Aktives Üben in Großlehrveranstaltungen durch flipped classroom fördern

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die Lehrveranstaltung (LV) soll den Studierenden die Statistik-Angst nehmen, ihre Selbstwirksamkeitserwartung hinsichtlich Statistik erhöhen und sie so auf die Erstellung einer quantitativen Abschlussarbeit vorbereiten. Dafür wäre angeleitetes und selbstständiges Üben in statistischer Software eine wichtige didaktische Maßnahme. Die Herausforderung dabei ist das spezifische Setting der LV: 160 Studierende in einem Hörsaal, der bis auf einen Beamer keine technische Ausstattung aufweist.

 

In diesem Lehrprojekt, aus dem auch eine internationale Publikation hervorgegangen ist (siehe Froehlich, 2018), wird ein Weg vorgestellt, diese Herausforderung durch den Einsatz von digitalen Ressourcen und Lehrmethoden zu meistern.

 

Literatur

Froehlich, D. E. (2018). Non-technological learning environments in a technological world: Flipping comes to the aid. Journal of New Approaches in Educational Research, 7(2), 88-92. doi.org/10.7821/naer.2018.7.304

Kurzzusammenfassung (dt.)

Die Lehrveranstaltung (LV) soll den Studierenden die Statistik-Angst nehmen, ihre Selbstwirksamkeitserwartung hinsichtlich Statistik erhöhen und sie so auf die Erstellung einer quantitativen Abschlussarbeit vorbereiten.

Diese Ziele werden über drei Wege erreicht: (1) Innovative Hochschuldidaktik durch den Einsatz vielfältiger digitaler Lehr- und Lernmaterialien und deren Integration mit interaktiven Elementen in der Präsenzphase. Digitale Elemente, die in die Lehrveranstaltung verflochten wurden, sind insbesondere Lehrvideos des Lehrveranstaltungsleiters, selbstgedrehte Lehrvideos der Studierenden, ein flexibles digitales Skriptum und andere Begleitmedien. (2) Effektiver Umgang mit der großen Heterogenität in dieser spezifischen LV (bzgl. Vorwissen und anderen Merkmalen). (3) Klare Kompetenzorientierung durch das Anregen von Selbstlernprozessen, aktive Zusammenarbeit unter den Studierenden und Feedback.

Eine Umfrage nach dem Kurs bzw. die Leistungen innerhalb der LV im Vergleich zu anderen LV zeigen die Wirksamkeit dieser Maßnahmen. Auch die studentischen Kommentare (siehe weiter unten) unterstützen diese Conclusio.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The course is intended to lower students‘ statistical anxiety, increase their self-efficacy in terms of statistics, and prepare them for their quantitative thesis work.

These goals are achieved in three ways: (1) Innovative didactics through the use of a variety of digital teaching and learning materials and their integration with interactive elementsduring the lecture. Digital elements relevant to this course are in particular instructional videos by myself and the studentes, as well as a flexible digital script. (2) Effectively deal with the large heterogeneity in this specific course (in terms of prior knowledge and other characteristics). (3) Clear competence orientation by stimulating self-learning processes, active collaboration among students and feedback.

A survey after the course and the performance within the course compared to other courses show the effectiveness of these measures. Also, the students‘ comments (see below) support this conclusion.

Nähere Beschreibung

Um das oben genannte Ziel zu erreichen, wurde jede LV-Einheit in 3 Schritten geplant:

1. Vorbereitung: Es wurden Online-Ressourcen erstellt, die den Studierenden zur Bearbeitung der jeweiligen Themenkomplexe zur Verfügung gestellt werden sollten. Dabei handelte es sich insb. um Lehrvideos (siehe Sektion „Innovative Hochschuldidaktik“) und darauf abgestimmte, beurteilungsrelevante Aufgaben (siehe Sektion „Kompetenzorientierung“). Auch Teile der allgemeinen LV-Kommunikation wurden per Video durchgeführt.

2. Präsenz: Die Präsenzzeit wurde insbesondere für eine kurze Wiederholung der digital erlernten Inhalte sowie einer vertieften Diskussion des Themas genutzt. Dabei wurden komplexere Beispiele am Computer durchgespielt.

3. Nachbereitung: Nach jeder Einheit konnten identifizierte Verständnisprobleme durch das nochmalige Ansehen bzw. Durchspielen der komplexeren Beispiele aus der Präsenzphase selbstständig geklärt werden.

In Einklang mit den Kriterien der Ausschreibung konnten dabei folgende Ziele erreicht werden:

 

INNOVATIVE HOCHSCHULDIDAKTIK

…durch den Einsatz vielfältiger digitaler Lehr- und Lernmaterialien und deren Integration mit Interaktiven Elementen in der Präsenzphase.

