Angewandte Psychologie im Kontext instrumentalen Lernens

Umgesetztes Projekt

Ziele

Punktgenaues Funktionieren im Hochleistungsbereich, Erschließen ungenutzter Potenziale

Kurzzusammenfassung (dt.)

Seit dem Wintersemester 2008/09 werden an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz die Fächer „Angewandte Psychologie I + II“ unterrichtet. Im Mittelpunkt beider Seminare steht das punktgenaue Funktionieren im Höchstleistungsbereich. In Angewandter Psychologie I werden die Studentinnen und Studenten theoretisch in die Kunst der Höchstleistung eingeführt, wobei Grundlagenwissen der Psychologie und verwandter Wissenschaften auf dialogischer Basis in Kleingruppen vermittelt wird. Darauf aufbauend werden im Seminar Angewandte Psychologie II die theoretisch erarbeiteten Konzepte mittels biopsychologisch-apparativer Unterstützung individualisiert in die Praxis übertragen. Die Technik des Bio- und Neurofeedbacks wird dabei benutzt, um die Selbstwahrnehmung des Individuums zu schulen und geeignete psychophysiologische Strategien zu entwickeln, ungenutzte Potenziale zu heben und unter Stressbelastung optimalen Zugriff auf Ressourcen zu ermöglichen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare erhalten die Möglichkeit, psychophysiologische Messungen unter Ruhe- und Belastungsbedingungen durchzuführen, sich dabei selbst kennenzulernen und das eigene Denken, Fühlen und Handeln willentlich zu beeinflussen. Ein hoher Grad an Individualisierung der Trainingskonzepte, Anpassung von Lehrinhalten an die Vielfalt von unterschiedlichen Leistungsniveaus sowie Transfer des Erlernten in die künstlerisch-pädagogische Berufspraxis stellen bedeutende Eckpfeiler der Angewandten Psychologie dar.

Kurzzusammenfassung (engl.)

In winter semester 2008/2009, the seminars „Applied Psychology I + II“ were introduced at the Anton Bruckner Private University Upper Austria. Chief object of both courses is how to master peak performances under stress in the field of music and performing arts. The course Applied Psychology I deals with theoretical issues of peak performance. Basic psychological principles of human functioning and knowledge from related disciplines are outlined in small groups. Subsequently, in the course Applied Psychology II, bio- and neurofeedback systems are used to transfer the theoretical ideas personalized into practice. The main purpose of using biopsychological technique is to develop an appropriate self-perception and strategies helping the students to unlock potential. Participants are given the opportunity to take psychophysiological measurements under different conditions in order to get to know themselves and to learn how to self-regulate in different contexts and situations. As a consequence, one is able to influence intentionally if required. Main characteristics of Applied Psychology are highly individualized training concepts, adaptation of learning content to needs of students as well as transfer of skills to professional practice.

Nähere Beschreibung

Angewandte Psychologie im Kontext instrumentalen Lernens

 

„Bei den heutigen ausgeglichenen athletischen und technischen Voraussetzungen der Spitzenmannschaften hat sich mentale Fitness als ausschlaggebendes Moment herausgestellt. Es hat sich gezeigt, dass ohne systematisches Mentales Training heute nichts mehr zu gewinnen ist. (Eberspächer, 2007)

 

Seit dem Wintersemester 2008/09 gibt es an der Anton Bruckner Privatuniversität das Fach „Angewandte Psychologie I + II“, das von den beiden Universitätslehrenden Univ.-Doz. MMag. Dr. Rainer Holzinger und Mag. Christian Frauscher (BSc) semesterweise abgehalten wird. Die beiden Lehrveranstaltungen wurden ins Leben gerufen, um spezifisch psychologisches Wissen an der Schnittstelle von biologischer Psychologie, Lernpsychologie, Neurowissenschaften, Medizin und Pädagogik zu vermitteln, damit ungenutzte Potenziale von Studentinnen und Studenten aller künstlerischen und künstlerisch-pädagogischen Studienrichtungen gehoben und nutzbar gemacht werden können. Zielsetzung ist stets das punktgenaue Funktionieren im Hochleistungsbereich, wobei der einzelne Künstler/die einzelne Künstlerin seine beziehungsweise ihre bestmögliche künstlerische Leistung zu einem vordefinierten Zeitpunkt abrufen können soll. Im Mittelpunkt des Trainings wie der Edukation stehen dabei die apparativen biopsychologischen Techniken des Bio- und Neurofeedback. Mittels computergestützter Rückmeldung lernen die Studentinnen und Studenten, Prozesse ihres Körpers wahrzunehmen, korrekt zu interpretieren und im Sinne der Erbringung von Leistungen in die gewünschte Richtung zu beeinflussen. Basierend auf psychologischen und medizinischen Modellen können diejenigen psychophysiologischen Zustände, die leistungsbegünstigend wirken, durch Feedback-Methoden und psychologische Interventionen hergestellt werden. Das Individuum lernt sich selbst kennen, optimiert die Wahrnehmung seiner organismischen Funktionsweise und kann Körpersignale physiologisch wie psychologisch korrekt einordnen, interpretieren und unter Belastung wie im Alltag schlagartig in die erforderliche Richtung verändern.

