Lehrveranstaltung zu Projektmanagement & Evidence Based Nursing im Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankheitspflege

Umgesetztes Projekt

Ziele

Eine Lehrveranstaltung zu Projektmanagement und Evidence Based Nursing im Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege an der FH St. Pölten wurde neugestaltet und nach Prinzipien des Inverted Classroom Modells (ICM) sowie des forschenden Lernens ausgerichtet. Die Studierenden führten, ausgehend von Vorbereitungsmaterialien selbst Recherchen durch und analysierten Ergebnisse. Basierend auf diesen Materialien und Aufgaben wurden die Präsenzphasen interaktiv gestaltet, wobei auch Improvisationsmethoden zum Einsatz kamen. Ein wesentliches Element der Lehrveranstaltung war die selbstständige Planung, Umsetzung und Dokumentation eines Projektes durch die Studierenden. Ausgehend von den vorangegangenen Schritten haben sie diese in einer intensiven Weise inhaltlich sowie methodisch mitgestaltet, was eine Form des forschenden Lernens und des Anwendens von Wissen darstellt.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Eine Lehrveranstaltung zu Projektmanagement und Evidence Based Nursing im Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankenpflege an der FH St. Pölten wurde neugestaltet und nach Prinzipien des Inverted Classroom Modells (ICM) sowie des forschenden Lernens ausgerichtet. Die Studierenden führten, ausgehend von Vorbereitungsmaterialien selbst Recherchen durch und analysierten Ergebnisse. Basierend auf diesen Materialien und Aufgaben wurden die Präsenzphasen interaktiv gestaltet, wobei auch Improvisationsmethoden zum Einsatz kamen. Ein wesentliches Element der Lehrveranstaltung war die selbstständige Planung, Umsetzung und Dokumentation eines Projektes durch die Studierenden. Ausgehend von den vorangegangenen Schritten haben sie diese in einer intensiven Weise inhaltlich sowie methodisch mitgestaltet, was eine Form des forschenden Lernens und des Anwendens von Wissen darstellt.

Kurzzusammenfassung (engl.)

A course on project management and evidence based nursing in the bachelor program Health and Nursing at St. Pölten University of Applied Sciences has been redesigned and aligned with the principles of the Inverted Classroom Model (ICM) and research-based learning. The students used preparatory materials, added own research and analyzed results. Based on these materials and tasks, the attendance phases were designed interactively, using improvisation methods as well. An essential element of the course was the independent planning, implementation and documentation of a project by the students. Based on the previous steps, the students coauthored the projects in an intensive way, both in terms of content and in terms of methods, which is a form of research learning and applying knowledge.

Nähere Beschreibung

Ausgangspunkte

Die Themenfelder Projektmanagement und Evidence Based Nursing (EBN) haben nach Behrens und Langer (2016) in der Ausbildung Gesundheits- und Krankenpflege erst in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und sind seit 2015 ein Aspekt der Akademisierung der Pflege.

Bei EBN handelt es sich „um eine Integration der besten wissenschaftlichen Belege in die tägliche Pflegepraxis ...“ (Marquardt, 2017, S. 15). Neben der praktischen Erfahrung fließen so auch aktuelle Forschungsergebnisse bzw. der intensive Dialog mit PatientInnen und im interdisziplinären Team mit ein. Die Lehrveranstaltung zu Projektmanagement in Kombination mit Evidence Based Nursing ist ein wichtiger Baustein, um Kompetenzen Studierender zum wissenschaftlichen Denken und Handeln zu fördern – umgesetzt wird diese von Manuel Schwanda gemeinsam mit Stefan Rottensteiner und Petra Kozisnik. An der Umsetzung hat sich auch Christian F. Freisleben-Teutscher vom hochschuldidaktischen Zentrum der FH St. Pölten beteiligt.

Die Lehrveranstaltung besteht aus drei Bausteinen: Auseinandersetzung mit Projektmanagement und EBN sowie die Entwicklung und Umsetzung eines Projekts durch die Studierenden. Wichtig war dem Lehrveranstaltungsteam dabei, Prinzipien des forschenden Lernens umzusetzen: Studierende sind intensiv miteinbezogen in der Entwicklung von Forschungsfragen, bei der Wahl und Ausführung von Methoden bis hin zur Auswertung von Ergebnissen. Wesentliche Aspekte sind dabei ein stark selbstständiges Arbeiten sowie die aktive Mitarbeit in Projekten (Huber, o. J.)

