„Schreibwerkstatt“ zur Abfassung einer Diplomseminararbeit - „Socratics“ im Rahmen der Vienna Doctoral Academy „Communicating the Law“

Umgesetztes Projekt

Ziele

In Seminaren der juridischen Fakultät liegt der Fokus traditionell auf der Vermittlung und Diskussion fachlichen Wissens. Vor zwei Jahren habe ich begonnen, meine Seminare in Form einer „Schreibwerkstatt“ abzuhalten, bei denen der Schwerpunkt auf der Begleitung des Schreibprozesses und der Komposition der Texte liegt. Komplexe rechtswissenschaftliche Themen schriftlich zu bearbeiten fällt den meisten Studierenden vor allem im Diplomstudium schwer. Die Fokussierung auf Fragen von Struktur und Form der Arbeiten sowie auf die sprachliche Gestaltung ermöglicht es den Studierenden, sich die kommunikativen Techniken anzueignen, die notwendig sind, um rechtliche Inhalte verständlich und überzeugend vermitteln zu können. Auch im Rahmen des Doktoratsstudiums hat sich dieses Format als sinnvoll und besonders nachgefragt gezeigt. Gerade bei langen Texten wie Dissertationen sind die Studierenden vor besondere Herausforderungen in Bezug auf Aufbau und Strukturierung gestellt. Die Lehrveranstaltung „Socratics“ ermöglicht es, Dissertanten und Dissertantinnen in ihrem Schreibprozess zu unterstützen.

Eine vergleichende Evaluierung der bei mir verfassten Arbeiten hat gezeigt, dass die im Rahmen des neuen Formats endgültig abgegebenen Texte sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Struktur wesentlich besser sind als Arbeiten, bei denen ausschließlich der Inhalt im Vordergrund steht. Außerdem fühlen sich die Studierenden bei der Abfassung ihrer Arbeiten viel besser betreut als bei konventionellen Seminaren.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Der Fokus der vor zwei Jahren neu konzipierten Lehrveranstaltungen „Schreibwerkstatt“ bzw. „Socratics“ liegt auf der Begleitung des Schreibprozesses und der Komposition juristischer Texte. Die Studierenden lernen, sich Wissen zu erarbeiten, dieses zu organisieren und in Übereinstimmung mit der juridischen Wissenschaftstradition in einen Text zu gießen.

Die Studierenden sind zunächst gefordert, ein geeignetes Thema nach ihren eigenen Interessen zu suchen. Für eine erste Präsenzeinheit sind Exposés nach strengen Formalvorgaben zu verfassen. Diese werden innerhalb von „Peer-Feedback-Teams“ von den Studienkollegen und -kolleginnen gelesen und von diesen im Hinblick auf Themenwahl, Inhalt, Struktur und Form analysiert und kommentiert. Nach der Stellungnahme des Verfassers oder der Verfasserin des Textes kommentiert die Seminarleiterin offengebliebene Punkte. In einer zweiten Runde wird mit einem Kapitel der Seminararbeit ebenso verfahren. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die endgültig abgegebenen Seminararbeiten qualitativ wesentlich besser sind als in konventionellen Seminaren.

Die Lehrveranstaltung ist ein Beispiel innovativer Hochschuldidaktik, die eine optimale Betreuung von Abschlussarbeiten ermöglicht, wobei Kompetenzorientierung, der dialogische Austausch im Lehr-/Lernprozess und die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden im Vordergrund stehen. Dabei wird deren Eigenverantwortung gestärkt und das selbstorganisierte und selbstgesteuerte Lernen unterstützt.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The “Schreibwerkstatt” and “Socratics” classes were conceived two years ago;their focus lies on supervising the process of writing and on the production of legal academic texts. Students learn how to acquire knowledge, to organize their insights, and to transform them into texts in accordance with the tradition of legal scholarship. Initially, students are challenged to select a suitable topic according to their own field of interest.Preparatory to the first session, each student is required to submit an outline of their project (Exposé) following a set of strict formal rules.These submissions are then read by “peer-feedback teams”consisting of other course participants, who analyse and comment on the outlines with regard to the choice of topic,content,structure, and form.After the author has been given an opportunity to reply,the lecturer takes up any points that have been left open. In a second round, a chapter of each seminar paper is subjected to the same procedure.Experience has shown that the seminar papers finally submitted are significantly better than those from traditional seminars.This course is an example of innovative academic instruction which permits highest-quality supervision of academic theses, foregrounding a competence-orientated approach,dialogic exchanges in teaching and learning and the growth and development of students’ personalities.This approach strengthens students’ personal responsibility and facilitates self-organised and self-directed learning.

