Kreatives situatives Musizieren von Musikstudierenden mit hochaltrigen Besuchern in einem Seniorentageszentrum in Wien

Umgesetztes Projekt

Ziele

Das Musikpädagogische Forschungspraktikum ermöglicht den Studierenden, neben der Projektdurchführung ihr eigenes Tun zu beforschen. Sie vertiefen ihr Wissen zu dem für das Projekt zentrale Thema durch Literaturrecherche, Teilnehmende Beobachtungen, Reflexionen, Seminartagebücher, Diskussionen, ein Gruppeninterview und die abschließende Seminararbeit. Die Lehrveranstaltung wurde in einem Tageszentrum für Senioren in Wien durchgeführt. Die Studierenden und die Lehrveranstaltungsleiterin führten über sechs Wochen hinweg wöchentlich rund einstündige Musiziertreffen durch. Es ging um die Forschungsfrage, ob und inwieweit sich der Zugang zum Musizieren im Verlauf der Musiziereinheiten bei den Tageszentrum-Besuchenden verändern und wie authentisch sich die Studierenden dabei fühlen würden.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Die demografische Entwicklung führt dazu, dass der Anteil älterer Erwachsener wächst, wobei das Interesse der Seniorinnen und Senioren an aktiver und sinnvoller Freizeitbeschäftigung steigt: Für professionelle Musikerinnen und Musiker eine spannende Möglichkeit, an neuen Orten, vor und mit heterogenem Publikum zu musizieren und so in die Welt der kreativen, inklusiven Musikpädagogik einzusteigen. Studierende musizierten hier ein Semester lang mit hochaltrigen Menschen in einem Wiener Tageszentrum, wobei es bei den wöchentlichen Musizierworkshops um einen kreativen Zugang ging. Anspruchsvoll waren die Herausforderungen: Flexibilität im musikpädagogischem Handwerk, Beschreiben der Erwartungshaltung sowohl der Senioren als auch der Studierenden, Finden der Untersuchungsmethoden und des Forschungsdesigns und das Protokollieren des veränderten Zugang aller zum Musizieren. Generationsübergreifendes Musizieren bietet eine Chance für die Weiterentwicklung der Gesellschaft. Das Projekt sollte zeigen, ob und inwieweit sich der Zugang zum Musizieren im Verlauf der Musiziereinheiten bei den Tageszentrum-Besuchenden verändert und wie authentisch sich die Studierenden dabei fühlen würden. Die Studierenden des Seminars bereiteten die musikalischen Treffen in ihren Abläufen vor, leiteten diese im Ensemble als auch einzeln, beobachteten teilnehmend, nutzten Seminartagebücher, reflektierten, diskutierten, befragten sich als Studierende gegenseitig und lernten somit von Woche zu Woche dazu.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The current demographic trend is causing the proportion of older adults to grow. At the same time, the interest of senior citizens in active and meaningful leisure activities is increasing. For professional musicians, this creates an exciting opportunity to play in new places, in front of and with other, heterogeneous audiences and thus enter the world of creative, inclusive music education. In the project described here, students of the Department of Music Education Research, Music Didactics, and Elementary Music Education spent one semester playing with olderly people in a Viennese day care center, with a creative approach at the weekly music workshops.

Challenges as the flexibility in dealing with music pedagogic craft, are described, the expectations of both seniors and students are discussed, the methods of investigation and research design are presented and the ultimately changed access of all to music is recorded. Such intergenerational music making provides an opportunity for the advancement of society.

The project aimed to show if and to what extent the access to music in the course of the music sessions at the day care center visitors changed and how authentic the students would feel. The students prepared the musical meetings in their processes, led them both in the ensemble and individually, watched alternately participating, used seminar diaries, reflected their actions, conducted a discussion, questioned each other as students and learned from week to week.

Nähere Beschreibung

Während über das Musizieren in formalen Kontexten von Musikschulen schon viel geschrieben und geforscht wurde, steht das kreative Musizieren in anderen Institutionen und informellen Kontexten eher am Rande der jungen Disziplin Musikpädagogik. Die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre machen jedoch deutlich, dass ein breiterer Blick auf bisher weniger beforschte Kontexte nötig ist, in denen musikalische Aktivitäten stattfinden können.

