Tabu und (Hoch)Schule - Grenzgänge in Bild und Dialog

Umgesetztes Projekt

Ziele

1.) Semesterübergreifende Lehrveranstaltung im WiSe 2016/17 und im SoSe 2017

In der einjährigen Forschungs- und Filmwerkstatt mit dem Titel „Tabu und Hochschule – Grenzgänge in Bild und Dialog“ “ wurden die Studierenden dazu angeregt, sich mit Tabus und Tabubrüchen in formalen Bildungskontexten wie der Schule und der Hochschule sowohl transdisziplinär und künstlerisch, als auch performativ-reflexiv und multimedial auseinanderzusetzen. Dem Angebot lag ein strukturiertes und kompetenzorientiertes Konzept zugrunde, das in Zusammenarbeit mit dem italienischen Filmemacher und Künstler dott. Roberto Paci Daló und dem deutschen Anthropologen und Filmemacher Mag. Sebastian Fricke entworfen und stetig weiterentwickelt wurde. Der Schwerpunkt lag auf der Verbindung von Theorie (v. a. soziologische, anthropologische, bildungswissenschaftliche und psychologische bzw. psychoanalytische Zugänge) und praktischer Anwendung bzw. Umsetzung des Gelernten, wobei ein besonderer Fokus auf die Zusammenführung von theoretischem Wissen (wissenschaftlich-empirischer Zugang) und ästhetischer Erfahrung (künstlerischer Zugang) gelegt wurde. An die kompetenzorientierte Lehre ausgerichtet wurden auch die „Produkte“ des Projekts: der in Einzelarbeit verfasste und an den persönlichen Lernergebnissen und -erfolgen orientierte Projektbericht und insbesondere der gemeinsam erstellte Kurzfilm „s p o n d e o – Lost Oaths in Academia“ (https://www.youtube.com/watch?v=nrWs6c-J-yo).

Ziel der Lehrveranstaltung war die Beantwortung der forschungsleitenden Fragestellungen, welche ungesagten und untersagten Phänomene innerhalb formaler Bildungskontexte wie der Schule und der Hochschule eine Rolle spielen und wie deren bildendes Potenzial anhand von ästhetischen Darstellungsformen für die Lehrer/-innenbildung, die Schulentwicklung und die Hochschuldidaktik nutzbar gemacht werden können, insbesondere unter Berücksichtigung der Mechanismen von Tabus, wie beispielsweise der Sanktionsformen bei ihrer sprachlichen Explikation. Bei der projektorientierten Lehrveranstaltung handelte es sich somit um eine forschungsbasierte Veranstaltung mit künstlerischer Ausrichtung, welche unmittelbar der Weiterentwicklung der Lehrer/-innenbildung diente und einen Beitrag zur Innovation hochschuldidaktischer und schulischer Ausbildungsformen sowie der Professionalisierung von Lehrer/-innen leistete. Die in der Lehrveranstaltung behandelten Themenstellungen zielten sowohl auf die Vermittlung von pädagogischem und forschungsrelevantem Basiswissen als auch auf den Erwerb spezifischer beruflicher Kompetenzen ab. Die Studierenden sollten im Zuge der Auseinandersetzung mit wichtigen Themen im Rahmen der Lehrer/-innenbildung und Hochschulforschung folgende spezifische Lern- und Bildungsziele erreichen:

• Grundlegende theoretische und empirische Erkenntnisse der Tabuforschung aus soziologischer, anthropologischer, psychoanalytischer und künstlerischer Perspektive in formalen Bildungsinstitutionen rezipieren und einordnen können.

• Tabus in Prozessen der formalen Bildung und des Lernens als bedeutsame Phänomene, welche sowohl dem Fortbestand als auch der Innovation von Systemen dienen, erkennen können.

• Relevante Phänomene des Ungesagten und Untersagten im Rahmen von formalen Bildungskontexten identifizieren und deren Wirkmächtigkeit für eigene professionelle Tätigkeiten einschätzen können.

• Kulturspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Hinblick auf die Art und Struktur von Tabus demaskieren können.

• Strategien der Bewusstwerdung, Sichtbarmachung und Inszenierung von Ungesagtem kennen lernen.

• Ästhetische Darstellungsformen von Enttabuisierungs- sowie Tabuisierungsprozessen kennen lernen, um diese für die eigene Lehr- und Führungstätigkeit einsetzen zu können.

• Erfahrungen im Zuge der Inszenierung von Tabubrüchen verbalisieren, um diese Erfahrungen für die eigene Praxis im Rahmen von Schule und Unterricht nutzen zu können.

• Sich methodisch-didaktische und forschungsbezogene Fähigkeiten sowie Kompetenzen wissenschaftlichen Arbeitens aneignen, indem zu Projektbeginn empirisch tabuisierte Themenfelder erhoben und ausgewertet wurden.

• Die empirisch erhobenen Themenfelder und ihre narrativen Elemente in Bildsprache übersetzen, wobei der Ikonografie des Tabus Rechnung getragen wurde, indem auf bereits verwendetes bzw. thematisiertes Bildmaterial im Kontext der Filmwissenschaften sowie der Fotografie zurückgegriffen wurde.

• Sich gruppenbezogene Fähigkeiten aneignen und soziale Kompetenzen, wie jene der Selbstständigkeit und der Verantwortungsübernahme ausbilden.

• Fähigkeiten im Projektmanagement erwerben, indem das Lehreprojekt von Beginn an von allen teilnehmenden Studierenden begleitet wurde und diese im Prozess der Konzeption, Erhebung von Daten und Dissemination der Ergebnisse im öffentlichen Raum eingebunden waren.

Links zu Vorlesungsverzeichnis und Lehrveranstaltungsbeschreibungen:

orawww.uibk.ac.at/public_prod/owa/lfuonline_lv.details

orawww.uibk.ac.at/public_prod/owa/lfuonline_lv.details

 

2.) Öffentliche Filmpräsentation und Podiumsdiskussion

An einem für die Öffentlichkeit veranstalteten Themenabend mit dem Titel „Tabulose Uni? Grenzgänge in Bild und Dialog“ (http://www.alpenfeuilleton.at/2017/07/tabulose-uni/) fand die transdisziplinäre sowie forschungs- und anwendungsbezogene Lehrveranstaltung ihren Abschluss.

Im ersten Teil der Veranstaltung wurde der Kurzfilm „s p o n d e o – Lost Oaths in Academia“ präsentiert und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vor dem Hintergrund der Filmpräsentation erfolgte im zweiten Teil der Veranstaltung die Podiumsdiskussion mit unterschiedlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bzw. Vertreterinnen und Vertretern wirtschaftlicher, pädagogischer und beratender Institutionen zu unausgesprochenen Übereinkünften in formalen Bildungskontexten und den von den Studierenden im Rahmen der Projekteseminars ermittelten Themenfeldern „Obdachlosigkeit“, „Akademisches Prekariat/ Arbeitslosigkeit bei Akademikerinnen und Akademikern“, „Professionalität am Arbeitsplatz“, „Scheitern und Leistungsdruck“, „Sexuelle Gewalt“ und „Kunst als Medium der Auseinandersetzung in Tabukontexten“. Dabei stand die Beantwortung folgender Fragen im Vordergrund:

• Über welche Phänomene darf an formalen Bildungseinrichtungen wie der Schule und Hochschule nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden?

• Was bleibt ungesagt, wird heimlich oder wortlos praktiziert?

• Welche Funktion übernehmen Tabus in formalisierten Einrichtungen und wie kann damit produktiv umgegangen werden?

• Welche Möglichkeiten des Ansprechens (ohne Aussprechens) von Tabus gibt es und wie könnte sich ein Tabudiskurs gestalten?

