Reality Check - Künstler*in werden Künstler*in sein, Seminar mit künstlerischer Praxis

Umgesetztes Projekt

Ziele

Inspiriert durch das gegenseitige Interesse und Arbeiten miteinander entstand die Vision einer LV, welche wissenschaftliches Denken und künstlerisches Denken durch eine Durchdringung potenziert. Doris Ingrisch war im Prozess der künstlerischen Doktorarbeit von Maria Gstättner im Betreuer*innen-Team, Mentorin und Lehrende in Fach Gender Studies. In dieser Zeit entstand ein Idee von einem gemeinsam Arbeiten und der Kooperation der beiden Expertisen: musikalische nonidiomatische Improvisation/Gender Studies hin zu Applied Gender Studies – die Möglichkeit wissenschaftliche Erfahrungen performativ umzusetzen und sie so auf einer weiteren Ebene erfahrbar/darstellbar zu machen.

Kurzzusammenfassung (dt.)

„Reality Check Künstler*in werden, Künstler*in sein“ ist eine neue entwickelte LV, angesiedelt an der mdw. Das innovative Lehrkonzept ist durch seine fächerübergreifenden Inhalte - Gender Studies, nonidiomatische musikalische Improvisation, Kulturbetriebslehre - einzigartig. Im kunstbasierten Vermittlungsformat entwickeln wir eine besondere Ausformung der Gender Studies - Applied Gender Studies. Die Lehrmethoden - Lecture Performances, künstlerisches Verarbeiten wissenschaftlicher Inhalte durch die Studierenden, ungeschminkte Gespräche mit Peers - erlauben den Studierenden auf ganzheitlicher Basis das Darstellen der Lernergebnissen in künstlerisch-wissenschaftlicher Form. Eine von ihnen erarbeitete, öffentliche Performance fasst am Ende das Seminar zusammen.

Die LV richtet sich an Studierende aller Disziplinen der mdw mit Interesse an künstlerischen Lebenswelten. Immanenter Bestandteil der LV ist es, die Studierende für Wertecluster, gesellschaftliche Un/Gleichheiten und deren Effekte zu sensibilisiert und auf die Realität außerhalb der geschützten (Ausbildung)Räume vorzubereiten. Durch die ständige Reflexion mit den Lehrenden – eine Wissenschafterin, eine Profimusikerin und Komponistin, beide künstlerisch Forschende – liegen die Schwerpunkte auf der Verbindung von Theorie und Praxis ebenso wie im inter- und transdisziplinären Denken/ Handeln und in der Lebenskunst.

Kurzzusammenfassung (engl.)

“Reality Check. Becoming and Being an Artist” is a pioneer course of studies located at mdw. Because of its transdisciplinary content – Gender Studies, non-idiomatic musical improvisation, culture business operations – the newly developed study concept is unique. In the art-based mediation format we are able to fashion a special implementation of Gender Studies - Applied Gender Studies. The teaching methods – lecture performances, artistic processing of scientific content by the students, unvarnished conversations with peers – allow the students to present their learning progress in artistic-scientific form on an integral basis. A public performance developed by the students gives a résumé of the seminar.

The course addresses students of all disciplines of mdw interested in artistic life concepts.The heterogeneous student body together with the lecturers elaborate the best possible procedure for the term. Which topics emerge, and which guests are relevant develops from the researching, student-centred learning process.

An immanent part of the course is sensitising the students for value architectures, social in/equality, and their effects, and to prepare them for the reality outside the sheltered education spaces. Due to constant reflection with the tutors, a scientist, a professional musician/composer, both artistic researchers, the focus lies on the connection of theory and practice as well as on inter- and transdisciplinary acting, and not at least on the art of living.

