SAITEN-TASTEN, Innenraumstudien für Klavier: ein innovatives Lehrkonzept in der Neuen Musik

Konzept

Ziele

Das Projekt SAITEN-TASTEN ist im Bereich der Lehre in der Neuen Musik am Klavier verortet. Das Ziel ist, ein neues Lehrkonzept mit neuen Lehrmethoden für die sogenannte Extended Techniques am Klavier einzuführen.

Diese außerordentlichen Techniken der Neuen Musik sind allgemein bekannt, werden aber von den Pianist_innen verhältnismäßig wenig praktiziert, zum einen, weil sie eine gesonderte ergänzende Ausbildung verlangen, zum anderen, weil das gezielt dafür geschaffene Repertoire noch begrenzt ist.

Die theoretische und praktische Hochschuldidaktik dieses äußerst spannenden instrumentalen Bereichs bleibt weltweit am Anfang des 21.Jahrhunderts wenig entwickelt.

So ist die Idee entstanden, kompetenzorientiert und fokussiert eine Klaviersammlung der anderen Art zu schaffen, Studien für das andere Klavier, Innenraumstudien: SAITEN-TASTEN, ein Projekt, das einen besonderen Schwerpunkt auf die Verbindung von Theorie und künstlerischen Berufpraxis legt.

 

Kurzzusammenfassung (dt.)

Am Anfang des 20. Jahrhunderts fingen Pianist_innen und Komponist_innen an, Grenzen auslotend, über den „Tastenrand“ des Klaviers zu schauen und zu hören - immer auf der Suche nach neuen instrumentalen Möglichkeiten, um ihre klanglichen Vorstellungen zu erfüllen. Sie wagten sich direkt an die Saiten des Instrumentes. Eine erstaunlich bereichernde Entdeckungsreise begann.

Entsprechende Spieltechniken wurden erforscht, die wenig mit dem traditionellen Klavierspiel zu tun haben, und besondere Fähigkeiten, sowie ein eigenes musikalisches Repertoire erfordern.

Wechselwirkend sind leider die Pianist_innen selten, die diese Techniken praktisch beherrschen, sowie die Komponist_innen, die sie theoretisch anwenden können. Der fruchtbare Austausch zwischen Musiker_innen und Komponist_innen, (Voraussetzung einer forschungsbezogenen bzw. kunstgeleiteten Lehre), ist erschwert. Lehrmethode und -konzepte sind weltweit kaum vorhanden. Studierende kommen selten damit fachkundig in Berührung: ein verhängnisvoller Teufelskreis, der mit dem neuartigen Projekt SAITEN-TASTEN unterbrochen werden soll.

21 Etüden werden von Komponist_innen aus 12 Länder und 9 europäischen Musikuniversitäten komponiert, im Unterricht erprobt und für eine Demo-Aufnahme eingespielt. Theoretische und praktische wegweisende Anleitungen werden zusammengestellt. Das Konzept wird im Rahmen der neulich gegründeteten Masterstudien für Neue Musik der mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien implementiert.

 

Kurzzusammenfassung (engl.)

The project SAITEN-TASTEN introduces a New Teaching Concept for Extended Techniques on the Piano.

At the beginning of the 20th Century, pianists and composers began to explore the space beyond the piano keyboard in search of new techniques to produce sounds that would satisfy their imaginations. They ventured inside the piano and dared to play directly on the strings and thus an amazing, enriching journey of discovery began.

Corresponding playing techniques were explored that had little to do with traditional piano playing up to that point and called for special skills as well as demanding its own particular musical repertoire.

Unfortunately, pianists who are proficient at these techniques as well as composers who use them theoretically, are rare. A productive dialogue when between musicians and composers becomes hindered. Concepts for studying these techniques are practically non-existent worldwide. The new project SAITEN-TASTEN has been designed to break this vicious cycle.

Composers from 12 different countries and 9 European Music Universities are in the process of composing 21 Etudes for piano that are presently being tested by students and at the same time being recorded for a demo CD. An innovative theoretical and practical instruction manual is being compiled. The concept will be implemented into the parameters of the newly-founded program for the Master’s Degree in Contemporary Music at the University of Music and Performing Arts in Vienna.

Nähere Beschreibung

SAITEN-TASTEN hat sich zum Ziel gesetzt, die Spieltechniken im Innenraum des Klaviers (ohne Präparierung) vertrauter zu machen.

Es soll den Einstieg in diese spezielle Techniken des Klavierspiels erleichtern und diese auf breiter Ebene zu einem, wenn speziell bleibenden, doch selbstverständlicheren Teil der pianistischen Instrumentalsprache machen.

Im Austausch mit Klavierbauer_innen und -techniker_innen soll auch ein möglichst vorsichtiger Umgang mit dem Instrument beim Benützen dieser Techniken gesucht werden.

 

Es handelt sich nicht um einen vermeintlich lückenlosen Katalog von originellen Klangerzeugungsmöglichkeiten am Klavier. Beim Entdecken und Erarbeiten der eigens zu diesem Zweck komponierten, kurzen Stücke, sollen ledliglich, gezielt und fantasieanregend, die dafür notwendigen Orientierungsfähigkeiten am Instrument aktiviert und gefördert werden.

