Philosophie der Pluralität – Theoretische Positionen und die Körperpraxis des Queer Tango

Umgesetztes Projekt

Ziele

Theoretische Konzepte zu Pluralität körperlich begreifbar und anschaulich zu machen, darüber neue Fragestellungen zu formulieren.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Pluralität wird in vielen gesellschaftskritischen Schriften thematisiert. Aktivistische Argumentationen basieren auf der Pluralität der Menschen. Die Praxis der Pluralität gestaltet sich für das Individuum schwierig, insofern als alltägliche Schwierigkeiten, Begegnungen, Erwartungen, Enttäuschungen und Konflikte Differenzen schaffen, politische Dynamiken erzeugen und Ausgrenzungsmechanismen stabilisieren, die nur mit Anstrengung wieder zu lösen sind.

 

Das Projekt hat das Ziel, Pluralität von der Theorie in die Praxis zu bringen. Ausgehend von Hannah Arendts „Sokrates – Apologie der Pluralität“ und Judith Butlers „Kritik der ethischen Gewalt“, die auf Praxisbezüge analysiert werden, wird die Praxis des Queer Tango erkundet, um auf körperlicher Ebene unterschiedliche Qualitäten in der Begegnung mit anderen kennenzulernen.

 

Im Zentrum steht dabei der dialogische Aspekt von Pluralität. Die Begegnung mit anderen* wird in Theorie und Praxis analysiert. Welche Haltungen verwehren einen Kontakt? Wie kann Kommunikation verändert werden? Wer trägt die Verantwortung für das Scheitern der Begegnung? Wie kann darüber hinaus ein Dialog eröffnet werden? Was verändert das Erleben und Üben an der eigenen Begegnungsfähigkeit? Welche Rolle spielt dabei der Körper – im Positiven wie Negativen?

Wie kann sich das Individuum gleichzeitig zum*r anderen hin öffnen, aber in Abgrenzung bleiben? Welche Möglichkeiten gibt es, das hier Erfahrene in den Alltag und in die eigene Disziplin zu tragen?

Kurzzusammenfassung (engl.)

The course aims to transfer the thought of plurality from theory to praxis. Starting with Hannah Arendts “Sokrates – Apology of Plurality” and Judith Butler’s “Giving an account of oneself” that form the theoretical basis to be explored and that are worked through in order to have an argumentative basis for practical settings, Queer Tango (Tango without fixed gender roles) is used

to research on the variety of qualities for encounter.

 

The dialogical aspect of plurality is the main focus. Encounters with others* are analyzed in theory and practice. Which attitudes hinder contact? How is communication to be changed? Who is responsible for the failure of an encounter? How can a dialogue be set up? What changes reflecting on the own ability of encounter? How is the body involved? Hinders or facilitates the body an encounter? How can the individual stay open towards the other without losing its own position? What possibilities are at reach to transfer the results to a daily routine and to the discipline?

Nähere Beschreibung

Die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt hatte im letzten Jahr ua eine Schwerpunktsetzung zum Thema „Offene Gesellschaft“. Die Einreichung dieser Lehrveranstaltung folgte dem Call des Vizerektorats für Lehre und wurde für das Wintersemester 2018/2019 am Institut für Philosophie implementiert. Dabei war die Lehrveranstaltungen – als Proseminar – für Studierende aller Studienrichtungen offen.

 

Inhaltlich setzte sich das Projekt das Ziel, Hannah Arendt’s „Sokrates – Apologie der Pluralität“ und Judith Butler’s „Kritik der ethischen Gewalt“ sehr nahe am Text zu studieren. Die Aufbereitung dazu folgte einem klassischen universitären Format. Die

Lehrveranstaltungsleitung führte die Autorinnen und das Thema ein, setzte den Rahmen des Themas. Die Texte selbst wurden von den Studierenden in Präsentationen aufbereitet. Die Präsentationen hatten aber – aufgrund der Dichte der Texte – den Charakter einer moderierten Problemdarstellung. Die Studierenden waren aufgefordert, überblicksmässig über die Schwerpunkte des jeweiligen Abschnitts zu referieren, im Detail aber Stellen zu präsentieren, die sie besonders wichtig, besonders unverständlich, besonders kritisch etc. empfunden haben. Diese stellen wurden im Plenum unter Moderation und theoretischer Einbettung durch die Lehrveranstaltungsleitung diskutiert.

