Massenindividualisierte Betreuung von Abschlussarbeiten

Umgesetztes Projekt

Ziele

Eine Vielzahl der mit dem Ars Docendi zu Themen der digitalen Lehre ausgezeichneten Projekte fokussiert auf standardisierte Lehrmaterialen und Lehrprozesse. Das inkludiert innovative Lehrpfade durch (vorgegebene) Lernressourcen bzw. Lernaktivitäten oder der sinnvolle Einsatz verschiedener Medienformate (z.B. Lehrvideos zu selbstständigen Vertiefung bestimmter Inhalte). Ein Thema, mit dem sich diese Projekte aber noch recht wenig auseinandergesetzt haben, ist das Thema der Individualisierung (im Kontext der Möglichkeiten der digitalen Transformation).

In diesem Lehrprojekt möchte ich Möglichkeiten zur Massenindividualisierung in der Hochschullehre vorstellen. Dabei fokussiere ich auf die Betreuung von Abschlussarbeiten, da dies einen Extremfall im Sinne der Individualisierung darstellt: jede Abschlussarbeit ist individuell und muss auch individuell betreut werden. Gleichzeitig sind die Betreuungsquoten, d.h. wie viele Studierende im Durchschnitt von einem Lehrenden zu betreuen sind, in vielen Fächern sehr hoch. Hier kann das vorgestellte Lehrprojekt eine Lösung bieten.

Zusammengefasst beschäftigt sich das vorgestellte Lehrprojekt mit der Frage, wie die Betreuung auf Bachelor- und Masterarbeiten sowohl individualisiert als auch skalierbar erfolgen kann. Das Konzept wurde über mehrere Semester erfolgreich bei gleichzeitiger Betreuung von über 30 Master- und Bachelorarbeiten (an diversen Institutionen) getestet.

 

Kurzzusammenfassung (dt.)

In diesem Lehrkonzept verfolge ich das Ziel, Massenindividualisierung in der Betreuung von Abschlussarbeiten zu ermöglichen. Um Massenindividualisierung bei der Betreuung von Abschlussarbeiten zu realisieren, sind drei didaktische Designelemente wichtig: leicht vervielfältigbare Ressourcen, Pointers, die Studierenden zeigen, welche Ressourcen für sie relevant sind und Möglichkeiten, die Studierenden zu fördern, für die eine Abschlussarbeit eine zu einfache Übung wäre. Basierend auf vielfältigen Feedback- und Reflexionsschleifen (Pointers), wird den Studierenden halbautomatisiert ein Vorschlag gemacht, welche Ressourcen herangezogen werden sollten bzw. welche Ziele erreichbar scheinen. Die Elemente umfassen vorrangig digitale Produkte wie Lehrvideos, komplette Onlinekurse, oder einen Podcast. Die Pointers inkludieren vor allem verschiedene Feedbackschleifen—z.B. via Videofeedback auf Texte oder Peer-Feedback in verschiedenen Settings. Diese und andere Elemente werde in dem vorgestellten Lehrkonzept so gebündelt und integriert, dass individualisierte Betreuung auch bei hohen Betreuungsquoten möglich ist.

Kurzzusammenfassung (engl.)

In this teaching concept, I aim at enabling mass customization in thesis supervision. In order to realize mass customization, three didactic design elements are important: easily replicable resources, pointers that show students which resources are relevant to them, and ways of encouraging top students to set higher aims for themselves. Based on a variety of feedback and reflection loops (pointers), the students are offered a semi-automated proposal on which resources should be used and which goals seem to be realistic. The elements primarily include digital products such as instructional videos, complete online classes, or a podcast. The pointers mainly include various feedback loops; for instance via video feedback on texts or peer feedback in different settings. These and other elements are bundled and integrated in this teaching concept in such a way that individualized supervision is possible even with high numbers of students.

Nähere Beschreibung

I. BETREUUNGSKONZEPT

 

Um Massenindividualisierung bei der Betreuung von Abschlussarbeiten zu realisieren, sind drei didaktische Designelemente wichtig: leicht vervielfältigbare Ressourcen, Pointers, die Studierenden zeigen, welche Ressourcen für sie relevant sind und Möglichkeiten, die Studierenden zu fördern, für die eine Abschlussarbeit eine zu einfache Übung wäre. Basierend auf vielfältigen Feedback- und Reflexionsschleifen (Pointers), wird den Studierenden halbautomatisiert ein Vorschlag gemacht, welche Ressourcen herangezogen werden sollten bzw. welche Ziele erreichbar scheinen. Die Elemente werden im folgenden Kapitel genauer vorgestellt.