Nähere Beschreibung

PROJEKTBESCHREIBUNG

Der Fokus meiner vor zwei Jahren neu konzipierten Lehrveranstaltung „Seminar in Form einer Schreibwerkstatt“ liegt auf der Begleitung des Schreibprozesses und der Komposition juristischer Texte. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die von den Studierenden endgültig abgegebenen Arbeiten sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf die Struktur wesentlich besser verfasst sind als Arbeiten, bei denen ausschließlich der Inhalt im Vordergrund steht.

Die Studierenden lernen, Sinn und Zweck wissenschaftlichen Schreibens zu verstehen und dies umzusetzen. Sie lernen, sich Wissen zu erarbeiten, dieses zu organisieren und in Übereinstimmung mit der jeweiligen Wissenschaftstradition – in unserem Fall der rechtswissenschaftlichen – in einen eigenen Text zu gießen.

Dies erfolgt in mehreren Schritten:

In einem ersten Schritt, der in der Vorbesprechung erörtert wird, sind die Studierenden gehalten, ein geeignetes Thema für die Arbeit zu suchen. Das ist für viele bereits die erste Herausforderung: zu überlegen, wo die eigenen Interessen liegen und abzuschätzen, ob sich das Thema für eine (juristische) Seminararbeit in dem angedachten Umfang eignet. Die Themenwahl ist nur insofern eingeschränkt, als sie in meinen Fachbereich fallen muss.

Zu diesem Thema soll für die erste Präsenzeinheit ein Exposé verfasst werden, wofür bestimmte Regeln einzuhalten sind: Das Exposé darf nur 3 Absätze enthalten, die ihrerseits aus maximal 3-5 Sätzen bestehen dürfen:

- Im ersten Absatz wird die generelle Bedeutung des Themas beschrieben.

- Im zweiten Absatz wird die konkrete Fragestellung formuliert.

- Der dritte Absatz dient der Vorstellung der angewandten Methode.

 

Etwa zwei Wochen nach der Vorbesprechung findet die erste Präsenzeinheit statt. Ideal ist eine Gruppengröße von 12 bis 16 Studierenden. Diese erste Präsenzeinheit wird über moodle vorbereitet. Die Studierenden werden in „Peer-Feedback-Teams“ zu jeweils 3 oder 4 Personen eingeteilt – dabei achten wir darauf, dass Studierende, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, auf verschiedene Teams aufgeteilt werden, um für das Feedback in Bezug auf Sprache, Stil, Grammatik etc. möglichst optimale Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Exposés sind von den Studierenden bis zu einem festgelegten Termin auf moodle, etwa 2 Tage vor der Präsenzeinheit, hochzuladen. Jedes Mitglied eines Peer-Feedback-Teams hat bis zur ersten Präsenzeinheit die Texte der anderen Peers seines Teams zu lesen und zu analysieren.

In der ersten Präsenzeinheit werden die Exposés innerhalb der Peer-Feedback-Teams im Hinblick auf Themenwahl, Inhalt, Struktur und Form kommentiert. Je zwei oder drei Teammitglieder geben Feedback, danach kommentiere ich als Seminarleiterin offengebliebene Punkte. Die häufigsten Schwierigkeiten ergeben sich bei der Strukturierung, insbesondere bei der Trennung von Fragestellung und Methode. Zuletzt nimmt der Verfasser oder die Verfasserin des Textes zu dem Feedback Stellung.

Für die erste Präsenzeinheit wird ein Halbtag veranschlagt, das heißt pro Team etwa eine Stunde, eine Viertelstunde pro Exposé.

Die zweite Präsenzeinheit findet nach etwa eineinhalb bis 2 Monaten statt. In dieser Zeit widmen sich die Studierenden dem Schreiben ihrer Seminararbeit. Für die zweite Präsenzeinheit ist ein Kapitel der Arbeit, das bereits ausgearbeitet ist, im Ausmaß von etwa fünf Seiten, auf die moodle-Plattform hochzuladen. Es werden wiederum Peer-Feedback-Teams gebildet und die hochgeladenen Kapitel der Teamkollegen und Teamkolleginnen gelesen und analysiert. Außerdem ist es sinnvoll, das überarbeitete Exposé und ein vorläufiges Inhaltsverzeichnis mitzuliefern, damit die Verortung des Kapitels in der Gesamtarbeit deutlich wird.

