Organisationsentwicklung - Fallstudien

Umgesetztes Projekt

Ziele

Ziel des Seminars "Organisationsentwicklung" ist es, Studierenden einen intrinsisch motivierten Zugang zur Organisationsveränderung zu ermöglichen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Arbeiten mit digitalen Medien zu fördern, sowie Theorie mit Praxis zu verbinden, um somit einen Mehrwert für die Unternehmen, in denen die Studierenden arbeiten, zu erzeugen. Nach der Absolvierung des Seminars können die Studierenden nicht nur die Arbeit eines OE-Beraters nachvollziehen, sondern diese Tätigkeit auch teilweise übernehmen.

 

Zu Erreichung dieses Ziels wird immer öfter nicht nur auf Verfügungswissen, sondern vorwiegend auch auf Orientierungswissen und auf den Ausbau der individuellen, kollektiven und digitalen Handlungsfähigkeit der Studierenden gesetzt, damit diese in der angehenden VUCA Welt, die Fähigkeit auf neue Bedingungen mit neuen Mustern und Handlungsweisen zu antworten, erlernen können.

 

Die Lehrveranstaltung "Organisationsentwicklung - Fallstudien" wurde im Rahmen des 3. Semester des berufsbegleitenden Bachelorprogamms "Sozial- und Verwaltungsmanagement" an der FH Oberösterreich am Campus Linz in 2017 in dieser Form zum 3. Mal durchgeführt.

Der Studiengang hat das Ziel, seine Absolventen/innen in die Lage zu versetzen, in Verwaltungen auf Bundes-, Landes-, Bezirks- und Gemeindeebene sowie in Gemeindeverbänden als ExpertInnen für Personalmanagement, Controlling, Organisationsentwicklung und Prozessgestaltung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, Finanzierung, Leistungs- und Qualitätsmanagement oder in großen Non-Profit-Organisationen wie Kammerorganisationen, Interessenvertretungen, Sozialversicherungsträgern und Dachverbänden tätig zu sein.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Der in den Zielen formulierte Anspruch machte eine komplette Neukonzeptionierung des Seminars "Organisationsentwicklung" notwendig. Konkret bedeutete dies, dass Studierende, nun in dem Kurs lernen, als OE-Berater in einer VUCA Welt zu agieren, Unternehmenskunden gegenüber Projektaufträge und Verbesserungsvorschläge und -ergebnisse zu präsentieren, den eigenen Umgang mit Stress und Konflikten zu überdenken, eigene Organisationsmuster zu verstehen sowie die Organisationale Resilienz ihrer eigenen Organisation zu reflektieren, sich noch mehr selbst zu organisieren, als Teil eines Teams zu agieren und ca. 30 andere Mitstudierende in einer 20-minütigen Moderation in einem Großgruppenverfahren (z.B. ein World Cafe oder Unternehmenstheater) anzuleiten.

Damit sich dieses Ziel auch erreichen lässt, kombiniert das Seminar in seiner neuen Form:

- Offline-E-Learning-Selbstlerneinheiten

- Inverted Class Room Methodik mit Präsenzzeiten

- Einsatz von digitalen Plattformen für Live-Präsentation von Arbeitsergebnissen inklusive Feedbackgespräche

- Live-Moderation von Großgruppenverfahren durch Studierende sowie

- Diskussionen und Reflexionen im Plenum

über einen Zeitraum von einem Semester miteinander.

 

Die Studierenden werden dabei aufgefordert sich selbstständig an, zum Teil noch unbekannte, Themengebiete heranzutasten und diese aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, ohne dass es an Hilfestellungen von Seiten des Lehrpersonals fehlt.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The goal of the "Organizational Development" seminar was to enable students not only to understand the theory behind the field but also to enable them to act as organizational development managers in the companies in these turbulent times.

Throughout the semester they explored how to write and project proposals, present project outcomes online via an online platform called Zoom, perform live-moderations in front of 30 students, work online in teams and get online feedback, perform offline-e-learning sessions in which they trained their reflection skills by analyzing e.g. the patterns of their organizations and their organizations resilience level.