Da die Thematisierung des wirkmächtigen Phänomens „Tabu“ die Grundfeste von Bildungs- und Wissenschaftssystemen in Frage stellt, werden Tabus vielerorts in einen Mantel des Schweigens gehüllt. Kommunikation derselben stellen in diesem Sinne bereits einen Tabubruch dar. Indem Tabus und Tabubrüche im Hochschulkontext gemeinschaftlich reflektiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, führten sie als Tabubrüche zur Begründung eigener Verhaltensorientierungen und zur Reflexion selbstverständlicher Wertsetzungen. Damit wohnt ihnen die Chance zu Veränderung und Innovation von Universitäten und anderen (hoch-)schulischen Einrichtungen inne. Die Dissemination im Rahmen der öffentlichen Podiumsdiskussion wurde von den Studierenden maßgeblich aus- und mitgestaltet. Die Studierenden wurden dadurch in Prozesse der wissenschaftlichen Dissemination von Erkenntnissen involviert, wodurch wesentliche Schritte wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeitens kreativ, ansprechend und kompakt vollzogen werden konnten.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Das einjährige Projekt wurde im Rahmen einer zweisemestrigen LV im Studienjahr 2016/2017 an der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit 25 Studierenden, zwei Wissenschaftlerinnen, einem italienischen Künstler und einem Münchner Filmemacher verwirklicht. Als Ergebnis entstand ein vierminütiger Kurzfilm mit dem Titel „s p o n d e o – Lost Oaths in Academia“, der unausgesprochene Konventionen an österreichischen Universitäten thematisiert, die dem gesellschaftlichen Diskurs oft verborgen bleiben. Um herauszufinden, welche akademischen Felder Tabuisierungsprozessen unterworfen sind, führten die Studierende problembezogene Interviews mit verschiedenen Akteurinnen und Akteuren im Kontext Hochschule. Als Vorbereitung wurden sie mit soziologischen, anthropologischen und psychoanalytischen Ansätzen der Tabuforschung konfrontiert. Durch eine Analyse der Interviews konnte ermittelt werden, wie sich Tabuisierungsprozesse in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten manifestieren. In einem nächsten Schritt wurde erarbeitet, wie sich „Unausgesprochenes“ sowohl text- wie auch bildsprachlich festhalten lässt. Es wurde ein Drehbuch für einen Kurzfilm verfasst, dieser gedreht und vorgestellt. Der Film bildete die Grundlage der öffentlichen Filmpräsentation und Podiumsdiskussion „Tabulose Uni? Grenzgänge in Bild und Dialog“ (http://www.alpenfeuilleton.at/2017/07/tabulose-uni/),dem Vertreter/innen aus Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft sowie ein Publikum von 150 Teilnehmenden beiwohnten.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The project was realized within the framework of a two-semester seminar in 2016/2017 at the University of Innsbruck, involving the ideas of 25 students, working together with two researchers, an Italian artist and a Bavarian filmmaker. As an interdisciplinary team, they tried to tell a story about unspoken social conventions at Austrian schools and universities, which have often remained hidden from social discourse. Hence, students produced a 4-minutes-long film, named “s p o n d e o – Lost Oaths in Academia”, which gave them a voice to address taboos in the academic context. In order to find out, which phenomena undergo processes of tabooing, students conducted problem-based interviews with various people involved in academia. Prior to this interview survey, students were confronted with sociological, anthropological and psychoanalytical approaches to taboo theory in a project-related seminar to identify, how tabooing processes manifest themselves in various social and cultural contexts and how to approach “the Unspoken” by using language. The results of the interviews were then analyzed, having guided students to various areas of tabooing in the academic context (e g. homelessness, hierarchical power structures etc.). The film formed the starting point for a public presentation and panel discussion entitled “Tabulose Uni? Grenzgänge in Bild und Dialog“ (http://www.alpenfeuilleton.at/2017/07/tabulose-uni/) with representatives from the arts, business and academic field.

