Literaturwissenschaftliches Proseminar „Ladies, Start Your Engines: Women on the Road in American Film and Fiction“ – Lehrveranstaltung mit internationaler Konferenz und Workshop

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das Literaturwissenschaftliche Proseminar „Ladies, Start Your Engines: Women on the Road in American Film and Fiction“ dient der spezialisierten Beschäftigung mit der Literatur und Kultur Nordamerikas.Ziel des Kurses war demnach die eingehende Beschäftigung mit einer speziellen Gattung der nordamerikanischen Literatur: dem Road Movie und der Road Novel. Weiters war das Erlernen von Anwendungsmöglichkeiten theoretischer und methodischer Konzepte bei der Interpretation fiktionaler Werke ein Schwerpunktbereich. Im konkreten Fall ging es um die Beschäftigung mit Aspekten von Intersektionalität und Identität. Die Studierenden setzten sich in ihren Text- und Film-Interpretationen mit Kategorien wie „race, class, gender, age, and able-bodiedness“ auseinander. Im Sinne der Umsetzung der Internationalisierungsstrategie der Universität Graz waren sowohl Austauschstudierende als auch Lehrende von Universitäten aus den USA und Kanada auf vielfältige Weise an der Lehrveranstaltung beteiligt (internationalization@ home).

Beschreibung

Im Kurs „Ladies, Start Your Engines“ widmeten wir uns anhand ausgewählter nordamerikanischer Beispiele der Gattung des Road Movie / der Road Novel und beschäftigten uns vor allem mit den Frauen, die sich darin „on the road“ begeben. Mittels verschiedener didaktischer Methoden wurden im Kurs die vorzubereitenden Texte und Filme diskutiert und gemeinsam erforscht, welche Rolle Gender- und Diversitätsaspekte für die Erzählung und Interpretation von Grenzerfahrungen und -überschreitungen haben. Grenzüberschreitende fiktionale Mobilität war einerseits das Thema in den literarischen und filmischen Werken. Andererseits konnten die LV-Teilnehmenden von der realen internationalen akademischen Mobilität von Studierenden und Gastlehrenden profitieren: Die von der LV-Leiterin mitorganisierte internationale und interdisziplinäre Konferenz „In-Between: Liminal Spaces in Canadian Literature and Culture“ war integraler Bestandteil der Lehrveranstaltung. Die Studierenden konnten daran teilnehmen und (zertifizierte) Arbeitserfahrung im akademischen Umfeld sammeln (panel chairing, Organisation, Networking). Weiters war der halbtägige internationale Workshop „Intersectionality: Transcending Binaries“ in das Lehrveranstaltungskonzept integriert. Ergänzt wurde der Kurs durch Filmvorführungen, Gastvorträge und eine Autorinnenlesung (Aritha van Herk, Kanada); allesamt internationalization@home.

„Ladies – start your engines!“ – dieser Aufforderung, die sich ursprünglich an Frauen im Autorennsport richtete, folgten 25 Studierende der Anglistik/Amerikanistik mit vollem Elan: Im Sommersemester 2016 beschäftigten wir uns mit der Gattung des amerikanischen und kanadischen „Road Movie“ und der „Road Novel“.

 

Das literaturwissenschaftliche Proseminar, das im Studienjahr 2015/16 von den Studierenden für den Lehrpreis “Lehre Ausgezeichnet“ der Karl-Franzens-Universität Graz nominiert und schließlich auch damit ausgezeichnet wurde, widmete sich den erzählten Grenzüberschreitungen sowie den inneren Entdeckungsreisen verschiedenster Frauen, die sich in den Texten/Filmen "on the road" begeben. Folgende Fragen standen im Zentrum: Wie verhandeln diese Frauen auf der Suche nach der Freiheit der "open road", eines traditionellerweise weißen, männlichen und heteronormativ geprägten Raums, ihre Identitäten? Mit welchen narrativen Strategien werden ihre (Miss-)Erfolge erzählt? Welche Rolle spielen unsere unterschiedlichen persönlichen Perspektiven für die Interpretation dieser Texte und Filme? Der Schwerpunkt unserer Diskussionen lag auf dem Begriff der "Intersektionalität" – der Wechselwirkung aller Aspekte von Identität im Sinne von Ethnizität, sozialer Gruppe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter und körperlicher Verfasstheit. Zu den behandelten Texten und Filmen zählten etwa Bonnie and Clyde, Thelma and Louise, Little Miss Sunshine, Cloudburst, Flaming Iguanas, No Fixed Address oder Transamerica.