The seminar combined the following methods:

- Offline-e-learning-sessions

- Inverted classroom sessions

- Discussions and reflections in lecture sessions

- Use of digital platforms for live-presentations of project outcomes including feedback sessions

- Performance of live-moderations in front of 30 students

Nähere Beschreibung

Da viele Studierende mit dem Fach "Organisationsentwicklung" wenig anfangen konnten, war ein theoriegeleiteter Zugang und die Erarbeitung von Fallbeispielen aus der Wirtschaft für Studierende aus Non-Profit-Organisationen und dem öffentlichen Sektor wenig gewinnbringend und nicht ausgelegt auf die Anforderungen, die Studierende in den turbulenten Zeiten heute antreffen.

Damit die Studierenden, die teilweise Führungskräfte in Unternehmen sind, nach der Absolvierung des Seminars nicht nur die Arbeit eines OE-Beraters nachvollziehen, sondern diese Tätigkeit auch in ihren Unternehmen teilweise übernehmen konnten, war eine Kombination von digitalen und traditionellen Vermittlungsformen sowie eine personenzentrierte Begleitung essentiell. Im Jahr 2016 wurde damit begonnen, Unternehmensfälle und Beispiele zu sammeln und Lernmodule zu erstellen, die diesen Zweck erfüllen sollen. Es wurde Wert daraufgelegt, dass Studierende Organisationsentwicklungsfälle aus Sozial- und Gesundheitsbetrieben sowie aus dem öffentlichen Sektor lösen. Dabei wurde durch die Aufgabenstellungen auch der Kontext zum eigenen, persönlichen Erfahrungsschatz aus der Praxis immer wieder hergestellt. Mit Hilfe der Umstellung auf problembasierte und digitale Anwendung der OE-Inhalte, zeigte sich, dass Studierende mehr Orientierung und mehr Sinn in dem Seminar sahen. Mithilfe der interaktiven Lernmodule konnten Studierende das Gelernte auch bei ihrem Arbeitgeber anwenden. Die Verbindung zwischen Theorie, anwendungsorientierten Übungsbeispielen und dem Nutzen für das Unternehmen, in dem sie arbeiten, wurde für Studierende von Anfang an erlebbar.

Zudem stellte sich heraus, dass es wichtig war, dass die Studierenden bereits zu Beginn der Lehrveranstaltung über erste Kenntnisse in der Systemtheorie sowie in Organisations- und Prozessmanagement verfügten, um die Fallbeispiele richtig interpretieren zu können.

 

Innovative Didaktik, Studierendenzentrierung und lernergebnisorientierte Prüfungskultur

 

Die Studierenden wurden zu selbstgesteuertem und -organisiertem Lernen angeregt: Alle Arbeitsschritte - von der Konzeption des OE-Auftrags bis zur Präsentation der Fallergebnisse - wurden eigenständig von den Studierenden in 4-er Gruppen durchgeführt, wobei die LV-Leiterin alle Teams mittels Feedback-Schleifen begleitete. Diese Projektteams durchliefen alle Übungen gemeinsam. Die Benotung erfolgte für 5 von 7 Aufgaben als Gruppenleistungen und für 2 Aufgaben als Einzelleistungen. Dies wurde bewusst so gewählt, da Organisationsentwicklung in der Praxis immer eine Leistung einer Gruppe ist.

 

Vor dem Beginn der Lehrveranstaltung erhielten die Studierenden alle Unterlagen über die Moodle-Plattform. Neben zahlreicher organisatorischer Informationen, relevanter Downloads und Abgabeforen konnten im Moodle-Forum auch Fragen an die LV-Leiterin gepostet werden.

In jeder Präsenzeinheit wurden die Studierenden über das Learning Outcome der Einheit informiert und am Schluss durch einen Kurz-Check im Plenum "gechallenged". Dieser Kurz-Check wurde in einigen Präsenzphasen auch am Anfang der nächsten Seminareinheit wiederholt, um das Gelernte wieder in Erinnerung zu rufen.

Wie üblich, brachten die Studierenden auf Grund ihrer Berufstätigkeit divergierende Einstellungen und Vorerfahrungen zum Thema Organisationsentwicklung mit, die zu Beginn des Seminars über eine Gruppenübung sichtbar und besprechbar gemacht wurden. Sobald eine gemeinsame Sichtweise auf das Feld geschaffen war, begann die eigentliche inhaltliche Arbeit.