Nähere Beschreibung

Über welche Phänomene darf an formalen Bildungseinrichtungen wie der Schule oder der Hochschule nicht oder nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen werden? Was bleibt ungesagt, wird heimlich oder wortlos praktiziert? Als unausgesprochene Übereinkünfte und implizite Regeln dienen Tabus dem Fortbestand von gesellschaftlichen Systemen. Da die Thematisierung derartig wirkmächtiger Phänomene die Grundfeste des Schul- und Hochschulsystems grundsätzlich in Frage stellen würde, werden sie vielerorts in einen Mantel des Schweigens gehüllt. Wiederum andere sind unbekannt, dem Bewusstsein nicht zugänglich und verbleiben somit auf einer un- oder vorbewussten Ebene. Tabubrüche, die der Unkenntnis über Grenzziehungen und stillschweigenden Konsensfähigkeiten geschuldet sind, können – positiv gewendet – jedoch auch als Ausdruck produktiver Krisen gewertet werden, denn sie nötigen zur Begründung eigener Verhaltensorientierungen, zur Reflexion selbstverständlicher Wertsetzungen und zum Überdenken von Erwartungshaltungen. Damit beinhalten sie die Chance zur Veränderung und Innovation – die nicht nur für Tabus per se gilt, sondern in gleicher Weise für professionelles Handeln von (zukünftigen) (Hochschul-)Lehrer/-innen und für formale Bildungsinstitutionen in ihrer Gesamtheit.

 

1.) Semesterübergreifende Lehrveranstaltung im WiSe 2016/17 und im SoSe 2017:

Das Lehrveranstaltungsangebot gliederte sich in unterschiedliche thematische Schwerpunkte, angefangen von der konzeptionellen, theoretischen und empirischen Hinführung zum Thema der Lehrveranstaltung, über die künstlerische Ausarbeitung eines Kurzfilms bis hin zur öffentlichen Präsentation und Diskussion des Projektes und des dabei entstandenen Kurzfilms „s p o n d e o – Lost Oaths in Academia“ (https://www.youtube.com/watch?v=nrWs6c-J-yo). Die konzeptionelle, theoretische und empirische Hinführung wurde jeweils von einem Impulsvortrag eingeleitet, welche die transdisziplinäre und method(olog)ische Annäherung von Tabuverletzungen und Tabuüberschreitungen in formalen Bildungskontexten zum Thema hatte. So bringen beispielsweise – in einer psychoanalytischen Sichtweise – Sigmund Freuds Versuche zur Begriffsbestimmung nicht nur elementare Grundstrukturen, sondern auch schöpferische Genese und reproduktiven Zwangscharakter und damit jene Ambivalenzen von Tabus in den Blick, welche als ihr entscheidendes Charakteristikum gelten. Damit zeigt sich eine mit dem Tabu verbundene, ihrer Bedeutung nach entgegengesetzte Koppelung von Ehrfurcht und Abscheu, Abschirmung und Isolation, Tradition und Innovation sowie Gehorsam und Freiheitsdrang. Der Anschein wird erweckt, als ob durch Tabus die Erfahrung von Neuem und Fremdem zwar nicht gänzlich abgelehnt, jedoch begrenzt und vor Vereinnahmung geschützt werden soll. Die Unverständlichkeit, tabubesetzte Phänomene nachzuvollziehen und zu verstehen bzw. die Schwierigkeit, Zugang zu Tabus zu erhalten, ist bis in die heutige Zeit erhalten geblieben. So beruht die Macht eines Tabus auf dem von der Gemeinschaft geteilten Glauben, dass ein Verstoß ernstzunehmende Konsequenzen nach sich zieht. Dadurch wird das Tabu wahrnehmbar und handlungsleitend. Doch erst bei einem Tabubruch tritt das Tabu aus dem Bereich der Intimität und Privatheit in eine Sphäre der Öffentlichkeit.