Edukative Phase. Im Rahmen der Lehrveranstaltung „Angewandte Psychologie I“ wird das theoretische Rüstzeug für die spätere Praxisarbeit vermittelt. Dabei werden besonders die Stressentstehung im Organismus, die damit einhergehenden Kognitionen und die apparative Technik des Bio- und Neurofeedback thematisiert. Besonderer Wert wird auf die wissenschaftliche Fundierung und Aktualität der Lehrinhalte gelegt, wobei vor allem die enge Verzahnung von körperlichen und mentalen Prozessen in den Ausführungen berücksichtigt wird. Der Unterricht in Kleingruppen lässt Raum für Diskussionen und fachlichen Austausch und ermöglicht darüber hinaus, individuelle Fragestellungen aufzugreifen und zu diskutieren. Praktische Präsentationen der Feedback-Methoden anhand von Modellbeispielen runden die theoretische Einführung ab.

Wahrnehmungsschulung und Training. Im zweiten Teil der Angewandten Psychologie rückt das praktische Training in den Mittelpunkt. Es handelt sich hierbei um eine Kombination von Kleingruppenunterricht mit Einzeltrainingssitzungen, die hinsichtlich individueller Fragestellungen eine große Flexibilität zulässt und den individuellen Bedürfnissen der Studentinnen und Studenten optimal gerecht wird. Der Einzelunterricht erlaubt es auch, sich nach etwaiger Berufstätigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auszurichten, sodass auch Abendtermine oder auf Wunsch auch Blocktermine angeboten werden können.

 

Im Training werden zunächst Biofeedback-Messungen durchgeführt, um die peripheren physiologischen Parameter unter Ruhebedingungen zu erfassen. Anschließend erfolgt ein standardisierter Stresstest, um zu prüfen, auf welche Art und Weise beziehungsweise mit welchem physiologischen System das Individuum auf Stressreize reagiert. Nach dieser initialen Datenerhebung werden die Daten mit den Studentinnen und Studenten besprochen, Parameter erklärt und die Bedeutung der Messdaten für das punktgenaue Funktionieren auf der Bühne beziehungsweise vor Publikum erläutert. Die im Zuge der Trainingssitzungen durchgeführte psychologische Exploration dient als weiterer wichtiger Baustein der korrekten Dateninterpretation und ist Grundlage der psychologischen Intervention. Hier geht es im Wesentlichen um die Etablierung von Coping-Strategien und die Herstellung aktiver Handlungsfähigkeit unter Belastung. Aus diesen Bausteinen der peripher-physiologischen Ruhedaten und den Daten aus dem Stressprofil sowie den explorativen Inhalten lernen die Studentinnen und Studenten sich selbst aus einer neuen Perspektive kennen und einschätzen. Je nach Datenausgangslage werden anschließend Trainingssequenzen durchgeführt, wobei in der Regel dem Training der Herzratenvariabilität besonderer Stellenwert zukommt. Ebenso spielen Gender-Aspekte an dieser Stelle eine bedeutende Rolle, da Normierungen der Herzratenvariabilität geschlechtsspezifisch vorzunehmen sind, und hier von medizinischer Seite bereits geschlechtergetrennte Normierungen vorliegen. Überdies existieren genaue Modellvorstellungen darüber, wie peripher-physiologische Parameter auszusehen haben, wenn Hochleistungen erbracht werden sollen. Dies drückt sich besonders in der respiratorischen Sinusarrhythmie, einer hohen Herzratenvariabilität, geringem Muskeltonus, sowie zurückgefahrener sympathischer Aktivität aus. All diese physiologischen Muster können in den Trainingssitzungen durch Rückmeldung willentlich herbeigeführt und trainiert werden und zwar so, dass sie im Sinne einer klassischen Konditionierung auch unter Stressbedingungen willentlich und stabil hergestellt werden können. Die physiologisch-vegetative Reagibilität im Zuge der Erbringung von Hochleistungen kann somit vollständig der willentlichen Kontrolle des Individuums unterworfen werden. Als unmittelbare Konsequenz erleben die Studentinnen und Studenten nicht mehr das Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sie können aktiv mit Körperstrategien und angepasster psychischer Einstellung dem Stress entgegnen, womit der Stress nicht sie, sondern sie den Stress im Griff haben.

