Sprech-Künste. Eine interdisziplinäre Initiative zum vielfältigen Gebrauch der Deklamation.

Umgesetztes Projekt

Ziele

Eine Verbindung wissenschaftlicher und künstlerischer Lehre im Hinblick auf die experimentelle Erforschung transdisziplinärer Fragestellungen. Eine Erschließung der Künste sowie kulturwissenschaftlicher Themen sollen durch theoretische wie auch künstlerisch-praktische Aufgabenstellungen beleuchtet werden.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Was haben RAP, DADA und Alte Musik gemeinsam?

Es sind Sprech-Künste: rhythmisch-klangliche Artikulationen, mit Merkmalen der Rhetorik wie Wiederholungen, Pausen, Metren, mit gezieltem Gebrauch von Tempo, Tonhöhe und Lautstärke.

Die Ateliertage „Sprech-Künste“ der Bruckneruniversität haben in Workshops, Vorträgen, Konzerten und Lecture-Performances den inzwischen weit verbreiteten Topos der „Klangrede“ (von Mattheson 1739 geprägt, von Harnoncourt populär gemacht) in den verschiedensten Facetten auf die Probe gestellt: nicht historisch auf Alte Musik beschränkt, nicht normativ als aufführungspraktische Forderung, nicht als Synthese verschiedenster Musikformen, sondern die auch widersprüchliche Vielfalt dieses – durchaus speziellen – Umgangs mit Klang bewusst und provokant herausgefordert. RAP (Yasmo), DADA (Jaap Blonk, Otto M. Zykan, Raoul Hausmann) und Alte Musik (Jed Wentz) standen vier Tage lang im Zentrum verschiedenster Veranstaltungen, die offen waren für Gäste sowie Studierende aller Richtungen.

In Workshops wurde die Ausdruckskraft der Stimme und des Sprechens erlebbar, das Handwerk des Mundwerks wurde quasi in die Mitte gerückt. Die Verbindung von Praxis und Theorie war höchste Priorität. Erarbeitete Themen waren u.a. das Rezitativ im 17. Jhd., die Entwicklung des Bogens über die Jahrhunderte, Rhetoriktraining für Musiker*innen, die affektive Eloquenz in der Musik des 17. und 18. Jhds. und Improvisation mit Stimme, Text und Klang.

Kurzzusammenfassung (engl.)

What is the common denominator of Rap, DADA and Early Music?

These are styles focusing on speech modes: articulation in rhythm and sound, rhetorical aspects such as repetition, pauses, and metres, the conscious use of tempo, pitch and dynamics.

The project „Sprech-Künste“ (speech modes) at the Bruckner University offered an in-depth perspective on topics related to the so-called „Klangrede“ (introduced in 1739 by Mattheson). The project didn’t focus on Early Music exclusively though, neither did it pose norms as far as performance practice is concerned. It rather highlighted the often contradictory use of sound in the context of speech. Students of all disciplines and guests were invited to attend workshops, lectures, concert and lecture performances focusing on Rap (Yasmo), DADA (Jaap Blonk, Otto M. Zykan, Raoul Hausmann) and Early Music (Jed Wentz). Music as a form of speech, including all forms of articulation and acoustic discourse, was showcased during four intensive days which were offered to students of all disciplines and external guests .

The workshops dealt with the tools of speech, posing a conjunction of theory and practice: recitativo in the 17th century, the changing use of the bow of a string instrument during the centuries, coaching for musicians dealing with musical aspects in speech rather than rhetorical aspects in music, affective narrative in 17 and 18th century performance and improvisation with sound, speech and voice.

Nähere Beschreibung

Was haben RAP, DADA und Alte Musik gemeinsam?

 

„Sprech-Künste“ – vier Ateliertage an der Bruckneruniversität vom 8.-11. Jänner 2019

 

Es sind Sprech-Künste: rhythmisch-klangliche Artikulationen, mit Merkmalen der Rhetorik wie Wiederholungen, Pausen, Metren, mit gezieltem Gebrauch von Tempo, Tonhöhe und Lautstärke. Sie vertrauen auf die Kraft der Artikulation mehr als auf eine mathematische Ordnung oder bildliche Nachahmung (Tonmalerei).

