„Wiederaufbaukonzeption und Kulturgüterschutz vor Ort“ – Projektarbeiten und Summerschools zur Vertiefung des empirischen wissenschaftlichen Arbeitens in den Universitätslehrgängen „Sanierung und Revitalisierung, MSc“ und „Kulturgüterschutz, MSc“

Umgesetzte Maßnahme

Beschreibung

Die Donau-Universität Krems nimmt in ihren Universitätslehrgängen gesellschaftliche Herausforderungen als zentrale Themenfelder auf. Die Studierenden werden deshalb in der Lehre mit realen Problemstellungen konfrontiert, die nur mit wissenschaftlich gestützten Methoden gelöst werden können. Neben klassischen Einführungen ist es deshalb notwendig mit zusätzlichen Lehr-und Lernformaten das wissenschaftliche Arbeiten vertiefend zu fördern. Im Rahmen der Lehre des Departments für Bauen und Umwelt bilden die gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich des Kulturgüterschutzes einen Schwerpunkt. So wurde z.B. nach dem Erdbeben von L’Aquila 2009 die Donau-Universität Krems mit der Unterstützung des Wiederaufbaues des Stadtteils Paganica betraut und aufgrund des hohen Stellenwertes der Transdisziplinarität an der Donau-Universität Krems, wurde dieses Engagement – neben Forschung und Beratung – auch in die Lehre integriert. So kann den Studierenden eine reale Aufgabenstellung geboten werden, an der sie ihre während des Studiums erworbenen Kenntnisse in die Praxis umsetzen können. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag für den Wiederaufbau in Italien und lernen vor Ort im praktischen Tun zahlreiche Fertigkeiten und Fähigkeiten, deren Vermittlung im Hörsaal nur bedingt möglich ist. Ausgehend von diesen Erfahrungen sind Projektarbeiten und Summerschools ein wesentliches Merkmal der Universitätslehrgänge „Sanierung und Revitalisierung, MSc“ und „Kulturgüterschutz, MSc“.

1. Konzeptioneller Rahmen

Die Donau-Universität nimmt in ihren Universitätslehrgängen gesellschaftliche Herausforderungen als Themenfelder auf. Die Studierenden werden in der Lehre deshalb an reale komplexe Problemstellungen, die nur mit wissenschaftlich gestützten Methoden angegangen werden können, herangeführt. Neben der klassischen Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten ist es deshalb sinnvoll und notwendig mit zusätzlichen Lehr- und Lernformaten das wissenschaftliche Arbeiten vertiefend zu fördern. Im Rahmen der Lehre des Departments für Bauen und Umwelt bilden die gesellschaftlichen Herausforderungen im Bereich des Kulturgüterschutzes einen Schwerpunkt. Der innovative Lehransatz von Univ.-Prof. Dr. Chrisitan Hanus und seinem Team besteht darin, immer wieder in den jeweiligen Kohorten ein projektbezogenes empirisches wissenschaftliches Arbeiten einzuüben und konzeptionelle Abschnitte und Ergebnispräsentationen zu erreichen. Einer dieser projektbezogenen Studienabschnitte wird im Folgenden näher vorgestellt:

 

Zu den mit „RICOMOSSO“ (von „ricostruire“ [ital. für rekonstruieren] und „mosso“ [ital. für bewegt]) bezeichneten Aktivitäten zählen zum Wiederaufbau erdbebenzerstörter Altstädte im Apennin vor Ort durchgeführte Projektseminare, wissenschaftlich betreute Master-Thesen sowie auch Forschungs-und Beratungsaktivitäten, in welche Studierende und Absolvierende des postgradualen Universitätslehrgangs „Sanierung und Revitalisierung, MSc“ einbezogen werden. Diese dienen dazu, die während des Studiums vermittelten Lehrinhalte und Kompetenzen an aktuellen, gesellschaftswirksamen Aufgaben in der Praxis zur Anwendung zu bringen, d.h. wissenschaftliches Arbeiten eingesetzt wird. Dieses erfolgt jeweils in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Einsatzkräften und Behörden, Verantwortlichen aus der Politik wie auch den örtlichen wissenschaftlichen Einrichtungen. Übergeordnetes Ziel dieser Aktivitäten ist es, einen wesentlichen Beitrag zum Wiederaufbau von durch Erdbeben zerstörte Städte in Italien zu leisten.

 

Der postgraduale Universitätslehrgang umfasst jeweils in- und ausländische Teilnehmende aus unterschiedlichen Bereichen wie Architektur, Bauingenieurwesen, Denkmalpflege, Immobilienbewirtschaftung oder anderen als Grund- und Hilfswissenschaften den Sanierungswesen dienenden Disziplinen. Die Studierenden verfügen über einen Studienabschluss und über ausgewiesene Berufserfahrungen. In aller Regel handelt es sich hier um etablierte Kompetenzträgerinnen und -träger mit einem beachtlichen Wissensschatz. Hinzu kommen zusätzlich einzelne Studierende über ERASMUS-Programme - meist jüngere, ausländische Studierende aus konsekutiven Master-Studiengängen -, die wertvolle komplementäre Perspektiven in den Lehrgang einbringen.

