Agile Wissensvermittlung – „IT Projektmanagement“ als agiles Lernkonzept

Umgesetztes Projekt

Ziele

IT Projektmanagement als Vorgehensmodell ist im Umbruch. Klassische Projekte werden immer mehr von agilen Vorgangsmethoden abgelöst. (StatusQuoAgile, 2017). Die Haupteigenschaft agiler Projekte liegt im experimentellen Vorgehen. In klassischen Projekten plant man und setzt danach entsprechend des Plans um. In agilen Projekten plant man nicht alles zu Beginn, sondern plant nur in kleinen Zyklen und lernt am Weg. Dies ist eine komplett neue Kultur und Denkweise für Projektmanager und Projektmanagerinnen und stellt selbst erfahrene Experten und Expertinnen der klassischen Schule vor die Herausforderung zu akzeptieren, dass zu Beginn noch nicht alles klar ist.

In Wissensvermittlung der Vorlesung IT Projektmanagement wurde bisher auch nach einem eher klassischen Ansatz vorgegangen. Zu Beginn der Lehrveranstaltung wurde geklärt wie die Vorlesung ablaufen wird und wann, welche Inhalte vermittelt werden. Ganz wie in einem klassisch geplanten Projekt. Dieses Vorgehen widerspricht aber dem agilen Ansatz.

Der Neuigkeitswert des Lehrveranstaltungskonzepts besteht darin, agile Kultur und Denkweise schon in der Wissensvermittlung, unterstützt von unterschiedlichsten e-learning Methoden, vorzuleben und für die Studierenden damit erfahrbar zu machen.

 

Quellen:

StatusQuoAgile, 2017: Studie zur Verbreitung und Nutzen agiler Methoden, Prof. Dr. Ayelt Komus, Moritz Kuberg, HS Koblenz, 2015

Kurzzusammenfassung (dt.)

Das vorgestellte Lehrkonzept der agilen Wissensvermittlung kann als Projekt mit Projektziel „Know How Aufbau“ betrachtet werden. Im Gegensatz zu klassischen Projekten wird jedoch nicht strikt nach Planung vorgegangen, sondern Studierende entscheiden selbst, welche Inhalte zuerst und auch wie diese erarbeitet werden sollen. Dieses iterative Vorgehen der Auswahl an Lehrinhalten ist das zentrale Element agiler Kultur und damit selbst Lehrinhalt der Lehrveranstaltung.

Bei der Auswahl der Lehreinheiten und Präsentation der Erarbeitung werden auch Rollen und Meetings agiler Projektmethoden simuliert.

Zusätzlich zu diesem „Erlebbarmachen“ agiler Kultur, erhalten die Studierenden schon in der ersten Lehreinheit einen Gesamtüberblick über den Lehrstoff. Dies fördert Engagement und Eigeninitiative, sowie Identifizierung mit den Inhalten.

Die zweite wesentliche Komponente des neuen Lehrkonzeptes ist die zentrale Rolle vielfältiger e-Learningmethoden und einem gemeinsam genutzten Moodle Kurs. Im Sinne des Konzepts des Constructive Alignments (BiggsTang, 2011), wählen die Studierenden selbst Erarbeitungs- und Vermittlungsmethoden der Lehrinhalte aus.

Das Konzept wurde erstmals im Sommersemester 2018 umgesetzt und das Engagement der Studierenden ist ein Beweis der Überlegenheit dieser Vermittlungsmethode im Gegensatz zu einer klassischen Vorlesungsstruktur.

 

Quellen:

BiggsTang, 2011: Teaching for Quality Learning at University, J. Biggs, C. Tang Open University Press Verlag, 2011

Kurzzusammenfassung (engl.)

The presented teaching approach of agile transfer of knowledge can be itself considered as a project to enhance know – how. As contrasted with classical projects, it will not strictly be proceeded according to plan but students will decide for themselves which contents to elaborate first and how. This iterative approach to select teaching contents is the central element of agile culture and therefore becomes itself the content of the lecture.

In the course of selecting the teaching units and presenting the development of those, roles and meetings of agile project methods will also be simulated.

Additionally to experiencing agile culture, students will be presented an overview of the whole teaching material in the first unit. This encourages commitment and self-initiative as well as identification with the contents.

The second essential component of the new teaching approach is the central role of diverse e-learning methods and a mutually used Moodle course. In terms of the Constructive Alignments (BiggsTang, 2011), the students themselves choose methods of how to acquire and develop the contents.

The concept was applied for the first time in the summer term and the dedication of the students can be seen as proof of superiority of this transfer of knowledge in contrast to a classical lecture.

