Kommunikationswissenschaftliches Forschungsseminar: Strukturelle Einschränkungen der Meinungsfreiheit /Research Seminar:Structural limitations to Freedom of Expression (Bilinguales Angebot)

Umgesetztes Projekt

Ziele

- Theorie und Methode praktisch umsetzen können;

- Theorie und Methode als Instrumente der Problemlösung in der „realen Welt“ anwenden können;

- Autonomie und Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen und Engagement für das Team zu zeigen;

- Konzepte neu bearbeiten zu lernen, verknüpft mit dem politischen, sozialen und gesetzlichen Kontext;

- Internationalisierung als eine Art verbreiteten Denkens zu verstehen, die auch „zu Hause“ stattfinden kann;

- Diverse Biographien der Studierenden (Sprache, kulturelle Kenntnis usw.) als Vorteil schätzen und anwenden lernen.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Das Forschungsseminar siedelte sich theoretisch, konzeptuell und thematisch im Bereich „Demokratie und Menschenrechte“ an. Der Kurs befasste sich mit der Bedrohung der Demokratie durch das reale Problem der alarmierenden Zunahme der Angriffe gegen Journalist/inn/en weltweit, also Angriffe gegen das Menschenrecht auf Informationsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Die Studierenden konzentrierten sich auf 2 Dimensionen: Angriffe auf Journalist/inn/en sowie deren Ermordung. Die Studierenden erhielten folgende Aufgabenstellung a) Politikanalyse, b) Kommunikations- und Gesellschaftstheorie und c) Methodisches Design zur Evaluierung, Rekonstruktion und Generierung von Originaldaten und verifizierten Daten um die globale Situation der getöteten Journalist/inn/en präzise darzustellen und um ein Originalregister der Angriffe gegen Journalist/inn/en in Europa zu erstellen.

Die Studierenden arbeiteten unter Anleitung aber wurden mit einem hohen Maß an Autonomie betraut, um methodologische Werkzeuge anzupassen und verschiedene Lösungen während des Projekts vorzuschlagen. Sie haben neu erworbenes interdisziplinäres Wissen angewendet, waren maßgeblich an der Produktion internationaler Standards beteiligt und erlangten neue Visualisierungsfähigkeiten. Die Studierenden wurden anhand klarer Kriterien einschließlich einer Selbstreflexion benotet. Das Ergebnis schlägt sich in 2 Berichten und einer interaktiven Originaldatenbank nieder.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The Forschungsseminar Structural limitations to Freedom of Expression in the academic year 2016/2017 was situated theoretically, conceptually and thematically in the field of democracy and its discontents. The course was concerned with the threat to democracy by the real world problem of alarming increase on intimidation against the human right to freedom of information and free expression. To explore this dimension, the course invited students to focus on two dimensions of pressure: assault against and killings of journalists. Students were given the task to use a. policy analysis, b. communication and social theory and c. methodological design to assess, evaluate, reconstruct and generate original and verified data in order to map accurately the global situation of killed journalists and to generate an original registry of assaults against journalists in Europe.

Students worked under my guidance and invited experts: they were enabled and entrusted with high degrees of autonomy to adjust methodological tools and suggest various solutions, during the project; applied existing and newly acquired interdisciplinary knowledge; were instrumental in the production of an output of international standards while acquiring new skills in visualisation. Students were assessed on the basis of clear criteria including self-reflexivity. The afterlife of the project is a transformed output, after appropriate quality control methods, into two reports and an interactive original database.

Nähere Beschreibung

Pädagogische und epistemologische Basis: Das Forschungsseminar fokussiert auf problembasiertes- und lösungsorientiertes Lernen. Der soziale Kontext und die soziale Relevanz des Kurses beziehen sich auf das epistemologische Engagement a. mit der realen Welt und b. mit der Absicht eine wissenschaftlich basierte Lösung zu Gunsten der Gesellschaft anzubieten.