Als theoretischer, roter Faden dienten Inhalte des Buches Organisationsentwicklung von C. Schiersmann und H. Thiel mit seinen Kapiteln:

- Rahmenbedingungen einer OE

- Startszenarien einer OE Auftragsklärung

- Kick-off und Großgruppenverfahren

- Optimierung von Prozessabläufen

- Teamentwicklung

- Moderation und Mediation bei Konflikten in Organisationen.

 

Diese Inhalte wurden im Laufe des Semesters erarbeitet. Die Studierenden wurden gebeten, die relevanten Kapitel auszugsweise zu lesen. Damit soll erreicht werden, dass sie sich mit dem theoretischen Hintergrund und den dazugehörigen Begriffen und Konzepten vertraut machten.

Doch anstatt diese Inhalte nur theoretisch zu beleuchten, wurden diese dann gemeinsam zu Beginn der Präsenzeinheit wiederholt, um die bevorstehende Umsetzungsübungen durchführen zu können. Hinzukam, dass zahlreiche Anwendungsbeispiele im Präsenzunterricht zu den jeweiligen Inhalten der relevanten Kapitel diskutiert wurden und damit der Praxisbezug im Vordergrund stand. Dies wurde auch damit erreicht, dass "praktische" Probleme (Fälle) dargestellt wurden, welche dann von den Studierenden gelöst werden sollten. Die Unternehmensfälle waren als Einleitung und Problemaufriss zu verstehen. So mussten Studierende nicht nur theoretisch wissen, welche Elemente ein Projektauftrag für ein OE-Projekt enthält, sondern sie mussten diverse Projektaufträge auch selbst gestalten und im Plenum präsentieren.

Mit anderen Worten: die Studierenden hatten im Präsenzunterricht die Aufgabe, zu diversen OE-Anliegen von Unternehmen (z.B. "Wir wollen die Fahrten der mobilen Pflege optimieren!" oder "Wir wollen unser Leitbild überarbeiten!", ... ) jeweils eine Auftragsklärung mit dem Auftraggeber (der LV-Leiterin) durchzuführen, einen Projektauftrag zu schreiben, einen OE-Fall und Konflikte im Team zu lösen sowie ein Großgruppenverfahren durchzuführen.

 

Laut des Feedbacks der Studierenden beinhaltet das Seminar drei Highlights:

1. Live-Fallpräsentation via digitaler Online Plattform. Die Studierenden wurden aufgefordert ihre Ergebnispräsentation des Falls 2 vor dem fiktiven Kunden (der LV-Leiterin) nicht - wie üblich - in der Präsenzveranstaltung, sondern live via der Online Platform Zoom zu präsentieren. Dazu mussten die Studierenden sich vorab mit der Plattform vertraut machen und ihre Power Point Präsentationen so gestalten, dass ihr Kunde (die LV-Leiterin) die Ergebnisse auch annahm. Im Anschluss an die 20-minütige Online Präsentation und der Q&A Session erhielt das Team ein direktes Feedback. Beurteilt wurden dabei neben dem Inhalt, auch das professionelle Auftreten und digitale Medienkompetenz des jeweiligen Teams, wobei der Ansatz "Stärken stärken" im Vordergrund stand.

Die Rückmeldung der Studierenden zeigte deutlich, dass die "Angst" vor der Online Präsentation sehr hoch war, die Scheu vor einer nochmaligen Nutzung der Zoom-Plattform für Live-Präsentationen jedoch nach dieser Übung auf fast 0% sank.

 

2. Individuelle Offline-E-Learning-Selbstlerneinheit zum Transfer von neuen OE-Inhalten in den Unternehmensalltag der Studierenden. Die Unterlagen zur Offline-E-Learning-Selbstlerneinheit waren auf der Moodle-Plattform hinterlegt und ermöglichten es den Studierenden zu lernen, wann und wo sie mochten. Dies ist vor allem daher wichtig, da fast alle Studierende berufstätig waren. Dennoch standen ihnen immer eine organisatorische und fachliche Betreuung zur Verfügung. Die Selbstlerneinheit bestand aus Videos, Textstudium, Interviews, die die Studierenden mit Kollegen in ihren eigenen Unternehmen führen mussten und Selbstreflexionen zu bestimmten Themen. Die Offline-Selbstlerneinheit zielte vorwiegend auf den Transfer von Inhalten in den Alltag ab und umfasste den Transfer der Theorieinputs: Organisationale Resilienz, Organisationsmuster (Komplexithoden) und Umgangsstrategien mit Stress im Unternehmensalltag. Diese Selbstlerneinheit war mit 4 Arbeitsaufgaben gut in Lernportionen teilbar und von den Studierenden innerhalb von 2 Monaten zu erbringen und online abzugeben.