 

Ergänzend zu den fiktionalen Texten und Filmen wurden theoretische Texte gelesen und anhand verschiedener didaktischer Methoden wie Vortrag, Diskussion, World Café, Gruppenarbeit, Autorinnenlesung, Gastvortrag und academic speed dating bearbeitet. Weiters waren der halbtägige Workshop „Intersectionality: Transcending Binaries“ am 14.3.2016 sowie die internationale Konferenz „In-Between: Liminality in Canadian Literature and Culture“ (2.- 4.6.2016) integrale Bestandteile des Kurses. Da nicht alle Studierenden die Möglichkeit eines Auslandsaufenthaltes in Betracht ziehen (können), mir die Internationalisierung der Lehre sowie der Erwerb interkultureller Kompetenz jedoch ein besonderes Anliegen ist, wurde das Konzept der "Internationalization@Home" auf diese Weise den Vordergrund gerückt. Die Studierenden wurden, wie im Folgenden erläutert, zu internationalen Aktivitäten, die im Zusammenhang mit LV-relevanten Inhalten stehen, eingeladen, und konnten sich so untereinander, aber auch mit internationalen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern vernetzen:

 

(1) Am 9. März 2016 hielt Prof. Sally Chivers, Trent University, Kanada, die im Rahmen ihres 3-wöchigen Forschungs- und Kooperationsaufenthaltes zu Gast an der Uni Graz war, in unserem Kurs einen Gastvortrag über Altern und Behinderung im Road Movie (“Blind people don’t run”: Older Women on the Road Again in Cloudburst“). Wir hatten auch Gelegenheit, einen ihrer zuvor im Kurs gelesenen Essays ausführlich mit ihr zu diskutieren. Sally Chivers betreut nun eine Abschlussarbeit gemeinsam mit mir.

 

(2) Ein besonderes Highlight war der auf besondere Anfrage der Studierenden, die mehr zum Thema „Intersektionalität“ wissen wollten, extra für den Kurs konzipierte halbtägige Workshop "Intersectionality: Transcending Binaries" (Uni Graz, 14.3.2016): Vier Wissenschafterinnen und Wissenschafter hielten Impulsreferate zu Alter, Gender, Behinderung und Transsexualität/Asexualität, zu denen die Studierenden dann unter Anleitung aller Vortragenden in Kleingruppen arbeiteten und Präsentationen vorbereiteten, die dann gemeinsam diskutiert wurden. Im Anschluss an den offiziellen Teil wurde noch lebhaft am Buffet weiterdiskutiert und Netzwerkarbeit geleistet. Die Vortragenden waren:

- Sally Chivers, Trent University, Peterborough, Canada: “Cripping Care and Aging Assistance: Austerity, Advice Literature, and the Troubled Link between Disability and Old Age”,

- Maureen Daly Goggin, Arizona State University, USA, and Fulbright Professor at the University of Graz, Austria: “Understanding Fem-in-Isms: Rethinking the Limits of Gender through Intersectionality,

- Susanne Hamscha, University of Graz, Austria: “Out on a Limb: Feminist Disability Studies and the Body Unbound“, und

- Simon Daniel Whybrew, University of Graz, Austria: “‘Neither woman nor man, foreigner with no home’: Intersectionality in Maureen F. McHugh’s Sci-Fi Odyssey Mission Child”.