Da es auch um Schlüsselkompetenzen wie Selbstorganisation, Recherche, Strukturierung und Anwendung von Informationen geht, ist die Anwendungen von Prinzipien des Inverted Classroom Modells (ICM) sehr naheliegend (Handke et. al., 2012).

Als weiteres Gestaltungsprinzip kamen bei der Lehrveranstaltung Methoden der Angewandten Improvisation zum Einsatz, also u. a. assoziative Herangehensweisen und improvisierte Kurzszenen.

Vera und Crossan (2005) betonen, dass Improvisationsmethoden den Umgang mit komplexen, unbekannten oder ungewohnten Situationen unterstützen: Dies gilt auch für die Konzeption sowie für die Planung und Umsetzung von Projekten. In der Lehrveranstaltung wurden Improvisationsmethoden in einen Bezug zu Projektmanagement gestellt und u. a. auf folgende Zusammenhänge eingegangen. Improvisationsmethoden fördern bzw. kommen zum Einsatz u. a. bei:

• Initialisierung und Begleitung von Projektteams

• Finden, Eingrenzen und Konkretisieren von Projektthemen / -ideen sowie die Reflexion der Art und Weise ihrer Umsetzung

• Analyse von Ausgangssituationen, Bedürfnissen, Ängsten und Hoffnungen von Zielgruppen – unterstützt wird ein partizipatives Miteinander

• Erforschung / bewusste Wahrnehmung & Gestaltung von Projektsettings

• Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken von Projekten, Projektphasen sowie Entwicklung & Konkretisierung von verschiedenen Handlungsvarianten

• Visualisierung / Konkretisierung der Projektplanung und (schrittweisen) –reflexion

• Analyse bzw. Erforschung von Effekten des Einsatzes / Umsetzung verschiedener Projektphasen und Projektmethoden

(Lehner, 2001; Hoffman, Utley, & Ciccarone, 2005; Leybourne, 2009; Klein, Biesenthal & Dehlin, 2015)

 

Ziele der Lehrveranstaltung

Die Studierenden des Bachelorstudiengangs Gesundheits- und Krankenpflege an der Fachhochschule St. Pölten wurden dabei begleitet, sich intensiv mit Hintergründen und Methoden des Projektmanagements im Pflegebereich sowie mit Grundlagen und Werkzeugen von EBN auseinanderzusetzen.

Die Lehrveranstaltung bestand aus drei Themenblöcken: Einen, in dem Projektmanagement im Vordergrund stand sowie einem Themenblock zu EBN – wobei dabei immer wieder Verbindungen zwischen diesen beiden hergestellt wurden. Der dritte Teil war schließlich der noch intensiveren Umsetzung gewidmet: Die Studierenden erhielten einen Projektauftrag, den sie dann möglichst selbstständig planen, umsetzen und dokumentieren sollten.

 

Umsetzung in der Lehrveranstaltung

Ausgehend von den Grundprinzipen des ICM erhielten die Studierenden Zugang zu vielfältigen schriftlichen Materialien in Bezug auf EBN und Projektmanagement sowie Links zu kurzen Lehrvideos zum Thema. Weiters wurden die Studierenden online via Moodle über den Aufbau sowie Ablauf der Lehrveranstaltung informiert.

 

Ein wesentliches Element um ICM umzusetzen ist, die Verknüpfung solcher Materialien und Informationen mit Aufgaben: So erhielten die Studierenden einen Grundlagentext zu Projektmanagement und einen Lückentext, den sie eigenständig ausfüllen sollten – das Ziel war dabei die intensivere Auseinandersetzung mit Grundprinzipien des Projektmanagements sowie sich einen Überblick zu möglichen Methoden des Projektmanagements im Gesundheitswesen zu verschaffen. Weiters wurde ein Skriptum und ein Buchauszug zur Verfügung gestellt, mit dem Auftrag, sich mit diesen auf die erste Präsenzphase vorzubereiten.

