content-context-concept. Die Verbindung von Wissenschaft und Kunst auf dem Weg zu künstlerischem Selbstbild und pädagogischem Handeln / künstlerischer Einzelunterricht, künstlerischer Gruppenunterricht und Seminar

Umgesetztes Projekt

Ziele

SängerInnen nehmen unter den MusikerInnen eine Sonderstellung ein. Sprechen wir im Idealfall bei MusikerInnen vom »Einswerden« mit dem Instrument, so ist diese Verschmelzung bei SängerInnen von Natur aus gegeben und gar nicht anders möglich. Die Tatsache, dass VirtuosInnen und Instrument identisch sind, ist sicherlich einer der faszinierendsten Aspekte beim Gesang, sowohl für das Publikum als auch für die SängerInnen selbst. Der Akt des Singens als ganzkörperlicher Vorgang mit hohem psychischem Faktor manifestiert sich im Klang der Stimme oder anders formuliert: Stimme ist das hörbare Ergebnis höchst komplexer innerer Vorgänge physischer, psychischer und emotionaler Natur. Basierend auf diesen grundsätzlichen Überlegungen fand eine insgesamt viersemestrige Lehrveranstaltung statt, in der der ganzheitliche Zugang in der Stimmausbildung um eine zusätzliche Dimension erweitert wurde, nämlich um die Kombination von wissenschaftlicher und künstlerischer Auseinandersetzung in ein und derselben Lehrveranstaltung mit - in diesem Falle - W. A. Mozarts Così fan tutte. Für mich als Gesangspädagogin war vor allem interessant ob und in welchem Ausmaß die intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Werk ebenso zu einem optimierten Stimmgebrauch beitragen kann wie wir es von der Integration von Körperarbeit im weitesten Sinne schon kennen und ob die Erfahrungen dieses Prozesses den künstlerisch-pädagogischen Handlungsspielraum der Studierenden erweitern können.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Ausgehend von der Beschäftigung mit dem Inhalt bzw. Gehalt eines Musikstückes/Liederzyklus /musikdramatischen Werks, in diesem Fall der Oper Così fan tutte von W.A. Mozart über die Betrachtung des musikhistorischen, stilistischen, gesellschaftlichen, philosophischen und psychologischen Kontexts, in welchem das Werk zu verstehen ist, sollte im Rahmen einer instituts- und institutionenübergreifenden Lehrinitiative der Weg der Studierenden zu einem vokalen, musikalischen, emotionalen und interpretatorischen Konzept angeregt werden. Neben wissenschaftlichen Informationen wurde auch den sängerisch-künstlerischen Erfahrungen im Rahmen von musikalischer, szenischer und improvisatorischer Arbeit genügend Raum gegeben.

Darüber hinaus wurde durch gezielte Fragestellungen laufend die Reflexion über den künstlerischen Prozess der einzelnen TeilnehmerInnen angeregt, mit der Absicht dadurch die eigene künstlerische Entwicklung bewusster erleben und steuern zu können. Schließlich wurde gegen Ende des Entwicklungsprozesses betrachtet ob und in welcher Form das pädagogische Handeln der Studierenden durch diese Erfahrungen beeinflusst, erweitert oder gar gewandelt wurde. Abschließend wurden die künstlerisch-wissenschaftlichen Ergebnisse in einem Präsentationskonzept gebündelt und als musikalisch-szenische Collage im Rahmen von Schulaufführungen in einen weiteren pädagogischen Kontext und künstlerischen Erfahrungsraum transferiert.

 

Kurzzusammenfassung (engl.)

