Inverted Classroom in Bewegung und Sport in der Lehrveranstaltung "Motorische Grundlagen"

Würdigung der Jury

Das Lehrprojekt Inverted Classroom in Bewegung und Sport in der Lehrveranstaltung "Motorische Grundlagen" ist ein Paradebeispiel für eine nahezu perfekte Umsetzung des Inverted Classroom Modells im Rahmen eines kompletten Grundlagenkurses, das im Gegensatz zu den vielen digitalen Anreicherungskonzepten den so dringend benötigten „Digital Turn“ in der Hochschullehre bestens und nachhaltig realisiert.
Das medien-didaktische Grundkonzept des Projekts setzt nicht nur auf die bloße Bereitstellung von digitalen Lehrmaterialien auf der Lernplattform im voreingestellten Format, sondern nutzt mit dem selbst eingestellten „Grid-Konzept“ eine richtungsweisende, grafisch orientierte Kursanlage. Über dieses bildbasierte Kursraster gelangen die Studierenden an die digitalen Kursmaterialien, einem Mix aus diversen digitalen Elementen, die nicht nur zur Bearbeitung bereitstehen, sondern auch von digitalen formativen Assessments unterstützt werden. Genaue Anweisungen in Form von Aufgaben und Leitfragen unterstützen die Studierenden bei deren Bearbeitung.

Herrn Rudloff und Herrn Wieser gelingt in ihrem Konzept somit eine fast ideale Umsetzung des integrativen digitalen Lehrkonzepts, das die digitalen Elemente zu unverzichtbaren Bausteinen des Gesamtlehr- und Prüfungskonzepts macht und die Präsenzphasen neu ausrichtet. Dabei nutzen die Preisträger die Forschungsergebnisse der relevanten medien-didaktischen Literatur und schließen neueste Erkenntnisse mit ein. Die wissenschaftliche Fundierung ihres Konzeptes ist somit zweifelsfrei vorhanden und wird zudem durch ausgezeichnete Evaluationsphasen abgesichert.
Mit ihrem Projekt haben die Preisträger nahezu alle Parameter der modernen Hochschullehre im digitalen Zeitalter neu gesetzt: Nutzung und Qualitätssicherung von Fremdmaterialien aus dem Netz, hohe Motivation auf Seiten der Studierenden, veränderte Lehrerrollen: vom Lehrenden zu Coach, Kompetenz- bzw. Praxisorientierung in den Präsenzphasen.

Es bleibt zu hoffen, dass die digitalen Kursmaterialien, die gerade im Videobereich nicht notwendigerweise aus eigener Produktion stammen, auch über die Hochschule der Preisträger hinaus Verwendung finden. Mit entsprechenden Freischaltungen sollte dies und damit eine uneingeschränkte Nachnutzung von dritter Seite möglich sein und so die Reputation der Preisträger weiter erhöhen.
Ich bin mir sicher, dass Herr Rudloff und Herr Wieser den Preis als Ansporn für weitere digitale Entwicklungen und Konzepte nutzen werden und schon bald weitere Grundlagenkurse ihres Faches nach dem jetzt preisgekrönten Vorbild entwickeln werden.

Auszug aus dem Gutachten von Univ.-Prof. Dr. Jürgen Handke
Universität Marburg

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Umgesetztes Projekt

Ziele

1. Ausgangslage

Durch die neue Primarstufenausbildung in Österreich haben sich für den Fachbereich Bewegung und Sport die Rahmenbedingungen geändert. Die Lehrveranstaltungen im genannten Fachbereich werden an der pädagogischen Hochschule Wien mit Hilfe von praktischen Übungen umgesetzt. Es werden keine Vorlesungen und auch nahezu keine Seminare im Fach Bewegung und Sport, in denen die theoretischen Grundlagen vermittelt werden, angeboten. Dadurch kommt es für die Lehrenden und für die Studierenden zur Problematik, dass nach traditionellem Unterricht in den Übungen zuerst der theoretische Input angeboten werden muss und daher für die praktische Umsetzung des theoretisch Gelernten weniger Zeit für das Anwenden bleibt.

