als in Wien die Fridays-For-Future-Bewegung tausende Jugendliche für den ersten weltweiten Klimastreik aus den Schulen holte. Manche der Studierenden kamen direkt von der Demonstration und brachten ihre eigenen Überlegungen zu Pest und Verseuchungsgefahr ein. „Alles ist hin!“ hätte auch gut auf ein Transparent gepasst.

Die sozialpolitische Dimension hatte vermutlich auch Arnold Schönberg im Auge, als er das Lied in seinem zweiten Streichquartett opus 10 in fis-moll deutlich hörbar zitierte: Just dort, wo Schönberg die Tonalität verlässt, kehrt nochmals der Walzertakt zurück, erklingt die Liedmelodie in ihrer ganzen Armseligkeit, vorgetragen von der zweiten Geige im pianissimo und zerfällt wie eine Traumvision. Das Cello hält noch die Walzerbegleitung, wie um nochmals zum Tanz einzuladen, gerät ins Stocken, verstummt, dann bleiben nur noch Seufzer. Alles ist hin. Nimmt Schönberg so Abschied von der Tonalität? Beklagt er das Ende seiner Ehe, nachdem ihn seine Frau mit dem Maler Gerstl betrog? Schönberg wählte im Dezember 1908 ein Lied, das zu dieser Zeit in Wien hoch mit Bedeutung aufgeladen war: Hatte doch Bürgermeister Karl Lueger wenige Wochen zuvor, im September 1908, in Wien VII, Ecke Schottenfeldgasse/Neustiftgasse den Augustin-Brunnen des Bildhauers Hans Scherpe enthüllt. Bürgermeister Lueger legte dem „Geehrten“ bei der Rede anlässlich der Enthüllung in den Mund:

"Das bin ja ich, der Liebe Augustin! Ja, das habe ich nicht gewusst, daß ich so ein großer Mann bin, daß meinetwegen alle die Herren, die hier anwesend sind, erscheinen! Ich war ja eigentlich nur ein sehr großer Lump, sonst nichts anderes.[…] Aber auch große Lumpen sollen in entsprechender Weise gewürdigt und geehrt sein, insbesondere, wenn sie das schöne Lumpenlied erfunden haben O, du lieber Augustin."

Die Denkmalsetzung für einen „Lump“, einen Tunichtgut, war politisch umstritten und bot den verfeindeten Lagern am Vorabend des Ersten Weltkriegs reichlich Diskussionsstoff. Die Sozialdemokraten interpretierten das Denkmal als Verunglimpfung des Proletariers , während es Lueger um Zuspruch seiner Wählerklientel zu tun war: Augustin sollte als Paradebeispiel des „Kleinen Mannes“ auf ein Podest gestellt werden. Der Liebe Augustin blickte von da an in Bronze gegossen auf die Wienerinnen und Wiener herab, bis die Statue von den Nationalsozialisten demontiert und eingeschmolzen wurde. „Der Schwarzen Pest bin ich entronnen, die braune hat mich mitgenommen“, soll auf dem leeren Sockel zu lesen gewesen sein. Alles ist hin.

Die Augustin-Figur auf dem Brunnen hielt einen Dudelsack, ein in Wien zur Zeit der Pest präsentes Volksinstrument. Der „polnische Bock“ war im Kontext der Schäferromantik Modeinstrument des deutschen Rokoko. Dass die Melodie zu dem bekannten Lied keine „taugliche Dudelsackmelodie“ sei, erklärte uns der Salzburger Sackpfeifer Michael Vereno im Rahmen eines Vortrags im Österreichischen Volksliedwerk. Zu der Zeit, als man dem Lieben Augustin seine Kennmelodie verpasste, war das Wissen um Bordunmusik bereits lange aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Das Lied ist harmonisch gedacht und verlangt nach Dominante und Tonika. Vereno, der den Studierenden die Spielweise verschiedener Sackpfeifen demonstrierte und deren Verbreitung erklärte, hatte auch jenen Dudelsack im Gepäck, mit dem Paul Hörbiger im Schwarzweißfilm aus dem Jahr 1940 den Lieben Augustin verkörperte: eine Zampongna. Von wandernden Roma aus Süditalien mitgebracht, hat sich die „eindrucksvolle Sackpfeifenform“ mit zwei Melodiepfeifen und zwei Bordunpfeifen im 20. Jahrhundert als Archetypus des Dudelsacks etabliert.