 

Vielfältige digitale Lernmaterialien wurden zur Verfügung gestellt (die den Studierenden bis zur Abschlussarbeit zur Verfügung stehen, sodass Redundanz über das Curriculum hinweg vermieden wird):

• 7 Stunden eigens erstellte Lehrvideos zu Theorie und Anwendung

• Digitale Skripten und Folien

• Open Educational Resources (OER): Als vertiefende Literaturhinweise wurde ausschließlich auf OER verwiesen, um den Kurs ohne finanzielle Belastung der Studierenden nachhaltig durchzuführen.

• Von den Studierenden selbst erstellte Lehrvideos (beurteilungsrelevant)

Teilnehmer/in (TN): „Zu jedem Thema wurden Lehrvideos bereitgestellt und es wurde vorab auch ein Skript zusammengestellt, um alles "schwarz-auf-weiß" zu haben. Als besonders hilfreich empfand ich, dass man, durch das Ansehen der Videos vor der LV, sehr gut vorbereitet war und dadurch in der Vorlesung direkt mehr verstanden hat, als wenn es etwas komplett Neues gewesen wäre. Somit war auch die Möglichkeit gegeben vorab seine Fragen zu bestimmten Aspekten zusammenzustellen.“

TN: „ALLE Lehrinhalte waren als Videos verfügbar, was sehr toll ist! Es fällt mir schwer in einem großen Hörsaal mit so vielen Leuten zu einer vorgeschriebenen Uhrzeit in einer Vorlesung aufzupassen und zuzuhören. Somit haben mich die Videos "gerettet". Ich konnte mir sie anschauen, wenn ich gerade am besten aufnahmefähig war und mit ihnen auch wiederholen.“

Die Präsenzphasen konnten fast vollständig mit interaktiven Elementen gefüllt werden. Hier nur einige Beispiele:

• Übungen am Computer wurden nicht nur von mir vorgezeigt. Es wurde auch genug Zeit gegeben, selbstständig am Laptop mitzuarbeiten. In Phasen des eigenständigen Arbeitens habe ich bei individuellen Schwierigkeiten geholfen.

• Gastvorträge von Studierenden, die die Analysen ihrer Bachelorarbeit vorstellen und dazu Fragen beantworten.

• Die Studierenden hatten vielfältige Möglichkeiten, den Verlauf der LV bzw. jeder Einheit mitzubestimmen. Diese Möglichkeiten inkludierten—neben Q&A-Sessions—auch anonymes, schriftliches Feedback direkt an mich nach fast jeder Einheit.

• Plickers, ein low-cost Clicker System, wurde in der LV verwendet, um direkter mit allen Teilnehmer/innen zu interagieren.

TN: „Die Kurseinheiten waren sehr gut und übersichtlich aufgebaut, es gab immer die Möglichkeit, Fragen zu stellen (direkt an den Vortragenden beziehungsweise auch anonym mittels abgesammeltem Feedback). Ebenso war die Kursatmosphäre sehr angenehm, da klar war was von den Studierenden verlangt wurde, der Vortragende sehr motivierend und mit sehr viel Zusatzmaterial den Kurs gestaltet hat. Besonders hilfreich war, dass man die unterschiedlichen Thematiken selbst am Laptop durchgeführt hat, wodurch das theoretische Wissen zum Einsatz kam und man so einen Einblick bekam, was einem bei einer quantitativen Arbeit erwartet. Dabei war es auch super, dass Studierende selbst ihre quantitative Arbeit vorgestellt haben, einiges erklärt haben und sich zu Fragen bereitgestellt haben.“

TN: „Diese Einheiten waren wirklich sehr studentenfreundlich und informativ gestaltet, wir hatten sehr viele Optionen, die LV mitzugestalten, indem wir Fragen stellen konnten, die wirklich beantwortet wurden, direkt vor Ort mit dem Statistikprogramm Beispiele ausgerechnet haben und bei Schwierigkeiten Hilfe erhalten haben. Der Prof. hat immer wieder Feedback und Fragen der Studierenden eingefordert. Der Gastvortrag der zwei Studentinnen war einmal etwas anderes, sehr informativ und spannend.“

 

STUDIENZENTRIERUNG UND HETEROGENITÄT

Die LV wird von Bachelor-, Master- und Doktoratsstudierenden belegt. Das LV-Konzept war sehr geeignet mit dieser großen Heterogenität bzgl. Vorbildung umzugehen:

• Alle Lehrinhalte wurden in verschiedenen Formaten angeboten. Studierende konnten je nach Vorwissen und Lerntyp die für sie geeigneten Formate aussuchen.

