Negotiating change: simulating an international conference for sustainable development (Vorlesung und Seminar)

Umgesetztes Projekt

Ziele

Gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen entziehen sich einfachen Antworten – Migration, Klimawandel, globale Arbeitsteilung und Energienutzung sind Beispiele dafür. Sie überschreiten politische Grenzen, geographische Hindernisse und wissenschaftliche Disziplinen. Um nachhaltige Lösungen zu entwickeln und gesellschaftlich zu verhandeln, bedarf es Expertinnen und Experten mit großem Fachwissen – und neuen Kompetenzen. Dazu zählen wir: das kritische Verarbeiten einer Flut von Informationen, die kreative Zusammenarbeit mit anderen, die Toleranz gegenüber Unsicherheit, sowie das Erleben divergierender persönlicher und institutioneller Interessen.

Die Lehrveranstaltung ‚Negotiating Change’ soll hier einen kleinen Beitrag leisten. Sie ist eine Kooperation des Centre for Development Research an der BOKU und des Instituts für Internationale Entwicklung an der Universität Wien - in Zusammenarbeit mit in Wien ansässigen internationalen Organisationen, Ministerien und NGOs. Sie richtet sich an Studierende aller Fachrichtungen der beiden Universitäten, die ihre fachliche Disziplin in gesellschaftliche Herausforderungen einordnen wollen.

 

Das didaktische Konzept orientiert sich theoretisch an konstruktivistischen und transformativen Lernthorien und integriert praktisch Elemente des problem-based learning, team-based learning und experiential learning.

Kurzzusammenfassung

Die Studierenden, mit dem Ziel am Ende der Lehrveranstaltung selbst verschiedene Stakeholder repräsentieren zu können, setzen sich mit (inter-)nationalen Interessen und deren Verhandlung in globalen Nachhaltigkeitsfragen auseinander. Kernelement des Kurses und Auftrag an die Studierenden ist die zweitägige Simulation einer UN-Konferenz im Vienna International Center. Die Lehrveranstaltung fokussiert jedes Jahr auf ein in den Vereinten Nationen tatsächlich diskutiertes Thema am Nexus Nachhaltigkeit, Politik und Gesellschaft. Im Wintersemester 2016/17 war dieses Thema ‚Environmental Migration’, in den Jahren zuvor beispielsweise die Nachhaltigkeitsziele der UN oder nachhaltige Landnutzung.

Die über das Semester erarbeiteten Wissensinhalte werden dann durch die praktische Anwendung in diplomatischer Atmosphäre verarbeitet. Die Learning Outcomes des Kurses sind:

 

1. Die Beschreibung einer komplexen gesellschaftlichen Herausforderung im Bereich Nachhaltigkeit entlang ökonomischer, sozialer und ökologischer Dimensionen aus Sicht spezifischer Akteurinnen und Akteure.

2. Das Entwickeln von Interessen und Lösungsvorschlägen hinsichtlich dieser Herausforderung aus Sicht einer Akteurinnen und Akteure.

3. Das Erarbeiten einer Verhandlungsstrategie, um internationales Handeln im Sinne der Akteurinnen und Akteure zu erreichen.

4. Das Verhandeln von Lösungen im Rahmen einer (simulierten) UN-Konferenz, um positive und frustrierende Momente in multilateralen Verhandlungen zu erleben.

Nähere Beschreibung

Das Programm der Lehrveranstaltung gliedert sich in vier Phasen - in der Eingangsphase werden von den Studierenden mit den Trainern und externen Expertinnen und Experten inhaltliche und methodische Kompetenzen erarbeitet. Nach einer grundlegenden thematischen Einführung stellen sich die Teilnehmer/innen über ein Persönlichkeitsposter vor und wählen ein Land oder eine Organisation aus, die sie in der Konferenz vertreten wollen. Nach einem Seminar zu Teambuilding und interkultureller Kommunikation ist das zentrale Lernsetting in dieser Phase das ‚Expertinnen-/Expertencafe’. In mehreren Einheiten stehen Expertinnen und Experten von zum Beispiel der International Organisation of Migration, UN Environment, des BmEIA, des BmLFUW, Global2000, dem Roten Kreuz und anderen Institutionen den bereits im Team arbeitenden Studierenden für Fragen zur Verfügung. Innerhalb einer Einheit wechseln die Studierenden nach einer definierten Zeitspanne zur nächsten Expertin/zum nächsten Experten. Es liegt dabei ganz in der Verantwortung der Studierenden, die richtigen Fragen zu stellen um für ihren Lernfortschritt bestmöglich von den Diskussionen zu profitieren.

 

In der zweiten Phase werden die Positionen der zu repräsentierenden Akteurinnen und Akteure erarbeitet und in mehreren Reflexionsschleifen adaptiert. Dazu gehören ein Peer-Review-Mechanismus und eine Feedbackkomponente seitens der Trainer. Die Studierenden nutzen auch die Möglichkeit, Termine mit Botschaften oder internationalen Organisationen, wie der OPEC zu vereinbaren, um ein konkreteres Bild davon zu erlangen, wie ihre Stakeholder agieren würden. Mit einem Rhetoriktrainer üben die Studierenden erfolgreiches Sprechen im Rahmen einer Konferenz. Jedes Team schließt diese Phase mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu den sozialen, wirtschaftlichen und ökonomischen Realitäten der vertretenen Akteurinnen und Akteure ab, sowie mit einem Entwurf für eine Resolution. Dieser Entwurf soll die Interessen der vertretene Akteurinnen und Akteure deutlich widerspiegeln.

