Interdisziplinäre Fallkonferenzen – kompakt

Umgesetztes Projekt

Ziele

Mit Fortdauer des Studiums der Humanmedizin sollen Studierende immer intensiver an Ihre zukünftige, praktische Tätigkeit herangeführt werden. Der zuerst hauptsächlich auf Erwerb von umfassendem Faktenwissen fokussierte Unterricht wird immer mehr durch klinisch, praktische Elemente abgelöst. Zentral bei diesem Übergang ist die Schulung und Schärfung des Klinischen Denkens, eine Schlüsselkompetenz der angehenden Ärztinnen und Ärzte. Eine auf dieses Momentum ausgerichtete Pflichtlehrveranstaltung bietet den Studierenden zusätzliche Lernunterstützung, indem die komplexen Inhalte kompakt aufbereitet werden. Das dafür verwendete Format der Podcasts – ergänzt mit interaktiven Aufgaben, bereitgestellt über die Lernplattform Moodle – ist darauf ausgelegt, Klinisches Denken zu schulen, indem es die Nutzung weitere Lernkanäle ermöglicht.

Kurzzusammenfassung (dt.)

Essentiell für die praktische Tätigkeit als Arzt bzw. Ärztin ist es, Informationen über Patientinnen und Patienten soweit aufzunehmen, dass korrekte Schlüsse gezogen und zielführend diagnostische, sowie therapeutische Handlungen vorgeschlagen bzw. gesetzt werden können.

Die etablierte Pflichtlehrveranstaltung „Interdisziplinäre Fallkonferenzen“ im 5. Studienjahr bereitet auf diese Herausforderung ein Jahr lang vor. Durch wöchentliche, interaktive Fallbesprechungen wird das Klinische Denken der Studierenden stimuliert. Um die Studierenden beim nachfolgenden Lernen zu unterstützen, werden ausgewählte, präsentierte Fälle themenspezifisch bearbeitet und als kompakte Audiodatei (Podcast) zur Verfügung gestellt. Ergänzt wird dieses Angebot durch Literaturverweise und darauf abgestimmte Self-Assessment-Aufgaben, die als spielerische interaktive Rätsel über die Lernplattform Moodle angeboten werden.

Die Studierenden profitieren durch dieses Angebot, da die im klassischen Lehrsetting abgehaltene Lehrveranstaltung kombiniert wird mit neuen Medienformen. Durch die Podcasts kann die Lernzeit losgelöst von der traditionellen im Sitzen erworbenen Wissensakquirierung gestaltet werden. Zudem werden auf die essentiellen Lernziele abgestimmte Überprüfungstools angeboten, was zusammengenommen ein mobiles micro-eLearning ergibt.

Kurzzusammenfassung (engl.)

It is essential for a doctor’s practical work to be able to process relevant information about the patient in order to draw the right conclusions. Those lead to subsequent diagnostic and/or therapeutic actions or suggestions.

The well-established compulsory course “Interdisciplinary Case Conferences” in the 5th year prepares for that challenge. Weekly, interactive case discussions train students’ clinical reasoning.

To support students in their learning process, selected cases are edited and made available as a compact audio file (podcast). In addition, references to literature as well as self-assessment tasks are offered. Those tasks are accessible by the learning platform Moodle and are configured as interactive quiz games. Students benefit from a course taught in a classical teaching setting combined with a new media-savvy approach. By listening to the podcast, learning can take place detached from the traditional form of sitting. Furthermore, specific applications allow checking the achievement of learning targets. Taken together, we can speak of a mobile micro-eLearning.

Nähere Beschreibung

Ausgangslage

Das Studium der Humanmedizin zeichnet sich durch ein sehr breites Anforderungsspektrum an die Studierenden aus. Neben großem Faktenwissen gilt es auch, sich praktische Fertigkeiten, ärztliche Grundhaltung und klinisches Denken anzueignen.[1]

