Kommunikative Kompetenzen (simulationsgestütztes, feedbackorientiertes Kommunikations- und Interaktionstraining in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz), Seminar mit Übung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Im klinischen Alltag wird dem Wunsch der Patient/inn/en nach einem vertrauensvollen und für sie verständlichen Informationsgespräch mit ihren behandelnden Ärzt/inn/en nur unzureichend nachgegangen. Um diesen Fehler in der Ausbildung des Medizinstudiums zu begegnen, wurde ein Pilotprojekt zur Implementierung von Schauspielpatient/inn/en an der Medizinischen Universität Graz in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz geschaffen.

Ziel ist der Aufbau eines strukturierten didaktischen Rahmens für Lehrende und Studierende, mit dem das Kommunikationstraining im Rahmen des Pflichttracks „Kommunikative Kompetenzen“ verbessert werden soll, in dem medizinisch-fachlich aufbereitete Übungssituationen mit Schauspielpatient/inn/en konzipiert werden, die nach vorgegebenen Feedbackregeln und Debriefingmethoden aufgearbeitet und reflektiert werden.

Die Rollen der Schauspielpatient/inn/en werden mit Studierenden des ersten Semesters des Studiengangs „Darstellende Kunst“ besetzt. Aus dieser Kooperation sollen sowohl für die Schauspiel- als auch für die Medizinstudent/inn/en synergetische Lerneffekte im Bereich der Kommunikation und der Persönlichkeitsentwicklung, der Sozialkompetenz und des Rollenstudiums entstehen. Dazu gehören die Schärfung der Wahrnehmung für verbale und nonverbale Gesprächsäußerungen des Gegenübers, das Erlernen von adäquaten Feedback-Methoden, die Erweiterung der eigenen Reflexionsfähigkeit und das empathische Einfühlen.

 

Kurzzusammenfassung (dt.)

Der Pflichttrack „Kommunikative Kompetenzen“ ist ein simulationsgestütztes, feedbackorientiertes Kommunikationstraining der Medizinischen Universität Graz in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz, in dem Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung gelehrt und mit Hilfe von Schauspielpatient/inn/en trainiert werden. Die Studierenden des 1. Semesters des Studiengangs „Darstellende Kunst“ übernehmen die Rollen der Schauspielpatient/inn/en, die den Medizinstudierenden ermöglichen, professionelle Gesprächsführung in realitätsnahen Situationen mit unterschiedlichen Anforderungsprofilen in einem geschützten Rahmen zu üben. Den Schauspielstudierenden bietet sich die Möglichkeit Patientenrollen authentisch vor Publikum darzustellen. Gemeinsam erfolgt die Aufarbeitung des Gesprächs durch konstruktives mündliches und szenisches Feedback. Die Rückmeldungen der Schauspielpatient/inn/en geben den Studierenden wichtige Informationen über die Auswirkungen ihrer verbalen/ nonverbalen Gesprächsführung, regen die Reflexion über das eigene Verhalten an und fördern die Empathiefähigkeit. Das Peer-Feedback und das Debriefing des Gesprächs mit den Lehrenden fördert Diskussion und Reflexion und ermöglicht die Entwicklung und Erprobung von Handlungsalternativen. Ziel ist die Entwicklung von Kommunikations- und Sozialkompetenz, die Förderung von Empathie-, Kooperations- und Reflexionsfähigkeit durch entsprechende Wahrnehmungsschulung, sprachliche Sensibilisierung und bewussten Perspektivenwechsel.

Kurzzusammenfassung (engl.)

„Kommunikative Kompetenzen“ is a simulation-based, feedback-oriented communication course in cooperation with the University of Music and Performing Arts Graz (KUG), that teaches professional medical communication and combines theoretical knowledge with practical experience by the use of simulated patients. Students of the Performing Arts department of the KUG portray patients with a specific condition in a realistic way and give medical students the opportunity to practice their medical conversational skills in realistic settings with different requirement profiles. The Drama students get the opportunity to play authentic patient roles in front of a larger group. The professional debriefing of the simulation afterwards fosters individual and team learning. The feedback by the simulated patients is given orally and as short scenic performance (sketch) and provides the medical students with information about the effects of their verbal and non-verbal communication skills, stimulates self-reflection and the capability of empathy. The peer feedback encourages discussion and prepares the students for communication in the multi-professional context of the medical profession. The course aims at enhancing communication and social skills in particular the capability of empathy and cooperation, personal development and the ability of self-reflection by encouraging the deliberate change of perspective and by fostering introspection/ self-perception and linguistic awareness.