 

Die einzelnen Projektseminare dauern jeweils eine Woche. Nach einer zweitägigen intensiven Einführung in das Thema durch die örtlichen Fachpersonen und Verantwortlichen sowie den Lehrenden wird die Aufgabenstellung gemeinsam mit den Studierenden definiert. Bis zum Ende der Woche erfolgt in höchst intensiver Form und regelmäßiger Koordination die eigentliche Projektarbeit. Das didaktische Konzept sieht vor, dass die Fachpersonen und die Studierenden gemeinsam am Projekt arbeiten. Die Grenze zwischen Lernenden und Lehrenden verschmilzt. Die gesamten Teilnehmenden des Projektseminars arbeiten dabei als transdisziplinäre Projektierungsgruppe, die sich gemeinsam einer komplexen Aufgabe stellt und in Teilgruppen Subthemen mit wissenschaftlichen Methoden bearbeitet. Die Koordination und Visualisierung des Projektfortschritts erfolgt mittels einer sogenannten „Tafel der Methodik“. Es handelt sich dabei um eine Darstellungsform, auf welche in einem Gesamtüberblick sämtliche Aktionsfelder in gegenseitigen Abhängigkeiten erkannt werden können. Zum Ende der Woche werden die Ergebnisse des Projektseminars öffentlich präsentiert und diskutiert, und zwar vor der evakuierten Bevölkerung, vor den Verantwortlichen aus der Politik, vor den Behörden und weiteren zuständigen Personen. Jedes Projektseminar baut inhaltlich und thematisch aufeinander auf und steht in Kontinuität mit dem langjährigen Prozess des Wiederaufbaus.

 

Die Master-Thesen stellen sich einzelnen spezifischen Forschungsfragen des Wiederaufbauprozesses. Diese werden jeweils von einer Wissenschaftlerin bzw. einem Wissenschaftler der Donau-Universität Krems und einer fachlich geeigneten Person vor Ort betreut. Die Dauer der Erarbeitung der anspruchsvollen Master-Thesen dauert in der Regel zwei Semester. Auch diese Ergebnisse werden öffentlich präsentiert und in den Prozess des Wiederaufbaus eingebracht.

 

2. Aufgaben- und Lernfelder

Die konkrete und fallorientierte Projektarbeit des Wiederaufbaus erdbebenzerstörter Altstädte in Italien erfolgt seit Jänner 2010 in Paganica (zur Stadt L’Aquila zählend) und in Accumoli (Lazien) seit Jänner 2017. Damit sollen die Studierenden unter universitärer und lokaler fachlicher Begleitung an anspruchsvolle, gesellschaftswirksame und vielschichtige Aufgaben herangeführt werden und für verantwortungsvolles und abgewogenes wissenschaftlich gestütztes Handeln sensibilisiert werden. Dies wird folgend exemplarisch an einigen Aufgaben- und Lernfelder skizziert, die konstitutiv zu jeder Projektwoche gehören.

 

Mittels einer zu erarbeitenden multidisziplinären Situationsanalyse wird den Studierenden die Komplexität der städtischen Struktur vermittelt. Die Wiederaufbaubemühungen sind in dieser Weise nicht nur auf die erdbebensichere Rekonstruktion bzw. Sanierung der Bausubstanz zu beschränken, sondern es sind auch die Wechselwirkungen zu den sozialen Strukturen, zum konfessionellen und kulturellen Leben und zu ökonomischen Zyklen zu ergründen, um die Funktionalität der zerstörten Siedlungsstruktur mitsamt all ihrer immateriellen Strukturen nach ihrem Wiederaufbau ebenfalls zu rekonstruieren. In diesem Bereich ist die Einbringung der vor Ort fundierten Expertise unabdingbar. Nicht nur im fachlichen Bereich erfolgt hier stets ein gegenseitig befruchtender Austausch mit den örtlichen Universitäten (Università degli Studi dell'Aquila, Università di Camerino ad Ascoli Piceno, Università degli Studi di Perugia), sondern auch die Nutzung der Universitätsinfrastruktur wird in gastfreundlicher Form gewährt. Hieraus ergeben sich über die Projekte hinaus langfristige Partnerschaften und wertvolle Kooperationen.

 

Auf der Basis der erarbeiteten Situationsanalyse erfolgt die Entwicklung einer strategischen Wiederaufbaukonzeption. Diese basiert im grundlegend auf den Erfahrungen aus dem Erdbeben 1976 in Friaul und wird auf Basis der in der Situationsanalyse entwickelten Erkenntnisse in eine neue Form gebracht und an die individuellen Begebenheiten angepasst.