In Abgrenzung zu explizit formulierten und rational begründeten Verboten werden Tabus durch implizite moralische Imperative im Laufe des Erziehungsprozesses internalisiert und somit gesteuert. Das Gewissen als „innere“ Zensurinstanz unterbindet die Ausführung einer Handlung und zwar ohne, dass sich die Menschen als von „außen“ delegiert bzw. angetrieben erfahren. Anstatt kodifizierter Strafen stellen sich leibliche Sanktionsmechanismen wie Schuldgefühle, Scham, Ekel und Abscheu ein. Das kollektive Gewissen unterliegt in diesem Sinne der Übereinkunft der Gemeinschaft, die vorgibt, was als verwerflich aufgefasst und daher unterbunden werden muss. Neben den ambivalenten, kreativen und reproduktiven Komponenten sind Tabus damit nicht nur moralisch, sondern auch emotional kodiert.

Aus soziologischer Perspektive entspringen Tabus damit den kollektiv geteilten Vorstellungen einer kulturellen Gemeinschaft über das je kontextspezifische Verhalten eines Subjekts. Insbesondere neuere Studien im Bereich der Tabuforschung betonen diese kultur- und kontextspezifische Modellierung von Tabus. Durch Tabus als raffiniertes Instrument der Zensur werden gesellschaftliche Bereiche sowie kollektive Handlungen vor Veränderung und Vermischung geschützt. Das Tabu als soziale Selbstverständlichkeit und Grundwahrheit einer Gemeinschaft setzt demzufolge eine umfassende Kenntnis von normativen Verhaltenskodizes, Personen und Gegenständen voraus und fordert ein entsprechend angepasstes Verhalten in zwischenmenschlichen Beziehungen. Tabus markieren und etablieren folglich Grenzen des Machbaren und Sagbaren, der Inklusion und Exklusion, gewährleisten die Anerkennung von Autoritäten und sichern damit Herrschaftsverhältnisse und bestehende soziale Ordnungen, das vor allem in formalisierten Bildungseinrichtungen vonnöten sind.

Neben einer einführenden theoretischen und transdisziplinären Annährung an tabuisierte Phänomene an formalen Bildungseinrichtungen, welche von Seiten der Dozentinnen vorgenommen wurde, erfuhren diese Unterstützung von dem international bekannten Künstler und Filmemacher, dott. Roberto Paci Daló der Università degli Studi der Republik von San Marino (Italien) und dem Münchner Anthropologen und Filmemacher Mag. Sebastian Fricke. In der Aufbereitung, Inszenierung, Konzeptionalisierung und dem Drehen von kurzen Filmsequenzen sowie in der anschließenden öffentlichen Präsentation und Podiumsdiskussion (siehe Beschreibung unten „Öffentliche Filmdiskussion und Podiumsdiskussion“ drive.google.com/file/d/1QeS7-i_3zbgmpSPR0D5rb2qRBnQ1lfVL/view) des Kurzfilms wurden ungesagte und untersagte Themen ans Licht gebracht. Die Lehrveranstaltung förderte folglich das eigene gestalterisch-ästhetische Tun, welches im Zuge des gemeinsamen Aushandlungsprozesses der medialen Inszenierung von Tabus und Tabubrüchen eine reflexive Auseinandersetzung mit Tabuisiertem erreichen soll. Zudem regte sie zum Hinterfragen professionellen Handelns in formalen Bildungskontexten an und spürte Veränderungspotenziale für formale Bildungssysteme und ihrer Akteurinnen und Akteure auf.

