"Sei der bessere Politiker“: CSR-orientiertes Konfliktmanagement bei komplexen businessethischen Dilemmata

Umgesetztes Projekt

Ziele

Millenials als unsere wachsende Klientel sind große Auswahl gewohnt, somit weniger bereit Lehrveranstaltungen als „Verpflichtungen“ und Inhalte als „Wahrheiten“ hinzunehmen. Was unsere Social Media-geprägten „Kunden“ nicht rasch als hilfreiches „Tool“ für die Bewältigung zukünftiger (beruflicher wie privater) Herausforderungen überzeugt, wird „Dislike“-markiert und durch geistige Abwesenheit sanktioniert. Somit treten Lehrende in zunehmende Konkurrenz mit mobilem Internet um die Aufmerksamkeit der Studierenden, was nur eine Facette der Wirkung jener beschworenen „Digitalisierung“ auf die Kommunikations-, Lern-, Wissens- und Bildungskultur in den Hörsälen skizziert. Auch Wissensaneignung wird angesichts permanenter Abrufbarkeit von relevantem „Content“ längst mit Argwohn betrachtet, weil die Beherrschung von Wissen selten kurzfristig als Bedingung seiner erfolgreichen Nutzung erfahren werden kann. Darum wird die didaktische Fokussierung auf die attraktivere Gestaltung wesentlicher Wissenswelten zu einer energieaufwändigen, jedoch unvermeidbaren Notwendigkeit, um junge Menschen als Bildungspartner überhaupt noch „erreichen“ zu können.

Dies weiß auch die wachsende Zahl der Anbieter von Bildungsangeboten in ihrem Kampf um rapide schrumpfende Zahlen an Kunden, wodurch Bildung zusätzlich den Gesetzen des freien Marktes unterworfen und zum kommerzialisierten Konsumgut verformt wird. Das Attraktivitätsdiktat, wonach Bildungsqualität an prompt erkennbarer Nutzbarkeit und Genussförderlichkeit gemessen wird, setzt Lehrveranstaltungen zu intellektuell herausfordernden und arbeitstechnisch aufwändigen Themen – wie die globalen, zunehmend existenzbedrohenden Herausforderungen angesichts des Klimawandels, der „Plastifizierung“ der Ozeane, des rasanten Verlusts an Biodiversität oder des sukzessiven Zerfalls von Gesellschaften in Europa-nahen Regionen – zunehmend unter Druck. Angesichts solcher Probleme aber wird die Skepsis junger Menschen gegenüber „alten Weisheiten“ sogar nachvollziehbar, haben sie doch – im Sinne Albert Einsteins - diese Probleme überhaupt erst verursacht. Damit eröffnet jedoch diese Skepsis, gepaart mit persönlicher Nutzenmaximierung, auch eine echte Chance für nachhaltigkeitsorientierte Lehre.

Denn die Herausforderung der Konkurrenz mit globalen Mediennetzwerken ist im Wesentlichen keineswegs neu: Immer schon entfalteten sich neue Kommunikationskanäle und -formen, wodurch Mediennutzungskompetenzen im Sinne von Kulturanpassungsprozessen weiterentwickelt werden mussten. Angesichts dieser kulturanthropologischen Konstante lässt sich im heulenden Digitalisierungssturm eine eindeutige Schlüsselkompetenz erkennen: die Fähigkeit zur kritischen Weltbetrachtung und hilfreichen Bewertung, um dauerhaft ein sinnvolles Leben führen, somit handlungsfähig bleiben zu können. Dies bedingt die Kraft zum zeitweisen, selbstbestimmten Nein gegenüber dem medialen Dauerrieseln, um eigenverantwortliche, mutige, weil etwa gar systemkritische und insofern unsere Lebensbedingungen verbessernden Entscheidungen zu treffen. Damit verbunden ist der Mut zum Blick in den Spiegel, um den Mustern, Determinanten und Folgen des eigenen Tuns und letztlich über Handlungsalternativen nachzudenken, welche die eigenen (Lebens-)Chancen „nachhaltig“ mehren. Darum ist die sokratische Kompetenz des kritischen Hinterfragens der Grundbaustein für die gemeinsame Gestaltung einer lebenswerten Zukunft, erst recht mit zunehmender Kommerzialisierung westlicher Lebenskultur und Bildung angesichts einer zunehmenden Raffinesse verkaufsfördernder Marketinginstrumente von Unternehmen, Institutionen und Personen mit dem Ziel die Autonomie des Bürgers zum Vorteile der eigenen Gewinn- oder Machtmaximierung zu unterlaufen.