 

Eine besondere Herausforderung, welche oft übersehen oder unterschätzt wird, stellt in den meisten Fällen die Reorganisation der Bauherrschaft dar. Kurze Zeit nach der Zerstörung durch das Beben treten in vielen Fällen Firmen an die einzelnen Familien heran und binden diese vertraglich. Mangels geräumter Zufahrtswege und geeigneter Lagerflächen ist die Möglichkeit für die Einrichtung einer Baustelle jedoch nicht gegeben. Hieraus resultiert eine Blockierung der Aufnahme von Wiederaufbauaktivitäten. Als Lösung zeichnet sich jeweils ab, in einem mühevollen, von örtlichen Rechtskundigen begleiteten Prozess, die evakuierte Bevölkerung in ein Konsortium zusammenzufassen und die Baufirmen in einer Arbeitsgemeinschaft zu organisieren, wobei die Bauaufträge aliquot aufgeteilt werden. Mehrere Dekrete müssen hierfür jeweils erlassen werden. Die hohe Komplexität dieses Prozesses wurde bereits im Rahmen von Master-Thesen – unter Begleitung der Donau-Universität Krems und einer italienischen Partneruniversität – wissenschaftlich bearbeitet und reflektiert, und so konnten die gewonnenen Erkenntnisse für analoge Projekte fruchtbar gemacht werden.

 

Die eigentliche Rekonstruktionsarbeit steht vor besonderen Schwierigkeiten. Für die meisten der dortigen, aus dem Mittelalter stammenden Wohnhäuser existiert kein Planmaterial mehr. Hier sind umfassende Recherchearbeiten anzustellen. Fragmenthaft sind die Informationen aus dem Studium der dortigen Bauweisen und Trümmer, mittels systematischer Befragungen der Einheimischen und durch die Rezeption historischer Fotografien und sonstiger Dokumente zusammenzutragen und eine Informationsgrundlage für die Rekonstruktion zu erarbeiten. An diesen realen, in einem Gesamtkontext stehenden Beispielen wird die inter- und transdisziplinäre Herangehensweise der Informationsbeschaffung und -verwertung in besonders ausgeprägter Form geschult, und zwar sowohl bei den Studierenden als auch bei der Lehrenden.

 

In der Praxis wird kurze Zeit nach einem Erdbeben die Räumung der Trümmer in der Regel ohne jegliche Diskussion als Erforderlichkeit betrachtet, um den Wiederaufbau in Angriff nehmen zu können. Sowohl den Grundsätzen der Nachhaltigkeit verpflichtet als auch denkmalpflegerisch begründet, erscheint die größtmögliche Wiederverwertung der Trümmer, insbesondere der architektonischen Stilelemente, als sinnvoll, ja geradezu gegeben. Hier werden die Studierenden und auch ihre fachlichen Begleiter vor die Herausforderung gestellt, diese Argumente an die Behörden, die betroffene Bevölkerung und sonstige Verantwortungsträger überzeugend darzubringen. Die Argumente müssen auch wissenschaftlich fundiert dokumentiert werden und der Wert des Baumaterials ideell und auch ökonomisch benannt werden. Auf diese Weise können Studierende ihre Verantwortung bei der Einbringung Entscheidungsprozesse erkennen und wahrnehmen.

 

Die Projektwochen werden seitens der Donau-Universität Krems in Zusammenarbeit mit den Kontaktpersonen vor Ort minutiös vorbereitet. Es wird auch der Zugang in die sogenannten Roten Zonen unter allen erforderlichen Sicherheitsauflagen ermöglicht. Die Studierenden erhalten entsprechende Sicherheitseinweisungen und sind aufgefordert sich höchst diszipliniert im Gebiet zu bewegen. Die Begehung der Roten Zonen erfolgt immer in Begleitung des Zivilschutzes oder der Feuerwehr und unter Einsatz aller erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen.

 

Gerade im Feld lernen die Studierenden den Umgang mit sich spontan selbstorganisierenden Strukturen und unterschiedlichen Kulturen umzugehen und sich hierauf einzustellen. Diese Prozesse werden von Personen, die mit der örtlichen Kulturen und Strukturen vertraut sind, begleitet.

 

Aus den vergangenen Projekten hat sich gezeigt, dass in vielen Fällen das Engagement der Studierenden über die Projektwoche hinaus anhält. Studierende bleiben oft länger vor Ort, um für ihre Master-Arbeiten zu recherchieren oder sich in anderer Art und Weise in die Arbeiten in der Region einzubringen. Dadurch sind längerfristige Netzwerke entstanden, die sich auch für die beruflichen Perspektiven der Absolventinnen und Absolventen als sehr wertvoll erweisen.

 

Um die Qualität und die Weiterentwicklung der Projektarbeiten und Summerschools zu gewährleisten, werden diese im Zusammenarbeit mit dem Department für Weiterbildungsforschung und Bildungsmanagement laufend wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die so gewonnenen Erkenntnisse dienen als Grundlage, um das Lehr- und Lernangebot stetig zu verbessern.

Positionierung des Lehrangebots

Studienabschnitt (wiederkehrend)

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.