Der Tabuübertretung wohnt eine besondere Faszination inne, die eine bemerkenswerte Eigenheit von Kunstsystemen (z. B. Film, Malerei und Theater) ausmacht. Die Darstellung des Obszönen, Gewalttätigen, Unheimlichen und Erotisch-Pornographischen hat in der Kunst einen eigenen Stellenwert beansprucht. Durch seinen fiktionalen Charakter gewährt das Medium Film beispielsweise einen sanktionsfreien Raum, um Tabus und Tabuüberschreitungen, beispielsweise das Obszöne, Gewalttätige, Unheimliche oder Erotisch-Pornographische im Sinne einer reflektierten Gesellschaftskritik zur Diskussion zu stellen sowie einem sinnlich-ästhetischen Erfahrungsprozess auszusetzen. In der Lehrveranstaltung wurde daher versucht, dem ästhetischem Potenzial von Tabus und (Ent-)Tabuisierungsprozessen auf die Spur zu kommen und Ungesagtes und Untersagtes im Zuge der kritisch-reflexiven Auseinandersetzung mit Filmmaterial im eigenen Erfahrungsraum zu verorten. So wurden z. B. im Zuge der Aufbereitung zeitgenössischer Filme zum (Hochschul-)Lehrer/-innenberuf und zur (Hochschul-)Lehrer/-innenbildung Tabuverletzungen und Tabuüberschreitungen herausgearbeitet (z. B. in Zusammenarbeit mit der Diplomandin Melanie Unterberger) und ihre Mechanismen, Funktionsweisen sowie Auswirkungen für Bildungssysteme und Lernende einer kritischen Diskussion unterzogen.

 

2.) Öffentliche Filmpräsentation und Podiumsdiskussion:

Der erste Teil der Veranstaltung bildete die öffentliche Präsentation des Kurzfilms „s p o n d e o – Lost Oaths in Academia“, welcher in Zusammenarbeit mit einem 25-köpfigen Studierendenteam und dem Filmemacher Mag. Sebastian Fricke und Künstler Roberto Paci Daló entstanden ist. Der Film thematisiert hochschulspezifische Tabus, indem er Grenzgänge und Grenzüberschreitungen (Tabubrüche) an der formalen Bildungseinrichtung „Universität“ theoretisch aufarbeitet, empirisch unterfüttert und performativ-reflexiv in Szene setzt. Durch seinen fiktionalen Charakter gewährt das Medium Film einen sanktionsfreien Raum um Tabuisierungsprozesse im Sinne einer reflektierten Gesellschaftskritik zur Diskussion zu stellen und einem sinnlich-ästhetischen Erfahrungsprozess auszusetzen.

Ausgehend von der Filmpräsentation erfolgte im zweiten Teil der Veranstaltung die Diskussion von unausgesprochenen Übereinkünften in formalen Bildungskontexten mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Expertinnen und Experten aus den empirisch ermittelten und filmisch thematisierten Interessensfeldern (z. B. Sprecherin der Caritas für das Thema Obdachlosigkeit; Sprecher der Arbeiterkammer für das Thema Universitäres Prekariat etc.). Im Mittelpunkt standen Themen wie Obdachlosigkeit, Scham und Leistungsdruck, sexuelle und genderspezifische Gewalt, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzungsmechanismen, aber auch das Thema Professionalität am Arbeitsplatz. Die Studierenden bereiteten die Veranstaltung vor und nach, d. h. sie waren u. a. für das Projektmanagement, die inhaltliche Gestaltung und Organisation des Themenabends und die Versorgung der Gäste zuständig.

Positionierung des Lehrangebots

Das Lehreprojekt wurde im Rahmen der pädagogisch-schulpraktischen Ausbildung in den Lehramtsstudien für die Sekundarstufe an der Universität Innsbruck angeboten und richtete sich v. a. an Lehramtsstudierende des 2. Studienabschnitts des auslaufenden Diplomstudiums. Gefördert wurden allgemeine Professionalisierungsschritte der Studierenden im Kontext ihrer Berufsambitionen, eigenverantwortliches Lernen und die Vermittlung anthropologischer und sozialer Mechanismen. Das Spektrum der angebotenen Inhalte orientierte sich einerseits an den zu vermittelnden Kompetenzen, andererseits an der Heterogenität der Studierenden. Die Studierenden lernten unterschiedliche transdisziplinäre und forschungsbezogen-intermediale Herangehensweisen kennen. Dadurch konnten sie parallel zu ihrem Fachstudium und der pädagogisch-didaktischen Grundausbildung weitere Schwerpunkte setzen. Sie erhielten die Möglichkeit, ihr individuelles Kompetenzprofil zu schärfen – fachnah, fachfremd und fachübergreifend.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.