Nähere Beschreibung

„Reality Check Künstler*in werden, Künstler*in sein“ ist eine neue entwickelte LV, angesiedelt an der mdw. Sie wird seit dem Studienjahr 2015/16 jeweils in zwei Semesterstufen am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies/ IKM als Wahlfach angeboten. Für das im SoSe21 neue Masterstudium CAP (Contemporary Art Practise) wird es als Hauptfach eingesetzt werden. Im SoSe19 wird es als Gastlehrveranstaltung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover starten. Durch die Durchdringung von wissenschaftlichen Fächern (Gender Studies, Kulturbetriebslehre), künstlerischen Inhalten (nonidiomatischer Improvisation), Vortragungsformaten (Lecture Performances), Gesprächen mit Peers erfährt die LV an der mdw Pioniersstatus sowohl in der Weiterentwicklung der Gender Studies als auch der künstlerisch-wissenschaftlichen Expertise des Hauses, die in allen zukünftig zu installierenden Studien und Aufbaustudien Programm sein wird. Mit dem neu entwickelten Lehrkonzept konstituierten sich die Applied Gender Studies und es wird ein weiterer Baustein hin zur Entwicklung und Erschließung der Künste gesetzt. Sie entstanden als Antwort auf die Herausforderung, Gender Studies an der Universität für Musik und darstellende Kunst, deren Studierende großteils künstlerische Fächer belegen, sinnvoll zu etablieren. Die Applied Gender Studies am IKM wenden sich besonders an die künstlerischen Fächer und die angehenden Künstler*innen und Kulturschaffenden. Aber auch zukünftige Kulturmanager*innen und Pädagog*innen werden hier eingeladen, sich mit dem gesellschafts- und wissenskritischen Wissen der Gender Studies auseinanderzusetzen und Welt verstehen zu lernen. Das kunstbasierte Vermittlungsformat bietet dafür eine anregende Basis. Die Lehrmethoden (Lecture Performances, künstlerisches Verarbeiten von wissenschaftlichen Inhalten durch die Studierenden, Gespräche der Studierenden mit bereits im Berufsleben stehenden erfolgreichen Peers, etc.) erlauben den Studierenden das Erarbeiten und Darstellen von Lernergebnissen auf ganzheitlicher Basis in künstlerisch-wissenschaftlicher Form. Die abschließende Präsentation findet in öffentlich zugänglichen Lecture Performances statt welche auf Wunsch der Studierenden auch in Locations außerhalb der mdw (z.B. Porgy & Bess, Wien) stattfinden.

Die Studierenden können von allen künstlerischen, pädagogischen und wissenschaftlichen Disziplinen (Musik, Theater, Tanz, Film, Kulturmanagement) kommen, sofern sie ein Interesse und/oder Vorwissen bzw. Erleben der künstlerischen Lebenswelten haben. Weiters sind Mitbelegende mit dem Interesse an der Thematik von anderen Universitäten und Disziplinen eingeladen und sehr willkommen. Durch die individuellen Lebenswelten und Kompetenzen der Teilnehmenden entsteht schon aus dieser Tatsache heraus ein Verständnis von Diversität, das den Blickwinkel hin in eine Welt unterschiedlicher Kategorien, Weltanschauungen, Erfahrungen, Wertecluster, Arbeitsmethoden und Ideologien öffnet. Eine so entstandene heterogene, inter- und transdisziplinär zusammengesetzte Studierendenschaft entwickelt zu Beginn des Semesters gemeinsam mit den Lehrenden ihren bestmöglichen Semesterverlauf. Die LV „Reality Check - Künstler*in werden, Künstler*in sein“ ist dementsprechend ein LV-Format, welches den Studierenden von Beginn an den Workload darlegt, indem sie selbst in die Konzeptierung eingebunden sind. Welche Themen aus der Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Feldern Gender Studies und Kulturbetriebslehre und der Reflexion der Teilnehmenden emergieren und welche Gäste für die jeweiligen Studierenden relevant sind, ist Teil des Lehr/Lernprozesses.

 

Sich im Tun der nonidiomatischen Improvisation zu bewegen öffnet viele (oft neue) Aspekte des Bewusstseins wie des künstlerischen Agierens. Sich künstlerisch reflektierend und performativ mit den eigenen Lebenswelten, Wertecluster, Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, öffnet ein Erfahren und Lernen auf ganzheitlicher Ebene. Neben rationalem Wissen gelangen Wissensmodi auf die körperlicher Ebene und beginnen sich zu transformieren. Ein ungeschminkter Reality Check. Bewusst wahrzunehmen, zu fühlen wie sich z. B. Hierarchien oder auch mit diesen verbundener Machtmissbrauch musikalisch-performativ darstellbar ist, ermöglicht die Erfahrung eines neuen Bewusstseins dafür.

Als großes Flexibilisierungstool kann mit nonidiomatischer und emphatischer Improvisation in ungeahnte Bereiche und Erfahrungen des Selbst zwischen Autonomie und Verbundenheit vorgedrungen werden. Selbst aus vielen künstlerischen Bereichen verdrängt und als minder abgetan da nicht in Bewertungsschemata passend, weckt dieses Kunstgenerierungsfeld Denk- Sicht- und Handlungsweisen, welche den Sinn für Diversität, Identität und Inclusiveness öffnen und fördern. Die Studierenden brauchen keine speziellen Vorkenntnisse für nonidiomatisches emphatisches (musikalisches) Improvisieren. Lediglich die Bereitschaft mitzumachen genügt für den Beginn. Sich im Laufe des Semesters mit den Bedingungen für ein Gelingen auseinanderzusetzen, bedarf für die Studierenden ein Einlassen/Zulassen/Durchlassen, eine Körper_Raum_Verbundenheit, mit anderen Worten Präsenz und Liebe.

Die kognitive Auseinandersetzung mit ausgewählten Texten aus den Gender Studies – vom der Herstellung der Geschlechtscharaktere und dem neuen Weltbild, das sich Ende des 18. Jahrhunderts zu etablieren begann und unser Denken bis heute beeinflusst, über die Auseinandersetzung mit Künstler*innenbildern, mit Genie und Diva bis zu den Künster*innen als Pionier*innen in der Spätmoderne, aber ebenso den wirtschaftlichen und kulturpolitischen Aspekten des Kunstbereiches – fördert das Verstehen des Rahmens ihres zukünftigen Tätigseins.