Aims and objectives of the project :

The main objective was to combine artistic as well as scientific approaches to a certain piece of music within a single course. This holistic approach was chosen to encourage the students to interdisciplinary thinking and acting as well as to put innovative teaching methods to the test. By introducing historical, stilistic, sociological, philosophical and psychoanalytical approaches to the chosen piece of music, i.e. Così fan tutte, the students were coached to develop their individual vocal, musical, emotional and interpretive concepts. In addition to this scientific input vocal and artistic experience was generously allowed for in musical, scenic and improvisational work. Moreover targeted questions stimulated constant reflexion on the students’ part in order to enable them to experience their own artistic development with more intensity as well as to control and direct this development. Adiditionally the students were encouraged to analyse in retrospect how their artistc and scientific experiences influenced, enlarged or even changed their pedagogic way of acting. Finally the artistic as well as scientific outcome was bundled into a musical scenic performance and presented at various schools thus transferring it to a larger pedagogic context and wider field of artistic experience.

Nähere Beschreibung

Rahmenbedingungen und zeitlicher Ablauf:

Die Lehrveranstaltung wurde als 2 stündige LV = 90 min wöchentlich konzipiert. Die Abhaltung fand im Wintersemester allerdings in vierzehntätigem Rhythmus statt, insgesamt 7 Termine zu jeweils 180 Minuten, da größere zeitliche Blöcke ein flexibleres Arbeiten ermöglichten. Der Zeitplan sah vor, dass in den Wochen bis Weihnachten die Unterrichtseinheiten auf Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte und künstlerisch - musikalische Arbeit gleichermaßen aufgeteilt wurden. Der Schwerpunkt lag aber dennoch auf der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Werk, nicht zuletzt im Hinblick auf die Entwicklung eines Präsentationskonzepts. Im Jänner schließlich wurde mit den ersten szenischen Arbeiten zur Verwirklichung der Grundstruktur dieses Konzepts begonnen. Am Semesterende fand eine Aufführung in kleinem Rahmen statt, um die Wirkung und Schlüssigkeit der von den Studierenden erdachten Präsentation vor Publikum auszuprobieren.

 

Lehrinhalte Wintersemester

Musikgeschichte - Libretto - Stilkunde - Verzierungskunst - Aufführungspraxis - Inszenierung - Gattungsgeschichte - Zeitgeist - Dramma giocoso - Philosophie - Psychoanalyse - Interpretation - Selbstbild - Geschlechterverhältnisse - Rollenbild - Aufklärung - Mozart - Da Ponte - Gesellschaft - Manipulation - Experiment - Schwestern - Liebhaber - Soldaten - Standesbewusstsein - Verkleidung - Treueprobe - Wette - Pädagogik - Individuation - Rezeption

 

Studierendenaufgaben

Entwicklung eines Präsentationskonzepts – zeitlicher Rahmen ca. 60 Minuten,

Ziel: das zu präsentieren, was den Studierenden im Laufe der Auseinandersetzung am wichtigsten war bzw. ihre Sicht des Stückes darzustellen und gleichzeitig Informationen und Inhalte, die sie beeindruckt oder überrascht haben, in diese Präsentation zu integrieren.

Aufgaben der Studierenden waren also in diesem Zusammenhang die Auswahl der Musiknummern im Hinblick auf den gewählten Erzählstrang, die Gestaltung der Zwischentexte sowie Überlegungen zu Kostümierung und Requisiten

 

Im Sommersemester, mit dem Ziel einer großen öffentlichen Präsentation, lag der Schwerpunkt einerseits auf der Ausarbeitung und Verfeinerung des Präsentationskonzepts als auch auf intensiver szenischer und musikalischer Arbeit. Der Verkörperung der zuvor entwickelten Visionen, Gedanken und Emotionen wurde ausgiebig Raum gegeben. Zusätzlich zur schauspielerisch handwerklichen Basisarbeit kamen die Studierenden auch mit praktischen theatertechnischen Inhalten wie dem Verfassen eines Regiebuchs oder einer Requisitenliste, der Organisation und Herstellung von Requisiten und Kostümen, der Anfertigung von Arbeitsvideos und Ähnlichem in Berührung.

