Konnektivistisches berufsbegleitendes Lernen in einem Masterstudiengang

Umgesetztes Projekt

Ziele

Der Anspruch war einen Studiengang zum Thema Content-Strategie in enger Verbindung mit einer weltweit verteilten Community von Praktikerinnen und Praktikern zu entwickeln und multidisziplinäres praktisches Wissen lehrbar zu machen. Content-Strategie ist ein systematischer Zugang um Online-Inhalte nutzbar und nützlich zu gestalten. Dadurch sollen die Ziele einer Organisation bzw. eines Unternehmens unterstützt werden. Um Studierenden mit Berufen in der Online-Kommunikation ein praxisnahes, effizientes und niveauvolles Studium zu ermöglichen, wurde von Anfang an auf eine Kombination von On- und Offline-Vermittlungselementen gesetzt.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Das lokale Team des weltweit ersten Masterstudiengangs zum Thema Content-Strategie stellt sich der Herausforderung (1) ein aktuelles Thema akademisch zu verankern, (2) mit großen Online-Anteilen berufstätigen, teils internationalen Studierenden einen an ihren individuellen Bedürfnissen ausgerichteten Lernraum zu bieten sowie (3) internationale Lehrende ins Team zu integrieren, die Expert/inn/en der Content-Strategie sind bzw. diese Disziplin selbst mitbegründet haben.

 

Das didaktische Design des Studiums beruht auf den Prinzipien des Konnektivismus (George Siemens, Stephen Downes) – Offenheit, Autonomie, Diversität und Interaktivität/Netzwerk -, sowie auf Gilly Salmons Modell für Online-Lerngruppen, auf dem Ansatz des Reflective Practitioners (Donald A. Schön) sowie dem Ansatz der Community of Practice (Etienne Wenger). Je nach Lehrveranstaltung wird in Deutsch oder Englisch kommuniziert.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The local team of the world's first Master's degree course on the subject of content strategy is facing the challenge (1) to embed a current topic academically, (2) to offer fully employed, partly international students a learning space with large online shares, geared to their individual needs, and (3) to integrate international teachers into the team who are experts in content strategy or who have co-founded this discipline themselves.

 

The didactic design of the course is based on the principles of connectivism (George Siemens, Stephen Downes) - openness, autonomy, diversity and interactivity/network - as well as on Gilly Salmon's model for online learning groups, the approach of the Reflective Practitioner (Donald A. Schön) and the approach of the Community of Practice (Etienne Wenger). Depending on the course, students communicate in German or English.

Nähere Beschreibung

Die Disziplin der Content-Strategie ist gerade erst dabei sich zu etablieren und entwickelt sich kontinuierlich weiter. Basierend auf den Vorarbeiten wichtiger Content-Strateg/inn/en wie Margot Bloomstein, Ann Rockley, Kristina Halvorson und Rahel Bailie konzipierte das Entwicklungsteam rund um Heinz Wittenbrink den ersten Studiengang zur Content-Strategie (COS), der 2014 startete. Als FH-Studiengang vereint COS Theorie und Praxis, als berufsbegleitender Studiengang stellt sich das Team der Lehrenden der Herausforderung, auf die äußerst heterogenen und individuellen Erwartungen und Bedürfnisse der Studierenden angemessen einzugehen. Der Studiengang Content-Strategie / Content Strategy beinhaltet nur wenige Elemente der klassischen Fernlehre, sondern versucht auf der Basis des Konnektivismus akademische Interaktion (z.B. kritische Diskussion, transdisziplinärer Austausch, Wissenskonstruktion u.a.m.) in Online-Kleingruppen umzusetzen, unterstützt durch kontinuierliches Feedback der Lehrenden.

 

Einreichende Personen:

 

Heinz Wittenbrink, Studiengangsleiter, ist verantwortlich für die inhaltliche Ausrichtung des Studiengangs. Täglich informiert er sich in seinen Netzwerken über neueste Aspekte der Content-Strategie, entwickelt mit anderen Content-Strateg/inn/en die Disziplin weiter und passt das Studium kontinuierlich an.