In der ersten Präsenzphase wurde nach einem Überblick zur Lehrveranstaltung zunächst eine Improvisationsmethode, der ‚Chaosgenerator‘ eingesetzt: Studierende machten dazu in Kleingruppen ein Brainstorming: „Was kann unternommen werden damit ein Projekt garantiert einen negativen Ausgang hat?“ In einer ersten kurzen Phase sollten sich die Beteiligten ein mögliches Projekt im Pflegebereich überlegen. Genutzt werden konnte dabei Wissen aus den auf Moodle zur Verfügung gestellten Unterlagen. Diese Form des assoziativen respektive paradoxen Denkens war eine ideale Ausgangsbasis und lieferte Ideen für die folgende Phase: Studierende erhielten ein Kuvert, das Schritte eines Projektes aus dem Bereich Pflege enthielt. Dafür wurden Projektbeschreibungen zerschnitten und einzelne Elemente bewusst ausgelassen. Die Aufgabenstellung für Kleingruppen war, die Schritte richtig zu reihen und zu definieren, welche Elemente fehlen. Ein interessantes Ergebnis war, dass Studierenden dabei Elemente identifizierten, die ebenso im vollständigen Dokument – also vor der Auslassung – gefehlt hätten. Auch hier konnten sie Vorwissen aus der Phase des selbstständigen Lernens auf einem hohen Niveau anwenden.

Vertiefend eingegangen wurde im Weiteren noch auf ein schon im Vorfeld zur Verfügung gestelltes Template, mit dem die Studierenden ihre eigenen Projekte planen sollten: Eine ideale Ergänzung der vorangehenden Schritte, was auch an den tiefgehenden Fragen und Anmerkungen der Studierenden zu merken war.

 

In der zweiten Präsenzveranstaltung wurden offene Fragen zum Thema Projektmanagement diskutiert, wobei deutlich wurde, dass Studierende sich schon intensiv mit den Inhalten auseinandergesetzt hatten. Darauf baute ein kurzer Input zur Praxis und Schwierigkeiten des Projektmanagements in Settings wie Krankenhaus und mobile Pflege auf. Weiters folgte eine Methode aus der angewandten Improvisation: Gearbeitet wurde in Kleingruppen mit 5 Studierenden; jeweils drei Personen zeigten ein Körperbild, das für ein ‚Problem / eine besondere Herausforderung im Projektmanagement‘ stand – sie nehmen also eine spezifische Körperhaltung ein. Dieses sollte von den anderen 2 - 3 Personen gespiegelt und anschließend von der ersten Gruppe noch intensiver ausgestaltet werden. Es entstanden vielfältige Bilder, die als Basis für eine tiefgehende Diskussion zum Thema Projektmanagement im Gesundheitswesen dienten: z. B. Personen, die sich einander intensiv zuwenden; Personen, die sichtlich gemeinsam intensiv Gedanken austauschen; Personen, die sehr chaotisch agieren...

Dies lieferte wichtige Ausgangspunkte für eine in die Präsenzphase integrierte Besprechung in drei Projektgruppen, die jeweils von einem/einer Lehrenden betreut wurde: Vorgestellt wurden die grundsätzliche Idee des Projekts sowie der Projektauftrag. Die Studierenden konnten dabei eigene Schwerpunkte, Fragestellungen bzw. Schärfungen des Projekts einbringen. Weiters wurden in den drei Gruppen – dabei waren zwei der Gruppen in jeweils zwei Subgruppen geteilt – die Rollen wie z. B. Projektleitung, ProjektmitarbeiterInnen, etc. verteilt.

Die nächsten beiden Präsenztermine standen im Fokus von EBN: Ausgehend von Vorbereitungsmaterialien hatten Studierende zuvor online in einem Self-Assessment angegeben, wie viel sie schon zum Thema EBN wissen. Weiters bestand die Aufgabe in Kleingruppen eine Zusammenfassung/ein Exzerpt von online zur Verfügung gestellten EBN-Texten zu erstellen. Eine Anforderung war dabei die korrekte Zitation der zusammengefassten Literatur.

In den Präsenzphasen wurden die Inhalte aus den Unterlagen vertieft bzw. war ein Schwerpunkt, in Kleingruppen mit GRADE, einem Instrument zur Beurteilung von wissenschaftlichen Studien um Empfehlungen für Interventionen im Gesundheitsbereich zu geben, zu arbeiten. Beurteilt wird hier die Wahrscheinlichkeit, ob weitere Forschung mit demselben Design zu denselben Ergebnissen und Effekten führt bzw. ob weitere Forschung nötig ist (Behrens & Langer, 2016).

Zum Einsatz kam auch eine Improvisationsmethode: Die vorgebende Frage war „Woran ist im Stationsalltag oder z. B. bei einer Teamsitzung zu bemerken, dass EBN umgesetzt ist? Was ist anders als vorher?“ Studierende gestalteten dazu spontan Körperbilder mit „Vorher“ & „Nachher“ bzw. wählten die Form einer sehr kurzen improvisierten theatralen Szene mit Text – in beiden Fällen wurde deutlich, dass sich die Studierenden im Vorfeld selbstständig mit EBN auseinandergesetzt hatten.