 

References:

BiggsTang, 2011: Teaching for Quality Learning at University, John Biggs, Catherine Tang Open University Press, 2011

Nähere Beschreibung

Konzeptvorstellung Agile Wissensvermittlung

 

Einleitung:

 

Das vorgestellte Lehrkonzept verändert die Art der Wissensvermittlung grundlegend. Die traditionelle phasenweise Vermittlung, durch ein Vorgehen entsprechend agiler Kultur und Denkweise ersetzt und im Folgenden näher dargestellt. Das Konzept wurde in der Lehrveranstaltung „IT Projektmanagement“ im Masterstudiengang „Technisches Management – Vertiefung IT“ schon äußerst erfolgreich umgesetzt.

 

Ausgangssituation und agile Denkweise:

 

IT Projektmanagement als Vorgehensmodell ist im Umbruch. Klassische Projektprozesse werden immer mehr von agilen Vorgangsmethoden abgelöst. Die Haupteigenschaft dieser agilen Projekte liegt im experimentellen Vorgehen. In klassischen Projekten plant man und setzt danach entsprechend des Plans um. In agilen Projekten plant man nicht alles zu Beginn, sondern plant nur in kleinen Zyklen und lernt am Weg. Dies ist eine komplett neue Kultur und Denkweise für Projektmanager und Projektmanagerinnen und stellt viele Top-Experten und Top-Expertinnen der klassischen Schule vor die Herausforderung zu akzeptieren, dass zu Beginn noch nicht alles klar ist.

In der Wissensvermittlung der Lehrveranstaltung IT Projektmanagement wurde bisher auch nach einem eher klassischen Ansatz vorgegangen. Zu Beginn der Lehrveranstaltung wurde geklärt, wie die Vorlesung ablaufen wird und wann, welche Inhalte vermittelt werden. Ganz wie einem klassisch geplanten Projekt. Dieses Vorgehen widerspricht aber dem agilen Ansatz. Das neue Lehrkonzept lebt diese agile Kultur und Denkweise schon in der Wissensvermittlung selbst und macht den zentralen Inhalt der agilen Kultur für die Studierenden damit erfahrbar.

Agile Kultur klassisch zu vermitteln geht zwar in gewissem Maße. Doch agile Kultur agil zu vermitteln ist bei einer guten Umsetzung mittels blended learnings (BonkGraham, 2006) und Verwendung zahlreicher e-learning Tools in Moodle wesentlich ertragreicher.

Die Lehrveranstaltung IT Projektmanagement findet im letzten Semester des Masterstudiengangs Technisches Management mit Vertiefung IT statt. Nachdem der Studiengang Managementfähigkeiten im Bereich IT vermitteln soll, sprich künftige Abteilungsleiter und Abteilungsleiterinnen, IT Projektmanager und IT Projektmanagerinnen und Produktmanager und Produktmanagerinnen ausbilden soll, ist diese Lehrveranstaltung eine besonders wichtige Qualifikation. Doch das Konzept der agilen Wissensvermittlung ist nicht auf IT Projektmanagement beschränkt, sondern eignet sich auch für viele andere Themenbereiche. Besonders dann, wenn die Abhängigkeiten der Lehrinhalte nicht zu komplex sind.

 

Zielsetzung und Umsetzung:

 

Die Umsetzung des Konzeptes erfolgt in folgenden Schritten:

1) Analyse des gesamten Lehrinhaltes und Teilung in einzelne Lernelemente (User Stories)

 

2) Bewertung der User Stories und Sammlung didaktisch passender e-learning Methoden zur Erarbeitung.

 

3) Anlegen aller User Stories als leeres Grundgerüst in Moodle und Beschreibung der Erarbeitungsmethoden in Moodle für die Studierenden.

 

4) Sammlung passender Leistungsüberprüfungsmethoden der einzelnen User Stories

 

5) Definition eines Meilensteinplanes (Plan der Lehrveranstaltung im Semester) und einer Projektvision, direkt in Moodle (sprich Ziele der Lehrveranstaltung).