 

Jutta Pauschenwein, Leiterin des ZML-Innovative Lernszenarien, bringt ihre Erfahrungen mit der Online-Lehre in den Studiengang ein. Sie moderiert die Online-Gruppe der Studierenden in den ersten vier Wochen des Studiums mit dem Ziel eine arbeitsfähige Online-Lerngruppe zu bilden. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung begleitet sie die Studierenden in allen 4 Semestern bei der Reflexion ihrer Lernerfahrungen in öffentlichen Portfolios (s. oer.fh-joanneum.at/contentstrategy/cos-feeds/). Sie trainiert die Lehrenden des COS-Programms in zweimonatigen Online-Kursen und berät sie individuell.

 

Robert Gutounig, Dozent (FH) am Studiengang, ist zuständig für die Begleitung der Projekt- und Masterarbeiten, die aufgrund der Praxisnähe des Studiums einen wesentlichen Teil der Lernerfahrung bilden. Er ist Co-Leiter der Curriculumskommission für die Aktualisierung der Studiengangsinhalte und forscht zu den Themen Internet Studies und Web Literacy.

 

Überblick

 

Die aktuelle Form des Studiengangs hat sich in einem iterativen Prozess durch andauerndes Einbeziehen von Rückmeldungen sowohl vonseiten der Studierenden als auch der Lehrenden ergeben. Das Studium ist durch ein Zusammenspiel von Organisation, Inhalt, Didaktik und Technik gekennzeichnet. Die erste Grobplanung der Semester mit zwei Präsenzwochen und zwei Präsenzwochenenden wird vom Studiengangleiter vorgenommen. Daraufhin folgt die Einzelabstimmung mit den Lehrenden, von denen zahlreiche aus dem Ausland stammen. Eine Vorlage für den Stundenplan und die einzelnen Syllabi erleichtert die Durchführung. Eine monatliche Videokonferenz dient der Abstimmung der Lehrenden und fördert das gemeinsame Verständnis der Kultur am Studiengang. Die Lehrenden werden mit mehrwöchigen didaktischen Trainings und individueller Beratung in der Gestaltung ihrer Lehre unterstützt.

 

Das Studium beginnt mit einer vierwöchigen Online-Sozialisierungsphase (nach G. Salmon) mit dem Ziel eine funktionierende Online-Lerngruppe zu generieren. Tasks in Form von Online-Aufgaben mit den Bestandteilen “Ziel”, “konkrete Aufgabe” und “Vernetzung” – bilden das Grundmodell der Lehre in allen Lehrveranstaltungen. In den in jedem Semester stattfindenden Projektarbeiten haben die Studierenden die Möglichkeit, das in den Lehrveranstaltungen erarbeitete Wissen direkt anzuwenden und mit ihrer eigenen beruflichen Praxis zu verbinden. Auch die einzelnen Lehrveranstaltungen sind so konzipiert, dass die Studierenden ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus der beruflichen Praxis einbringen können. Stellvertretend für andere sei hier die Lehrveranstaltung “Content Marketing & Community Management“ genannt, die jeweils im Wintersemester stattfindet. Die konkreten Lehrinhalte werden dabei vor Beginn des Semesters von den Lehrveranstaltungsleiter/inne/n abgesteckt und in Tasks gegliedert. Die Tasks umfassen einzelne Themengebiete (z.B. Campaigning auf Facebook) und werden von Gruppen von Studierenden dann gemeinsam erarbeitet und auch umgesetzt (Beispiel Ad-Kampagne). Während der aktiven Bearbeitungszeit der Tasks haben die Studierenden die Möglichkeit im Online-Kommunikationsraum (Slack) die Lehrenden bzw. die Mitstudierenden zu einzelnen Aspekten zu befragen. Auf diese Weise werden die Vorteile von Selbststudium und Unterricht durch die rasche Abfolge von Frage-Antwort-Szenarien kombiniert.

 

Die Vernetzung mit der internationalen Community of Practice der Content-Strategie (siehe E. Wenger) ist eine wichtige Komponente des Studiums und auch ein wesentliches Ergebnis im Sinne des konnektivistischen Ansatzes (nach G. Siemens und S. Downes). Die Studierenden lernen gemeinsam im Netzwerk und stellen ihr Wissen anderen online zur Verfügung - in öffentlichen Portfolios, in regelmäßig durchgeführten BarCamps und auf der Open Educational Resources (OER) Plattform des Studiengangs (s. oer.fh-joanneum.at/contentstrategy/). Ganz im Sinne der Ziele des Studiengangs stellen die Studierenden hochwertige Inhalte des Studiengangs online und für alle zugänglich bereit. Eine Unterrichtswoche des zweiten Semesters findet in London statt und beinhaltet Besuche bei namhaften Unternehmen der Web Branche, die Content Strategen beschäftigen wie etwa Facebook oder DigitasLBI.