Das Projekt wendet sich an Pianisten_innen und Komponisten_innen, an Studenten_innen, Lehrende, ausübende Musiker_innen, Klavierinteressierte und -begeisterte aller Art.

 

Die erweiterten klanglichen Mittel des Klavierspiels, die sich seit den abenteuerlichen, revolutionären Neuerungen ihres Urvaters Henry Cowell (1897-1965) allmählich entwickelt und verbreitet haben, werden zwar in der Kammer- und Ensemblemusik mittlerweile öfter benützt. Trotzdem bleiben sie in den reichen und vielseitigen Landschaften des Soloklavier-Repertoires, ein vergleichsweise wenig bekanntes und kaum erprobtes Terrain, das viele Pianisten, und wechselwirkend Komponisten_innen, mit Scheu und Unsicherheit betreten, wenn sie es nicht gänzlich meiden.Obwohl ein Nebenweg der Klangproduktion am Klavier kann Innenraumspiel die wohlbekannte Klangpalette der herkömmlich über die Tasten mittels Hämmer angeschlagenen Saiten auf wundervoll farbige Weise ergänzen und bereichern. Das von der Harfe oder den Streichinstrumenten inspirierte direkte Spiel an den Saiten - Pizzicati, Flageolette und andere unmittelbare Techniken - kann dem Klavier, jenseits der reinen Kuriosität, weitere Dimensionen eröffnen. Eine andere Hörperspektive, eine größere Nähe, eine andere Intimität zum Klang können für Spieler und Zuhörer erreicht werden. Und wer sich jemals, bei gehobenem Klavierdeckel und entferntem Pult, die Saiten er-tastend, ins Klavierinnere mit weit offenen Ohren vertieft hat, kommt verändert, anders hörend, an die Tasten zurück und verliert hoffentlich nie mehr das Bewusstsein, dass das Klavier primär ein Saiteninstrument ist...

 

SAITEN-TASTEN gliedert sich in drei Teile:

1/ eine Sammlung von 21 eigens für das Erlernen und die Anwendung dieser Techniken komponierten kurzen 2-händigen und 4-händigen Stücken von 21 Komponisten_innen aus 12 Länder und 9 europäischen Musikuniversitäten: Jérôme Combier (F, Ecole Nationale Supérieure de Paris-Cergy), Reinhard Fuchs (A), Beat Furrer (CH, KUG - Kunstuniversität Graz), Elisabeth Harnik (A, KUG), Michael Jarrell (CH, mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien), Katharina Klement (A, mdw), Bernhard Lang (A, KUG), Klaus Lang (A, KUG), Misato Mochizuki (J, Meiji Gakuin Universität Tokio), Marco Momi (I, , Conservatorio di Musica di Perugia), Gérard Pesson (F, Conservatoire National supérieur de Paris), Simeon Pironkoff (BG, mdw), Gerald Resch (A, mdw), Rebecca Saunders (GB), Charlotte Seither (D), Alexander Stankovski (A, Anton Bruckner Privatuniversität Linz), Johannes-Maria Staud (A, Universität Mozarteum Salzburg), Wolfgang Suppan (A, mdw), German Toro-Perez (COL, Zürcher Hochschule der Künste), Jaime Wolfson (MEX, mdw), Joanna Wozny (PL, KUG).2/ eine ausführliche Einführung in die Problematik des Spiels im Innenraum des Klaviers (instrumentenspezifische Vorsichtsmaßnahmen beim Spielen an den Saiten, Vielfalt und Gemeinsamkeiten der Flügelbauweise, flexible Planung im Vorfeld der Einstudierung und der Aufführung, Orientierung in/an den Saiten und zwischen Saiten- und Tastenspiel, Körperhaltung und Instrumentalchoreographie usw.), und der verschiedenen Techniken (Flageoletten und Mehrklängen-Vielfalt, ihre Hürden und Grenzen, Dämpftöne, Glissandi aller Art, Pizzicati, Tapping usw), sowie

 

3/ eine Demo-Aufnahme (von zwei Tonmeisterstudent_innen der mdw realisiert)

 

von Mathilde Hoursiangou, Pianistin (Ensemble PHACE, Klangforum Wien), Lehrende für Zeitgenössischen Spieltechniken und Praxis der Neuen Musik am Klavier an der mdw.

 

Das Projekt wurde in Oktober 2016 initiiert, und ist zu 73% finanziert (Ernst von Siemens Musikstiftung, SKE-Fonds der Austro Mechana, Isabel Zogheb Stiftung Bern, Bundeskanzleramt, MDW).

Es wird im Rahmen der neulich gegründeten Masterstudien für Neue Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien implementiert (Joseph Haydn Institut für Kammermusik, Alte Musik und Neue Musik, sowie Institut für Konzertfach Klavier).

Die Uraufführung der Kompositionen findet beim Festival Wien Modern am 18.11.2019 im Berio-Saal des Wiener Konzerthauses statt. Es spielt die Projektleiterin mit drei Alumni der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Master Neue Musik Ensemble).

Die Veröffentlichung der Partituren und Anleitungen (online und Papierform, sowie der Aufnahmen ist ab 2020 in Planung.

Positionierung des Lehrangebots

Master Klavier Konzertfach Master Neue Musik Ensemble Master Klavier Konzertfach und Neue Musik

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.