 

Ein besonderes Highlight im Training ist die Rückmeldung peripherer körperlicher Prozesse während des Musizierens mit anschließender Videoanalyse. Die Studentinnen und Studenten erhalten die Möglichkeit, mit Instrument vor einer Videowand unter Auftrittsbedingungen zu spielen, während die physiologischen Parameter auf die Wand projiziert werden. Dazu ist ein theoretisches Verständnis der Messwerte unabdingbar. Die Möglichkeit zu sehen, was man tut, ermöglicht auch, das Gesehene direkt zu beeinflussen: wird beispielsweise wahrgenommen, dass sich der Muskeltonus an bestimmten Stellen merklich erhöht, kann der Student/die Studentin gezielt dagegen wirken und sehen, hören und insbesondere spüren, wie sich diese Veränderung bemerkbar macht. Oftmals ermöglicht diese Form der Rückmeldung überhaupt erst das Wahrnehmen von Problemen wie zum Beispiel muskulärer Verspannungen, die dann den Fluss des Spiels behindern oder zu immer wiederkehrenden Fehlern führen. Die anschließende Videoanalyse ermöglicht nochmal die Detailanalyse des individuellen Verhaltens beim Spiel. Oftmals verursachen solche Trainingssitzungen bei den Studentinnen und Studenten einen „Aha“-Effekt, wodurch sich zuvor hartnäckige Fehler und gefürchtete Stellen entschärfen lassen.

Neben der Beeinflussung peripher-physiologischer Parameter ist es im Zuge der Angewandten Psychologie auch möglich, über Neurofeedback-Methoden direkt Einfluss auf die Hirnstromaktivität zu nehmen. Das Neurofeedback ist die Rückmeldung und Beeinflussung von Hirnströmen, die bei EEG-Messungen erfasst werden. Ebenso wie beim Biofeedback ist das Ziel die Beeinflussung der Hirnstromaktivität im Sinne der Erbringung von Höchstleistungen. Nicht immer geht es dabei um Entspannung: neben der Möglichkeit, über die Hirnströme in regenerative „deep states“ abzudriften, geht es auch darum, die Aufmerksamkeit auf die richtigen Dinge zu lenken, die Konzentration aufrechterhalten zu können oder die Durchblutung in frontalen Arealen zu steigern. Wir benutzen in unserem Studio drei Verfahren zur Analyse von EEG-Daten. Zum einen eine datenbankgestützte QEEG-Analyse (SKIL 3.0), ein manuelles Verfahren zur Abschätzung der Amplitudenverteilung sowie die visuelle Inspektion der QEEG-Rohdaten. Basierend auf dieser Datenanalyse, zusammen mit den peripheren Daten und der psychologischen Exploration kann dann das geeignete Trainingsprotokoll gewählt beziehungsweise erstellt werden, das optimal auf die Bedürfnisse der jeweiligen Studentinnen und Studenten zugeschnitten ist. Hier zeigt sich erneut die enorme Flexibilität der Methodik der angewandten Psychologie, die ein großes Methodenrepertoire zur Verfügung stellt, das sich sowohl zielgruppen- als auch situationsspezifisch anpassen und individualisieren lässt.