 

II. ELEMENTE

 

II.a Eine Auswahl an leicht vervielfältigbaren Ressourcen, die ich in der Betreuung nutze

 

Podcast: In dem Podcast Agraphie interviewe ich vorrangig Studierende, die gerade eine Abschlussarbeit abgeschlossen haben. Ich frage nach, welche Arbeitsstrategien für den erfolgreichen Abschluss der Projekte zielführend waren und lege besonderen Fokus auf das „produktive, wissenschaftliche Arbeiten“. Die Grundidee ist, Studierenden ein „Buffet“ an Strategien und Werkzeugen zu bieten, aus denen sie je nach eigenen Neigungen wählen können. Damit ist aus meiner Sicht bzw. auch aus der Sicht vieler Studierender der Podcast eine bessere Ressource als jegliche Bücher über wissenschaftliches Arbeiten, die jeweils nur eine Sichtweise repräsentieren. Die Erstellung des Podcasts wird immer mehr an Studierende ausgelagert, was den Peer-Learning Charakter dieser Ressource weiter unterstreicht.

 

Eigene Lehrvideos / Online Kurse: Ich setze in meiner Lehre stark auf Videos (siehe die mir verliehenen Lehrpreise für Innovative e-Lehre der FHWien der WKW bzw. der UNIVIE Teaching Award der Universität Wien). Die Videos handeln vor allem von wissenschaftlichem Arbeiten oder (quantitativen) Forschungsmethoden, insofern sind fast alle Videos auch für Abschlussarbeiten direkt relevant. Ganze Onlinekurse von mehreren Stunden Laufzeit können—wenn Bedarf identifiziert wird— den Studierenden jederzeit freigeschalten werden.

 

Offene Sprechstunde: In Seminaren lernen wir viel durch die Fragen, die andere stellen—selbst die Frage an sich kann uns auf ein Problem aufmerksam machen, das wir bisher nicht identifiziert hatten. Das Problem: Seminare sind klein bzw. für Abschlussarbeiten oft gar nicht vorhanden. Um eine massenindividualisierte Betreuung zu ermöglichen, müssen die Grenzen von Frage & Antwort-Sessions ausgeweitet werden. Insofern bin ich dazu übergegangen, die Fragen, die mich erreichen, in einem kurzen Video zu beantworten, das anschließend online für alle zur Verfügung steht. So kann eine Frage, die von einem Studenten einer Institution gestellt werden, später bei der Betreuung einer Studentin in einer anderen Institution als Ressource herangezogen werden. Weiterer positiver Effekt: die Beantwortung per Video wird nicht nur von den Studierenden oft nicht nur als vollständiger, natürlicher und tiefergehend bewertet sondern wird oft auch schneller produziert als eine geschriebene Antwort.

 

E-Book: Ein eigens erstelltes E-Book über wissenschaftliches Arbeiten ist ein Wegweiser durch meine anderen Online Angebote; so können Studierende passende Ressourcen für sich selbst identifizieren.

II.b Pointers, die den Studierenden Stärken und Schwächen aufzeigen (und den zukünftigen Lernweg inkrementell weiter definieren)

 

E-Mail Kurs: Die Studierenden haben die Möglichkeit, sich in einem von mir gestalteten E-Mail Kurs einzuschreiben. Sie erhalten dann regelmäßige E-Mails mit Schreibtipps bzw. kleinen Aufgaben für die weitere Erstellung der Abschlussarbeit. Die Intervalle, in die E-Mails verschickt werden, hängen insb. von der Länge des Zeitraumes ab, in dem die Abschlussarbeit geschrieben werden soll. Soll zum Beispiel die Abschlussarbeit innerhalb eines Semesters geschrieben werden, bekommen die Studierenden für die ersten zwei Monate alle drei bis vier Tage eine E-Mail. Die Intervalle wurden insbesondere so gewählt, um die Kontaktfrequenz zu erhöhen und Accountability zu erzeugen. Dieses Angebot kann auch unterstützend zu einer Präsenzveranstaltung im Rahmen eines flipped classroom Konzeptes eingesetzt werden. Der E-Mail Kurs hat großes Potenzial im Rahmen der Massenindividualisierung, weil Daten aus vorherigen Leistungen automatisiert in verschiedene Lernpfade führen können.