2. Motive

Es galt daher ein didaktisches Modell für den Fachbereich „Bewegung und Sport“ im allgemeinen, insbesondere jedoch für die Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“ (als erste Lehrveranstaltung des Fachbereichs) im genannten Kontext zu entwickeln, um einen effizienten Umgang mit der Übungszeit der Studierenden zu gewährleisten, ohne den theoretischen Wissenszuwachs, der die Basis für das praktische Ausführen im Fach Bewegung und Sport darstellt, zu vernachlässigen. Eine besondere Bedeutung in der Ausbildung der zukünftigen Lehrenden in der Primarstufe wird dem tatsächlichen Umsetzen des theoretisch Gelernten beigemessen. Studierende sollen auf ihr zukünftiges Berufsleben durch theoriegestütztes Üben optimal vorbereitet werden.

Nach Hennessy, dem Leiter der Stanford University wird das Format der klassischen Vorlesung früher oder später aussterben und durch neue Formate ersetzt werden. Als Alternative zur klassischen Vorlesung nennt er das Flipped-Classroom-Model, in dem die Studierenden sich das Wissen zu Hause selbst erarbeiten, um es danach im Präsenzkurs praktisch anzuwenden (vgl. Hennessy 2016, o. S.). Durch das Flippen bzw. Umdrehen des Unterrichtes werden die Lernaktivitäten der Studierenden in der Präsenzphase und in der individuellen Phase mit dem Ziel, mehr Zeit für die gemeinsame, interaktive Vertiefung in der Präsenzphase zu haben, vertauscht.

Nach Handke (2014, S. 10) müssen neben der rein inhaltlichen Umsetzung der Lehrveranstaltung die Anforderungen an die Hochschullehre und deren Veränderungen im 21. Jahrhundert hinsichtlich des Bologna Prozesses berücksichtigt werden. Der Horizon-Report 2016 nennt als mittelfristigen Trend in der internationalen akademischen Aus- und Weiterbildung einen „Paradigmenwechsel zu Deeper Learning-Methoden“. Gemeint ist damit der Einsatz von Methoden in der Lehre, die das oberflächliche Lernen („Surface Learning“), das sich auf Reproduzieren von Informationen beschränkt, in Richtung von tiefgehendem Lernen („Deeper Learning“) transzendiert (vgl. Johnson et al. 2016, S. 14ff). Deeper Learning zielt auf das Meistern von Lerninhalten, bei dem Studierende kritisches Denken, Problemlösungsmethoden, Zusammenarbeit und selbstbestimmtes Lernen anwenden, ab (vgl. William & Flora Hewlett Foundation 2017, o. S.).

Klare Bezüge zwischen dem Lernstoff und der zukünftigen Arbeitssituation herstellen zu können, wirkt stark leistungs- und lernmotivierend auf Studierende. Aktive Lernerlebnisse, innerhalb und außerhalb der Hochschule, können durch ein forschungsbasiertes Lernen, herausforderungsbasiertes Lernen, problembasiertes Lernen und ähnlichen Methoden erreicht werden (vgl. Johnson et al. 2016, S. 14).

„Während die unterstützende Rolle von Technologien für das Lernen sich immer stärker herauskristallisiert, setzen Lehrende diese Tools auch zunehmend ein, um ihre Materialien und Aufgabenstellungen mit Anwendungsszenarien aus dem realen Leben zu verknüpfen.“ (Johnson et al., 2016, S. 14)

3. Ziele

Mit Hilfe des Forschungsansatzes „Design-Based Research“, in weiterer Folge DBR genannt, wurde ein didaktisches Modell für die Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“ an der Pädagogischen Hochschule entworfen, umgesetzt und evaluiert (vgl. Design-Based Research Collective 2003, S. 5).

Die zentrale Fragestellung für dieses Forschungsvorhaben lautete:

„Wie soll die Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“ in der Primarstufenausbildung der Pädagogische Hochschule Wien mit Hilfe des „Inverted Classroom Models“ (ICM) konzipiert sein, um der praktischen Ausbildung von zukünftigen Primarstufenlehrerinnen und -lehrern, ohne Vernachlässigung der theoretischen Fundierung, ein hohes Maß an Übungszeit zur Verfügung zu stellen?“