• Die vor jeder Einheit vorhanden Lehrressourcen bzw. die Wissensüberprüfungen vor der LV verminderten die Heterogenität im Kontext der spezifischen Einheit.

• Da eine gute Vorbereitung der Studierenden sichergestellt wurde, konnte die Präsenzzeit effizienter dazu genutzt werden, komplexere Probleme zu behandeln. Die Videos und andere digitale Elemente erlaubten das Voranschreiten im eigenen Tempo. So konnte fehlendes Vorwissen ergänzt werden. Andererseits wurde durch die digital schon vorhandenen Elemente Zeit frei, andere Studierende gezielt zu fördern und auch Leistungen zu erreichen, die über das definierte Niveau hinausgehen („Low Floor, High Ceiling“).

 

Diese Punkte waren auch im Sinne der Barrierefreiheit sehr hilfreich für Studierende, die z.B. aufgrund von chronischen Krankheiten nicht immer anwesend sein konnten.

TN: „Ich finde ein großer Vorteil dieses Kurses ist, dass der Kursinhalt nicht nur auf eine "Art" vermittelt wurde, sondern in der Form von Videos, einem vorgefertigten Skript, Powerpointfolien und den Erklärungen des Vortagenden selber in den Kurseinheiten. Außerdem wurde so viel wie möglich versucht, mit Hilfe des Programmes PSPP/ SPSS zu arbeiten, was für eine spätere quantitative Arbeit sehr hilfreich war. Hierbei waren die Videos, die zur Vorbereitung auf die Kurseinheiten und als Hilfe zu den Übungen bereitgestellt wurden, äußerst hilfreich und detailliert gestaltet. Dadurch wurde der theoretische Inhalt mit den praktischen Fertigkeiten verknüpft und es bietet jedem Student/ jeder Studentin die Möglichkeit, den Stoff so oft wie erwünscht im eigenen Lerntempo zu wiederholen.“

TN: „Durch die unterschiedliche Aufbereitung von dem Inhalt ist es möglich, den Stoff auf verschiedenartiger Weise erfahrbar zu machen. Ich glaube, dadurch war es leichter, verschiedene Lerntypen zu erreichen und somit auch den Stoff besser zu integrieren.“

 

KOMPETENZORIENTIERUNG

…durch das Anregen von Selbstlernprozessen, aktive Zusammenarbeit unter den Studierenden und Feedback.

 

Möglichkeiten zur Selbstüberprüfung wurden in jeder Einheit angeboten. Dabei ist insbesondere auf die (beurteilungsrelevanten) Aufgaben zu verweisen, die vor jeder LV zu machen waren. Hier mussten die Inhalte aus den Vorbereitungsvideos selbst angewendet werden. Das stellte sicher, dass die Studierenden für die Präsenzeinheit gut vorbereitet waren und zeigte mir—und den Studierenden selbst—Wissenslücken auf, auf die ich dann in der Präsenzeinheit vertieft eingehen konnte. Es wurden auch mehrere freiwillige Probeprüfungen zur Prüfungsvorbereitung angeboten. Nach jeder Einheit gab es die Möglichkeit, individuelle Fragen (auch anonym) zu stellen. Auf diese Punkte ging ich dann entweder per Video, Mail oder in der nächsten Präsenzeinheit ein.

TN: „Das Ansehen der Videos und das Lesen des Skripts haben mich sehr interessiert. Dadurch habe ich viel Lernzeit in die LV investiert. Die Hausübungen waren für mich als Reflexion bzgl. meines Wissenstands sehr gut. So habe ich im Laufe des Semesters immer wieder Inhalte wiederholen können, welche mir noch Probleme bereitet haben. Auch das gegenseitige Bewerten der Studierenden empfand ich als hilfreich. So hatte ich eine Einsicht in den Zugang zu Lösungsvorschlägen meiner Kollegen und Kolleginnen.“

TN: „Es war eine der ersten LVs, bei der ich von Anfang an eigentlich immer voll dabei war. Das lag daran, dass ich mir eben die Videos immer am Wochenende vor der Vorlesung anschaute und gleich mitschrieb. Die Hausübungen waren vorbereitend auf die LV. Ich fand das ziemlich gut, da wir so die Videos anschauen konnten und das Gelernte gleich umsetzen konnten - dadurch hatten wir selber auch den Überblick, was wir jetzt verstanden haben und was nicht und konnten es ggf. in der Vorlesung dann auch fragen.“

 