Nach der Durchsicht der Ergebnisse der Einzelleistung jedes Studierenden wurde sowohl ein individuelles Feedback gegeben, also auch 45 Minuten für eine weiterführende Reflexion der Ergebnisse im Plenum genutzt. Gerade diese Offline-E-Learning-Selbstlerneinheit stellte sich jedes Mal als sehr wertvoll für die persönliche Weiterentwicklung der Studierenden heraus.

 

3. 25-minütige Live-Moderation eines Großgruppenverfahren (z.B. World Cafe oder Unternehmenstheater) mit ca. 30 anderen Mitstudierenden. Die Studierenden wurden aufgefordert, eines von sieben Großgruppenverfahren, wie man sie in einer OE-Intervention oftmals macht, durchzuführen. Dafür mussten sich die 4-er Teams Anlass, Setting, Ablauf, Moderation und Ergebnisdarstellung überlegen und diese Überlegungen dann in der Praxis mit ihren Studienkollegen als Akteure und Akteurinnen in einer Präsenzveranstaltung verproben. Dabei wurden Kriterien wie Zeit und Einbringungsmöglichkeiten der Akteure beurteilt und gefeedbackt.

Die Rückmeldungen der Studierenden deuten darauf hin, dass diese Übung einen viel nachhaltigeren Effekt hat, als wenn Großgruppenverfahren in der Theorie gelernt würden. Zudem bestätigten mehr als die Hälfte der Studierenden, dass sie durch diese Vorgehensweise in ihre eigenen Fähigkeiten mehr Vertrauen fassten.

 

Kompetenzorientierung:

In dem Seminar werden folgende Kompetenzen trainiert:

Fach- und Methodenkompetenzen:

- Analytische Fähigkeiten, Beurteilungsvermögen, Projektmanagement, systematisch-methodisches Vorgehen und Umgang mit digitalen Medien bei der Online-Live-Präsentation der Fallergebnisse via der Online-Plattform Zoom

Personale Kompetenzen:

- Eigenverantwortung und Selbstmanagement durch eigenverantwortliches Durchführen der Arbeitsaufgaben in den Projektgruppen

- Offenheit für Veränderung durch die Durchführung von Live-Moderationen und Online-Live-Präsentationen

Sozial-kommunikative Kompetenzen:

- Konfliktlösungsfähigkeit, Teamfähigkeit, Kundenorientierung durch die Arbeit im Projektteam

Aktivitäts- und Handlungskompetenzen:

- Gestaltungswille, Ausführungsbereitschaft, ergebnisorientiertes Handeln und zielorientiertes Führen bei der Durchführung der Großgruppenverfahren

 

Im Laufe des Seminars wurde - bezogen auf diese Kompetenzen - öfters mündliches Feedback an die Studierenden gegeben.

 

Fazit:

Studierende lernen in dem Kurs noch mehr sich selbst zu organisieren, Kunden gegenüber Projekt- und Verbesserungsvorschläge als auch -ergebnisse zu präsentieren, als Teil eines Teams zu agieren, ca. 30 andere Mitstudierende in einer 20-minütigen Moderation anzuleiten, und den eigenen Umgang mit Stress, das eigene Zielbild und Organisationsmuster zu verstehen und die Organisationale Resilienz ihrer eigenen Organisation zu reflektieren.

Die Positionierung im 3. Semester ist vielversprechend. Das Seminar fördert gruppendynamische Prozesse im Bachelor-Jahrgang. Zum einen kennen sich die Teilnehmer mittlerweile ein Jahr, und haben daher die Storming- und Norming-Phase vielfach hinter sich gelassen, zum anderen sind die Studierenden noch nicht kurz vor der Bachelorarbeit und somit für Herausforderungen sehr offen.

Der angewandte Methodenmix hat sich als innovativ und nachhaltig erwiesen, insbesondere fühlten sich viele Studierenden am Schluss des Semesters in der Lage, kleine Aufgaben in der Organisationsentwicklung ihres Unternehmens durchzuführen.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelorprogamms "Sozial- und Verwaltungsmanagement" an der FH Oberösterreich am Campus Linz, 3. Semester, berufsbegleitend

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.