 

(3) Darüber hinaus waren die Studierenden eingeladen, an der internationalen Konferenz "In-Between: Liminal Spaces in Canadian Literature and Culture" (Uni Graz, 2.-4.6.2016) teilzunehmen bzw. auch im Vorfeld und bei der Konferenz selbst organisatorisch mitzuhelfen. Einige Studierende erklärten sich sogar bereit, als Panel Chairs zu fungieren, was wir im Organisationsteam besonders begrüßten, da sie dadurch viel Erfahrung sammeln konnten. Die Teilnahme an mindestens einer der drei Keynote Lectures von Reingard Nischik (Konstanz), Aritha van Herk (Alberta) und Marlene Goldman (Toronto) war verpflichtend im Kurs-Curriculum verankert. Die freiwillige Mitarbeit wurde nicht nur mit dem Gewinn vertiefter Einblicke in den universitären Alltag belohnt, sondern auch durch Zertifikate, die das besondere Engagement und die Freiwilligenarbeit der Studierenden honorierten. Auch der Netzwerkaspekt sollte hier extra erwähnt werden: Die Möglichkeit der informellen Treffen mit den internationalen Gastlehrenden wurde von den Studierenden, die an diesem Kurs teilnahmen, in der LV-Evaluierung als besonders positive Erfahrung hervorgehoben.

 

(4) Weiters gab es im Rahmen des Kurses eine Autorinnenlesung der berühmten kanadischen Schriftstellerin Aritha van Herk (University of Alberta): Sie las am 3.6.2016 aus ihrem Text No Fixed Address, der zuvor auch im Kurs behandelt worden war. Die Studierenden diskutierten rege mit der Autorin, und einige ließen ihre Bücher von ihr signieren.

 

Diese Zusatzaktivitäten wurden in der Evaluierung wie folgt beschrieben: “The course is very interactive and the dynamics between the professor and the students are always very engaging. The students are also very motivated and because of this, other students were also very motivated to participate in the course. It is also very interesting to see students from other countries because then, the ideas, thoughts and criticism are more "open". I find this extremely enlightening. The seminar is also tied to a conference that the Prof. organized (In-Between: Liminal Spaces in Canadian Literature and Culture, 2-4 June) and a workshop on "intersectionality" (Intersectionality: Transcending Binaries). These events were particularly engaging as we were able to look at the subject with more in-depth. It is also interesting to see how the professors use the different concepts in their research.”

 

In dieser Lehrveranstaltung, die die Teilnehmenden zugegebenermaßen über das Normalmaß hinaus forderte, aber gleichzeitig auch förderte, stellten sich die 25 Studierenden ganz besonders der Herausforderung, ihre eigenen "comfort zones" zu verlassen und sich auf fachliche sowie sehr persönliche Diskussionen zum Thema kulturelle Diversität in verschiedenen Kontexten einzulassen. Themen wie Reisen und Grenzüberschreitungen bieten sich für Diskussionen des Eigenen und des Fremden an, und es ergaben sich in den Analysen der verschiedenen Texte/Filme auch intensive Debatten über individuelle Standpunkte: So debattierten etwa einmal, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Grazer Student und eine malaysische Studentin über ihre divergierenden Ansichten über die lesbische Latina, die als Protagonistin der Graphic Novel Flaming Iguanas von Erika Lopez mit dem Motorrad die USA durchkreuzt, und erstaunten mit ihren Werten und Normen sowie ihrer Konfliktkultur wiederum die Incoming-Studentin aus Arkansas, die dann ihr Wissen über die amerikanische Latino/a Community im Kurs teilte. Ich nutze solche und ähnliche Situationen, die die kulturelle Diversität der Studierenden widerspiegeln – gerade in Anglistik/Amerikanistik verzeichnen wir großes Interesse von Incoming-Studierenden an den Lehrveranstaltungen –, immer aktiv für Lernprozesse. Dies wurde in der Evaluierung folgendermaßen erwähnt: „The course was very lively because of numerous interesting discussions and group works, which enabled the students to learn from each other.”