 

Als zusätzliche didaktische Methode kam Queer Tango zum Einsatz. Auch hier wurde kulturhistorisch in das Thema eingeführt. Tatsächlich ging es aber um die Bewegungserfahrung und damit ein Instrument zur Verfügung zu haben, das sich

praktisch mit dem Thema der Pluralität beschäftigt, zum einen aufgrund der Verortung in der Queer Community, zum anderen, weil Tango als Körperpraxis dialogisch funktioniert und das Ziel verfolgt, dass zwei autonome Menschen sich miteinander in

unterschiedlichen Rollen, die auch gewechselt werden, durch den Raum bewegen. Der Rollenwechsel erfordert ein Verstehen und Erlernen bestimmter Qualitäten und Haltungen zueinander, die durchaus geschlechtsspezifisch konnotiert sind, die aber im Queer Tango durch den Rollenwechsel und die Auflösung der Frau/Mann-Ordnung subvertiert werden. Jeder Tanz mit einer neuen Person, in einer neuen Rolle erfordert es, sich von Neuem auf das Gegenüber einzustellen und einen Weg der Kommunikation zu finden.

 

Die Lehrveranstaltung wurde als Blockveranstaltung abgehalten, was für den Einsatz von Queer Tango als körperpraktische Forschungsmethode Spielräume hinsichtlich der Positionierung im Ablauf bedeutet hat. Zum einen ist bekanntlich ein Block mit Theorie schwierig in Bezug auf Konzentration und Aufmerksamkeit auf die Weiterentwicklung von Gedanken sowie die Motivation der Studierenden, am Thema zu bleiben. Hier konnte Queer Tango als Belebung eingesetzt werden, ohne das Thema zu verlassen. Zum anderen eröffnete die Körperpraxis neue Denkräume aufgrund des Verlagerns von gewohnten Denkpraxen im Sitzen auf Wahrnehmungs- und Bewegungsaufgaben, die neue Aspekte in die Diskussion gebracht haben. Im zeitlichen Rahmen war es selbstverständlich definiert, dass der Fokus bei den Texten bzw. den Theorien bleibt. – in den je fünfstündigen Blockeinheiten wurde maximal eine Stunde mit der Praxis des Queer Tango verbracht (am Stück oder aufgeteilt in Sequenzen).

 

Die theoretische Diskussion und praktische Erfahrung wurden laufend zueinander in Beziehung gesetzt und darauf hin befragt, welche neuen Fragen, welche neuen Verständnisweisen sich dadurch ergeben.

 

Die Kombination von Theorie und Praxis war für mich besonders im Zusammenhang mit diesem Thema von Bedeutung. Pluralitätskonzepte finden rasch Befürwortung. Zum einen gibt es aber verschiedene Bedeutungshorizonte, wie Pluralität gedacht werden kann. Zum anderen ist die Praxis, Pluralität zu leben, meist im Alltag schon eine Schwierigkeit – die*der ungeliebte Nachbar*in, Kolleg*in, Verkehrsteilnehmer*in, der Konflikt mit jemandem, die*der mir nahesteht.

 

Die Lehrveranstaltung hatte das Ziel neben theoretischem Wissen, sich auch damit zu beschäftigen, wie wir dem Thema der Pluralität begegnen können, wie wir Begegnung gestalten können.

 

In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Verortung der Lehrveranstaltung in der Kategorie von forschungsbezogener bzw. kunstgeleiteter Lehre. Die Studierenden haben in der Lehrveranstaltung eigenständig Fragen entwickelt, konnten aufgrund der

unterschiedlichen Herkunftsdisziplinen auch unterschiedliche Antwortmodelle zur Verfügung stellen, sodass neben der Vernetzung von Theorie und Praxis des Themas auch ein interdisziplinärer Bogen gespannt werden konnte. Die Aufgabe der

Lehrveranstaltungsleitung war das bei, die Theorie immer in Blick auf relevante Lebensbezüge zu richten und Fragen in Richtung Anwendbarkeit in einzelnen Berufsfeldern zu stellen.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor (hier wurde das Projekt umgesetzt, ist aber auch für Master-Studierende geeignet)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.