Die dritte Phase der Lehrveranstaltung war die Planung und Umsetzung eines Projektes. So gestaltete eine der Gruppen ein Rätselheft für den Bereich Pflege, wobei Fragestellungen und Antworten mit wissenschaftlichen Quellen belegt sind. Die Studierenden setzten sehr eigenständig Wissen aus den Vorbereitungs- und Präsenzphasen um. In einer anderen Gruppe wurde ein Gesundheitspräventionsprogramm in einer Neuen Mittelschule konzipiert und teils umgesetzt, ein weiteres Projekt waren Erhebungen (inkl. Interviews) zum Gesundheitszustand von Personen 65+ in der Stadt St. Pölten. Insgesamt zeigte sich bei allen Projekten eine intensive Praxiserfahrung, wie sich ein Projekt mit einem größeren Team im Gesundheitsbereich vorbereiten und umsetzen lässt.

 

Resümee & Ausblick

Die Lehrveranstaltung ist ein gutes Beispiel für forschungsgetriebene Lehre: Studierende beschäftigen sich intensiv mit Materialien, recherchieren zu diesen selbst und setzen dann Projekte um, die wiederum eng mit verschiedenen Forschungsmethoden verwoben sind. Gefördert wird so ein sehr eigenständiges Tun. Ein wichtiges Element sind dabei auch die Improvisationsmethoden, die das für Projektmanagement so wichtige kreative und agile Denken sowie Handeln unterstützen.

Die Lehrveranstaltung wird in Wintersemester 2018/19 wieder auf ähnliche Weise umgesetzt. Dabei werden die Erfahrungen aus der ersten Umsetzung genutzt – so ist die Lehrveranstaltung selbst ein Beispiel für eine iterative Vorgangsweise. Weiterentwickelt und noch besser aufeinander abgestimmt werden u. a. die Reihenfolge und Intensität der einzelnen Schritte in den Vorbereitungs- und Präsenzphasen.

 

 

Literatur

Behrens, J., & Langer, G. (2016). Evidence-based Nursing and Caring. Methoden und Ethik der Pflegepraxis und Versorgungsforschung. Bern: Hogrefe.

Handke, J., Loviscach, J., Schäfer, A. M. & Spannagel, C. (2012). Inverted Classroom in der Praxis. In B. Berendt, B. Szczyrba, & J. Wildt (Hrsg.), Neues Handbuch Hochschullehre (E 2.11, 1-18). Berlin: Raabe.

Hoffman, A., Utley, B., & Ciccarone, D. (2008). Improving medical student communication skills through improvisational theatre. Medical Education, 42(5), 537–538. doi.org/10.1111/j.1365-2923.2008.03077.x

Huber, L. (o. J.). Forschendes Lernen: Begriff, Begründungen und Herausforderungen. Zugriff am 7. 3. 18 unter dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de/lehreladen/lehrformate-methoden/forschendes-lernen/begriff-begruendungen-und-herausforderungen/

Klein, L., Biesenthal, C., & Dehlin, E. (2015). Improvisation in project management: A praxeology. International Journal of Project Management, 33(2), 267–277.

Lehner, J. M. (2001). Planung, Formalisierung und Improvisation. In J. M. Lehner (Hrsg.), Praxisorientiertes Projektmanagement (93–113). Wiesbaden: Gabler Verlag. doi.org/10.1007/978-3-322-84442-2_6

Leybourne, S. A. (2009). Improvisation and agile project management: a comparative consideration. International Journal of Managing Projects in Business, 2(4), 519–535. doi.org/10.1108/17538370910991124

Marquardt, L. (2017). Evidenzbasierte Medizin und Pflege. In C. Fiedler, M. Köhrmann, & R. Kollmar (Hrsg.), Pflegewissen Stroke Uwnit. Fachwissen Pflege (13-22). Berlin, Heidelberg: Springer.

Vera, D., & Crossan, M. (2005). Improvisation and Innovative Performance in Teams. Organization Science, 16(3), 203–224. doi.org/10.1287/orsc.1050.0126

Positionierung des Lehrangebots

5. Semester im Bachelorstudiengang Gesundheits- und Krankheitspflege (Gesamtumfang: 3 ECTS-Punkte)

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.