 

Durch die große Diversität und die unterschiedlichen Bedürfnisse der Studierenden in diesem Kurs (mehrere Nationen und Ethnien, Migrationshintergründe, Pflegetätigkeit, schwere körperliche Behinderung) wurden Fragen von Marginalisierung und Zugehörigkeit, Fragen des Eigenen und des Fremden und der kulturellen Unterschiede immer wieder zum Hauptthema, das mitunter sehr lebhaft, aber auch heftig und berührend diskutiert wurde. Besonders bemerkenswert war in diesem Zusammenhang der gegenseitige Respekt, den sich alle Teilnehmenden entgegenbrachten. In meinen Lehrveranstaltungen bemühe ich mich darum, die Studierenden als Hauptagierende ins Zentrum zu stellen, sie in ihrer Individualität wahrzunehmen und schon in den ersten Einheiten ein wertschätzendes Gesprächsklima herzustellen, das ich als Grundlage kooperativen Lernens verstehe. Dazu ein Auszug aus dem Evaluierungsprotokoll: “The instructor treats the students as equals and respects them and also shows this respect. She plays a central part in making the classroom atmosphere so productive and positive!” und “The LV was amazing in general, one of the best classroom atmospheres I had throughout my entire studies”. Als Maßnahme dazu verwende ich zu Beginn all meiner Lehrveranstaltungen Übungen zur interkulturellen Handlungskompetenz, die ich anpasse (z. B. „Describe-Interpret-Evaluate").

 

Außerdem berücksichtige ich die Heterogenität der Lernenden, indem ich eine Vielfalt an Lehr-Lernmethoden zum Einsatz bringe und ihnen auch eine gewisse Wahlmöglichkeit lasse, wodurch Studierenden unterschiedliche Lernmöglichkeiten geboten werden. In der Evaluierung war dazu zu lesen: „The instructor tries out different methods of team work, is very humorous, flexible, and always open for new ideas”. Alle Lernunterlagen wurden in (so gut wie möglich) barrierefreier Form auf der Lernplattform Moodle zur Verfügung gestellt. Die Studierenden halfen dabei, alle zu lesenden Texte sowie die Powerpoint-Folien und verwendeten Flipcharts so zu digitalisieren, dass sie auch für einen schwer körper- und sehbehinderten Kursteilnehmer zugänglich waren.

 

Für einen positiven Abschluss der Lehrveranstaltung waren folgende Anforderungen zu erfüllen: Selbständige Lektüre der angegebenen Texte, Mitarbeit, Anwesenheit bei ausgewählten Terminen (Workshop, Konferenz, Lesung), 3 Response Journals (je 1-2 Seiten), creative presentation, Proseminararbeit. Die Studierenden wurden eingeladen, ihre Themenwahl vorab mit mir zu besprechen. Dies wurde von den Studierenden positiv evaluiert: „The instructor gave very helpful and detailed feedback with regard to research and writing papers. She created a wonderful atmosphere in class: Not only did the discussions on intercultural topics we had in class increase my knowledge but they also contributed to my development as a person”. Die (sehr erfreulichen) Evaluierungsergebnisse sind öffentlich und in Uni Graz Online nachzulesen.

Positionierung des Lehrangebots

Das Literaturwissenschaftliche Proseminar „Ladies, Start Your Engines: Women on the Road in American Film and Fiction“ ist als Pflichtfach im Lehramtsstudium Englisch und im BA (Unterrichtsfach Englisch, BA Studium Anglistik/Amerikanistik) positioniert, und als Wahlfach (Internationales Joint Master Programm in Kultursoziologie) anrechenbar. Im Curriculum des Lehramtsstudiums und des BA Studiums ist es im dritten Semester absolvierbar und dient der spezialisierten Beschäftigung mit der Literatur und Kultur Nordamerikas.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.