Der design basierte Forschungsansatz sollte eine Verknüpfung zwischen anwendungs- und erkenntnisorientierter Forschung gewährleisten (vgl. Mandl & Kopp 2006; Design-Based Research Collective, 2003, S. 5). Reinmann (2005 S. 66f) hat gezeigt, dass sich dieser Ansatz besonders bewährt hat, um Innovationsleistungen der Lehr-Lernforschung zu erhöhen und Erkenntnisse in einem konkreten Praxisbezug zu diesem Lehr- und Lernprozess zu gewinnen. Der Transfer zwischen Theorie und Praxis wird insbesondere unterstützt, da die grundlegenden Implementierungsmerkmale von Anfang an bei der Entwicklung aufgezeigt werden können und die Wirkung der Innovation vor lerntheoretischem Hintergrund untersucht wird (vgl. Stark 2004, S. 262f). Nach Einsiedler (2010, S. 67) kann mit Hilfe des DBR im praktischen Kontext eine Lernumgebung gestaltet werden und gleichzeitig Lerntheorien im Konkreten geprüft, entworfen und weiterentwickelt werden. Der Forschungsansatz nach DBR kann als nutzungsorientierte Grundlagenforschung verstanden werden, in dem Design als theorieorientierter Prozess zur Lösung konkreter Praxisprobleme im Bildungsbereich verstanden wird (vgl. Reinmann 2005, S. 61f). Nach Hoadley (2004 S. 204) zielt der Design-Based Research Ansatz auf die Behebung von Mängeln der Unterrichtsforschung ab. DBR ist ein Forschungsansatz, der einen wesentlichen Beitrag zu Innovationen in der Praxis beitragen und eine Brücke zwischen Theorie und Praxis herstellen kann (vgl. Reinmann 2005, S. 66f).

Im konkreten Forschungsvorhaben wurde nach folgenden Phasen nach Jahn (2014 S. 10ff) vorgegangen:

• Phase I - Analyse der Ausgangslage: Die Ziele und die Forschungsfrage werden im Theorieteil formuliert und die notwendigen Begriffe, theoretische Konzepte und konkrete Handlungsempfehlungen nach eingehender Recherche der Fachliteratur definiert und beschrieben.

• Phase II - Entwicklung/Beschreibung des Prototyps (E-Learning-Kurs): In dieser Phase werden die Entwicklung des E-Learning-Kurses und der E-Learning-Kurs selbst dargelegt.

• Phase III - Zyklen der Erprobung, Evaluation und Modifikation (Re-Design): Diese Phase ist geprägt durch iterative Zyklen der Erprobung, Evaluation und Modifikation des Prototyps. Nach jeder Modifikation erfolgt wieder eine neue Erprobungsphase.

o Erster Zyklus: Es erfolgt die Erprobung des Prototyps durch Studierende der Pädagogischen Hochschule Wien in Bezug auf die Funktionalität. Die Ergebnisse werden evaluiert und der Prototyp entsprechend den Erkenntnissen modifiziert.

o Zweiter Zyklus: Es erfolgt die Erprobung des modifizierten Prototyps durch Personen unterschiedlicher Fachrichtungen und Hierarchieebenen, um die Intervention aus verschiedenen Blickrichtungen bearbeiten zu können und diese mittels qualitativem Forschungsvorhaben zu evaluieren und zu modifizieren. Im Anschluss werden die Erkenntnisse, die mit Hilfe von leitfadengestützten Interviews gewonnen wurden, qualitativ verifiziert und in der „Re-Design-Phase“ die notwendigen Modifizierungen in den E-Learning-Kurs eingearbeitet.

o Dritter Zyklus: Im dritten Evaluations-Re-Design-Zyklus wird der modifizierte Prototyp mit Studierenden in der Lehrveranstaltung angewendet und mittels eines Fragebogens am Ende des Semesters quantitativ evaluiert.

• Berichtslegung: Nach den Interventionen in mehreren Iterationen in der Praxis werden die Erkenntnisse analysiert, diskutiert, zusammengefasst und mit den beschriebenen theoretischen Grundlagen verglichen, um schließlich Empfehlungen für die praktische Entwicklung und Umsetzung der Intervention bzw. ähnlicher Interventionen zu geben.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Die Einführung des neuen Curriculums zum „Bachelorstudium für das Lehramt Primarstufe“ mit Studienjahr 2015/16 haben zu veränderten Rahmenbedingungen im Fachbereich „Bewegung und Sport“ geführt. Die vormals elementare Impulslehrveranstaltung zur Vermittlung theoretischer Grundlagen (VO+UE „Fachdidaktik in Bewegung und Sport“) wurde aufgelöst. Im Grundstudium gibt es ausschließlich Übungen, die den Studierenden inhaltlich die sechs Erfahrungs- und Lernbereiche des Volksschullehrplans praktisch erfahrbar machen.