 

Neben der künstlerischen Arbeit war eine weitere Studierendenaufgabe die Erstellung eines

Reflexionspapiers, in dem sie anhand von gezielten aber dennoch offen gehaltenen Fragestellungen den möglichen Einflüssen der Lernerfahrungen der vergangenen Monate auf ihre eigene künstlerische Entwicklung sowie auf ihr pädagogisches Handeln nachspüren sollten.

In der Auswertung der Aussagen haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte herauskristallisiert. Eine Zusammenfassung der häufigsten Erkenntnisse, die zum größten Teil auch sprachlich unverändert übernommen wurden, ergibt folgendes Bild:

 

1. Koordination von Stimme und Bewegung:

Fiel anfangs schwer, wurde aber mit der Zeit als sehr angenehm empfunden, führte schließlich zu einem selbstverständlichen Stimmgebrauch und nicht zuletzt zu einem besseren Verständnis der Gesangstechnik; über die szenische Arbeit gelangte man zu stimmlicher Freiheit und einer verfeinerten Fähigkeit zu emotionalem Ausdruck

 

2. ganzheitlicher Zugang in der Auseinandersetzung mit dem Werk:

Interessant, eine Oper von so vielen Seiten zu betrachten und zu analysieren; neue Erfahrung die wissenschaftlichen Informationen in den eigenen künstlerischen Ausdruck und szenischen Zugang einfließen zu lassen; Erweiterung der eigenen interpretatorischen Bandbreite und der stilistischen Fähigkeiten

 

3. Rollenstudium und stimmliche Entwicklung

Anleitung zu profundem Rollenstudium und Auseinandersetzung mit einem Werk;

Beobachtung der eigenen stimmlichen Entwicklung in der Beschäftigung mit allen Ansprüchen, die die verschiedenen musikalischen Teile dieser Oper (Rezitativ, Arie, Ensembles) an die SängerInnen stellen

 

4. Projekt und Pädagogik:

Erfahrung und Kenntnisgewinn bezüglich Ablauf und Organisation eines Projekts; Entdeckung einer interessanten und kurzweiligen Präsentationsmöglichkeit für Schüler; die meisten der beteiligten Studierenden haben ihre eigene Unterrichtstätigkeit bereits aufgrund ihrer eigenen in dieser Lehrveranstaltung gemachten Erfahrungen und Erkenntnissen verändert.

 

Das zweite Studienjahr war schließlich den Aufführungen an Schulen gewidmet, die den Studierenden einerseits das Erlangen von Routine im künstlerischen Auftritt ermöglichten und zu größerer Souveränität und Stabilität verhalfen, aber gleichzeitig in Diskussionen mit dem Schüler_innenpublikum zu vertiefter Reflexion über ihr künstlerisches Denken und Tun angeregt wurden.

 

Mein persönliches Fazit:

Die Antwort auf die Ausgangsfrage ob und auf welche Weise eine intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Werk Einfluss auf den Stimmgebrauch hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch eine qualitative Einschätzung, doch wurde im Laufe des Prozesses deutlich erkennbar, dass die Studierenden durch den beständigen Rollen- oder Perspektivenwechsel von „kreativ Schaffendem“ (Gestaltung, Ausarbeitung und laufender Verfeinerung des Präsentationskonzepts) über „kreativ Darstellendem / musikalisch Nachschöpfendem“ (sängerisch-darstellerische Tätigkeit) zu „Rezipierendem und konstruktiv Kritisierendem“ (Beobachtung der KollegInnen bei den Proben – Feedback sowie Selbstreflexion, Diskussionspartner von Schülerinnen und Schülern) in ihren stimmlichen Ausdrucksformen flexibler wurden und ihr emotionales Spektrum deutlich erweitern konnten.

Positionierung des Lehrangebots

Modul im Masterstudium IGP Gesang, 1. - 4. Semester, Freifach Bachelor IGP Gesang, 1. - 8. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.