Gerade der Übergang hin zum späteren Aufgabengebiet in der klinischen Tätigkeit stellt für viele einen entscheidenden Punkt in der Ausbildung dar. Die Ausbildung an der Medizinischen Universität Wien ist als integriertes Curriculum gestaltet, d.h. praktische Unterrichtselemente starten bereits zu Beginn des Studiums, nehmen über die Ausbildungsjahre immer mehr zu und füllen im letzten Studienjahr (Klinisch-Praktisches Jahr, KPJ, 48 Wochen klinisches Praktikum) gänzlich den Stundenplan. Als Vorbereitung für diese letzte Phase werden im 5. Studienjahr klinische und theoretische Inhalte gemeinsam betrachtet. Dezidiert ist die Lehrveranstaltung „Interdisziplinäre Fallkonferenzen“ im Umfang von 6 Semesterstunden (90 akademische Stunden) dafür gewidmet. Jeweils montagnachmittags kommen alle Studierende des Jahrgangs (n=660) für 3 Stunden zusammen. Erfahrene, klinisch tätige Lehrpersonen stellen interdisziplinär PatientInnen-Fälle vor und rollen den Weg von der Anamnese bis zur Prognose schlüssig auf. Im Studienjahr 2016/17 wurden 135 Kasuistiken besprochen.[2] Diese Methode schult nachweislich das Klinische Denken der Studierenden.[3] Klinisches Denken ist eines der bestimmenden Kriterien, die es den angehenden Ärztinnen und Ärzten erlaubt, vorliegende Information systematisch zu erfassen, zu klassifizieren und daraus Schlüsse zu ziehen. Diese Fertigkeit ist trainierbar. Dazu braucht es die Diskussion von Fallvignetten, begleitet durch Klinikerinnen und Kliniker, die ihre Gedankengänge und Schlussfolgerungen erläutern.

 

Zielsetzung

Studierende sollen bei Ihrer Entwicklung des Klinischen Denkens unterstützt werden. Begleitend zum klassischen Hörsaalunterricht sollen digitale Medien neben dem verpflichtenden Unterrichtsbesuch, gefolgt von wöchentlichen Überprüfungen, freiwillig genutzt werden können. Die Förderung des selbstgesteuerten Lernens soll im gegenständlichen Fall weitere Optionen im Bereich von Lernstrategie und Lernerfolgskontrolle bieten.

 

Projektidee

Aus dem Bereich des e-Learnings erschienen Audio-Podcasts jene Anwendung zu sein, die die gegebene Lehrsituation am besten unterstützen konnten.[4] Neben methodischen Überlegungen spielte auch der Aspekt des „Zuhören können“ in der Medizin eine ausschlaggebende Rolle. Dabei war es nicht der Anspruch, die Lehrveranstaltung 1:1 im Hörformat bereitzustellen, sondern durch eine intensive Nachbearbeitung die essentiellen Punkte, ergänzt mit kurzen Live-Sequenzen aus den Vorträgen, auf max. 15 Minuten zu fokussieren. Zur Festigung und Überprüfung werden zu jeder Podcast-Episode themenspezifische Self-Assessments im Quiz-Format (interaktive Games) über die Lernplattform Moodle bereitgestellt.[5] Positiv abgeschlossene Rätsel werden mit eigenen Badges („digitale Lernabzeichen“) prämiert. Um die Abdeckung aller inhaltlichen Lernziele zu gewährleisten, dient ein Blueprint als Grundlage.

 

Umsetzung/Zeitplan

- Ab Oktober 2015: Konzeption einer Muster-Podcast-Folge, Webauftritt, Definition eines Qualitätssicherungsablaufs, eigener Podcast-Jingle, juristische Abnahme, Ausarbeitung eines Blueprints, Präsentation des Konzepts auf einer Fachtagung

- 2016: Gestaltung der ersten Podcast-Episoden, Ausarbeitung des begleitenden Kurses zur Festigung der Inhalte über die Lernplattform inkl. Gestaltung der Badges und des Feedback-Formulars, Präsentation des Projekts auf zwei Fachkongressen

- 2017: regelmäßige Gestaltung von Podcast-Folgen und Pflege der Lernplattform, Monitoring der Feedback-Formulare; Sicherung der erarbeiteten Kompetenzen (z.B. Video-Handbuch zur Gestaltung der Podcasts, schriftliche Ausarbeitung des Projekt inkl. Darstellung der Abläufe), Präsentation des Projekts auf einem Fachkongressen

- 2018: regelmäßige Gestaltung von Podcast-Folgen und Pflege der Lernplattform, Monitoring der Feedback-Formulare; wissenschaftlich Studie in Planung

 

Aktueller Stand des Projekts

- Podcast: zwecks einheitlicher Gestaltung der Podcasts wurde ein konkretes Konzept für ein Manuskript ausgearbeitet, das als Struktur für jede Episode dient. Dieses besteht aus folgenden großen Abschnitten: Einleitung, Thema, Fallbeispiel und Zusammenfassung. Vertiefend gliedert sich beispielsweise der Abschnitt „Thema“ in die Bereiche Pathogenese, Symptomatik, Diagnostik und Therapie.