Es galt ein didaktisches Modell für den Fachbereich „Bewegung und Sport“, im Speziellen für die Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“ (als erste LV des Fachbereichs im Curriculum) zu entwickeln, um einen effizienten Umgang mit der Übungszeit der Studierenden zu gewährleisten, ohne den theoretischen Wissenszuwachs, der die Basis für das praktische Ausführen in diesem Fach darstellt, zu vernachlässigen.

Im genannten Fall kommt als didaktische Innovation das "Inverted Classroom Model" zum Einsatz. Mit Hilfe eines eigens entwickelten E-Learning-Kurs werden Studierende auf jede einzelne praktische Einheit theoretisch vorbereitet (e-learning unterstütztes, angeleitetes Selbststudium). In der Sporthalle setzen die Studierenden gemeinsam mit den Lehrenden das theoretische Wissen in die Praxis um und können so besser auf das zukünftige Berufsfeld als Volksschullehrerin bzw. Volksschullehrer vorbereitet werden.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The implementation of the new curriculum for the "Bachelor Program for Teacher Training on a Primary School level" at the University College of Teacher Education Vienna in the academic year 2015/16 has led to a change in the framework conditions in the field of "Physical Education". The former elementary impulse lecture on theoretical fundamentals was taken out of the curriculum. In the basic studies, there are only exercises that enable students to practically apply the six areas of experience and learning of the primary school curriculum.

The aim was to develop a didactic model for Physical Education, in particular for the course Motoric Skills (as the first subject of the sports curriculum), in order to ensure efficiency of students' training, without neglecting the theoretical increase in knowledge, which is the basis for practical implementation.

In this case, the didactic innovation "Inverted Classroom Model" comes into effect. With the help of a specially developed e-learning course, students are theoretically prepared for each individual practical unit (e-learning supported, guided self-study). In the sports hall, students put their theoretical knowledge into practice supported by their teachers and can thus be better prepared for their future profession as primary school teachers.

Nähere Beschreibung

1. Inverted Classroom Model

Bei der neuen Umsetzung der Lehrveranstaltung „Bewegung und Sport: Motorische Grundlagen“ kommt das Inverted Classroom Szenario zum Einsatz (vgl. Kerres 2012, S. 6). Die Grundidee des Inverted Classroom Model (ICM) ist es, die Inhaltsvermittlung, die im traditionellen Unterricht gemeinsam vor Ort im „Klassenzimmer“ mit dem Lehrenden und den Studierenden stattfindet, und das Üben und Vertiefen, das im traditionellen Unterricht zu Hause allein erledigt wird, zu vertauschen, um für das gemeinsame Üben und Vertiefen des Gelernten mehr Zeit zu haben. Lage, Platt und Treglia (2000, S. 32) beschreiben dies in ihrer wissenschaftlichen Abhandlung folgendermaßen: „Inverting the classroom means that events that have traditionally taken place inside the classroom now take place outside the classroom and vice versa.”

Durch dieses Modell werden das Lehren und Lernen in zeitgemäße Strukturen überführt. So werden Lehrende zu Lernbegleitenden, die Lehre zum vernetzten Lernen und der „Sportplatz“ zu einem Lernort des Austausches, wo kooperatives Lernen stattfindet (vgl. Handke 2017, S. 12).

Zu jeder Praxiseinheit wird eine vorbereitende Onlinephase entwickelt. In der Onlinephase informieren sich die Studierenden über die theoretischen Inhalte, z. B. mittels eines Lehrvortrages online als Video und als aufbereitete Lehrunterlagen über die Technik und über vorbereitende Übungen und Spiele.

„Neben herkömmlichen Formaten, wie Texten und Bildern, lassen sich unter Berücksichtigung wahrnehmungspsychologischer Grundsätze nun vor allem auch dynamische Objekte (Videos, Simulationen, Animationen) kombinieren und zur Veranschaulichung von Wissen einsetzen.“ (Danisch & Friedrich 2009, S. 312f)

