Peer2Peer – Krisenintervention, Psychosoziale Stressbewältigung, Mentoring und Fort-/Weiterbildung für Studierende an der Medizinischen Universität Graz

Umgesetztes Projekt

Ziele

Ziele des Projektes:

 

1. Kompetenzsteigerung von bzw. Wissensvermittlung an Studierende der Medizinischen Universität Graz hinsichtlich des Umganges mit eigenen psychosozialen Herausforderungen im Studium bzw. für den späteren Beruf.

 

2. Kompetenzsteigerung von Studierenden für die spätere berufliche Betreuung von Patientinnen und Patienten in psychosozialen Ausnahmesituationen sowie dem Erkennen von psychosozialen Fragestellungen und dem Arbeiten in interdisziplinären Teams.

 

3. Die Ausbildung von Tutorinnen und Tutoren (höhersemestrige Studierende) zur Betreuung von Studienkolleg/-innen in psychosozialen Ausnahmesituationen bzw. im Zuge eines klassischen Mentoring.

 

4. Langfristig: Schaffung eines Themenschwerpunktes „Gesundheit von Medizinstudierenden“ in Lehre und Forschung an der Medizinischen Universität Graz

Kurzzusammenfassung

Das Peer2Peer-Programm ist ein Lern- wie Lehrkonzept, welches sich um die Aus-/ und Weiterbildung von Studierenden hinsichtlich psychosozialer Fragestellungen bemüht (freies Wahlfach), als auch auf Basis von studentischen Tutor/-innen ein Betreuungsangebot für Studierende in psychosozialen Krisen sowie Mentoring organisiert. Inhaltlich stehen das Erkennen sowie der Umgang mit psychosozialen Herausforderungen im eigenen studentischen bzw. späteren beruflichen Umfeld, offen für alle Studierenden der Universität, sowie die spezielle Vertiefung für Tutor/-innen des Programmes im Mittelpunkt. Das Lehrenden-Team des Wahlfaches ist interdisziplinär zusammengesetzt und soll die Studierende mit unterschiedlichen fachlichen Herangehensweisen mit den zuvor beschriebenen Inhalten vertraut machen. Die Lerninhalte werden den Studierenden zu Beginn des jeweiligen Semesters dargelegt und weiterführende Unterlagen zur Verfügung gestellt. Neben unterschiedlichster Lehrkonzepte (Videos, Gruppendiskussionen, Vorträge, Falldiskussionen, Feedback der Studierenden) im Zuge des Wahlfaches wird ein Schwerpunkt auf die selbstständige Bearbeitung von Aufgaben (personenbezogene Projekte) und Kompetenzsteigerungen im Arbeitsprozess der späteren Tutor/-innen mit begleitendem Feedback, Teambesprechungen und Supervisionen wertgelegt. Die Weiterentwicklung der Programmbestandteile sowie der Lehr-/ und Lerninhalte durch die Leitung des Programmes erfolgt unter ständigem Austausch, Evaluation bzw. Feedback.

Nähere Beschreibung

Hintergrund: Nach der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz sind Studierende an Universitäten mitunter einer hohen biopsychosozialen Belastung ausgesetzt, die sich unter anderem bedingt durch die Anforderungen an sich selbst, mangelnde persönliche Ressourcen sowie strukturellen Belastungen (Prüfungsarten, Organisation von Lehrveranstaltungen, fehlende Rückzugsmöglichkeiten am Hochschulstandort) ergeben. Dies trifft im Besonderen auch auf Studierende der Medizin zu, welche durch einen oftmals hohen Lernaufwand, bei starker zeitlicher Vorortpräsenz (Praktika, Verschulung des Systems) sowie existenziellen Fragestellungen (Umgang mit dem Tod von Patient/-innen, Grenzen des eigenen Wirkens) konfrontiert sind. Der erlernte Umgang mit Stressoren in dieser zeitlich vulnerablen Phase, kann dabei eine Weichenstellung für die spätere berufliche Laufbahn (u.a. Work-Life-Balance) hinsichtlich der eigenen Person, aber auch in der Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten (u.a. Umgang mit psychosozialen Krisen) darstellen.