 

Technische Umsetzung

 

Gerade im Feld der Content-Strategie ist die Verknüpfung von Theorie und Praxis unabdingbar. Daher kommen auch Tools zum Einsatz, die in der beruflichen Praxis der Kommunikationsbranche eine Rolle spielen, z.B. Slack, Trello, Zoom und Google Drive. Die Wahl fiel bewusst nicht auf ein klassisches Learning Management System (z.B. Moodle), sondern auf modular organisierte digitale Services, die bei Bedarf auch individuell ausgetauscht werden können. Slack dient als Kommunikationsraum des Studiengangs und vereint alle anderen genannten Tools über Integrationen. Jede Lehrveranstaltung verfügt über einen eigenen Slack-Channel, in dem sich Studierende und Lehrende themenspezifisch austauschen können. Die Tasks einer Lehrveranstaltung werden dort angekündigt, diskutiert und eingereicht. Trello wird u.a. genutzt um die Lehrveranstaltungsinhalte sowie die einzelnen Tasks darzustellen und den Lernfortschritt prozessorientiert darzustellen.

 

Während des Studiums dokumentieren die Studierenden die Lehrinhalte öffentlich als Open Educational Resources (siehe weiterführende Links). Eine Feedbackschleife mit den Fachexpertinnen und Fachexperten sowie mit studentischen Chefredakteur/inn/en sichert die Qualität der Beiträge. Auch die Masterarbeiten werden inzwischen online über den Publikationsserver der FH JOANNEUM publiziert.

 

Didaktik

 

Im Studiengang Content-Strategie gibt es einen Mix aus innovativen Lehr-/Lernkonzepten, um den heterogenen Studierendengruppen und dem modernen, sich rasch ändernden Berufsfeld möglichst gerecht zu werden. Das lokale Team des Studiengangs an der FH JOANNEUM arbeitet daran Studierenden und externen Lehrenden einen sicheren Rahmen vorzugeben, innerhalb dessen offen, gemeinsam, und an den Bedürfnissen der einzelnen orientiert gelernt und gelehrt werden kann.

 

Die Studierenden tragen eine Mitverantwortung für ihren Lernprozess. Besonders während der Masterarbeit vertiefen sie ihre Auseinandersetzung mit der Disziplin der Content-Strategie und transferieren das Gelernte in ihr eigenes Praxisfeld. Damit entwickeln sie auch selbst die Disziplin aktiv weiter. Die Lehrenden agieren vor allem in der Rolle eines Coachs, in individuellen Feedbacks oder Gruppenfeedbacks fördern sie die Auseinandersetzung mit den Inhalten ihrer Lehrveranstaltungen.

 

Leistungsbewertung findet im Studiengang im Rahmen von Abarbeitung der (Online-)Tasks pro Lehrveranstaltung statt -als Gruppen- und Einzelleistung- sowie in der mit 10 ECTS verankerten Projektarbeit. Die Leistungen der Studierenden werden in erster Linie darüber evaluiert, ob sie zu praktisch verwendbaren Deliverables führen. Demgemäß wird im Studiengang nicht so sehr Wert auf deklaratives Wissen gelegt, sondern auf die damit verbundene Handlungsfähigkeit der Studierenden.

 

Weiterentwicklung

 

Kontinuierlich wird die Lehre am Studiengang Content-Strategie weiterentwickelt. In den Präsenzwochen gibt es üblicherweise eine Feedbacksession mit den beiden Jahrgängen. Der Austausch unter den Studierenden, auch über die Jahrgänge hinweg, wird durch ein World-Café im 2. bzw. 4. Semester in der ersten Präsenzwoche gefördert, welches erstmals im März 2018 stattfinden wird.

 

In monatlichen Videokonferenzen wird die Lehre am Studiengang diskutiert und es werden aktuelle Fragestellungen geklärt. In kleinen Online-Trainingsgruppen reflektieren die Lehrenden ihr Tun im persönlichen Lerntagebuch und hospitieren bei der Online-Lehre ihrer Kolleg/inn/en. Die technischen Werkzeuge sollen den Lernprozess unterstützen, werden kritisch hinterfragt und gegebenenfalls auch gegen geeignetere Werkzeuge ausgetauscht.