Im speziellen Fall wurde ein Online-Buch entwickelt. Nachdem die Studierenden den Theorieteil erarbeitet haben lösen sie direkt im Lernmanagementsystem ein E-Assessment. Der Sinn dieser Begleitaufgaben (E-Assessment) besteht darin, sicher zu stellen, dass die Inhalte bearbeitet und verstanden werden. In der anschließenden Präsenzphase werden die theoretischen Inhalte nicht noch einmal vorgetragen, sondern gestellte Bewegungsaufgaben praktisch durchgeführt. Die Studierenden sollen dabei die Inhalte aus der Onlinephase anwenden, analysieren und bewerten und neue Inhalte kreieren (vgl. Sams 2012, S.19). Das kooperative Lernen und das Kommunizieren unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wird durch Foren während der Online-Phase ermöglicht (vgl. Steiner 2016, S. 137). Durch das Einbinden verschiedenster Aktivitäten soll der Grundidee des Inverted Classroom Models nach Warter-Perez und Dong (2012, S. 1) „The fundamental idea behind flipping the classroom is that more classroom time should be dedicated to active learning where the teacher can provide immediate feedback and assistance” nachgekommen werden.

Als Lernmanagementsystem wurde die Lernplattform Moodle gewählt. Diese ist allen Studierenden, wenn auch nur als Dokumentenablagesystem, bekannt und verfügt über alle geforderten Funktionen, die für den Online-Kurs notwendig sind (vgl. Wiegrefe 2011, S. 69ff).

Bei der Konfiguration des Kursformates in Moodle wurde das „Grid Format“ gewählt, das sich durch ein modulares und visuelles Kursformat vom voreingestellten Format an der PH Wien abhebt. Die Inhalte der einzelnen Kursabschnitte sind zunächst verborgen, dafür werden Fotos oder Grafiken in einer Rasteranzeige dargestellt. Ein Mausklick auf das Foto bzw. die Grafik öffnet den jeweiligen Themenabschnitt (vgl. Smith Nash & Moore 2014, S.71f). Die Themenabschnitte wurden „Herzlich willkommen“, „1.LV – Motorische Grundlagen / Ausdauer“, "2.LV – Koppelungsfähigkeit / Lehrplanbezug“, „3.LV – Rhythmisierungsfähigkeit / Kraft / Bildungsstandards“, „4.LV - Gleichgewichtsfähigkeit / Koordinative Fähigkeiten“, „5.LV – Reaktionsfähigkeit / Schnelligkeit“, „6.LV – Differenzierungsfähigkeit / Umstellungsfähigkeit“, „7.LV – Orientierungsfähigkeit“ .; „8.LV – Praktische Prüfung / Evaluierung“ genannt.

 

2. Empirischer Teil

Nach der Entwicklung des Prototyps (E-Learning-Kurs) folgen iterative Zyklen der Erprobung, Evaluation und Modifikation des Prototyps.

• Im ersten Zyklus wird die Intervention auf ihre Funktionalität mittels quantitativer Befragung evaluiert und modifiziert.

• Im zweiten Zyklus erfolgt die Datenerhebung zur Evaluation und Modifikation des Prototyps methodisch mit qualitativen Interviews. Interviewpartnerinnen und Interviewpartner wurden bewusst gewählt, um die verschiedenen Perspektiven der zu evaluierenden Intervention zu gewährleisten. Im speziellen Fall wird die Intervention aus unterschiedlichen Blickwinkeln (Fachperspektive im Kontext Bewegung und Sport, Fachperspektive im Kontext E-Learning und Inverted Classroom, Studierendenperspektive) heraus betrachtet (vgl. Flick 2004, S. 12ff). Die hohe interne Validität, die sich durch die Erfassung mehrerer Perspektiven ergibt kann als zentraler Vorteil gesehen werden (vgl. Bacher & Horvath 2011, S. 21). Die Daten werden inhaltsanalytisch nach Mayring (thematische Analyse) ausgewertet, bei der Auswertung wird mit der MAXQDA-Software gearbeitet.

• Im dritten Zyklus erfolgt die Evaluation mittels eines Fragebogens, der von den Studierenden nach der Intervention in der Lehrveranstaltung mittels Online-Befragung ausgefüllt wird.

 

2.1 Erster Zyklus der Erprobung, Evaluation und Modifikation

Die Erprobung des Prototyps erfolgt durch Studierende der Pädagogischen Hochschule Wien. 32 Studierende überprüfen den Prototyp auf seine Funktionalität, orthografische Richtigkeit und Verständlichkeit der Informationen (Texte, Videos). Bei den Testpersonen handelt es sich um Lehramtsstudierende des fünften Semesters der Primarstufe (Schwerpunkt Science&Health). Der Prototyp wird den Studierenden durch die Bekanntgabe des Links zum Lernmanagementsystem zugänglich gemacht. Den Studierenden wurde dabei freigestellt, ob sie die Fragen parallel zur Überprüfung des Prototyps beantworten oder danach bzw. abwechselnd. Die Zeit für diese Überprüfung ist mit drei Stunden begrenzt.