Digitale Inhalte wurden nicht nur von mir produziert. Als Teilleistung wurde von den Studierenden verlangt, in Gruppen selbst Lehrvideos für ausgewählte statistische Methoden zu drehen. Diese Videos wurden im Rahmen der Prüfungsvorbereitung auch von den Studierenden untereinander genutzt. Dies folgt der Rationale von Peer Instruction (Mazur, 1997): Studierende, die die Inhalte schon verstanden haben, sind oft besser in der Lage, anderen diese Inhalte zu erklären, da der Lernweg noch frischer im Gedächtnis ist. Gleichzeitig erhöhen diese selbstproduzierten Videos auch die Nachhaltigkeit des Kurses und die Motivation. Letzteres insbesondere dadurch, dass die Videos eventuell nicht nur innerhalb der Universität Wien weitergereicht werden, sondern über YouTube und andere Kanäle die Öffentlichkeit erreichen.

TN „Das Lehrvideo bedeutete weniger für den Inhalt zu lernen sondern selbst präsentieren, dadurch ergeben sich ganz andere Gespräche und man wurde selbst zum Experten für sein Stoffgebiet, welches somit motiviert, das beste Video zu machen. Durch die anderen Videos war es zusätzlich hilfreich, jedes Video, Präsentation welches angesehen wird, ist eine unterschiedliche Darstellung vom Lernstoff und trotzdem immer ein Schritt näher in Richtung Wissen verfestigen und vertiefen.“

 

Feedback war in verschiedenen Formen ein wichtiger Bestandteil der LV. Zum einen wurde für einige Hausaufgaben ein doppelblindes Peer-Review Verfahren für Feedback und die Beurteilung angewandt. Für die Gruppenarbeit habe ich personalisierte E-Mails an alle Studierenden geschickt. Dabei habe ich insbesondere die Studierenden, die bereits viele Punkte auf Teilleistungen erhalten haben, individuell dazu ermuntert, die anderen Gruppenmitglieder aktiv zu unterstützen. Weiters habe ich von den Studierenden oft Feedback über die LV eingeholt, um den LV Verlauf besser an die Studierenden anzupassen.

TN: „Dadurch, dass ich mir die Videos vor der Vorlesung immer angesehen habe, wusste ich eigentlich immer über meinen Wissensstand Bescheid. Da die LV mit jeder Sitzung aufbauend ist, hat man somit sofort die Möglichkeit zu erkennen, ob man etwas versteht oder nicht. Im Falle von Letzterem konnte man sich die Videos noch einmal ansehen oder im Skript nach dem suchen was man noch nicht weiß. Die Hausübungen haben meiner Meinung nach denselben Zweck. Man bekommt sofort eine Rückmeldung was man schon kann und was man sich besser noch einmal ansehen sollte.“

TN: „Der Austausch mit dem Vortragenden war sehr lebendig, Anfragen wurden schnell und kompetent beantwortet. Meinen Wissensstand konnte ich über die Hausübungen prüfen.“

 

EUROPÄISCHE UND INTERNATIONALE AUSRICHTUNG

Eine internationale Ausrichtung der LV ist insofern erkennbar, dass sich alle Inhalte und Methoden an internationalen Maßstäben orientieren. So werden z.B. durchgängig reale Daten für die Übungen verwendet. Darüber hinaus wurde auch das gesamte dazugehörige Material für die Datenerhebung (Fragebogen) und auch das Endprodukt (ein internationaler Zeitschriftenbeitrag) zur Verfügung gestellt. Dadurch können die Studierenden den quantitativen Forschungsprozess in seiner gesamten Länge miterleben.

 

Zusätzliche Ergebnisse außerhalb der definierten Kriterien:

• LV-Absolventen schätzen ihre Selbstwirksamkeitserwartung in Bezug auf Statistik signifikant höher ein, als Absolventen einer anderen Statistik-LV von mir mit weniger flipped classroom-Elementen.

• Über 60% ziehen eine quantitative Abschlussarbeit in Erwägung, der Anteil der bisher von mir betreuten Bachelorarbeiten liegt im Vergleich dazu bei unter 10%.

• Aufbau eines YouTube Channels, damit die Inhalte auch für weitere Kurse verfügbar sind.

Positionierung des Lehrangebots

Grundsätzlich richtet sich der Kurs an Bachelorstudierende nach der Studieneingangsphase . Die Bachelorstudierenden bringen unterschiedliches Vorwissen mit, je nachdem, welche Lehrveranstaltungen sie vorher besucht haben. Zudem ist diese Absolvierung dieses Kurses oft eine Auflage für Master-Studierende und Doktorand/innen; die Studierenden sind also sehr heterogen bzgl. ihres Vorwissens.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.