Nach dem bekannten Pädagogen Jesper Juul lässt sich die Rolle von Autoritätspersonen mit jener von Sparringpartnern vergleichen, die „maximalen Widerstand bei minimalem Schaden“ leisten. Unsere Verantwortung liegt nicht darin geliebt zu werden, sondern junge Menschen bei der Entwicklung ihrer „Lebensbewältigungskompetenz“ bestmöglich zu unterstützen, was auch die unliebsame Anleitung zum Einüben ungewohnter, jedoch unverzichtbarer Fertigkeiten erfordert. Diese sind letztlich nur Ausprägungen von Kompetenzen wie Ausdauer, Zielstrebigkeit, Mut zum Scheitern am Irrtum und am erneuten Anlauf, die für Angehörige eines globalen Netzwerkes unerlässlich sind, um aus diesem Netz Lebenschancen zu gewinnen, anstatt fesselnde Abhängigkeit. Doch sind solche Anleitungen schwerlich als „sexy“ zu verkaufen und stoßen darum auf Widerstand, den wir – bei minimalem Schaden - auszuhalten haben, auch zum Preis vorübergehend beeinträchtigter Lehrveranstaltungsevaluierungen. Es ist unser Job Studierende verantwortungsvoll an der Hand zu nehmen und behutsam in fremde Welten zu führen, deren Risiken und Chancen sie noch nicht kennen können. Mag auch das legitimierende Aha-Erlebnis der Studierenden oftmals erst viel später folgen.

Diesen Anforderungen - möglichst zukunftsfähige Inhalte aus möglichst verschiedenen Disziplinen auf innovative Weise „schmackhaft“ zu gestalten, ohne sich den Zwängen eines willfährigen Bildungsmarktes auszuliefern, dabei möglichst viele Kompetenzen einzuüben und zu festigen und dabei in den Studierenden das Gefühl hervorzulocken, nicht nur am richtigen Weg zu sein, sondern auch spürbar „weiterzukommen“ – versuchte ich mit meinem Bildungskonzept gerecht zu werden.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Die Lehrveranstaltung simuliert einen typischen Gemeinderat, dessen Mitglieder – in Analogie zur Vielfalt der modernen Wissenschaften - durch unterschiedlichste Sichtweisen, Interessen und Ziele geprägt sind, vereint vorerst nur durch eine gemeinsame Zukunft und das Wissen, dass diese Zukunft nur gemeinsam konstruktiv gestaltet werden könne, wenn es ihnen gemeinsam gelingt einen Prozess der „Transition“ hin zu einem kooperativen Forschungs-, Diskurs- und Entwicklungsverständnis zu durchlaufen. Dazu müssen die Studierenden als Kursvorbereitung individuelle, an holistischen Nachhaltigkeitskriterien orientierte Entwicklungspläne, bestehend aus Bestandsaufnahme, Leitbild, Maßnahmenkatalog und Kostenvoranschlägen, für „ihre“ gemeinsame, fiktive Gemeinde entwickeln. Im Präsenzunterricht werden die Studierenden durch eine Reihe von Plenar- und Kleingruppensitzungen mit variierenden Besetzungskonstellationen geführt, im Rahmen derer die individuellen Entwicklungspläne schrittweise zu kollektiven Lösungsansätzen weiterentwickelt werden müssen. Unterstützt werden die Studierenden dabei lediglich durch die Vorgabe von fundamentalen Spielregeln („Verfassung“) und deren Kontrolle, sowie durch zweitweise theoretische Spiegelung der jeweiligen gruppendynamischen Prozesse. Dabei erleben die Studierenden unmittelbar die konstruktive Kraft offener, kreativer, lösungsorientierter Debatten im unmittelbaren Vergleich zur destruktiven und exkludierenden Gewalt dogmatischer Argumentationsweise.