Nähere Beschreibung

Der Pflichttrack „Kommunikative Kompetenzen“ ist ein simulationsgestütztes, feedbackorientiertes Kommunikations- und Interaktionstraining der Medizinischen Universität Graz (MUG) in Kooperation mit der Kunstuniversität Graz (KUG), in dem Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung gelehrt und mit Hilfe von Schauspielpatient/inn/en trainiert werden.

Aus dieser Kooperation und der damit einhergehenden Verknüpfung von Theorie und Praxis sollen sowohl für die Schauspiel- als auch für die Medizinstudent/inn/en synergetische Lerneffekte im Bereich der Kommunikation und der Persönlichkeitsentwicklung, der Sozialkompetenz und des Rollenstudiums entstehen. Dazu gehören die Schärfung der Wahrnehmung für verbale und nonverbale Gesprächsäußerungen des Gegenübers, das Erlernen von adäquaten Feedback-Methoden, die Erweiterung der eigenen Reflexionsfähigkeit, der bewusste Perspektivenwechsel und das empathische Einfühlen.

Ziel ist es einerseits die bisherigen theoretischen Inhalte für Lehrende und Studierende neu aufzuarbeiten und zu vereinheitlichen, andererseits einen didaktisch strukturierten Ablauf für die praktischen Übungen zu konzipieren und den Einsatz von Schauspielpatient/inn/en zu implementieren. Dazu wird das Seminar interaktiv im „blended learning“ aufbereitet.

Für die Medizinstudent/inn/en gliedert sich das Seminar in vier theoretische Vorlesungseinheiten zu den Themen „Chronischer Schmerz“, „Somatoforme Störungen“, „Überbringen schlechter Nachrichten“ und „Krise, Suizidalität und Krisenintervention“, sowie in eine Einführungseinheit und vier praktische Übungseinheiten.

Um die Stoffaufbereitung für alle Medizinstudierenden und Lehrenden zu vereinheitlichen und die Präsenztermine zu optimieren und damit Studierenden mit Betreuungspflichten und/ oder Berufstätigkeit mehr Flexibilität einzuräumen, wird der theoretische Hintergrund des Seminars in Form von Lehrvideos aufbereitet und steht als virtuelle Vorlesungen den Studierenden im VMC (virtueller medizinsicher Campus) vorab zur Verfügung. Die Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten im Selbststudium vor dem praktischen Training erlaubt eine vorzeitige Verinnerlichung der Theorie und gewährleistet aktiveres Mitdenken und Mitarbeiten während der Präsenztermine, in denen Fragestellungen aus den virtuellen Inhalten simuliert und vertieft diskutiert werden. Zur Selbstüberprüfung der Theorie werden pro Vorlesungseinheit WBT (web based training) - Fragen im multiple choice Modus erstellt.

Für die Schauspielstudent/inn/en werden vom Lehrpersonal der MUG insgesamt 16 Rollendrehbücher von verschiedenen Gesprächssituationen zu den oben genannten theoretischen Themen erstellt. Anhand dieser Drehbücher entwickeln die Schauspielstudierenden gemeinsam mit ihrer Betreuerin/ ihrem Betreuer der Kunstuniversität Graz ihre Rollendarstellungen im Rahmen ihrer Lehrveranstaltung "Grundlagen Schauspiel" (1. Semester).

Die Einführungs- und Übungseinheiten zur ärztlichen Gesprächsführung zu den oben genannten Themen finden im Kleingruppenformat statt. Jede Kleingruppe besteht aus 10 bis 12 Medizinistudierenden, einem/einer Lehrenden der MUG, einem/ einer Lehrenden der KUG und 10 Schauspielstudierenden.

Die gemeinsame Einführungseinheit für Medizin- und Schauspielstudierende dient dem Briefing für das folgende Simulationstraining. Lernziele und Ablauf der Simulationen werden nachvollziehbar dargestellt und im Sinne eines „Safe Container“ wird eine sichere Lernatmosphäre geschaffen, die gegenseitiges Kennenlernen und Vertraulichkeit garantiert sowie Fehler erlaubt. Die Studierenden werden mit dem zentralen didaktischen Element des Feedbacks vertraut gemacht, Feedbackregeln und Feedbackablauf werden vermittelt. Zur Schulung der Selbstwahrnehmung, Selbstreflexion und zum Kennenlernen von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen wird eine Fallvorstellung im Sinne einer Balintarbeit aufgearbeitet, die einen emotionalen Austausch ermöglicht.