Der in der mdw-Satzung verankerte Gleichstellungsplan fordert: "In allen Curricula sind Inhalte der Gender Studies sowie der Diversitätsforschung im Lehrangebot zu verankern. Dabei ist insbesondere auf die Verschränkung von Gender und Diversität in der wissenschaftlichen und künstlerisch-praktischen Lehre hinzuwirken.“ Das von Maria Gstättner und Doris Ingrisch entwickelte Lehrkonzept hat diese Forderung bereits seit Jahren vorweggenommen. Dass das Format auch über die mdw hinaus Aufmerksamkeit erregte, - die Lehrveranstaltung wird im Rahmen einer Gastprofessur von Doris Ingrisch an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover realisiert - bestärkt die ständige Weiterentwicklung und die dauerhafte Etablierung. Die zentrale Verbindung des Konzeptes zu den Bemühungen des Hauses um eine Manifestation der artistic research. Beide Lehrveranstaltungsleiterinnen forschen seit Jahren auch in diesem Bereich.

Mit den Grundfragen der LV „Was braucht es außer Fleiß und Talent, um als Künstler/in erfolgreich zu sein? Welche Wertecluster und Stereotypen haben sich etabliert? Und aus welchen Möglichkeiten des Umgangs damit können wir für unsere Wege lernen?“ werden Studierende für gesellschaftliche Strukturen und deren Konsequenzen sensibilisiert. Diese Thematiken sind immanenter Bestandteil der LV und waren eine wesentliche Grundmotivation des Entwicklerinnenteams dafür, eine praxisnahe, studierendenzentrierte LV zu entwickeln, bei der den Studierenden durch Reflexion und künstlerischem Tun aus ihren bis dato gemachten Lebens-Künstler*innenbiographien hautnah erfahrbar gemacht wird, was es heißt in einer postpatriarchalen, neoliberalen Gesellschaft in Mitteleuropa zu leben und sich darin als aktive und handlungsfähige Menschen zu sehen und erfahren. Durch das Wissen, wie gesellschaftliche Systeme funktionieren, mit welchen Strukturen jede/r Studierende/r persönlich zu tun hat, wird effektiv auf das Lernziel hingearbeitet - die Studierende durch das Wissen darin zu stärken, denk- und handlungsfähig zu werden. Sich nicht mit gewachsenen bzw. konstruierten Systemen zufrieden zu geben, sondern diese kritisch zu hinterfragen, wenn nötig, nicht mehr überall mitzumachen und Ideen für ein Umgestalten zu entwickeln.

Weiters erfahren die Studierenden praktische Werkzeuge aus dem Kulturmanagement. Welche Fördermöglichkeiten gibt es? Welche Informationsstellen stehen bereit? Welche rechtlichen Problematiken können auftauchen und wie sind sie zu lösen? In diesem Kontext werden auch Themen wie Selbstvermarktung, Sponsoring, Netzwerke angesprochen, immer aus der Interessenslage der Studierenden heraus.

 

Durch die ständige Reflexion mit den Lehrenden (Wissenschafterin, Profimusikerin, Komponistin, beide künstlerisch Forschende) wird in der LV ein Schwerpunkt auf die Verbindung von Theorie und praktischer Anwendung gelegt und vorgelebt. Durch das Einladen von Peers werden den Studierenden weitere Möglichkeiten von Berufs- und Lebenspraxen aufgezeigt. Den beiden Lehrenden ist es wichtig dass die Gäste keinen Bezug zur mdw haben und sich im Vorfeld bereiterklären wirklich ehrlich zu sein und den Studierenden authentische Berichte ihrer Lebenswelten zu erzählen. Wie gelingt es den jeweiligen Personen vom Künstler/innenberuf existentiell zu überleben? Welche Maßnahmen haben sie einst gesetzt? Setzen sie eventuell heute noch? Gibt es ehrliche Ratschläge? Die Studierenden können jederzeit Fragen stellen, bevor die Gäste kommen wird jedoch schon im Vorfeld gemeinsam mit den Lehrenden Basisfragen erarbeitet.

Die Lernziele, die intensive individuelle Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen vom Künstler/innen-Werden und –Sein der Studierenden, dem Kennenlernen von Wegen, die erfolgreiche Künstler*innen gingen und gehen, im persönlichen Gespräch, hautnah und ungeschminkt, berührt, konfrontiert und regt zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den eigenen Wünschen und Entscheidungen an. Die Studierenden können durch dieses zukunftsweisende Unterrichtsmodell Qualifikationen erwerben, welche sie darin bestärken, kritisch mit dem umzugehen, das ihnen begegnet, trans- und interdisziplinäres Handeln/Denken als Mehrgewinn zu erkennen und über den Tellerrand zu schauen.

 

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor und Master Studien

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.