 

Auf Basis der Trainingsdaten werden individualisierte Trainingsprogramme entworfen, die exakt den Bedürfnissen der Studentinnen und Studenten entsprechen. In der Regel werden physiologische und psychologische Trainingskonzepte eng miteinander verzahnt, um optimale Leistungsgewinne erzielen zu können. Die Trainingskonzepte werden mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars erarbeitet, durchgearbeitet und dann zum Selbststudium übergeben. Nach einer gewissen Zeit von bis zu mehreren Wochen des selbständigen Arbeitens wird erneut eine Trainingssitzungen durchgeführt mit dem Ziel der Erfolgsevaluation. Etwaige Anpassungen werden vorgenommen, Trainingselemente entfernt oder hinzugenommen. Ziel ist die optimale Passung von Trainingsverfahren und Individuum, um über das instrumentale Üben und Lernen hinaus die Leistungsfähigkeit der Studentinnen und Studenten psychologisch zu unterfüttern. Im Zuge des Seminars erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch umfangreiche Materialen zu psychologischen Strategien, körperlicher Fitness und technischen Aspekten des Bio- und Neurofeedback sowie Literaturlisten zum weiterführenden Selbststudium.

Transfer. Die Studentinnen und Studenten lernen neben der Beeinflussbarkeit ihrer persönlichen physiologischen und mentalen Konstitution auch, die Trainingskonzepte in den eigenen Unterricht und somit in das pädagogische Berufsfeld zu übertragen. Dazu werden Unterrichtsszenarien kreiert, die gezielt die Übersetzung der erlernten Inhalte auf Unterrichtssituationen verlangen. Die Studentinnen und Studenten werden zur Reflexion angeregt, wie sie die erlernten Inhalte auch außerhalb ihres eigenen Tuns für die Vermittlung von Fertigkeiten anwenden können. Darüber hinaus bereitet die Lern- und Lehrtätigkeit in der angewandten Psychologie den Nährboden für Bachelor- und Master-Arbeiten in diesem Gebiet, die fachübergreifend an der Schnittstelle zur künstlerischen und/oder pädagogischen Tätigkeit verfasst werden können. Die Studentinnen und Studenten erhalten somit die Möglichkeit, den eigenen künstlerisch-pädagogischen Horizont um psychologische und psychologieverwandte Disziplinen zu bereichern und die Interdisziplinarität voranzutreiben. Nach Abschluss des Seminars sind die Studentinnen und Studenten in der Lage, psychologische Fragestellungen selbstständig zu erarbeiten und sich – im Sinne einer lebenslangen Erbringung von Höchstleistungen im künstlerischen Bereich – beständig weiterzubilden. Über den Semesterzeitraum des Seminars hinaus stehen die beiden Lehrenden mit fachlichem Rat zur Verfügung, um unsere Studentinnen und Studenten beim professionellen Übergang ins Berufsleben zu unterstützen.

Prävention. Hochleistungen unter Stress erbringen zu können ist das primäre Ziel der hier dargestellten psychologischen Intervention. Dabei darf jedoch der präventive Effekt, den psychologische Trainingsverfahren bewirken, nicht vernachlässigt werden. Studentinnen und Studenten befinden sich während ihres Studiums oftmals in Phasen psychosozialer Krisen, in denen die sympathisch-parasympathische Balance unter Dauerstress kippt und psychische Befindlichkeitsstörungen auftreten. Hier setzt der präventive Aspekt des Biofeedbacks und der psychologischen Intervention an: zu wissen, was eine Balance ist und wie man in dieses physiologische Gleichgewicht (wieder) finden kann, ist ebenso Gegenstand der Angewandten Psychologie. Nicht selten wird Stress deshalb so negativ wahrgenommen, weil der Stresslevel unter Ruhebedingungen bereits deutlich über Norm ist, wodurch die Widerstandsfähigkeit und die Regenerationsfähigkeit des Organismus leiden. Dadurch können Leistungen nicht wie gewohnt abgerufen werden, was Frustration und Ängstlichkeit erzeugt. Kreisläufe und Prozesse wie diese deutlich zu machen, sie nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar zu machen, mit dem Ziel der Veränderung und der (Wieder-)Herstellung der Handlungsfähigkeit des Individuums, muss neben dem punktgenauen Funktionieren höchster Stellenwert eingeräumt werden.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor- und Masterstudien der Musik und darstellenden Künste (inklusive der jeweiligen pädagogischen Studienfächer)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.