Kurzzusammenfassung (engl.)

The course simulates a typical municipal council, whose members - in analogy to the diversity of modern sciences - are characterized by different perspectives and interests. Here, the students are “trapped” by a common future and the assertion that this challenge can only be overcome if they succeed in undergoing a process of "transition" towards a cooperative understanding of research, discourse and development. For this purpose, the students first have to develop individually personal development plans for their “common municipality” according to holistic sustainability criteria, consisting of the analysis of their community’s problems, a mission statement, a range of measures necessary to solve determined problems and to realize their “mission” according to their scientific conditioning, and finally the estimation of impacts of these measures on "their" community. In classroom teaching, students are guided through a series of plenary and small group sessions with varying staffing constellations in which individual development plans must progressively evolve towards collective approaches. During this process of interactive developing a common constructive culture of critical, but well-disposed discourses, the group is only supported by selective advices about possible rules of the game. In consequence, the students experience the constructive power of open, creative, solution-oriented debates in comparison to the destructive and exclusive effects of dogmatic argumentation.

Nähere Beschreibung

Wie kritisches Denken und Handeln lehren? Werte sind Ausdruck von Prägungen und somit intellektuell schwer erlernbar, aber über Reflexion zugänglich. „Lernen“ im Sinne umweltorientierter Anpassung von Denk-, Sprach- und Handlungsmuster geschieht am effektivsten durch bewegende Erfahrung, die, verknüpft mit konstruktiver Reflexion, Perspektivenwechsel ermöglichen. Sinnvoller Ethikunterricht muss darum Studierende einer Situation „aussetzen“, in der sie motiviert werden ihre Überzeugungen zu überprüfen. Das kann nur gelingen, indem sie diese Überprüfung unmittelbar als positiven Effekt erfahren. Das didaktische Ziel ist somit, den mühsamen „Blick in den Spiegel“ als Freiheitsgewinn erleben zu lassen. Dies gelingt im Setting eines gesellschaftlich anerkannten „Rollenspiels“, im dem man im Schutz einer „Verkleidung“ eine Rolle „spielt“ und sich im vertrauten Kreise neu ausprobiert. Wird nun diesem spielerisch-kreativen Forschen eine wissenschaftliche Zielrichtung vorgegeben, besteht die Gefahr, dass der Effekt des „lustvollen Ausprobierens“ verpufft, es sei denn, der „Auftrag“ des Blicks über den Tellerrand wird selbst Teil des Spiels. Denn wird eine Herausforderung mit Freude verknüpft, so geschieht die Auseinandersetzung auch mit komplexen Zusammenhängen fast von allein.

Die kritische Beschäftigung mit Auswirkungen von technischen wie sozioökonomischen Entscheidungen („technische Folgenabschätzung“ bzw. Nachhaltigkeitsanalysen) ist eine solche unliebsame Tätigkeit, weil aufwändig und oft mit unliebsamen Ergebnisse verbunden. Doch ist die Einbindung von Betroffenen in solche Erkenntnis- und Entscheidungsprozesse unverzichtbare Bedingung für nachhaltiges Gelingen von Projekten, weil übergangene Betroffene mit Widerstand oder gar Gewalt reagieren können, wie das Beispiel der 13. Fee in „Dornröschen“ verdeutlicht. Wie aber lassen sich Stakeholder bei komplexen Projekten adäquat einbinden und wie können dabei auf vertretbare Weise „sinnvolle“ kollektive Entscheidungen getroffen werden? Angesichts zunehmender Politikverdrossenheit zentrale Fragen, die aufgrund der umfassenden Technisierung der Gesellschaft mit weitreichenden kritischen Auswirkungen an Relevanz gewinnen. Darum benötigen Studierende, von welcher „technischen“ Studienrichtung auch immer, eben diese evaluativen und diskursiven Fähigkeiten. Herkömmliche Diskussionssettings würden jedoch zurückhaltende Studierende benachteiligen. Somit bedarf es eines Settings, das Studierende bei ihren Interessen abholt und sie motiviert ein Thema intensiv zu beforschen und unter fairen Diskursbedingungen mit Kontrahenten kritisch zu diskutieren - mit dem spielerischen Ziel, sich bestmöglich mit guten Argumenten durchzusetzen.