- Podcast-Aufbereitung: das Audio-Format bedarf einer qualitativ gut aufbereiteten Darstellung durch optimale Sprachaufnahmen. Neben technischem Equipment wurde eine Checkliste für den/die Sprecher/in erstellt (z.B. kurze Sätze, deutliche Artikulation, Umgebungsbedingungen für die Aufnahmen). Von technischer Seite her wird für die Aufnahme primär ein Headset verwendet, für den Schnitt die Software Reaper mit dem Plugin Ultraschall.

- Qualitätssicherung: es wurde entschieden, die Podcasts frei verfügbar bereitzustellen. Hintergrund ist ein niederschwelliger Zugang für Studierende (z.B. keine Registrierung, kein Passwort eingeben) mit der Möglichkeit der Eingliederung in einen Podcast-Client, um via Web-Feed den Zugang sowie die Information über neue Episoden nutzungsfreundlich anbieten zu können. Dieser Aspekt wurde bei der Definition des Qualitätssicherungsprozesses berücksichtigt. Die 9 Schritte werden für jede neu zu veröffentlichende Episode durchlaufen und dokumentiert (z.B. Datensicherung, inkl. Freigaben der Vortragenden). Die Rechtsabteilung war beratend eingebunden, um die freie Nutzungsumgebung zu schaffen. Dadurch, dass beispielsweise reale PatientInnen-Fälle oder Wirkstoffe in Medikamenten berichtet werden, müssen der Schutz von Privatsphäre bzw. Markenschutzaspekte berücksichtigt werden. Vom Konzept her hat man sich für eine qualitativ hochwertige Ausarbeitung der Podcasts entschieden, d.h. eine Episode bedarf einer umfassenden Recherche- und Produktionszeit. In Kauf nimmt man, dass es hinsichtlich der Quantität einige Studienjahre bedarf, um hier breitflächig die Lehrveranstaltung abzudecken. Die Nachhaltigkeit des Projekts wurde mit entsprechenden Maßnahmen gesichert (siehe dazu den Punkt „Nachhaltigkeit“).

- Webauftritt: dafür wurde unter podcasts.meduniwien.ac.at eine eigene Homepage erstellt. Diese umfasst ein eigens angepasstes Design inklusive Template für den Aufbau jeder Episode mit Literatur- und intracurricularen Verweisen. Betrieben wird die Seite mittels Wordpress und dem Plugin Podlove.

- Blueprint: der Blueprint wird zur Sicherung der Lernziele anhand eines Rasters ausgerichtet. Eine Achse umfasst die Fachgebiete (z.B. Dermatologie, Pädiatrie), die andere Achse definiert Schwerpunkte, denen die Episoden zugeordnet werden können (z.B. Diagnostik, Therapie & Prävention). In der Aufbereitung der Lerninhalte werden Querverweise zu Lernveranstaltungen aus früheren Studienjahren gesetzt, die Basiswissen zu den Themen vermittelt haben.

- Interaktive Games: Der Aspekt des Digital Game-Based Learning ist in der Hochschullehre nicht mehr zu vernachlässigen und hat seine zielführende Effektivität bewiesen.[6] Als Wissensfestigung und Self-Assessment-Angebot werden zu den Lernzielen der Episoden über die Lernplattform Moodle (passwortgeschützt, nur für die Studierenden des betreffenden Jahrgangs zugänglich) Rätsel angeboten. Diese sind auch auf mobilen Endgeräten aufrufbar. Dabei wird das breite Feld an Möglichkeiten ausgenutzt und variiert. So gibt es Lückentexte, Kreuzworträtsel, Drag-n-Drop Interaktionen (z.B. korrekte Wörter in einen Text eintippen, korrekte Begriffe auf ein anatomisches Bild ziehen). Für positiv absolvierte Games werden Badges vergeben.

- Feedback zu den Podcasts: Über die Lernplattform, in Verbindung mit den Rätseln, kann an das Projektteam anonym Feedback von den Studierenden zu den einzelnen Podcast-Episoden abgegeben werden. Beispielsweise wird die Frage „War der Podcast eine sinnvolle Ergänzung zum Pflichtcurriculum?“ mit durchschnittlich 3.3 Punkten (0: gar nicht, 4: sehr) beantwortet.

- Nutzung: Zu Beginn des laufenden Studienjahres 2017/18 wurde die Erstellung von Episoden weitergeführt, im Jänner konnte die aktuelle Folge „Aortendissektion“ als 8. Podcast on-air gehen, weitere Manuskripte sind ausgearbeitet und stehen im Publikationsprozess. Betrachtet man die Download-Zahlen so nehmen diese mit dem größer werdenden Angebot grundsätzlich bei den Podcasts laufend zu. Bedeutend gesteigert wurden die Downloads innerhalb der ersten Woche nach Veröffentlichung einer neuen Episode, was auf eine erhöhte Anzahl an Abonnements schließen lässt. Im Durchschnitt wurde jede Episode 205 Mal innerhalb der ersten 12 Wochen nach Veröffentlichung heruntergeladen.