Auch in der alpenländischen Volksmusik hat der umtriebige Augustin seinen Platz gefunden: Im „Schleunigen“ nach Ausseer Tradition wird das Lied nach dem Walzerrundtanz als „drittes Gsätzl“ gesungen , wie die Studierenden auch praktisch erfahren durften: Else Schmidt, Lehrbeauftragte des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, öffnete für zwei Einheiten das Tanz- und Bewegungspraktikum und brachte uns diese Tanzform nahe. Der Feststellung Hubert von Goiserns „Das liegt perfekt auf der diatonischen Harmonika, man hat sofort des Gefühl, das ist ein alpines Volkslied“ , ist zuzustimmen.

 

Woher auch immer die Melodie stammt: Als typisches Wiener Lied oder als „Weana Tanz“ kann die Melodie nicht identifiziert werden, weist sie doch keine einziges Charakteristikum dieses Genres auf: Das Lied ist einstimmig, hat keinerlei chromatischen Wendungen, keine Mollnebenstufen und ist zu rasch. Nichtsdestotrotz beginnt die beliebte und weit verbreitete Sammlung „40 Jahre Wienerlied“ aus dem Jahr 1928 mit einem Gedicht von Franz Allmeder, das dem Lieben Augustin als „Urvater des Wiener Liedes“ huldigt:

Zum Geleite!

 

Als einst der liebe Augustin

Im schönen, alten, frohen Wien

Sein erstes Lied gesungen,

Hat dies so eigentümlich frei,

So rührend und voll Schelmerei,

So „wienerisch“ geklungen.

 

Die historischen Ausflüge – in Verbindung mit tatsächlichen Dislokationen des Seminars in das Arnold Schönberg Center, in das Österreichische Volksliedwerk sowie in das Wiener Volskliedwerk – sollten zeigen, dass Volkslieder metaphorisch gesprochen wie Kistenkasperln immer wieder mit Bedeutung aufgeladen und auch politisch instrumentalisiert werden können, um danach wieder „in der Versenkung“ zu verschwinden. Die produktive Rezeption fragt nicht nach Werktreue oder Herrenrechten am Material, sondern greift selbstbewusst zu, ändert ab, kombiniert mit neuen Elementen. In ähnlicher Weise sollte im Rahmen des Seminars mit dem Lied verfahren werden. Dementsprechend erscheint es legitim, im musikpädagogischen Kontext an Volkslieder „Hand anzulegen“: Bereits in der ersten Einheit wurden Möglichkeiten der Verfremdung des Liedes an der Schnittstelle verschiedener musikalischer Genres gesucht. In Kombination von traditionellen Volksinstrumenten (Dudelsack, Steirische Harmonika, Kontragitarre, Zither ) und Popularmusikinstrumentarium erarbeiteten die Studierenden mit Unterstützung von Hubert von Goisern schließlich vier aktualisierte Versionen des Liedes. Sie nahmen auf aktuelle politische Ereignisse Bezug und formulierten die Klage „alles ist hin“ für das 21. Jahrhundert kreativ, frech und lustvoll neu.

 

Tonbeispiele und eine Videodokumentation des Workshops mit Hubert von Goisern am 25.5.2019 finden sich auf der Website des Instituts für musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren (IMP) www.musiceducation.at unter dem Link:

www.mdw.ac.at/imp/mai-19-alles-ist-hin-workshop-mit-hubert-von-goisern/

Link zum Projekt „Komm wir singen“ mit weiterführenden Materialien für den Musikunterricht:

volksliedwerk.at/komm-wir-singen/

Mehrwert

Musikpädagogisches Handeln erfordert neben pädagogischen Kompetenzen das Zusammenspiel von theoretischem Wissen und künstlerischen Fertigkeiten. In den Curricula des Bachelorstudiums Lehramt Musik ist nicht vorgesehen, dass die Lehrveranstaltungen aus diesen drei Bereichen aufeinander Bezug nehmen. Das Konzept versteht sich als ein innovatives Format, um innerhalb des curricularen Rahmens mehrere Lehrveranstaltungen thematisch zu verschränken und zudem an Angebote außeruniversitärer Institutionen anzudocken. Die Studierenden konnten eigenverantwortlich und individuell aus einem Pool von Möglichkeiten wählen und entschieden bis zu einem gewissen Grad selbst, wie sie die vorgegebene Anwesenheitspflicht erfüllen wollten. In einem Sammelportfolio wurden  die unterschiedlichen inhaltlichen Bausteine zusammengetragen. Der Heterogenität der Studierenden wurde dahingehend Rechnung getragen, dass sie sich entsprechend ihrer individuellen Stärken einbringen konnten. Sie übernahmen theoretische Recherche, Texterstellung, Komposition oder musikalische Gruppenleitung oder brachten sich vokal oder instrumental ein. Das Sammelportfolio, in dem die von Studierenden, ExpertInnen und Lehrenden erstellten Materialien zum Thema und die Ergebnisse des kreativen Prozesses zusammengeführt wurden, wäre als Unterrichtsmaterial für Musiklehrende auf der Sekundarstufe hilfreich und sollte online publiziert werden.