Der Unterrichtsablauf der 4 Übungseinheit orientiert sich an einem strukturierten, didaktischen Rahmen: Im Laufe der Übung führt jede/r Medizinstudierende mehrere Gespräche mit den Schauspielpatient/inn/en. Nach dem Gespräch wird der Schwerpunkt auf konstruktives Feedback gelegt. Zuerst reflektiert der/die Studierende selbst das Gespräch, anschließend erfolgt das Feedback durch den Schauspielpatienten/ die Schauspielpatientin sowie durch die beobachtende Studierendengruppe und abschließend durch die Lehrenden. Neben dem mündlichen Feedback werden Emotionen von den Schauspielstudierenden aufgegriffen und als szenisches Feedback in Form eines kurzen Sketchs wiedergegeben. Bei der Aufarbeitung der Gespräche wird neben der medizinisch-fachlichen Richtigkeit besonderer Wert auf sprachliche Sensibilisierung, nonverbale Sprache und den Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertragungsgefühlen in der Beziehungsgestaltung gelegt. In gemeinsamer Reflexion und Diskussion werden Handlungsalternativen erarbeitet, die im weiteren Übungsverlauf wieder praktisch erprobt werden können. Die Medizinstudierenden haben so die Möglichkeit ihr theoretisches Wissen in realitätsnahen Situationen umzusetzen und die Konsequenzen ihres Kommunikationsverhaltens zu erfahren. Die Schauspielstudierenden können aufgrund der theaternahen bzw. theaterähnlichen Vorgängen und Methodiken (Rollenbiographie, Partner-etüde etc.) ihr schauspielerisches Selbst erforschen und eine schauspielerische Logik entwickeln. Die Zusammenarbeit stellt auch insofern eine Bereicherung dar, da die Schauspielstudierenden in einer im Vergleich weniger fiktionalen Situation etwas ur-menschliches praktizieren und in der Begegnung mit jungen angehenden Ärztinnen und Ärzten eine besonders direkt sinnhafte Konsequenz auf ihr schauspielerisches Handeln erfahren.

Um die Lehrveranstaltung transparent zu gestalten wird ein ausdifferenziertes Notensystem mit Punkten zur Bewertung der Gespräche und der Mitarbeit entwickelt und den Studierenden vorab übermittelt. Die Gespräche werden nach folgenden Kriterien bewertet: Selbstreflexion, Fachinhalt (Anpassung des Gesprächs an das Krankheitsbild), Gesprächsstil (Gesprächstechnik, individuelle Gesprächsführung angepasst an die Bedürfnisse der PatientInnen, Empathie), aktive Mitarbeit (Einbringen in Diskussionen, fachlicher Diskurs bezogen auf das Krankheitsbild, theoretisches Wissen aus den VMC-Vorträgen), Qualität des Feedbacks (reflektierte Rückmeldung, Input, Vorschläge etc.). Die Beurteilung jeder Lehrveranstaltungseinheit erfolgt direkt nach der Abhaltung und ist für die Studierenden bereits bei der nächsten Einheit einsehbar. Die Transparenz der Beurteilung und das kontinuierliche Feedback sollen sicherstellen, dass die Lernziele erreicht werden.

Die in dieser Lehrveranstaltung erlernten Fähigkeiten und Fertigkeiten der Studierenden im Bereich Kommunikation werden später im Rahmen einer OSCE-Prüfung („Objective structured clinical examination“) beurteilt. Die OSCE-Prüfung ist eine Parcours-Prüfung, bei der die Studierenden simultan im Rotationsverfahren mehrere Prüfungsstationen durchlaufen, an denen sie unterschiedliche (praktische) Aufgaben lösen müssen.

Um die Umsetzung der Lernziele wissenschaftlich zu überprüfen wurde die Lehrveranstaltung in Form einer explorativen Studie, die durch die Ethikkommission bewilligt wurde, evaluiert. Ziel des Prä-Post-Vergleichs war die Beantwortung der Frage, inwieweit die emotionalen Kompetenzen sowie Empathie-/ Selbstreflexions- und Kommunikationsfähigkeiten der Studierenden durch die Lehrveranstaltung beeinflusst werden. Zielgrößen waren Dimensionen des standardisierten „Emotionale-Kompetenz-Fragebogen“ (EKF) sowie subjektive Selbsteinschätzungsbögen zu Fragen zur Arzt-Patienten-Interaktion und zum Einsatz von SimulationspatientInnen.

 

Positionierung des Lehrangebots

Diplomstudium/ 5. Studienjahr/ 2. Studienabschnitt, Pflichtfach

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.