 

Videofeedback: Feedback auf Texte gebe ich via Screencast. Dazu lese ich den abgegebenen Text „live“ und denke dabei laut mit. Dieses Vorgehen, dass von Studierenden bisher einstimmig positiv bewertet wurde, bringt viele Vorteile: Für die Studierenden wird das Feedback besser verstehbar. Es ist durch die Videospur immer klar erkennbar, auf was ich mich in meinen Aussagen beziehe. Zweitens ist das Feedback weit detaillierter, als es schriftliches Feedback sein könnte. Das hängt damit zusammen, dass Kleinigkeiten recht kurz und ohne Zeitaufwand während dem Lesen erwähnt werden können. Zum anderen wird durch das Video meine Vorgehensweise beim Lesen transparent. So können die Studierenden nachvollziehen, wie ich an das Lesen (und die Beurteilung) herangehe. Weiters hat das Videofeedback einen großen ökonomischen Vorteil, ganz im Sinne der Massenindividualisierung: Das Durchlesen ist direkt produktive Arbeit und muss nicht erst in ein anderes Format (in der Regel die Schriftform) überführt werden. Das verringert die Zeit, die für das Geben eines Feedbacks gebraucht wird, enorm. Anonymisierte Abgaben können so auch gut für die weitere Lehre bzw. Betreuung weiterverwendet werden (z.B. als Beispiele, immerhin ist ein Großteil der Kommentare in den Videofeedbacks für viele Studierenden relevant).

 

Peer-Feedback: Peerfeedback in verschiedenen Formaten und Settings ist ein integraler Bestandteil meines Betreuungskonzeptes. Besonders wichtig ist dabei meine Definition von „Peer“, die über die Grenzen einer Institution hinausgeht. Vielmehr meine ich mit Peer alle Personen, die gerade an Abschlussarbeiten schreiben, unabhängig von Level (BA, MA, PhD) oder Institution. Dazu habe ich eine online Lerngruppe eingerichtet, in der Fragen gestellt und Feedbackanfragen geschickt werden können. Präsentationen von Zwischenständen vor anderen Studierenden sind ebenfalls ein sehr guter Anlass, Peerfeedback einzuholen.

 

II.c WEITERFÜHRENDE AKTIVITÄTEN

 

Für viele Studierende stellt die Erstellung einer Abschlussarbeit eine große Herausforderung dar, die ich durch den Einsatz von Technologie und vielen Feedbackschleifen versuche gut schaffbar zu machen. Andere Studierende brauchen diese Hilfe aber gar nicht und ein häufiger Fehlschluss ist es, dass dann keine Betreuung notwendig wäre. Im Gegenteil, meine These ist, dass besonders hier Betreuung notwendig ist, um die wissenschaftlichen Kompetenzen der Studierenden noch mehr zu schärfen, um in der internationalen Wissenschaftslandschaft bestehen zu können. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, diesen Studierenden weiterführende Publikationsmöglichkeiten in internationalen Journals und Sammelbänden aufzuzeigen und sie bei diesem (sehr steinigen Weg) zu begleiten. Das läuft ganz natürlich auf ein anderes Betreuungsverständnis hinaus, nicht zuletzt weil dieser Weg von der fertigen Abschlussarbeit bis hin zur international anerkannten wissenschaftlichen Publikation mehrere Jahre dauert. Eine Auswahl von diesen nachwuchsfördernden Aktivitäten zeige ich im Kapital „Engagement in der Lehre“ auf.

 

III. BEZUG ZU DEN KRITERIEN DER AUSSCHREIBUNG

 

Kriterium 1: Innovative Hochschuldidaktik

1.1 Einsatz vielfältiger, neuartiger Lehrmethoden

Das Betreuungskonzept zeichnet sich durch den Einsatz vielfältiger, neuartiger Lehrmethoden aus. Neben selbstgedrehten, individuellen Lernvideos, die über YouTube jederzeit abrufbar sind, werden ganze Onlinekurse (zu relevanten Themen wie z.B. Forschungsfragen, Strukturierung von wissenschaftlichen Arbeiten oder Statistik) und ein Podcast (siehe Agraphie Podcast) angeboten. Das Videofeedback und die offene Sprechstunde sind zwei selbstentwickelte digitale Angebote, die von den Studierenden besonders hoch bewertet werden. Zusätzlich stehen auch klassischere Lehrmaterialen wie zum Beispiel ein selbstverfasstes E-Book zur Verfügung.

 

1.2 Fachübergreifende Kompetenzen

Die Betreuung ist nicht nur in Hinblick auf die Erstellung der wissenschaftlichen Abschlussarbeit ausgerichtet. Ich habe vielfältige Möglichkeiten mitgeplant, um fachübergreifende, generelle Kompetenzen zu schulen. Dabei sind insbesondere generelle Forschungskompetenzen (Methoden, Schreiben,…), soziale Kompetenzen (Feedback geben und nehmen, Präsentieren der Arbeit,…) und persönliche Kompetenzen (Selbstmanagement, Motivation, Selbstwirksamkeitserwartung,…) hervorzuheben. Insgesamt wird die Erstellung der Abschlussarbeit nicht als zentrales Produkt gesehen, sondern diese Aufgabe dient eher als Beispiel, wesentliche Selbstmanagementkompetenzen zu erlernen bzw. zu verfeinern (um diese Perspektive geht es auch in dem mit diesem Betreuungskonzept in Zusammenhang stehende Agraphie Podcast bei den weiterführenden Links).