 

Das Problem: Die Sicherheit von Journalist/inn/en weltweit hat in den letzten Jahren zunehmend die Aufmerksamkeit von politischen Entscheidungsträger/inn/en, Fachleuten und Wissenschaftler/inn/en auf sich gezogen. In den letzten zehn Jahren wurden von internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft mehr als 200 gesetzliche und andere Policy Dokumente, wie z.B. internationale Abkommen, zum Mord an Journalist/inn/en erstellt. Große internationale und nationale Organisationen, wie z.B. die Vereinten Nationen (UN), Internationale Journalistenföderation (IFJ), Ausschuss für den Schutz von Journalisten (CPJ), Internationales Presseinstitut (IPI), Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) investieren erneut Zeit und Energie, um die Sicherheitslage der Journalist/inn/en weltweit zu beobachten und insbesondere die Morde an Journalist/inn/en zu überwachen. Wichtige intergouvernementale Organisationen wie die Europäische Union und der Europarat haben Initiativen zur Überwachung und Verhinderung von Morden an Journalist/inn/en eingeleitet.

 

Der österreichische OSZE-Vorsitz im vergangenen Jahr hat dieser Frage große Beachtung geschenkt. Die führende Rolle Österreichs bei der Bekämpfung der Straflosigkeit (Impunity) im UN-Sicherheitsrat hat die Sicherheitsproblematik von Journalist/inn/en auf die internationale Tagesordnung gesetzt (https://www.bmeia.gv.at/en/european-foreign-policy/austria-and-the-united-nations/). Als Expertin für Mediengovernance war ich direkte Zeugin, Teilnehmerin, Beraterin und aktive Mitwirkende bei einigen dieser Debatten, beispielsweise von der österreichischen Führung der Vereinten Nationen gegen Straflosigkeit, der UNESCO und der OSZE. Ich brachte dieses Wissen in den Unterricht ein und machte die Studierenden auf die breitere soziale und politische Herausforderung aufmerksam, nämlich die Demokratie, die Rechtsstaatlichkeit und die Freiheit und das spezifische Problem bzw. die Angriffe und Tötungen von Journalist/inn/en. Weiters die Frage, was Kommunikations- und Sozialwissenschaftler/innen dazu beitragen können und wie die Debatte über die Straflosigkeit auf der Grundlage von Wissenschaft, Forschung und systematischer Untersuchung geführt wird.

 

Pädagogisches und wissenschaftliches Vorgehen: Die Harvard-Methode oder Fallmethoden im Lernen und in der Lehre wurden verwendet, um die Studierenden dabei zu unterstützen, um

a. die Fälle genauer zu untersuchen und

b. neue Fähigkeiten im Forschungsprozess und im Methodendesign zu entwickeln.

Die Studierenden wurden in kleinen Gruppen vorbereitet, die sich veränderten und die sich gegen Ende des Projekts organisatorisch und entsprechend den sich entwickelnden Anforderungen ihrer Aufgaben zu größeren Gruppen zusammensetzten.

Die Harvard- Methode ist aus den folgenden Phasen konstruiert: Vorbereitung, Einführung, Testing, Interaktion, Evaluierung und Output, Anwendung.

In der Vorbereitungsphase

I) wurden die Studierenden mit dem Fall der Überwachung der Tötungen und Angriffe gegen Journalist/inn/en vertraut gemacht(„reale Welt“). Sie wurden in theoretische Konzepte der Meinungsfreiheit eingeführt und mit Wissen und Erfahrung hinsichtlich der Rolle der freien Presse für die Demokratie vertraut gemacht.

II) Darüber hinaus wurden die Studierenden aufgefordert, das Konzept der Straflosigkeit mit der Rechtsstaatlichkeit in Verbindung zu bringen und somit analytische Unterschiede und Übereinstimmungen des strukturellen, rechtlichen, kulturellen und sozialen Drucks in der freien Presse zu erkennen und zu unterscheiden.