 

Im dritten Schritt werden in der Konferenz-Situation die erlernten Inhalte verhandelt. Auftrag an die Studierenden ist es, am Ende der Simulation ein Resolutionspapier mit Zielen und Maßnahmen im Bereich der verhandelten Herausforderung (z.B. environmental migration) einstimmig zu verabschieden. Auch hier sind externe Expertinnen und Experten anwesend, die einen erweiterten Blick auf die Leistungen der Studierenden haben. Ebenfalls eine wichtige atmosphärische Komponente ist die Simultanübersetzung durch Mitglieder des österreichischen Berufsverbands für Dolmetschen und Übersetzen, UNIVERSITAS; viele Studierende vertreten die Position „ihrer/ihres“ Akteurin/Akteurs in ihrer eigenen Muttersprache oder der jeweiligen Landessprache.

In der Reflexionsphase nach der Simulation wird die Erfahrung der Lehrveranstaltung auf der inhaltlichen, der didaktischen und der organisatorischen Ebene aufgearbeitet. Die Leistungsüberprüfung erfolgt nach einem Mehrkomponenten-System, welches individuelle und im Team erbrachte Leistungen berücksichtigt. Die Studierenden schlagen einen Teil ihrer Benotung selbst vor, und diese Einschätzung wird mit derjenigen der Trainer abgeglichen. Die Punkte und das Feedback zu den einzelnen Aufgaben werden den Studierenden offen auf der E-Learning Plattform zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus bekommen die Studierenden Rückmeldung von Beobachter/innen und Expertinnen/Experten bezüglich Verhandlungsprozess und -inhalt. Das Format „Konferenz“, die Wahl der externen Kooperationspartner/innen durch das Trainerteam und der Aufbau des Lernprozesses werden abschließend kritisch diskutiert.

 

Didaktische Prinzipien

 

Der Aufbau der Lehrveranstaltung basiert auf konstruktivistischen und transformativen Ansätzen der Erwachsenenbildung. In diesem Sinne sind die Lehrenden verantwortlich für das Schaffen von Lernräumen, in denen individuelle Erfahrung, authentischer Dialog, kritische Reflexion und ganzheitliches Lernen anhand eines im Realen verankerten Problems möglich sind.

Die Kontextualisierung des Lernformats ergibt sich durch das jährlich neu gewählte aktuelle Problem nachhaltiger gesellschaftlicher Entwicklung.

Die individuelle Erfahrung entsteht durch das Erleben der Möglichkeiten und der Frustration in Verhandlungen komplexer Probleme, in denen verschiedene Interessen aufeinandertreffen. Das Format Simulation erzeugt eine starke Identifikation mit dem Thema, den vertretenen Akteurinnen/Akteuren und deren Anliegen. Nur mit dem Ziel der Konferenz vor Augen sind die Studierenden bereit, selbstgesteuert inhaltlich in die Tiefe zu gehen um ihren Akteur/ihre Akteurin bestmöglich darstellen zu können.

Die Repräsentation von Akteurinnen/Akteuren, welche den eigenen Werten zunächst nicht zu entsprechen scheinen (wie etwa Staaten, in denen Klimawandel geleugnet wird oder in denen keine Migrantinnen/Migranten aufgenommen werden) schafft darüber hinaus neue Perspektiven, stärkt jedoch gleichzeitig das Finden eigener Standpunkte. In ihren Teams stoßen die Studierenden wiederholt an ihre Grenzen und sind gefordert, ihre Rollen zu diskutieren und Lösungen in der Zusammenarbeit zu finden. Der dafür notwendige Dialog, wie auch der für die Verhandlungen notwendige Dialog mit anderen Teams ist somit integraler Bestandteil des Kurses.

Die verschiedenen Lernphasen sprechen auch völlig unterschiedliche Lernfelder an – wie etwa Kreativität für das Persönlichkeitsposter, Struktur bei der Suche und dem Einordnen von Informationen, zielführendes Miteinander in Teams, kritische Selbsteinschätzung im Learning Blog und der Selbstbenotung, sowie Mut zur öffentlichen Äußerung zu einem Fachthema in einer oftmals fremden Sprache.

 

Die Lehrveranstaltung wurde von den Studierenden und den Institutionen positiv wahrgenommen – die kontinuierliche Bereitschaft der Expertinnen/Experten, des Berufsverbandes für Dolmetschen und Übersetzen und der kooperierenden Institutionen, die Arbeit der Lehrenden zu unterstützen, unterstreicht den inspirierenden Charakter.

Das Engagement von Studierenden der Vorjahre (die Lehrveranstaltung wurde erstmals 2013 angeboten) als Beobachter/innen und freiwillige Tutorinnen/Tutoren schafft Kontinuität und das Gefühl einer Lerngemeinschaft über das Semester hinaus.

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.