Die Einführung der Ganztagsschulen in Österreich scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Dadurch ändern sich die Arbeitsbedingungen der Musikpädagogik drastisch. Noch steht der Einzelunterricht an Musikschulen im Zentrum unserer Lehrpraxen. Durch zusätzliche Angebote in Form von Wahl- und Wahlpflichtfächern wird dafür gesorgt, Studierende auf das Musizieren an neuen Orten, vor anderem Publikum, unter besonderen Umständen und in höherer Eigenregie vorzubereiten. Die Arbeit mit heterogenen Gruppen, in denen professionelle Musikerinnen und Musiker gemeinsam mit Amateuren arbeiten oder in denen Menschen ohne und mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen gemeinsam musizieren, schaffen einen Einstieg in die Welt der kreativen, inklusiven Musikpädagogik.

Die gegenwärtige demografische Entwicklung führt dazu, dass der Anteil der Erwachsenen und vor allem der älteren Erwachsenen ständig wächst. Zugleich steigt das Interesse der Seniorinnen und Senioren an aktiver und sinnvoller Freizeitbeschäftigung. Da die Medizin es heutzutage ermöglicht, sich relativ lange guter Gesundheit zu erfreuen, wird die Nachfrage im Bereich von Angeboten für Seniorinnen und Senioren immer größer. Der demografische Wandlungsprozess stellt für angehende wie auch erfahrene Musikpädagoginnen und Musikpädagogen Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen dar.

 

Innovatives Konzept

Die Studierenden gingen mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen in die Lehrveranstaltung. Absolvierte der eine sie als ein notwendiges noch fehlendes Seminar, konnten andere bereits Erfahrungen aus ähnlichen Projekten vorweisen. Noch immer wird in der musikpädagogischen Ausbildung an der Wiener Musikuniversität zumeist auf Kinder und Jugendliche als Zielgruppe eingegangen; eine Didaktik für Erwachsene im mittleren und höheren Alter findet im Lehrplan bis dato kaum Berücksichtigung. Dies liegt daran, dass die Musikschulen zumindest in Wien ein Alterslimit festgelegt haben, welches es für Erwachsene unmöglich macht, kostengünstig ein Instrument zu erlernen. Deswegen bot diese Lehrveranstaltung eine willkommene Bereicherung, die den Studierenden Erfahrungen mit einer neuen Zielgruppe ermöglichte.

Dieses Seminar sollte sich von diesen Konzepten deutlich abheben und einen experimentierfreudigen und improvisatorischen Zugang zur Musik bieten. Dies warf die Frage auf, wie authentisch sich die Studierenden in der Rolle als Musikerin oder Musiker sahen. Während manche die pädagogischen und musikalischen Fähigkeiten trennten und sich eher als Musikvermittelnde verstanden, sahen sich andere sehr authentisch in allen Tätigkeiten und begrüßten die Vielseitigkeit ihrer musikalischen Zugänge. Tatsächlich verwirklichten sich alle beteiligten Studierenden in mehreren Disziplinen, etwa als Instrumentalist, Komponist, Arrangeur, Begleiter oder Korrepetitor, als Dirigent, Chorleiter, Sänger, Rhythmiker und Souffleur. Es verschoben sich die Prioritäten von rein musikalischen Fähigkeiten hin zu pädagogischen, geragogischen und sozialpädagogischen. Vor allem die eigenständige Gestaltung einer Einheit verlangte von hohe Konzentration und Aufmerksamkeit.

 