 

Grundinformation über das Programm: Das Peer2Peer-Programm an der Medizinischen Universität Graz hat sich dabei zum Ziel gesetzt, einerseits Studierende in akuten psychosozialen Krisensituationen (z.B. kommissionelle Antritte, Lernprobleme, Konflikte in der Partnerschaft/im Elternhaus; Belastungen aufgrund von Geldmangel) beratend/begleitend zur Seite stehen bzw. andererseits die Studierenden generell auf Themen der Belastung im Rahmen der Studiums (als auch des späteren Berufslebens) zu sensibilisieren und eine Kompetenzstärkung im Hinblick auf Gesundheitsförderung/Prävention sowie dem Erkennen, dem Umgang und der Verwendung von Unterstützungsmöglichkeiten bei psychosozialen Belastungen zu ermöglichen. Die Vermittlung von Inhalten im Sinne der Aus-, Fort,- und Weiterbildung erfolgt dabei durch Expert/-innen aus den Bereichen Medizin, Psychologie und Psychotherapie. Die Erstbetreuung der Studierenden in Belastungssituationen erfolgt durch höhersemestrige (speziell geschulte) Studierenden, welche als Tutorinnen und Tutoren an der Medizinischen Universität Graz angestellt sind und laufend weitergebildet werden. Diese werden durch die Leitung des Programmes angeleitet und im Rahmen einer vertiefenden Supervision (Gruppe- wie Einzelsupervision) begleitet. Für komplexere Fälle bzw. Fragestellungen (z.B. psychotherapeutische Begleitung) steht im Hintergrund ein Kollegium aus Fachvertreter/-innen zur Verfügung. Um bereits frühzeitig gesundheitsfördernd bzw. unterstützend tätig zu werde, wurde mit Wintersemester 2016/17 auf freiwilliger Basis, ein Gruppenmentoring-Angebot für erstsemestrige Studierende zusätzlich implementiert.

 

Aus lernbezogener bzw. wissensvermittelnder Sicht stehen das Erkennen sowie der Umgang mit psychosozialen Herausforderungen im eigenen studentischen bzw. späteren beruflichen Umfeld, offen für alle Studierenden der Universität, sowie die spezielle Vertiefung für Tutor/-innen des Programmes im Mittelpunkt. Ein begleitendes Mentoring-Angebot für Studierende der Universität ist ein weiterer Aspekt des Programmes.

 

Im Folgenden wird auf die beiden, mit einander verbundenen, Komponenten des Peer2Peer-Programmes – Wahlfach und Betreuungsprogramm – eingegangen.

 

1. Wahlfach: Die Teilnahme am zweisemestrigen Wahlfach „Psychosoziale Krisenintervention und Stressbewältigung I & II“ ist für alle Studierende der Universität, ab dem fünften Semester, möglich und dient zur Auseinandersetzung wie Sensibilisierung für verschiedenste Themen im Zuge der Bearbeitung von psychosozialen Krisen. Ziel ist das Erkennen sowie der Umgang mit psychosozialen Krisen, die eigene Person (Belastungsquellen, Ressourcen, Erlernen von Coping-Strategien) betreffend, aber auch der Umgang in der späteren Arbeitswelt (z.B. „Welche Berufsgruppen können unterstützen?“, „Wie unterscheide ich die Notwendigkeit einer psychotherapeutischen und/oder psychiatrischen Intervention“, „Wie gehe ich mit selbstmordgefährdeten Menschen um?“). Gleichzeitig stellt das Wahlfach auch die Basisausbildung für die zukünftigen Tutorinnen und Tutoren (Peers) des Betreuungsprogrammes dar.

 

Das Wahlfach umfasst eine Semesterwochenstunde pro Semester und ist jeweils in fünf Blöcke (je 2h 15 Minuten) aufgeteilt. Die Wahlfächer I und II sind dabei aufeinander aufbauend. Während das Wintersemester schwerpunktbezogen die theoretischen Grundlagen aufbereitet, dient das Sommersemester vornehmlich zum praktischen Üben bzw. der Vertiefung der zuvor gelernten Inhalte. Das Lehrenden-Team (n=4) ist interdisziplinär (Medizin, Psychologie, Psychotherapie) besetzt und weist langjährige Erfahrungen in Lehre, Forschung und PatientInnen-Betreuung auf.