Dieses Setting erinnert an politische Konflikten, die jedoch meist ohne konstruktive Ergebnisse enden, weil scheinbar den Beteiligten die nötigen Kompetenzen wie jene des forschenden Lernens, des interdisziplinären und selbstkritischen Denken und des konstruktiven Diskurses fehlen. Könnten Studierende diese Fertigkeiten gezielt trainieren, um „bessere Politiker zu werden“, wäre dies ein spürbarer Beitrag für die nachhaltige Gestaltung von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Dieses Ziel verfolgt die vorgestellte Lehrveranstaltung mit folgendem Setting:

1. Theoretischer Einstieg und Erläuterung des Prozesses

2. Ausarbeitung einer persönlichen Rolle in Gestalt eines „Gemeinde-Masterplans“

3. Zwei Präsenz-Halbtage für die Simulation einer „Gemeinderatssitzung“, um den „besten“ Masterplan „auszuwählen“

4. schriftliche Reflexion der Erfahrungen

ad 1: Zunächst werden die Studierenden in theoretische Grundlagen von Ethik, Technikfolgenabschätzung, Partizipation und komplexen Konfliktlösungsmechanismen eingeführt und Zusammenhänge mit dem geplanten Settings eines Gemeinderats vermittelt.

ad 2: Jeder der Studierenden hält nun den Auftrag die möglichst interessante Rolle eines denkbaren Stakeholders der Gemeinde aus einem Pool von möglichst kreativen, anregenden Vorschlägen auszuwählen und aus dessen Perspektive die prioritären, realitätsnahmen Entwicklungsprobleme für die Gemeinde zu definieren, ein Leitbild für das Jahr 2030 zu skizzieren, sowie als notwendig erscheinende begleitende Maßnahmen zu bestimmen, um das Leitbild realisieren zu können. Für diese Maßnahmen sind wesentliche kurz- wie langfristige Auswirkungen ökonomischer, ökologischer sowie soziokultureller Art zu erforschen. Lt. Auftrag muss der eigene Masterplan im gemeinsamen Prozess so weit als möglich durchgesetzt werden. Dies sei durch überzeugende Argumente leichter möglich, wenn der Masterplan durch hochwertige Quellen und saubere Begründungen untermauert wurde. Dazu sollte auch die Frage geklärt werden, welche Stakeholder auf welche Weise von geplanten Maßnahmen profitieren oder benachteiligt werden. Zuletzt sind unter den anderweitig verteilten „Rollen“ potenzielle Koalitionspartner sowie „Gegner“ zu identifizieren, um die Bildung von kooperativen Netzwerken anzubahnen, was die Studierenden im weiteren Verlauf als entscheidend für das Gelingen gemeinsamer Entscheidungsprozesse erfahren werden.

Zentrale Lerneffekte: forschendes, interdisziplinäres Lernen, kritische Bewertung und Verwertung von Quellen, holistisches Denken, Argumentation, Sensibilisierung für komplexe Langzeitfolgen, insofern wichtige Beiträge zur Bildung für nachhaltige Entwicklung

3. Der zentrale Präsenz-Teil umfasst zwei Halbtage, innerhalb derer die Studierenden in strukturierter Weise „auf einander losgelassen“ werden. Hier wechseln Plenarsitzungen mit Sitzungen in Kleingruppen, analog zu Parteibesprechungen sowie zu Ausschüssen, mit dem Ziel, 15-25 individuelle „Gemeinde-Sichtweisen“ schrittweise zu einer gemeinsamen, konsensualen Gesamtsicht zusammenzuführen.