In der zweiten Präsenzeinheit wird mit dem eingereichten Kapitel auf dieselbe Art und Weise wie mit dem Exposé verfahren. Die Peer-Feedback-Teamkollegen und -kolleginnen geben einander Feedback, wobei diesmal mehr Zeit zur Verfügung steht.

Für die zweite Präsenzeinheit werden 2 Seminartage veranschlagt, das heißt die Auseinandersetzung mit einer Arbeit kann in etwa 1 Stunde dauern. Der Feedback-Prozess ist in dieser Phase intensiver in Bezug

- auf die Strukturierung der Arbeit, den Inhalt und die Verständlichkeit des Textes,

- auf die sprachliche Überarbeitung (Begriffe, Ausdrücke, Rechtsschreibung, Grammatik) und

- formale Fragen wie insb. eine korrekte Zitierweise.

Nach dem Ende der 2. Präsenzeinheit stellen die Studierenden ihre Arbeiten bis zu einem festgelegten Abgabetermin am Ende des Semesters fertig. Die abgegebenen Arbeiten sind in der Regel kaum mehr überarbeitungsbedürftig. Sollten Änderungen notwendig sein, wird das über moodle kommuniziert.

Um den Studierenden eine Hilfestellung für den letzten umfassenden Check ihrer Arbeiten zu geben, wird ihnen ein Formular mit einer Checkliste zur Verfügung gestellt.

 

Grundlegende Literatur: Otto Kruse, Lesen und Schreiben, 2. Auflage (2015)

 

REFLEXION DES PROJEKTS

Das Format der „Schreibwerkstatt“ bzw. der „Socratics“ ist ein Beispiel innovativer Hochschuldidaktik. Im Gegensatz zu den an der juridischen Fakultät der Universität Wien großteils traditionell abgehaltenen Lehrveranstaltungen, wo die Vermittlung fachlicher Inhalte im Vordergrund steht, handelt es sich hier um ein neuartiges Lehrkonzept, das den Fokus vom Verarbeiten juristischer Inhalte auf die Strukturierung von Wissen und deren textliche Vermittlung legt. Die Studierenden erfahren dabei auch fachliche Orientierung, wobei hervorzuheben ist, dass diese durch den Fokus der Lehrveranstaltung auf Struktur und Sprache der Texte im Ergebnis sogar besser zu gelingen scheint als bei einer bloßen inhaltlichen Vermittlung von Wissen. Der Grundsatz „Inhalt folgt der Form“ wird bei den zum Schluss eingereichten Seminararbeiten offensichtlich.

 

Dadurch, dass es inhaltlich wenige Vorgaben – begrenzt nur durch meine eigene fachliche Kompetenz – gibt, fördert das Format zusätzlich fachübergreifende Kompetenzen und Qualifikationen der Studierenden. Da die Studierenden ihr Thema nach eigenen Interessen wählen können, finden sich häufig hochaktuelle und spannende Fragestellungen – wie z. B. Haftungsfragen bei Unfällen mit autonomen Fahrzeugen oder Fragen der Legalität von Online-Streaming – , die nur aus einer fachübergreifenden Perspektive bearbeitet werden können. Durch die Aktualität und Brisanz der Themen sind auch die feedbackenden Peers hochinteressiert und können ihren eigenen fachlichen Horizont erweitern.

 

Die Lehrveranstaltung ist außerdem in hohem Maß studierendenzentriert. Das Format regt zum Selbststudium an und weckt die Aktivität und Eigenverantwortung der Studierenden. Von Seiten der Lehrveranstaltungsleitung wird in erster Linie ein formaler Rahmen zur Erarbeitung der Texte sowie die Moderation der Lehrveranstaltungseinheiten zur Verfügung gestellt, innerhalb dessen die Studierenden durch das peer-feedback-Verfahren angeleitet sind, einander gegenseitig zu unterstützen. Die Lehrveranstaltungsleitung fördert den dialogischen Austausch im Lehr-/Lernprozess, beru?cksichtigt die Eigenverantwortung der Studierenden und unterstu?tzt das selbstorganisierte und selbstgesteuerte Lernen.

Bereits in der Schule erworbene Schreibkompetenz wird anerkannt und weiterentwickelt. Das Selbstbewusstsein der Studierenden, Texte verfassen zu können, und auch andere in diesem Prozess unterstützen zu können, wird gestärkt. Das Format dient damit auch der Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden, indem sie sich grundlegend mit Fragen der Kommunikation mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinandersetzen müssen.