Die Fragen der Testung beziehen sich dabei auf die einzelnen Kursabschnitte. Es gibt Fragen bezüglich der orthografischen Richtigkeit, der Darstellung der Informationen und der Funktionalität der Aufgaben (Videos, Umfragen, Verlinkungen, …). Es werden Fragen gestellt, die mit ja oder nein zu beantworten sind aber auch offene Fragen, wo es möglich ist, wahrgenommene Fehler zu beschreiben. Insgesamt sind 31 Fragen zu beantworten.

Durch die Auswertung der Befragung werden folgende Modifikationen am Prototyp vorgenommen:

Es werden orthografische Mängel, soweit sie bestätigt werden können, behoben. Da die Umfrage zur Selbsteinschätzung des Eigenkönnens der Studierenden mit Google Forms erstellt wurde und sich der gewünschte Link zum Lernmanagementsystem nicht einfügen lässt, wird der Prototyp so modifiziert, dass die Umfrage zur Selbsteinschätzung des Eigenkönnens der Studierenden direkt in das Lernmanagementsystem eingepflegt wird. Die Umfrage zur Selbsteinschätzung des Eigenkönnens wird als eigene Aktivität neu erstellt. Des Weiteren werden im Lernmanagementsystem die Einstellungen so vorgenommen, dass sich bei Verwendung eines Links zum Öffnen einer Information diese immer in einem neuen Tab öffnet. Ebenso wird die Verlinkung zu einem Video so modifiziert, dass dieses bei Sekunde Null beginnt. Auf die hingewiesene Möglichkeit einer zusätzlichen Abschlussprüfung in der Online-Phase wird bewusst verzichtet, da die Überprüfung der erworbenen Kompetenzen in dieser Lehrveranstaltung in den praktischen Einheiten erfolgt.

 

2.2 Zweiter Zyklus der Erprobung, Evaluation und Modifikation

Bei der Evaluation mittels qualitativem Forschungsdesigns wurde besonders positiv bewertet, dass sich die Studierenden mit Hilfe des Online-Kurses sehr gut auf die praktischen Einheiten mittels Einstiegsvideos, dem Online-Buch mit den theoretischen Lerninhalten und den praktischen Anwendungsbeispielen, den E-Tivities und dem Austausch der Gruppe im Vorfeld, vorbereiten können. Durch das E-Learning setzen sich die Studierenden zuerst mit der Theorie auseinander und setzen diese danach in die Praxis um. Daher wird der Zusammenhang von Theorie und Praxis besser erkannt. Dies dient vor allem dazu, der Kluft zwischen Theorie und Praxis entgegenzuwirken.

Der E-Learning-Kurs wird auch als Chance für die Digitalisierungsstrategie „Schule 4.0“ (BMBFW, 2017) verstanden. Nur wenn die Studierenden eigenständig mit den digitalen Medien arbeiten, sehen sie was möglich ist. Gleichzeitig lernen sie damit umzugehen, werden mit den digitalen Medien vertraut und werden diese mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in ihrer Schulpraxis einsetzen.

Durch die Erkenntnisse aus den Interviews werden folgende Veränderungen am Prototyp des Online-Kurses vorgenommen:

• Bei den E-Tivities wird das Wort „Test“ weggelassen und die Selbstkontrolle (Assessment) nur mehr mit eTivity und der Kapitelüberschrift benannt.

• Bei den einzelnen Foren werden die Anweisungen, zu bestimmten Themen eigene Erkenntnisse zu posten, konkretisiert. Der Text lautet: „Liebe Studierende, bitte posten Sie in diesem Forum zusätzlich nützliche Informationen, offengebliebene Fragen, Anregungen zum Thema, damit ein gemeinsamer Wissensaustausch und ein kooperatives Lernen entstehen können.“

• In der Praxiseinheit werden die Aktivitäten "Fortschrittsbalken" und "Überblick über die erworbenen Kompetenzen" besprochen.