Forschungsmethodik: Teilnehmende Beobachtung und Gruppendiskussion

Durch Teilnehmende Beobachtung findet der Forschende Zugang zu den Teilnehmenden und zum Feld, wobei er einen Prozess der Konkretisierung und Konzentration auf wesentliche Aspekte durchläuft. Detaillierte Protokollierungen von Situationen helfen, um viele und gute Beschreibungen des Forschungsfeldes zu gewinnen. Diese Methode konnten die Studierenden im Rahmen ihrer Forschung gezielt anwenden. Sie fanden nicht nur Zugang zum Feld, sondern gestalteten es durch ihr Musizieren konkret mit. Jeder Studierende notierte in sein Seminartagebuch wichtig scheinende Aspekte, Fragen und Beobachtungen. Durch eine Gruppendiskussion, ebenfalls eine Erhebungsmethode aus der Empirischen Sozialforschung, wurden thematische Aussagen der Gruppe erfasst: Die teilnehmenden Seniorinnen und Senioren wurden über ihre musikalische Sozialisation, ihre Erwartungen an den Workshop, ihre Beobachtungen, Befindlichkeiten, Wünsche sowie Verbesserungsvorschläge befragt. Dieses Gruppen-Feedback erfolgte direkt im Anschluss an den letzten Workshop als ergänzender Bestandteil der Musiktreffen. Somit verhalfen sie den Studierenden dazu, in Zukunft noch passgenauere und treffende musikalische Angebote für ältere Menschen zu schaffen. Am Ende befragten sich die Studierenden separat untereinander, um die jeweiligen Beweggründe für den Besuch der Wahlpflicht-Lehrveranstaltung zu ermitteln. Welche Erwartungen hatte er oder sie vor der ersten Begegnung? Wie authentisch fühlte er oder sie sich als Musiker oder Musikerin in diesem Rahmen? Wie wurden die selbst geleiteten Einheiten vorbereitet? Welche neuen Erfahrungen machten sie? Vor welchen Schwierigkeiten stand man? Welches war für sie die wichtigste Erkenntnis aus dem Projekt? Welche Stärken und Schwächen wurden an sich selbst erkannt? Den Mitgliedern des Betreuungspersonals wurden ebenfalls entsprechende Fragen gestellt.

Beschreibung der Untersuchungsgruppe

Im Wintersemester 2016 besuchten rund 15 Personen die wöchentlichen Musiziereinheiten in einem Tageszentrum für Senioren. Dorthin kommen regelmäßig oder unregelmäßig Personen mit einer Gebrechlichkeit von mindestens einer Pflegestufe. Die einzelnen Musiziereinheiten dauerten rund eine Stunde. Die Teilnehmenden waren überwiegend Menschen zwischen 61 und 90 Jahren. Der Frauenanteil in der Gruppe war groß, nur wenige Männer nahmen regelmäßig an den wöchentlichen Musiziereinheiten teil.

 

Durchführung der Untersuchung: Die Musiziereinheiten

Jede Woche leitete ein anderer Student oder eine andere Studentin eine einstündige Einheit. Da jede oder jeder aus einem anderen musikalischen Bereich kam, gab es viel Abwechslung im Ablauf. Um den Teilnehmenden gewisse Rituale und Rahmenbedingungen zu gewährleisten, gab es auch Wiederkehrendes in allen Einheiten. “Musizieren mit Rhythmusinstrumenten“ wurde von Student 1 gehalten. In dieser Einheit ging es darum, die einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennen zu lernen, doch trotzdem schon einen Musizierprozess zu initiieren. Der Schwerpunkt in dieser Einheit lag darauf, gemeinsam einen Kanon zu singen und dazu mit Bodypercussion und Perkussionsinstrumenten wie Bambusstäben, Maracas, Cabasas, Guiros und Glockenkränzen zu improvisieren. Zu Beginn der zweiten Einheit „Verklanglichung“, welche Student 2 hielt, standen rhythmische Übungen mit den Nachnamen der im Kreis Sitzenden sowie das Variieren mit Dynamik, Tempo, Metrum und Dauer der Namenssilben im Mittelpunkt. In der dritten Einheit „Volkslieder“ leitete Student 3 vorbereitete Aufgaben und Prozesse an. Das inzwischen bekannte Begrüßungslied wurde ohne Perkussionsinstrumente, dafür mit Bewegungen gesungen. Damit dies auch für körperlich eingeschränkte Teilnehmende möglich war, wurden entsprechende Bewegungen des Kopfes eingebaut. Anschließend musizierten die Studierenden auf den Instrumenten Violine, Querflöte und Klavier bekannte Melodien vor. Ziel war einerseits eine kurze aktive Entspannung, andererseits wurde damit auf das Feedback der Leiterin des Tageszentrums eingegangen, zeitweilig musikalisch eine vertraute Stimmung zu schaffen. Die vierte Einheit leitete wieder Student 1. Die Improvisation mit Perkussionsinstrumenten wurde von den Senioren einzeln dirigiert und durch zuvor besprochene Gesten für Dynamik oder Tempo bestimmt. Rhythmische Übungen schufen den Übergang zu einem neuen Kanon. Die Verantwortung für die fünfte und vorletzte Einheit „Variation“ hatte Student 2 inne. Nach Begrüßungslied und von den Seniorinnen und Senioren nacheinander selbst kreierten rhythmischen Namensvariationen stellten die Studierenden gemeinsam auf zwei Violinen, Querflöte und Klavier ein neues Werk vor. Die Teilnehmenden sollten nun den Text verändern. Die sechste Einheit „Rhythmus“ übernahm Student 4. Paarweise kommunizierten die Personen des Sesselkreises mit einem Nachbarn oder einem Gegenüber, sodass je zwei Patterns gleichzeitig übereinander erklangen, was gut gelang.