Die Einführungsphase beinhaltete das genaue Lesen und Interpretieren einer Reihe realer und aktueller Datenbanken, die zeitlich auf zwei Jahre begrenzt waren. Sie dienten den Studierenden als erstes „Testgelände“ um:

I). die Genauigkeit auf der ersten Ebene für jeden Eintrag ermordeter Journalist/inn/en zu vergleichen,

II). Informationslücken in Bezug auf die Summe der Datenbanken zu identifizieren ;

III) definitive Zusammenstöße, Ungenauigkeiten zu identifizieren und zu korrigieren und vor allem

IV) eine erste Runde der Kontextualisierung vorzunehmen.

 

Es folgte die Interaktionsphase, in der die Diskussionen unter den Studierenden und mir sowie mit den Experten zu Kernfragen und Lösungsmöglichkeiten für methodologische und konzeptionelle Probleme führten. Diese Phase war auch davon geprägt, vorläufige Empfehlungen für Praktiken im Bereich Monitoring für Organisationen zu erarbeiten. In dieser Phase und bis zum Ende des Kurses wurden drei Experten hinzugezogen: ein Experte mit Sachkenntnis in grafischer Darstellung großer Datenbanken, ein Doktorand mit Sachkenntnissen in professioneller Kriegskorrespondenz sowie ein Datenjournalist und Gastwissenschaftler (finanziell unterstützt von der Österreich - Ungarn Aktion), um mit Studenten an der Visualisierung der neu entstehenden Datenbank zu arbeiten.

 

Die Evaluierungs- und Antragsphasen erfolgten durch hochspezialisierte Unterstützung von Gästen und mir, wurden jedoch sehr eng mit den eigenen Lösungsvorschlägen der Studierenden und durch intensive Selbstreflexion des Forschungsprozesses verbunden, indem alle Schritte dokumentiert und die vorgeschlagenen Maßnahmen und Lösungen unabhängig voneinander begründet wurden, ob sie aufgegeben oder adaptiert wurden.

Die Studierenden wurden von jener Gruppe instruiert, die sich durchgängig auf Policy-Mapping und -Analyse spezialisiert hatte, so dass sich während des Semesters Kontextualisierung und tieferes Wissen entwickeln konnten.

 

Die eigentliche Anwendung fand in jener Phase statt, in der alle wichtigen, verfügbaren globalen Datenbanken für die Jahre 2000-2016 getestet, untersucht, bewertet, umstrukturiert und freigegeben wurden. Zusätzlich wurden umfangreiche Untersuchungen zu Fällen von Journalist/inn/en durchgeführt, in denen Informationen fehlten.

 

Die Studierenden lernten, einfallsreich zu sein, die Glaubwürdigkeit in Quellen zu erkennen und durch Querverweise Glaubwürdigkeit zu schaffen, verschiedene Quellen zu verwenden und unabhängig und zuverlässig zu arbeiten. Die Verantwortung war groß: In den Einträgen getöteter Journalisten durfte kein einziger Fehler auftreten. Daher wurden die Gruppen aufgefordert, über Qualitätskontrollmechanismen nachzudenken und diese umzusetzen. Während des gesamten Prozesses erhielten die Studierenden die Anleitung, wie sie sich an internationale Organisationen wenden und nach bestimmten Informationen fragen können. Dabei lernten die Studierenden auch, die unterschiedlichen Fähigkeiten und Kenntnisse des jeweils anderen zu nutzen und von den unterschiedlichen kulturellen Backgrounds der Studierenden zu profitieren: Die Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt der Studierenden verschaffte dem Projekt eine unschätzbare Stärke und Glaubwürdigkeit, wenn es darum ging, die verfügbaren Informationen durch eine Vielzahl von Quellen zu ermitteln, abzubilden, und zu analysieren. Alles Aufgaben, die rein deutschsprachige oder englischsprachige Teams nicht realisieren könnten.