 

6) Kickoff-Einheit der Lehrveranstaltung mit den Studierenden:

• Klärung des Vorgehensmodells (Planning Meetings, Review Meetings, iterative Entwicklungszyklen (Sprints),…)

• Kurzüberblick über alle Lernelemente (User Stories)

• Definition der ersten User Stories zur Ausarbeitung im ersten Planning Meeting mit den Studierenden. Definition der „Abnahmekriterien“ (sprich Leistungsüberprüfung nach einem Sprint)

 

7) Danach haben die Studierenden bis zur nächsten Unterrichtseinheit Zeit, die User Stories zu erarbeiten um in der kommenden Präsenzeinheit im „Review Meeting“ zu präsentieren. Die Art und Weise der Erarbeitung wird durch Studierende und Vortragende gemeinsam definiert. Zur Auswahl stehen verschiedenste Methoden und e-learning Tools

Beispiel:

Die User Story „Rollen und Meetingarten in SCRUM“ kann mittels eines von den Studierenden selbst erstellten Onlinequizes in Moodle erarbeitet werden.

Für die User Story „Agile Kultur und Denkweise“ eignet sich besser ein „Brief an meine Großmutter“ in dem die Studierenden die agile Kultur möglichst einfach und simpel erklären.

 

8) Die Präsentation zu Beginn der nächsten Lehreinheit findet im sogenannten Review Meeting statt. Der oder die Vortragende entscheidet nach der Präsentation der User Story, ob diese abgenommen und abgeschlossen ist, oder nochmals erarbeitet werden muss. In derselben Lehreinheit findet auch das nächste Planning-Meeting statt. Hier werden im Sinne des agilen Vorgehensmodells die nächsten User Stories zur Umsetzung definiert.

 

9) Abgeschlossen wird die Lehrveranstaltung mit dem letzten Sprint Review Meeting. Ein finaler Test ist nicht wirklich notwendig. Denn Leistungsüberprüfungen finden in jedem einzelnen Sprint statt. Ganz im Sinne des formativen Assessments. (AsHd, 2007)

 

Kontinuierliche Verbesserung während der Lehrveranstaltung:

 

In agilen Entwicklungsumgebungen werden periodisch sogenannte Sprint Retrospective Meetings abgehalten. In diesen Meetings reflektiert das gesamte Team über die momentane Stimmung und Kultur im Projekt. Es geht nicht um den tatsächlichen Projektfortschritt, sondern um emotionale Fragen. Wie geht es mir im Projekt? Was hindert mich an produktiver Arbeit? Was können wir verbessern?

Diese Methodik zur kontinuierlichen Verbesserung wird auch im neuen Lehrkonzept leicht adaptiert, im Sinne des Feedbacks als didaktisches Steuerungselements, angewandt.

Nach dem ersten Drittel der Lehreinheiten moderiert der bzw. die Vortragende genau solch ein Retrospective Meeting. Identifizierte Verbesserungspotentiale werden sofort in den nächsten Sprints umgesetzt.

 

Didaktische Planung:

 

Die erwarteten Lernergebnisse orientieren sich stark an der Kompetenzorientierung der Studierenden.

• Die Lernzielstufen entsprechend Bloom’scher Taxonomie (Bloom, 2001) „Erinnern“ und „Verstehen“ werden durch Ausarbeitung von Grundlagen zu IT Projektmanagement mit Fokus auf agilen Methoden in den Sprints erreicht.

• Die Lernzielstufen „Anwenden“ und „Analysieren“ werden durch die Grundstruktur der Vorlesung und Unterstützung durch Blended-Learning Elemente in Moodle, im Sinne dieses „didaktischen Doppeldeckers“ - „Ich mache was ich lerne“ - erreicht. Durch die eigene Übertragung des Gelernten in die Praxis in Moodle wird ein tiefes Verständnis der agilen Kultur und Denkweise im Sinne empirischer Projekte geschaffen. Denn hier geht es um mehr, als nur eine Anwendung agiler Vorgangsmethoden wie SCRUM.

• Der letzte Schritt der für die Lehrveranstaltung erreichbaren Lernzielstufe „Bewerten“ wird durch einen Review-Workshop am Ende des Semesters erreicht. Hier werden die Studierenden gefordert das Erlebte zu reflektieren und eigene Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten zu definieren.

Bisher fand die Leistungsüberprüfung oft klassisch am Ende des Semesters mit einer schriftlichen Prüfung statt. Im neuen Konzept orientiert sich auch die Leistungsüberprüfung an den verschiedenen Lernzielstufen. So werden Inhalte der Lernzielstufe „Erinnern“ und „Verstehen“ durch iterative und aufeinander aufbauende Leistungsüberprüfungen in Form von gemeinsamen „Sprint Review Workshops“ stattfinden. Diese Sprint Reviews sind zentrale Elemente der agilen Vorgangsmethodik SCRUM. So erfahren die Studierenden am eigenen Leib die Anwendung der vermittelten agilen Elemente. Anwendungsspezifische Erfolge und auch die Selbstreflexion im Sinne der Lernzielstufe „Bewerten“ am Ende des Semesters werden durch eine Bewertung der Mitarbeit im Unterricht in die Leistungsüberprüfung integriert.