Ist das Konzept auf andere Lehrveranstaltungen bzw. Lehrsituationen übertragbar? Wird das Konzept längerfristig eingesetzt und weiterentwickelt?

Fächerverbindende Lehre mit fachwissenschaftlichen, pädagogischen und künstlerisch-praktischen Anteilen erscheint speziell für Lehramtsstudien fruchtbar. Weitere kooperative Lehrveranstaltungen sind geplant (Sommersemster 2020: Musikpädagogische Übung Oralität: Erzählen in Wort und Ton mit der Märchenerzählerin Margarethe Wenzel und einer NMS-Klasse).

Geplant ist, die Ergebnisse der Lehrveranstaltung (Sammelportfolio) mit Beiträgen der Lehrenden, der beigezogenen ExpertInnen und der Studierenden als Materialien für den Schulunterricht auf der Sekundarstufe zu publizieren oder open access verfügbar zu machen.

 

Inhalt der geplanten Sammelpublikation:

 

Thema: ...alles ist hin! Aktualisierung von Volksliedern am Beispiel des Liedes „Oh du lieber Augustin“

Inhaltsverzeichnis Augustin-Publikation:

• Geleitwort: Hubert von Goisern

• Das Projekt „Komm wir singen“ des Österreichischen Volksliedwerkes, Irene Egger

• Vorwort, Katharina Pecher-Havers

• Wer spricht? Die „Botschaft“ des Liedes, historisch kontextualisiert, Katharina Pecher-Havers

• Der liebe Augustin 1908

o Denkmalsetzung für einen „Lump“, Katharina Pecher Havers

o Ich fühle Luft von anderem Planeten. Der Augustin in Schönbergs Streichquartett, Eike Fess

• Das „Unwienerlied“

o Die Wanderung der Augustin-Melodie, Walter Deutsch (angefragt)

o Was haben Wiener Lieder, was der liebe Augustin nicht hat? Susanne Schedtler

o Der Augustin auf Sommerfrische. Der Schleunige in Bad Aussee Else Schmidt

• Augustin, (k)ein Sackpfeifer?

o Oh du lieber Augustin? Mythen und Fakten zur Sackpfeife. Michael Vereno

o Wie kommt die Zither in die Pestgrube? Katharina Pecher-Havers

• Was der liebe Augustin heute singt. Aktualisierte Versionen, entstanden im Rahmen eines Workshops mit Hubert von Goisern (Studierende)

 

Als Fortführung wäre geplant, aus weiteren kooperativen Lehrveranstaltungen Handreichungen für den Musikunterricht an Schulen zu generieren, die in einer Reihe unter Herausgeberschaft des Instituts für Musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren (IMP) publiziert werden könnten.

Ist die Akzeptanz des Projekts gegeben? Welche Evidenzen (z.B. Evaluierungsergebnisse) gibt es hierfür?

In der LV Musikpädagogische Übung war die TeilnehmerInnenzahl überschritten. Alle beteiligten Studierenden zeigten überdurchschnittliches Engagement und erbrachten Leistungen weit über das geforderte Maß hinaus (Notendurchschnitt 1,0). Der abschließende Workshop mit von Hubert von Goisern brachte externe ExpertInnen und Studierende im experimentell-kreativen Tun zusammen, was als win-win-Situation erlebt wurde. Durchgehend positives Feedback aller Beteiligten, Interesse der Universität Mozarteum Salzburg für das Format, Auswahl einer im Rahmen der LV produzierten Nummer zum Abschlusskonzert des Projektes "Komm wir singen" am 1. Juli 2020 in Klagenfurt.

Aufwand

Die Honorarkosten für die externen Experten sowie die Kosten für die Dokumentation Kurzfilm+Tonaufnahmen) wurden zu gleichen Teilen vom Institut für Popularmusik und dem Institut für musikpädagogische Forschung, Musikdidaktik und Elementares Musizieren getragen. Durch

Einbindung in das Projekt "Komm wir singen"war das Österreichischen Volksliedwerk unterstützend tätig (Veröffentlichung der Materialien auf der Homepage, Konzertorganisation, Reisekostenzuschüsse). Etwaige Verlagskosten für eine Publikation der

Materialien sollten über Drittmittelfinanzierung gedeckt werden. Diese werden aktuell eingeworben. Auch open access-Publikation auf der mdw-eigenen Plattform pub.mdw ist angedacht. Zusätzlicher Zeitaufwand

der Studierend en war durch Freiwilligkeit abgesichert.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor-Studium Lehramt Musikerziehung

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2020 nominiert.