Für die Plenarsitzungen bedarf es eines Moderators aus den Studierenden-Reihen, analog zum Parlamentspräsidium, was aus didaktischer Sicht besonders für weibliche Studierende die Chance eröffnet Führungskompetenzen auszutesten und weiterzuentwickeln, unterstützt durch ein zurückhaltendes „Verfassungsgericht“ in Gestalt des Lehrenden. Nun müssen die „Gemeinderäte“ im Sinne einer „Konstituierenden Sitzung“ Verfahrensregeln (welche Mehrheiten für welche Fragen) diskutieren und gemeinsam beschließen. Hier sind begleitende Erläuterungen des Lehrenden über die möglichen Folgen jeweiliger Mehrheiten für Abstimmungs- und Durchsetzungsprozesse unverzichtbar. Trotz theoretischer Hilfestellung fühlen sich die Studierenden bei dieser stets überfordert. Diese Erfahrung vermittelt wichtige Einsichten in Grundprinzipien gelingender Konfliktlösungen, etwa dass Aspekte wie der passenden Zeitpunkt für eine Einigung oder der schnellstmögliche Überblick über eine Situation entscheidende Durchsetzungschancen eröffnen.

Zentrale Lerneffekte: Politische Bildung über Relevanz und Folgen einer Verfassung; über den Zusammenhang zwischen Regeln und Metaregeln; Reflexions-, Planungs- und Diskussionstraining

Nun sind die Studierenden angewiesen ihre „Masterpläne“ dem Plenum „möglichst effektiv“ vorzustellen, somit auf die zentrale Botschaft zu fokussieren und die wirkungsvollsten Formulierungen zu wählen, somit gegenüber ihrem zu überzeugenden Publikum bedürfnisorientiert zu kommunizieren. Auf dieser Grundlage formieren sich anschließend vier bis fünf „Interessensgemeinschaften“ oder „Parteien“, um einen gemeinsamen Masterplan zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt sind die Studierenden noch überzeugt, die „richtige“ Wahl der „richtigen“ Partner sei entscheidend für ihren Durchsetzungserfolg, weshalb diese Gruppen auch rasch zu Ergebnissen gelangen. Erst in den nachfolgenden Sitzungen mit „Gegnern“ werden sie erleben, dass es weniger darauf ankomme, mit wem man kooperiere, als vielmehr darauf, wie sehr man grundsätzlich bereit sei sich auf andere Positionen einzulassen.

Zentrale Lerneffekte: Netzwerk- und Teambildung, Koordination und Abstimmung von komplexen Konstrukten

Nun sind im Plenum die Problemprioritäten, also die Definition der gegenwärtigen „Wirklichkeit“ der Gemeinde, sowie des Leitbildes, also die „zukünftige Wirklichkeit“ zu beschließen. Diese Situation eignet sich für die Einführung in das „systemische Konsensieren“ als innovative Methode der Konsensbildung bei komplexen Interessenslagen. Ziel dieser Methode ist nämlich nicht die Ermittlung der Präferenz der relativen Mehrheit, sondern jener Optionen, die den größten Widerstand bewirken. Werden diese Optionen gestrichen, so verbleiben nur noch jene, mit welchen alle Stakeholder möglichst gut leben können im Gegensatz zur klassischen Mehrheitsentscheidung, mit der zwar eine Mehrheit sehr zufrieden, eine Minderheit aber äußerst unglücklich ist. Auf dies Weise werden keine absoluten Verlierer mehr produziert und dadurch neues Konfliktpotenzial verhindert. Dazu werden die gesammelten Vorschläge zunächst zu sinngleichen Kategorien zusammengefasst. Diese verbleibenden Optionen sind nun von den Stimmberechtigten mit „Widerstandspunkten“ zu bewerten, wonach Optionen, die als besonders problematisch erachtet werden, mit 10 Punkten bewertet werden, die nächstweniger problematische Option mit 9 Punkten und so fort. Ideale Lösungen erhalten 0 Punkte zugeteilt. Anschließend werden die errechneten Summen der Größe nach gereiht und die Optionen mit hohen Punktezahlen ausgeschieden. Es verbleiben die Optionen mit der relativ höchsten Akzeptanz. Diese Technik stößt unter Studierenden erst auf großes Erstaunen und letztlich auf großes Interesse, diese in Zukunft auch selbst praktizieren zu wollen.