Die Ateliertage „Sprech-Künste“ der Bruckneruniversität haben in Workshops, Vorträgen, Konzerten und Lecture-Performances den inzwischen weit verbreiteten Topos der „Klangrede“ (von Mattheson 1739 geprägt, von Harnoncourt populär gemacht) in den verschiedensten Facetten auf die Probe gestellt: nicht historisch auf Alte Musik beschränkt, nicht normativ als aufführungspraktische Forderung, nicht als Synthese verschiedenster Musikformen, sondern die auch widersprüchliche Vielfalt dieses – durchaus speziellen – Umgangs mit Klang bewusst und provokant herausgefordert. RAP (Yasmo), DADA (Jaap Blonk, Otto M. Zykan, Raoul Hausmann), Alte Musik (ausgehend etwa von ‚alten’ Rezitationen Alexander Moissis bei Claire Genewein und Jed Wentz, der überdies auch die Mimik und Gestik der Schauspielkunst für die Interpretation Alter Musik virulent machte) oder ein Rhetoriktraining für Musiker*innen (Katrin Müller-Höcker, die nicht das Rhetorische der Musik, sondern das Musikalische unseres Sprechens in einem Workshop erfahrbar machte) - dies alles und vieles mehr stand vier Tage lang im Zentrum verschiedenster Veranstaltungen, die offen waren für Gäste sowie Studierende aller Richtungen.

Ob Musik eine Sprache ist, war nicht das Thema. Es ging um das Sprechen, die Verfahren des Artikulierens und klanglichen Argumentierens. In einem Vortrag von Gerald Resch, der seiner eigenen Kompositionen „Figuren“ für Klarinette solo (live vorgetragen von David Lehner) gewidmet war, wurde deutlich, in welchem Ausmaß auch zeitgenössisches Komponieren von rhetorisch-motivischen Verfahrensweisen geprägt sein kann. Das gleiche gilt für Helmut Schmidingers „KlangReden“ für Blockflöte, Streicher und Cembalo (eine Auftragskomposition für die Eröffnung der donauFestwochen im Strudengau, 2018), die hier von Lehrenden und Studierenden des Instituts für Alte Musik aufgeführt wurde.

Aber was wäre ein Topos oder Motto ohne Begrenzungen? Beliebigkeit! Genau das waren die Sprech-Künste trotz interdisziplinärer und Genre übergreifender Vielfalt nicht: Es wurden auch die Grenzen von Rhetorik und Musik sichtbar: Ein Vortrag von Lars Laubhold machte deutlich, dass Harnoncourts oftmaliger Verweis auf Textierungen von musikalischen Themen oder Motiven, wie sie der Musikwissenschaftler Arnold Schering in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgenommen hat, ein kreatives Missverständnis war. Ohne Zweifel hat es die Vielfalt und Genauigkeit der Artikulation in den Interpretationen des großen Dirigenten beflügelt und einen Meilenstein in der Interpretationsgeschichte gesetzt. Die Textierungen Scherings waren jedoch der Idee einer Programmmusik verpflichtet, die angeblich konkrete Szenen, Inhalte und Botschaften vermitteln will (damit der alten Idee einer Rhetorik zutiefst widersprechend) und der letztlich prekäre Heilsbotschaften und der Ruf nach einem Führer unterstellt wurden. Damit hat das ausgerufene Motto dieser Ateliertage seine eigenen Grenzen reflektiert, zugleich aber vier Tage lang einen Kosmos von Verfahrensweisen, Aspekten, Techniken und Wirkungen der Sprech-Künste aufgezeigt.