 

Themen sind wie folgt:

 

• Wissenschaftliche Evidenz zur Belastung von Medizinstudierenden, Relevante Faktoren im Zuge der Studierendengesundheit

• Vermittlung von Grundkonzepten der Kommunikation und Krisenintervention

• Wissensvermittlung über und Erlernen von Techniken zur Stressbewältigung (Coping-Strategien, Entspannungstechniken)

• Psychotherapeutische und pharmakologische/psychiatrische Grundlagen/Interventionen bei Krisen im Generellen bzw. bestimmten klinischen Fragestellungen (Ängste, Depression, Burnout, Suizidalität)

• Falldiskussion mit dem Fokus auf die psychosoziale Betreuung von Studierenden

 

Das Lehrformat umfasst dabei Vorträge, interaktive Diskussionen, Rollenspiele, Verwendung von Spielfilmsequenzen (Erkrankungsbilder) und Falldiskussionen. Feedbackrunden zur Rückmeldung des Wissenstransfers werden in den einzelnen Einheiten durchgeführt. Eine Anwesenheit von 80% (4 von 5 Lehreinheiten) sowie eine schriftliche Reflexion zu Inhalten des Wahlfaches sind zum Abschluss notwendig. Eine schriftliche Evaluierung findet jeweils pro Semester am Ende des Wahlfaches statt.

 

2. Peer2Peer-Beratungsangebot: Nach Abschluss des zweisemestrigen Wahlfaches können interessierte Studierende im Rahmen des Beratungsprogrammes als Tutorinnen und Tutoren an der Medizinischen Universität Graz angestellt werden und übernehmen selbstständig (unter Supervision) die primäre Kontaktbetreuung sowie weitere Aufgaben im Zuge der Teamarbeit (Veranstaltungsorganisation, Dienstplanerstellung, Öffentlichkeitsarbeit etc.). Aktuell sind sieben Studierende (zwischen 1-3 Semesterstunden pro Anstellung) im Rahmen des Programmes tätig. Die Inanspruchnahme des Beratungsangebotes durch Studierende der Medizinischen Universität Graz erfolgt dabei anonym und kostenlos.

 

Zur näheren Beschreibung des Beratungsangebotes werden im Folgenden die Bereiche „Eckdaten des Betreuungsdienstes“, „Qualitätssicherung“ und „Externe Fort- und Weiterbildung“ beschrieben.

 

2.a. Eckdaten des Betreuungsdienstes

 

Studierende, welche das Programm als Betroffene von psychosozialen Krisen in Anspruch nehmen wollen, können dies auf mehreren Wegen tun.

 

• Kontaktaufnahme auf der Univ.-Klinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie: Zwei Journaldienste pro Woche zwischen 15:00-16:30 Uhr (Mo./Mi.) mit fixer Anwesenheit eines Tutors/ einer Tutorin. Ein Raum ist für das Peer2Peer-Programm bereitgestellt.

 

• Kontaktaufnahme per Telefon

 

• Kontaktaufnahme per FaceBook

 

• Kontaktaufnahme per E-Mail

 

Treffen außerhalb der zuvor beschriebenen Journaldienstzeiten sind, nach Erstkontaktaufnahme und individueller Abstimmung, möglich. Die Tutor/-innen machen die Ersterhebung der zugrundliegenden Problematik und organisieren in Absprache mit dem Betroffenen die weiteren Schritte (weitere Betreuung durch den/die Tutor/-in; Beiziehung von Fachvertreter/-innen falls z.B. psychotherapeutische Unterstützung notwendig ist, Vermittlung an universitäre Stellen).

 

 

Funktionen bzw. Tätigkeiten die unter anderem wahrgenommen werden:

 

• Entlastendes Gespräch (z.B. Versagensängste, Probleme im privaten Umfeld)

 

• Information über zuständige bzw. weiterhelfende Stellen (Universität, Sozialberatung, Fachschaft, öffentliche Einrichtungen etc.)