Der weitere Prozess (am 2. Halbtag) umfasst analoge Vorgehensweisen mit dem Unterschied, dass sich in den „Ausschüssen“ Kontrahenten unterschiedlicher „Parteien“ über konkrete Projekte und deren Finanzierung zusammenraufen müssen. Dadurch erleben die neu verknüpften Diskussionsteilnehmer/innen regelmäßig „erschütternde“ Perspektivenwechsel, indem sie Dank kooperativer Kommunikationstechniken wie aktives Zuhören wachsendes Verständnis für gegnerische Sichtweisen entwickeln und vormalige „Gegnern“ sogar zunehmend als komplementäre Kooperationspartner erkennen, wodurch sich Chancen für innovative Synergien eröffnen. In dieser Phase werden die wichtigsten Kompetenzen spürbar versucht und geübt: Empathie, respektvolle Kommunikation, systemisches, interdisziplinäres Denken, kritische Reflexion und holistisches Werten von Optionen…

In der abschließenden Sitzung erleben die Studierenden am eigenen Leib typische Situationen politischer Verhandlungen: die Rolle von Müdigkeit und Zeitdruck für die Wirkung von Argumenten sowie die „Zinsen“ der Investition in vertrauensvolle Netzwerke, welche rasche finale Beschlüsse erlauben. Diese Erfahrung endet mit dem Ausklang einer Feedback-Runde, in der regelmäßig von Erschöpfung, aber auch von hoher Zufriedenheit über die spannenden Erfahrungen berichtet wird.

ad 4: Den didaktischen Abschluss macht eine vertiefende Reflexion dieser Erfahrungen auf Basis anleitender Fragen über Ausmaß und Gründe des Erfolgs, die angewandte Strategie, Lerneffekte über sich selbst, kommunikative Schwächen, aber auch Verbesserungsvorschläge für den Prozess, der über die Jahre eine Verfeinerung dieser Methode ermöglichte. Beeindruckend dabei ist das hohe Maß an offener, ehrlicher Selbstkritik der Studierenden gegenüber „im Spiegel erkannten“ Schwächen, die ihrem Erfolg im Weg standen, wie überschäumende Emotionen oder oberflächliche Ausarbeitung der Rolle. Abschließend seien darum die wichtigsten Lerneffekte dieser Methode aufgereiht, wie sie von den Studierenden in den Reflexionen wörtlich oder sinngemäß genannt wurden:

Selbsterkenntnis, rhetorische Taktik, argumentatives Rüstzeug, Selbstdisziplin, Ausbruch aus der „Komfortzone“, Erfahrung des Perspektivenwandels infolge wertschätzender Diskurse, emotionale Beherrschung als zentrale Konfliktbewältigungskompetenz, perspektivische Wahrnehmung, respektvoller Umgang als Königsweg der Konfliktlösung, aktives neutrales Zuhören, Empathie und Akzeptanz als Mehrung von Chancen, Anerkennung von Interessenspluralität, von demokratischer Politik als Pluralitätsintegrationsleistung und darum auch der Leistung von Politikern, und dass „alles mit Ethik zu tun habe“. In der erfreulichsten Rückmeldung fragte sich ein Studierender „nach dem Rollenspiel…, ob (sie) in ihrer Ausbildung nicht auch in den Genuss eines solchen Ethikunterrichts kommen (sollten).“

Positionierung des Lehrangebots

Weil im 1. Semester Master angesiedelt, ermöglicht die Lehrveranstaltung den aus unterschiedlichen Studienrichtungen stammenden Studierenden einen Teambuilding-Prozess, im Zuge dessen die Teilnehmer/innen sich selbst wie auch gegenseitig in ihrem neuen Umfeld austesten und dadurch kennenlernen können, was nachfolgende Team-basierte Lehrveranstaltungen wie angewandtes Projektmanagement erleichtert. Dabei werden die Studierenden spielerisch in die am Studiengang intensiv gepflogene Kultur der kritischen Reflexion und des forschenden Lernens eingeführt, indem sie zunächst ihre mitgebrachten Fertigkeiten in die individuelle Ausarbeitung einer Lösung für ein gemeinsames Problem einfließen lassen können, die sodann in einem kollektiven „Streitprozess“ gegeneinander als „beste Lösung“ durchzusetzen ist. Dabei entwickelt der neu zusammengesetzte Jahrgang gemeinsam eine kollektive, konstruktive Kommunikationskultur und somit die Grundlage für eine Popper’sche Lern- und Forschungskultur.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 nominiert.