- Nachhaltigkeit: Um das im Zuge der Projektimplementierung erarbeitete Know-How zur Erstellung der Podcasts zu sichern und zu dokumentieren, wurden zum einen ein schriftlicher Leitfaden ausgearbeitet, zum anderen vier Tutorial-Videos zu den Themen Projekt, Manuskript, Aufnahmen/Schnitt und Veröffentlichung gedreht. Da die präsentierten Fallvignetten anhand eines vorgegebenen Blueprints ausgewählt werden, ist von Seiten der Pflichtlehrveranstaltung ein studienjahrübergreifendes Nutzen der Podcasts möglich. Ein langfristig ausgelegtes Konzept der Lehrveranstaltung im Rahmen des Curriculums sichert die Weiterführung in den nächsten Jahren.

- Ausblick: nachdem das Projekt nun stabil aufgestellt ist und laufend mit Inhalten gefüllt wird, ist unmittelbar eine methodische Auswertung bzw. wissenschaftliche Studie für kommendes Wintersemester (2018/19) geplant (z.B. Fragestellung 1: Vergleich im Grad des Wissenserwerbes durch hören/statisch, hören/in Bewegung oder Lesen von Fakten; Fragestellung 2: Beeinflussung der Ausbildung des Klinischen Denkens durch ergänzende Angebote zur Lehrveranstaltung [7]). Hinsichtlich einer konzeptionellen Weiterentwicklung könnte man zukünftig zwei Ansätze verfolgen. Zum einen wäre es zu überlegen, Präsenzzeit mittels Flipped Classroom zu reduzieren, indem sich Studierende als Vorbereitung mit den Lerninhalten selbständig anhand von bereitgestellten Materialien auseinandersetzen, d.h. der Podcast könnte Fixbestandteil der Pflichtlehre werden. Zum anderen könnte man Video-Podcasts produzieren. Dies sind Podcasts ergänzt mit Bildmaterialien, was speziell im medizinischen Kontext durch Medieneinspielungen wie Röntgen-Bildern eine zusätzliche Facette eröffnet.

 

Literatur

[1] Ten Cate, O., et al.: Entrustment decision making in clinical training. Academic Medicine 2016;91(2):191-198.

[2] Auswertung der Lehrveranstaltung – Bericht der Lehrveranstaltungsleitung, August 2017.

[3] Stieger, S., Praschinger, A., Kletter, K., Kainberger, F.: Diagnostic grand rounds: A new teaching concept to train diagnostic reasoning. European Journal of Radiology 2011;78(3):349–352.

[4] Lonn, S., Teasley, S.: Podcasting in higher education: What are the implications for teaching and learning? Internet and Higher Education 2009;12:88–92.

[5] Raupach, T., et al.: Moving knowledge acquisition from the lecture hall to the student home: A prospective intervention study. Journal of Medical Internet Research 2015;17(9):e223.

[6] Vlachopoulos, D., Makri, A.: The effect of games and simulations on higher education: a systematic literature review. International Journal of Educational Technology in Higher Education 2017; 14:22. doi.org/10.1186/s41239-017-0062-1.

[7] Groves, M., Dick, ML., McColl, G., Bilszta, J.: Analysing clinical reasoning characteristics using a combined methods approach. BMC Medical Education 2013; 13:44. doi.org/10.1186/1472-6920-13-144.

Positionierung des Lehrangebots

Die Pflichtlehrveranstaltung „Interdisziplinäre Fallkonferenzen“ findet im 5. von 6 Studienjahren des Studiums der Humanmedizin statt (3. Studienabschnitt). Sie wird im Winter- und Sommersemester einmal wöchentlich abgehalten und dient gemeinsam mit einer parallel stattfindenden, angeleiteten klinischen Ausbildung als unmittelbare Vorbereitung auf das Klinisch-Praktische Jahr (KPJ) im 6. Studienjahr. Das daraus entwickelte Projekt „Interdisziplinäre Fallkonferenzen - kompakt“ ermöglicht Studierenden mittels Podcast und interaktiver Aufgaben die Auseinandersetzung mit den Lerninhalten. Zwar richtet sich das Angebot primär an Studierende im 5. Studienjahr (n=660), jedoch können alle Studierenden den Podcast abrufen und davon profitieren.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2018 in der Kategorie Digitale Lehr- und Lernelemente in Verbindung mit traditionellen Vermittlungsformen nominiert.