 

Die Lehrveranstaltung muss als besondere Maßnahme zur Betreuung von Studierenden im Kontext der gegebenen Studienbedingungen verstanden werden. Im Rahmen eines Massenstudiums wie den Rechtswissenschaften stellt sich die Frage, wie Studierende bei der Entwicklung sehr persönlicher Kompetenzen wie dem Verfassen von Texten optimal unterstützt werden können. Die Organisation im Rahmen eines peer-feedback-Prozesses bietet die Möglichkeit, auf vorhandene Kompetenzen von Studierenden zurückzugreifen und diese zur Weiterentwicklung zu nutzen. Im Rahmen dieses Formats kann auch optimal auf die unterschiedliche Leistungsstärke der Studierenden Bedacht genommen werden. Die Kompetenzen jedes einzelnen Studierenden werden ausgehend von seinem individuellen Niveau weiterentwickelt. Durch die Zuteilung von Studierenden, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, auf unterschiedliche Peer-Feedback-Teams, ist gewährleistet, dass auch sie, gerade in sprachlicher Hinsicht, optimal begleitet werden.

 

Kompetenzorientierung und lebenslanges Lernen stehen im Vordergrund: Das Verfassen von Texten ist für die Berufskarriere eines Juristen/ einer Juristin eine zentrale Kompetenz. Je nach beruflicher Tätigkeit werden Texte zu verfassen sein, die sich nach Zielsetzung, Adressatenkreis, Struktur und Sprache unterscheiden. Die Studierenden werden im Rahmen des neuen Lehrformats angehalten, sich genau mit diesen Fragen der Textgestaltung auseinanderzusetzen, und sie eignen sich damit Grundkompetenzen an, die unabhängig von der späteren konkreten inhaltlichen Arbeit von zentraler Bedeutung sind. Diese Grundkompetenzen können im Lauf des Lebens kontinuierlich weiterentwickelt werden. Auch berufstätige oder ältere Studierende, die bereits über die Schule hinaus Schreiberfahrung gesammelt haben, können diese beständig weiterentwickeln.

 

Gender- und Diversitätsaspekte: Ich selbst halte seit Jahren Lehrveranstaltungen zu rechtlichen Fragen des Geschlechterverhältnisses und zum Antidiskriminierungsrecht ab. Da ich bei den Studierenden für diese Themen bekannt bin, werden regelmäßig auch im Rahmen der Schreibwerkstatt aktuelle Themen des Antidiskriminierungsrechts und der Legal Gender Studies gewählt und finden somit einen angemessenen Platz in der inhaltlichen Diskussion. Beim Schreibprozess selbst spielt Diversität insofern eine Rolle, als Studierende, deren Erstsprache nicht Deutsch ist und die womöglich auch nicht mit der lateinischen Schrift als Kommunikationsmittel aufgewachsen sind, größere Probleme haben, ihre Texte zu strukturieren und die Inhalte methodisch korrekt zu präsentieren. Hier sind die feedbackenden Peers gefordert, sich eingehend mit der Zweitsprachigkeit ihrer Kollegen und Kolleginnen auseinanderzusetzen und diese konstruktiv zu unterstützen.

Positionierung des Lehrangebots

Das Format wendet sich in Form der „Schreibwerkstatt“ an Studierende des Diplomstudiums Rechtswissenschaften. Die zu verfassenden Diplomseminararbeiten (2 insg.) werden üblicherweise zwischen 3. und 8. Semester verfasst.Aufgrund der Verortung meines Faches eher zu Beginn des 2. Studienabschnitts nehmen an der„Schreibwerkstatt“besonders viele Studierende teil, die zuvor noch keine juristische Seminararbeit geschrieben haben. In Form der„Socratics“verwende ich dasselbe Format im Rahmen der Vienna Doctoral Academy. Diese bietet hervorragenden Doktoranden und Doktorandinnen der Rechtswiss.Fakultät der Universität Wien eine Plattform, sich fachlich weiterzubilden, zu vernetzten und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten umfassend weiterzuentwickeln. In der jedes Semester angebotenen LV “Socratics” finden die Doktoranden und Doktorandinnen ein Format, in dem von ihnen eingereichte Texte–meist Teile der Dissertationen–in einem gegenseitigen peer-review Prozess gelesen und kritisch analysiert werden.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.