• Auf die Möglichkeit des Einsatzes einer begleitenden Portfolioarbeit der Studierenden wird in dieser Lehrveranstaltung bewusst verzichtet.

 

2.3 Dritter Zyklus der Erprobung, Evaluation und Modifikation

Nachdem der E-Learning-Kurs in der Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“ während des Wintersemesters 2018/19 eingesetzt wurde erfolgte eine weitere Evaluation mittels quantitativer Befragung. 109 Studierende haben an der Evaluierung bereits mit Ende des Wintersemesters 2018/19 teilgenommen. Da dieses didaktische Modell auch im Sommersemester 2019 umgesetzt wird und ebenfalls zu Semesterende evaluiert wird erfolgt eine statistische Auswertung der gesamten Ergebnisse nach Abschluss des Semesters mit SPSS. Insgesamt nehmen in diesem Studienjahr 285 Studierende am E-Learning-Kurs teil und unterstützen die Weiterentwicklung der Lernplattform (das didaktische Modell) durch die Beantwortung einer Online-Befragung mittels Lime-Survey. Die Ergebnisse werden nach Ende des Sommersemesters 2019 veröffentlicht und für die Modifikation des didaktischen Modells herangezogen.

Die quantitative Methode wird hier als Ergänzung zum qualitativen Untersuchungsansatz gesehen. Bei der quantitativen Untersuchung werden die Befragten, Studierende der Lehrveranstaltung „Motorische Grundlagen“, ausgewählt, um ein realistisches Abbild der Studierenden dieser Lehrveranstaltung zu erhalten (vgl. Ebermann 2010, o. S.).

Um einen E-Learning-Kurs zu beurteilen, soll die Lernsituation am Computersystem im Mittelpunkt stehen. Ein generelles Beurteilungskriterium ist die Gebrauchstauglichkeit (usability), also die Arbeit mit dem Computersystem. Bei der Beurteilung eines E-Learning-Kurses ist es entscheidend, die Stärken von E-Learning, also den in der Theorie beschriebenen Mehrwert, zu überprüfen (vgl. Meister 2004, S. 23ff). Wie beurteilen Nutzerinnen und Nutzer den Kurs in Bezug auf Multimedialität, Verlinkung, Interaktivität, Wahl des eigenen Lerntempos und Lernstoffreihenfolge, Aktivierung des Lernenden, Überprüfung der Kompetenzentwicklung (vgl. Balzert 2005, S. 70). Ein weiterer entscheidender Faktor bei der Evaluierung ist die mediale Aufbereitung und Darstellung der Lerninhalte (vgl. Bratengeyer 2015, S. 31). Bei der Evaluation soll überprüft werden, ob das selbständige Lernen und der Aufbau von Selbstlern- und Medienkompetenz und die Verantwortungsübernahme der Nutzerinnen und Nutzer für Lernprozesse und -ergebnisse gefördert werden (vgl. Stockmann & Schäffer 2002, S. 17; Bratengeyer 2015, S. 31).

Der Fragebogen wird in Anlehnung an den Fragebogenbaukasten zur individuellen E-Learning-Evaluation für Lehrende des Centers für digitale Systeme (CEDIS) der Freien Universität Berlin und dem E-Learning-Büro der Fakultät WiSo der Universität Hamburg erstellt (vgl. Jeelka 2017, o.S.; Witt 2014, o.S.).

 

Sechs Lehrende unterrichten diese Lehrveranstaltung. In einer eigenen Konferenz im Februar 2019 wurden die Wahrnehmungen verglichen, um die gemeinsamen Erkenntnisse im SS19 umsetzen zu können. Drei Themen haben sich herauskristallisiert:

1.) Die Studierenden kommen mit deutlich mehr Vorwissen in den Kurs, sind motiviert, aktiver in der Diskussion und können Lehrauftritte besser umsetzen.

2.) Die Rolle der Lehrenden hat sich verändert: vom Lehrenden hin zum Lehr-/Lern-Coach, von Dozierendenzentrierung zur Studierendenzentrierung

3.) Paradigmenwechsel im Lehrberuf hin zur Kompetenzorientierung wird gelebt.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelorstudium für das Lehramt Primarstufe; 1.Studienjahr; Grundstudium Bachelorstudium, 2.Semester; 4.Modul in diesem Semester Modulbezeichnung: Grundlagen Primarstufenpädagogik und -didaktik Studienabschluss mit: Bachelor of Education (BEd.)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2019 nominiert.