 

Die Workshops

In fünf gut besuchten Workshops wurde die Ausdruckskraft der Stimme und des Sprechens erlebbar, das Handwerk des Mundwerks wurde quasi in die Mitte gerückt. Die Verbindung von Praxis und Theorie war höchste Priorität. So wurden beispielsweise die Aussagen und Darstellungsmöglichkeiten von Rezitativen (Claudio Monteverdi, Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach) unter der Leitung von Anne Marie Dragosits nachgespürt und erörtert. Unterstützende Parameter des Textes wurden ebenso für das Continuospiel am Cembalo erklärt und probiert. Wie in vielen Quellen beschrieben, bleibt die Voraussetzung für eine überzeugende Erzählung des Textes ein intellektuelles und emotionales Verständnis für das einzelne Wort und seine klangliche Kraft und, im weiteren Verlauf, für den textlichen Zusammenhang.

Ein weiterer Workshop, von Elisabeth Wiesbauer und Claire Pottinger geleitet, richtete sich an alle Studierende der Streichinstrumente. Er lud zu einer Erkundung des Werkzeugs ein, womit ein Streichinstrument „zum Sprechen“zu bringen ist. Was sagen die Quellen einerseits zu dem „sprechenden Bogen“ und wie und warum hat sich der Bogen über die Jahrhunderte verändert? Was können wir andererseits aus der Syntax der Musik (takthierarchische, harmonische oder melodische Betonungen) in Bezug auf die Verwendung des Bogens lernen? Anhand von Werken von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und theorethischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts ging man diese Fragen auf den Grund.

Katrin Müller-Höcker präsentierte einen (oben schon erwähnten) Workshop mit dem Titel: „Durch Stimme wirken! Zur Musikalität des Sprechens“. Anwesend waren Studierende aus fast allen Instituten. Schrittweise wurden die Teilnehmer*innen in das große und spannende Gebiet der Stimme geführt. Parameter wie Tempo, Lautstärke, Klangfarbe, Artikulation oder Absicht usw. wurden lebhaft erkundet. Dieser Workshop hat vermutlich dem Zweck der interdisziplinären Ateliertage „Sprech-Künste“ am meisten entsprochen: nicht nur wurde es von Studierenden aller Studienrichtungen wahrgenommen, sondern die Studierenden schätzten vor allem die Gelegenheit der gemeinsamen und aktiven Arbeit mit einem ihnen zunächst unbekannten „Werkzeug“.

In seinem „experimental workshop“ arbeitete Jed Wentz mit drei verschiedenen Ensembles (Werke von Johann Gottlieb Graun, Jakob Friedrich Kleinknecht und Giovanni Stefani) und zeigte in der Praxis das, was er in seinem Vortrag am Tag zuvor behandelte. Woran erkenne ich Affekte in der Instrumental- und der Vokalmusik, was sind die Mittel, mit denen ich sie möglichst differenziert, überzeugend und eloquent erzählen kann? Die langjährige und fundierte Auseinandersetzung des Dozenten mit allen Darstellungsformen im 17. und 18. Jahrhundert machte neugierig und ließ erahnen, was ein intensives Studium dieses Themas mit sich bringen würde.

 

Der Workshop "Stimme - Text - Klang - Improvisation" wurde von Studierenden und Lehrenden aus den Bereichen Musik und Schauspiel ebenfalls mit großem Interesse wahrgenommen. Zunächst stellte Jaap Blonk seine künstlerische Arbeit in einer Lecture Performance vor. Er präsentierte verschiedene von ihm selbst entwickelte Notationssysteme und erläuterte sein methodisches Vorgehen. Im Workshop wurde auf sehr spielerische Weise mit Klangpoesie, Sprechklängen und unterschiedlichen Rhythmen improvisiert, dabei entwickelten sich aus den Stimmklängen immer mehr auch spielerische körperliche und gestische Vorgänge. Den Abschluss bildete eine sehr dynamische chorische Gruppenimprovisation, zu der jeder Teilnehmende eine kurze Soloeinlage beisteuerte.

 

Positionierung des Lehrangebots

Vier Projekttage mit Lehrveranstaltungen, Workshops, Vorträgen, Lecture-Performances und Konzerten (teilweise im Seminarbetrieb integriert bzw. anrechenbar)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.