 

• Lernplanerstellung, Koordination von Prüfungsantritten

 

• Psychoedukation hinsichtlich Faktoren des persönlichen Stresses sowie mögliche Coping-Mechanismen

 

• Vermittlung von Entspannungstechniken

 

• Weitervermittlung an Fachstellen (z.B. Psychotherapie, Sozialberatung)

 

 

2.b. Qualitätssicherung

 

Die interne Qualitätssicherung sowohl hinsichtlich der eigenen psychosozialen Gesundheit der Tutor/-innen und Tutoren sowie die Weiterentwicklung des Programmes betreffend, genießt einen hohen Stellenwert. Zum aktuellen Zeitpunkt sind folgende Punkte umfasst:

 

• halbtägige Klausur zu Semesterbeginn (Definition von Schwerpunkten sowie Aufgabenverteilung neben der Beratungstätigkeit)

 

• Mitarbeiter/-innen-Gespräch (min. eines pro Neueinstieg in das Programm, max. 2 pro Studienjahr im strukturierten Rahmen, weitere Einzelgespräche laufend)

 

• Teamtreffen mindestens alle drei Wochen mit dem Leiter (aktuell öfter)

 

• Fallreflexion direkt nach dem Kontakt (wenn nötig) mit dem Leiter

 

• Gruppensupervision/Fallbesprechung (mit langjähriger Psychotherapeutin) alle vier Wochen sowie Einzelsupervision laufend bei Bedarf

 

• Interne Fortbildung für die Tutorinnen und Tutoren (1-2 pro Semester; z.B. „Verhaltenstherapeutische Interventionsmöglichkeiten“, „Entspannungstechniken“)

 

• Standardisierte Dokumentation von Kontakten

 

• Schriftliche Protokolle der Teamtreffen

 

• laufende Evaluierung hinsichtlich der Betreuungszahlen sowie der Fragestellungen in den Kontakten als auch der Inanspruchnahme von Supervisionen und externen Fortbildungen

 

• Teilnahme von neuen Mitarbeiter/-innen (im ersten Semester) bei Kontakten nach Zustimmung des Betroffenen (angeleitetes Lernen), ansonsten Übernahme nur von organisatorischen Tätigkeiten

 

• Team Building (Weihnachtsfeier, gemeinsame Unternehmungen)

 

 

2.c. Fort- und Weiterbildung von Studierenden der Universität

 

Neben der Beratung von Betroffenen von psychosozialen Krisen ist ein Hauptfokus der Programmtätigkeit auf die Gesundheitsförderung sowie Prävention gerichtet. Dies umfasst sowohl individuelle wie auch strukturelle Einflüsse. Hierzu werden, abseits des Wahlfaches, Informationsveranstaltungen über das Programm, Vorträge und Workshops zu spezifischen Themen organisiert, Informationsmaterialien hergestellt sowie eine Erhebung hinsichtlich struktureller Bedingungen (z.B. Lernräume, Rückzugsmöglichkeiten am Campus, Wickelmöglichkeiten für studierende Mütter) durchgeführt.

 

Dies umfasst u.a. jährliche Musikentspannungs-Workshops, Vorträge/Workshops zum Thema "Lernen", Gruppenmentoring für Erstsemestrige, Leitfadenerstellung „Soft Skills“ für die Famulatur .

Mehrwert

Verringerung der psychischen Belastung von Studierenden, Reduktion von Stehzeiten durch mehrmaliges Prüfungsverschieben; niederschwellige Anlaufstelle bei psychosozialen Krisen bzw. Lernproblemen an der Universität; Schaffung zusätzlicher gesundheitsfördernde Angebote.

Profitierende

  • Studierende
  • Lehrende
  • Verwaltung

Aufwand

Zusätzlicher Zeitaufwand durch die verstärkten Qualitätssicherungsmassnahmen, Kosten für Öffentlichkeitsarbeit (Flyer-, Plakatdruck etc.) und Veranstaltungen zur Studierenden-Fortbildung, Kongresskosten für wissenschaftliche Aufbereitung des Projektes.

Positionierung des Lehrangebots

Offen für alle Studierenden an der Medizinischen Universität Graz (alle Abschnitte Humanmedizin, Gesundheits- und Pflegewissenschaft, Zahnmedizin, Doktoratsstudien).

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.