 

Durch die Erweiterung der Konzeptualisierung der Auswirkungen der Straflosigkeit und die Analyse der Politiken entwickelte die Klasse ein differenziertes Verständnis, nicht nur „wie“, sondern auch anhand der Gründe, „warum“ es für die globale Gesellschaft so wichtig ist, zuverlässige, umfassende und vollständige Informationen über Journalist/inn/en zu sammeln. Die Studierenden wurden eingeladen und ermutigt, unabhängig zu kooperieren und zu arbeiten und innerhalb ihrer Gruppen die Prinzipien des Klassenzimmers anzuwenden: ein „safe space“ also ein freier Raum für Brainstorming, Experimenten, Ausdruck von Ideen und Verantwortung. Dieser Verhaltens- und Ethikkodex wurde auf den Erwerb formaler Fähigkeiten (wie Visualisierungsnetzwerkanalyse, Desk Research usw.), sowie auf zwischenmenschliche Fähigkeiten angewendet.

 

Schließlich glaube ich, dass das Gefühl des Stolzes im Bewusstsein darüber, dass ihre Arbeit zu etwas außerhalb des Klassenzimmers beiträgt, für die Studierenden sehr wichtig war. Daher wurde die Klasse ermutigt und dazu angeleitet, zu erkennen, wie wichtig es ist, Informationen nutzbar, lesbar und für Fachbesucher/inn/en, Journalist/inn/en, Interessengruppen aber auch für Laien zugänglich zu machen. Die Studierenden waren an der Vorbereitung der Visualisierung von Daten beteiligt und präsentierten die Ergebnisse in Formaten, die die Komplexität deutlich machten. Diese Fähigkeiten zukünftiger Generationen von Kommunikatoren sind von entscheidender Bedeutung. Aktuelle aufstrebende Praktiken autokratischer Regierungen sowie die wachsende Bedeutung von Propaganda, gepaart mit systematischen Angriffen auf professionelle Journalist/inn/en, die letztendlich die Treuhänder der Meinungs- und Redefreiheit sind, sollten die Studierenden besonders beunruhigen. Daher ist es wichtig, dass akademische Programme analytische Fähigkeiten für zukünftige Medienfachleute, politische Entscheidungsträger oder kritische Wissenschaftler bereitstellen.

 

Der Output des Kurses:

Der Kurs veröffentlichte zwei Berichte und einen internen Studentenbericht. Der erste basiert auf der Generierung von Originaldaten und ist der erste seine Art. Dieser Bericht betrifft Angriffe auf Journalisten (https://mediagovernance.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_mediagovernance/PDF/EuropeAssaults.pdf) Die öffentliche Version der zweiten Studie beinhaltete einige weitere Arbeiten mit den Studenten und ist hier zu finden: (https://mediagovernance.univie.ac.at/research/democracy-under-pressure/killings-of-journalists-worldwide/)

Aufgrund dieser Arbeit lud die OSZE die Universität Wien und das Media Governance and Industries Research Lab dazu ein, am 11. Dezember 2017 eine internationale Konferenz zum Thema "Impunity" zu veranstalten. Die Veranstaltungswebsite ist unter (https://www.osce.org/fom/356716 zu finden. Der offizielle Bericht der OSZE über diese Veranstaltung ist unter www.osce.org/fom/368491 abrufbar.

Positionierung des Lehrangebots

Das vorliegende Projekt wurde im Rahmen des Masterstudiums Publizistik- und Kommunikationswissenschaft als Forschungsseminar angeboten. Dieses Forschungsseminar hat den Studierenden nicht nur die Möglichkeit gegeben, an Forschung teilzunehmen, sondern auch Ihre Forschungs-und Methodenkenntnisse zur Lösung eines Problems so zu gestalten, dass es auch für sämtliche Akteure direkt „nutzbar“ wäre. Den Studierenden wurde ermöglicht, früh genug eigene Verantwortung zu entwickeln und Ihre Rolle als Wissenschaftler/inn/en in der Gesellschaft konkreter zu verstehen.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.