 

Die Erfahrungen am Studiengang Content-Strategie / Content Strategy wurden zudem im Februar 2018 in dem vierstündigen Workshop: Semester-Design in berufsbegleitenden Studiengängen mit Kolleg/inn/en aus der Hochschule diskutiert und somit der hochschulinterne Wissenstransfer sichergestellt.

 

Um dem sich rasch entwickelnden Feld der Online-Kommunikation Rechnung zu tragen, das sich vor allem durch praktisches, multidisziplinäres Wissen auszeichnet, wurde eine Überarbeitung des Curriculums in die Wege geleitet. Die Herausforderung besteht dabei v.a. darin, praktisches Wissen zu formalisieren. Nach der Analyse des bestehenden Curriculums des Master-Studiengangs wurde die Notwendigkeit eines Redesigns aufgrund der laufenden Veränderungen erkannt. Um das Thema zu beleuchten, wurden folgende Fragen aufgegriffen: (1) Was ist ein weit verbreitetes Verständnis von Content-Strategie? (2) Was macht die CS als akademische Disziplin aus? Neben der Beantwortung dieser Fragen galt es, die Erfahrungen aus den drei Jahren des Bestehens des Programms zu evaluieren sowie die Ziele, Ziele und Bildungsstrategien des Programms zu bewerten.

 

In diesem Assessment-Prozess wurde ein iterativer Prozess entwickelt, an dem mehrere Stakeholder wie Content Strategy-Expert/inn/en, UX-Expert/inn/en, Berater/innen und akademische Lehrende beteiligt sind, die in einer Reihe von Meetings und in anderen Kontexten befragt wurden und die individuelles Feedback einbringen. Mit dem Ziel, das Verständnis für die Problemlösungstechniken und die Grundlagen des Fachgebiets zu verfeinern, sind eine Reihe von Experteninterviews und die Durchführung quantitativer Inhaltsanalysen geplant. Auf diese Weise soll ein genaueres Bild der grundlegenden Fähigkeiten und Kompetenzen gewonnen werden, welches dann in den Prozess der Curriculumsentwicklung einfließt.

 

Literatur:

 

Downes, Stephen (2012). Connectivism and connective knowledge. Essays on meaning and learning networks. National Research Council Canada. 495-498.

 

Gutounig, R., Goldgruber, E., Dennerlein, S., & Schweiger, S. (2016). Mehr als ein Kommunikationstool. Wissensmanagement-Potenziale von Social Software am Beispiel von Slack. In Wissen schafft Neues. Beiträge zu den Kremser Wissensmanagement-Tagen 2016 (S. 17–27). Krems: Edition-Donau-Univ. Krems.

 

Pauschenwein, J. (2016). E-Portfolios: Prozess und Bewertung. In Kompetenzorientiert Lehren und Prüfen. Basics – Modelle – Best Practices. Tagungsband 5. Tag der Lehre (S. 85–94). St. Pölten.

 

Hojnik, S., & Pauschenwein, J. (2015). Reflexive E-Lernkultur. In Forschungsgeleitete Lehre in einem Massenstudium (S. 143–165). Springer.

 

Radl, Brigitte Alice, & Wittenbrink, Heinz, H. (2012). Content-Strategie. In Handbuch Online-PR: Strategische Kommunikation in Internet und Social Web (S. 127–140). UVK Verlagsgesellschaft.

 

Schön, D. A. (1984). The reflective practitioner: How professionals think in action (Vol. 5126). Basic Books.

 

Schön, D. A. (2002). Educating the reflective practitioner. TPB.

 

Salmon, Gilly (2013). E-tivities: The key to active online learning. Routledge.

 

Siemens, Georg (2005). Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age. International Journal of Instructional Technology and Distance Learning, Vol. 2 No. 1.

 

Wenger, Etienne (1998). Communities of practice: Learning, meaning, and identity. Cambridge University Press.

 

Wittenbrink, H. (2015). Auffindbarkeit im Web. In A. Zerfaß & T. Pleil (Hrsg.), Handbuch Online-PR. Strategische Kommunikation in Internet und Social (S. 115–126).

 

Wittenbrink, H., & Ausserhofer, J. (2013). Web Literacies und Offene Bildung. In Netzpolitik in Österreich. Internet. Macht. Menschenrechte. Abschlussbericht des Internet & Gesellschaft Co:llaboratory AT; S. 225-235.

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.