 

Kriterium 2: Studierendenzentrierung und Heterogenität

2.1 Heterogenität als Chance

Das vorgestellte Lehrprojekt nimmt Studierendenzentrierung sehr ernst und begreift Heterogenität als Chance, das Lernergebnis für alle Beteiligten zu verbessern. Unterschiedliches Vorwissen und heterogene Bildungsbiografien der Studierenden werden in diesem Betreuungskonzept nicht nur berücksichtigt, sondern sie stellen die Basis für das Gelingen des Konzepts dar. Studierendenzentrierung wird dabei insb. durch Feedback des Lehrenden realisiert. Dieses Feedback—in welchem Format und Kontext auch immer—ist individuell auf die Studierenden zugeschnitten. Neben konkreten Verbesserungsvorschlägen, leitet dieses Feedback die Studierenden auch gegebenenfalls auf neue, gemeinsam mit den Studierenden definierte Lernpfade weiter.

 

2.2 (Peer-)Feedback

Unterschiedliches Vorwissen und unterschiedliche Stärken unter den Studierenden werden insbesondere über vielfältige und häufige (Peer-)Feedbackschleifen realisiert. Wichtig ist hier insbesondere, dass die Grenzen eines Studiengangs bzw. einer Hochschule aufgehoben werden. Austausch zwischen Studierenden jeglicher Institutionen bzw. auch mit Nicht-Studierenden wird über entsprechende online Formate forciert.

 

Kriterium 3: Kompetenzorientierung

Dem Betreuungskonzept liegen genau definierte Kompetenzprofile und Lernziele zu Grunde. Das ergibt sich zum Teil schon dadurch, dass es um die Betreuung von Abschlussarbeiten geht, die für gewöhnlich stark normiert sind (Es gibt z.B. recht wenig Interpretationsspielraum über die Mindestkriterien, die an eine wissenschaftliche Arbeit gestellt werden).

Ein wesentlicher Aspekt ist das Begreifen einer Abschlussarbeit nicht als Selbstzweck, sondern als eine wichtige Übung im Sinne von täglich gebrauchten Kompetenzen wie Selbstorganisation (siehe 1.2). Neben diesen persönlichen Kompetenzen werden insbesondere Forschungskompetenzen und soziale Kompetenzen im Rahmen der Betreuung geschärft.

 

3.1 Forschungskompetenzen

Über den gesamten Zeitraum der Betreuung—der, wie oben beschrieben nicht unbedingt mit der Abgabe der Abschlussarbeit endet, sondern sehr viel länger dauern kann—ist die Erhöhung von Forschungskompetenzen eines der wichtigsten Ziele. Der Großteil der Ressourcen ist auf den direkten Erwerb dieser Kompetenzen ausgerichtet.

 

3.2 Soziale Kompetenzen

Soziale Kompetenzen sind—neben den oben erwähnten persönlichen Kompetenzen—wichtige überfachlich notwendige Kompetenzen, deren Aufbau für die weitere Karriere im wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Bereich notwendig ist. Im Rahmen meines Betreuungskonzeptes werden diese Kompetenzen insbesondere über das Geben (und Nehmen) von Feedback bzw. durch Präsentationen der Arbeit aufgebaut.

 

Kriterium 4: Internationale Ausrichtung

4. 1 Orientierung an internationalen Standards

Bei Abschlussarbeiten setze ich—innerhalb der von den Institutionen vorgegebenen Regeln—international anerkannte Standards und Gepflogenheiten voraus. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das Ziel bei einigen Studierenden nicht die Abschlussarbeit an sich ist, sondern eine weiterführende, international anerkannte wissenschaftliche Publikation. Daher fordere ich Arbeiten in englischer Sprache die sich mit international wichtigen Themen auseinandersetzen. Die Unterstützungsleistungen meinerseits, wie zum Beispiel meine Onlinekurse zum wissenschaftlichen Arbeiten, setzen genau diese internationalen Standards (z.B. Aufbau einer Arbeit) um.

 

4.2 Blick über Tellerrand

In meiner Betreuungsarbeit lade ich die Studierenden ein, über den Tellerrand des Studiums zu sehen. Um das zu ermöglichen, enge ich mich in der Betreuung nicht zu sehr auf bestimmte Themenfelder ein, setze teilweise hohe Ziele (z.B. internationale Publikationen aus der Abschlussarbeit heraus) und fördere die Zusammenarbeit von Studierenden unterschiedlicher Institutionen.

 

Positionierung des Lehrangebots

Betreuung von Bachelor- und Masterarbeiten; in kleineren Varianten aber auch für Seminararbeiten in jedem Studienabschnitt sinnvoll einsetzbar

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.