 

Nachhaltigkeit der geplanten Maßnahme:

 

Durch die Umsetzung der User Stories mit verschiedensten e-Learning Methoden (zum Beispiel das Online Quiz für Rollen und Meetings in SCRUM) entstehen Inhalte, die in den kommenden Jahrgängen wiederverwendet können. Diese Inhalte der Studierenden unterstützen einerseits den Wissensaufbau der kommenden Jahrgänge, bilden aber andererseits auch gleich einen Benchmark für die Erarbeitung der folgenden Jahrgänge. Die Studierenden der folgenden Jahrgänge sollen versuchen die Inhalte der vergangenen Jahrgänge zu toppen.

So wird das Konzept immer weiter verbessert und verfeinert.

 

Fokus auf E-learning Methodenvielfalt:

 

Neben dem Erfahren agiler Kultur und Denkweisen liegt Methodenvielfalt im Gebrauch von E-learning Tools im Sinne des Constructive Alignments und der Studierendenzentrierung im Fokus des Lehrkonzeptes. Durch die Vielfalt der User Stories ergibt sich auch eine Vielfalt geeigneter Tools zur Erarbeitung der User Story Inhalte. Hier kommt auch das Konzept des „Flipped Classrooms“ (Buchner, 2015) zum Einsatz. Die Studierenden wählen selbst E-learning Methoden aus und implementieren diese in Moodle. Beispielsweise durch Erstellung eines YouTube Tutorials zur Erklärung agiler Schätzmethoden, Implementierung eines Online Spieles oder Formulierung eines „Briefes an meine Großeltern“ um komplexe Projektzusammenhänge möglichst einfach zu erklären. Die durch die Studierenden erstellten Online-Lerninhalte werden einerseits im nächsten Studienjahr für die Wissensvermittlung wiederverwendet, andererseits stellen diese Inhalte einen Benchmark für künftige Jahrgänge dar, den es zu schlagen gilt.

Ziel dieses Vorgehens ist es, die User Story Definitionen und Inhalte über Jahre hinweg immer mehr zu verfeinern und nachhaltig zu verbessern.

 

 

Conclusio:

 

Die Eigenschaften des neuen Lehrkonzepts lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

1. Die agile Art der Wissensvermittlung entspricht exakt den wesentlichen Inhalten der Lehrveranstaltung. Es wird erfahren statt erlernt. Ein agiles Projekt wird erlebt und nicht nur beschrieben.

 

2. Die Studierenden übernehmen durch eigenständige Auswahl von User Stories selbst Verantwortung, den gesamten Lehrstoff in der Lehrveranstaltung unter zu bringen.

 

3. Die Gesamtheit des Themas wird von Anfang an von den Studierenden erfasst, weil schon bei der ersten Lehreinheit der vollständige Backlog überblickt werden muss.

 

4. Hohe Methodenvielfalt wird dadurch erreicht, dass die Studierenden selbst vorschlagen, welche E-Learning Tools zur Erreichung des „Done“ als Abschluss einer User Story am besten verwendet werden können. Die Lehrperson bietet den Studierenden nur einen „Methodenkasten“ an E-learning Tools zur Auswahl an und spricht bei Bedarf Empfehlungen aus.

 

5. Die Notwendigkeit der Administration des Backlogs in Moodle erhebt diese E-Learning Plattform vom einfachen Informationsportal zu einem oft genutzten Abstimmungsportal. Dies ermöglicht eine extrem hohe Identifizierung der Studierenden mit der Lehrveranstaltung und sichert die Qualität der Lehre nachhaltig.

 

Quellen:

• AsDh, 2007: Leistungsnachweise in modularisierten Studiengängen, Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik, Universität Zürich, 2007

• Bloom, 2001: Taxonomie von Lernzielen im kognitiven Bereich, Benjamin Bloom, Beltz Verlag, 2001

• BonkGraham, 2006: The Handbook of Blended Learning-Global Perspectives , Local Designs, Curtis Bonk, Charles Graham, Pfeiffer Verlag 2006

• Buchner, 2015: The Inverted Classroom Model in Technology and Engineering Education: Teaching “real-world“ Skills to solve “real-world“ Problems, Josef Buchner, PH Niederösterreich, Open Journal for Research and Education, 2015

Positionierung des Lehrangebots

Integrierte Lehrveranstaltung IT Project Management im Masterstudiengang Technisches Management mit Vertiefung Informations Technologie

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.