Die Studierenden traten durchaus experimentierfreudig an ihre Aufgabe heran. Es war allen Studierenden ein Bedürfnis, den Seniorinnen und Senioren neue Musikwerke oder Stilistiken zu vermitteln und diese ins Zentrum der kreativen Musiziereinheiten zu stellen. Die Teilnehmenden musizierten anfangs lieber nach angebotenen Mustern, als eigene Improvisationen zu probieren. Von Woche zu Woche wurden die Versuche aber anspruchsvoller, und aus Hemmungen und Ratlosigkeit entwickelte sich ein lustvolles selbstbewusstes Musizieren. Das Spielen mit handlichen Perkussionsinstrumenten wurde gegenüber Bodypercussion oder Stimmimprovisationen bevorzugt.

 

Neue Erfahrungshorizonte durch forschendes Musizieren

Zusammenfassend kann man feststellen, dass dieses Senioren-Projekt für die Musikpädagogik-Studierenden ein komplexes Feld war, als dessen anspruchsvollste Herausforderung sich die Tatsache herausstellte, dass die Beobachtenden gleichzeitig Musizierende und Forschende waren.

Veränderte sich der Zugang zum Musizieren vonseiten der Senioren? Jeder Workshopblock stellte eine neue Situation dar, auf die es sich von Woche zu Woche neu einzustellen galt. Die anfängliche Skepsis gegenüber den kreativen Methoden der Workshopleitenden legte sich mehr und mehr. Die älteren Menschen wurden mutiger, trauten sich in ihren Einzelübungen mehr zu, waren bei Fehlern nicht mehr so ängstlich und verstanden sich als Gruppe besser.

Letztlich war diese Arbeit ein Gewinn sowohl für die Studierenden, die großes Erfahrungswissen mitnahmen, indem sie sich einen neuen Verständnishorizont erarbeiteten, als auch für die Besuchenden des Tageszentrums, welche ihre immanente künstlerisch-musikalische Kreativität wiederfinden konnten und damit den Zugang zum Musizieren, zum Singen, ja, zur Heiterkeit, zur spontanen Unterhaltung mit anderen Gruppenteilnehmenden und den Betreuenden.

Die Studierenden überlegten im Voraus, wie es gelänge, dass die Besucherinnen und Besucher des Tageszentrums länger aktiv mitarbeiteten und als Gruppe gut harmonierten. Dies geschah, indem sich die Studierenden mit ihren vielfältigen Talenten abwechselnd einbrachten. Nicht nur war es wichtig, das eigene Instrument vorzüglich zu beherrschen, sondern den Ablauf wie aus einem Guss zu gestalten und an Schlüsselstellen Impulse zu geben.

Positionierung des Lehrangebots

Das Musikpädagogische Forschungspraktikum, in welchem das Musizier-Projekt durchgeführt wurde und wird, ist eine von der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien angebotene Lehrveranstaltung, die sich vor allem an Studierende der musikpädagogischen Studienrichtungen Musikerziehung, Instrumentalmusikerziehung, Instrumental- und Gesangspädagogik sowie Musik- und Bewegungspädagogik richtet. Sie wird vom Institut für Musikpädagogik angeboten und kann im Masterabschnitt als Wahlpflichtfach besucht werden, beispielsweise im Rahmen des Moduls Inklusives Musizieren.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.