Umsetzung eines "Forschungs-Lernprojektes" zu qualitativen Methoden im Rahmen des Forschungsprojektes "Drink Smart"

Umgesetztes Projekt

Ziele

• Studierende sind am Puls der Zeit, indem sie sich mit einem innovativen, aktuell am Department Pflegewissenschaft durchgeführten, interdisziplinären Forschungsprojekt „Drink Smart“ problemorientiert auseinandersetzen

• Studierende arbeiten gemeinsam an einem Forschungsprojekt und führen selbständig forschungsrelevante Tätigkeiten durch (Vorbereitung und Durchführung der Datenerhebung, Datenauswertung und Ergebnisdarstellung)

• Studierende verknüpfen Theorie und Praxis, indem sie zeitnahe theoretische Lehrhinhalte in der Praxis anwenden und auftretende Probleme und Herausforderungen im Forschungsfeld thematisieren und Lösungsansätze erarbeiten

• Studierende generieren praktische Forschungserfahrung und können

auf diese in der zukünftigen Bearbeitung von Fragestellungen in der qualitativen Forschung aufbauen, z.B. im Rahmen der Masterarbeit oder bezogen auf eine studentische Mitarbeit in zukünftigen Forschungsprojekten

Kurzzusammenfassung

Um auf die Forschungsanwendung im Rahmen der Lehrveranstaltung „Qualitative Methoden“ zu fokussieren und praktische Erfahrung in der Datenerhebung und Datenanalyse zu ermöglichen, wurden Studierende im Rahmen eines „Forschungs - Lernprojektes“ in das aktuell durch die FFG geförderte interdisziplinäre (Projektpartner sind an der FH Campus Wien: Department Pflegewissenschaft, Department Technik & Department Gesundheitswissenschaften, akquinet ristec GmbH; MIK-OG – Mobile individuelle Krankenpflege – offene Gesellschaft; Schorm Gesellschaft m.b.H.) Forschungsprojekt „Drink Smart“ eingebunden.

So wurde ein unmittelbarer Theorie – Praxis - Transfer unterstützt, indem sich Studierende mit einem innovativen, interdisziplinären, aktuell durchgeführten Forschungsprojekt problemorientiert auseinandersetzten und selbständig forschungsrelevante Tätigkeiten zu einer Fragestellung mit unterschiedlichen Zielgruppen, wie älteren Menschen, pflegenden Angehörigen und professionell Pflegenden, durchführten. Konkrete theoretische Lehrinhalte zur qualitativen Forschung konnten dabei unmittelbar mit deren Umsetzung in der realen Forschungspraxis verknüpft werden. Die praktischen Herausforderungen, die sich in der Umsetzung ergaben, konnten zeitnahe besprochen und gemeinsame Lösungsansätze erarbeitet werden.

Die forschungspraktische Erfahrung dient den Studierenden als wichtige Grundlage für eigene empirische Untersuchungen, beispielsweise im Rahmen von Abschlussarbeiten wie der Masterarbeit,

Nähere Beschreibung

Mit der Lehre in qualitativer Forschung können unterschiedliche Ziele verbunden sein - etwa einen Überblick über das zunehmend heterogene Feld qualitativer Ansätze und Verfahren zu geben oder eine detaillierte Einführung in konkrete Vorgehensweisen zu vermitteln. Wesentlich ist, dass man ein Verständnis für qualitative Forschung nur entwickeln kann, wenn sie am praktischen Vorgehen und am Material vermittelt wird. Beispielsweise im Rahmen von Lehr - Forschungsprojekten (vgl. Flick & Bauer, 2015).

Um auf den Aspekt der praktischen Forschungserfahrung im Rahmen der Lehrveranstaltung „Qualitative Methoden“ zu fokussieren und Studierenden der Masterlehrgänge Advanced Nursing Practice, - Education und - Counseling die Entwicklung konkreter Fertigkeiten in der Durchführung der Datenerhebung und Datenanalyse im Rahmen eines, am Puls der Zeit aktuell durchgeführten, innovativen, interdisziplinären Forschungsprojektes am Department Pflegwissenschaft zu ermöglichen, wurde das im folgenden Abschnitt näher dargelegte „Forschungs - Lernprojekt“ konzipiert und umgesetzt.

 

Der Kontext des Forschungs-Lernprojektes

Den Rahmen für das „Forschungs - Lernprojekt“ bildet das aktuell am Department Pflegewissenschaft durchgeführte, FFG geförderte, interdisziplinäre Forschungsprojekt „Drink Smart“.

Drink Smart hat das Ziel mittels eines partizipativen Forschungsansatzes ein intelligentes Trinksystem unter Einbindung von Endanwenderinnen und Endanwendern zu entwickeln. Die tägliche Flüssigkeitsaufnahme von älteren Menschen soll gemessen und aufgezeigt werden um ein Selbstmonitoring zu ermöglichen z.B. durch akustische Erinnerung. Projektinhalte sind neben der Messung der getrunkenen Flüssigkeitsmenge auch die Aufzeichnung über eine entsprechende Software. Die Daten sollen von älteren Menschen bzw. autorisierten Personen wie z.B. Angehörigen verwendet oder im Falle von älteren pflegebedürftigen Menschen im Betreuungssetting Hauskrankenpflege an eine bestehende elektronische Pflegedokumentation angebunden werden. Dadurch soll präventiv einem Flüssigkeitsmangel im Alter vorgebeugt, das Management von chronischen Krankheiten erleichtert und älteren Menschen ein selbständiges Leben zu Hause ermöglicht werden.

Die Bedürfnisse potentieller Nutzer und Nutzerinnen wie ältere Menschen, deren betreuende Angehörige und professionell Pflegende, haben eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung des Trinksystems und wurden im Sinne einer Umfeldanalyse mittels qualitativer Methoden erhoben.

Hier knüpft das Forschungs-Lernprojekt an, indem Studierende konkrete, in der Lehrveranstaltung theoretisch bearbeitete, qualitative Forschungsmethoden unmittelbar im Kontext des Forschungsprojektes in der Praxis anwenden. Sie suchen eigenverantwortlich einen Feldzugang, führen ein leitfadengestütztes Interview (vgl. Kruse, 2015), transkribieren dieses (vgl. Froschauer & Lueger 2003), und werten es mittels der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (vgl. Mayring, 2015) aus. Abschließend verfassen sie einen Projektbericht.

 

Ziele des Forschungs- Lernprojektes

• Studierende sind am Puls der Zeit, indem sie sich mit einem innovativen, aktuell am Department Pflegewissenschaft durchgeführten, interdisziplinären Forschungsprojekt „Drink Smart“ problemorientiert auseinandersetzen

• Studierende arbeiten gemeinsam an einem Forschungsprojekt und führen selbständig forschungsrelevante Tätigkeiten durch (Vorbereitung und Durchführung der Datenerhebung, Datenauswertung und Ergebnisdarstellung)

• Studierende verknüpfen Theorie und Praxis, indem sie zeitnahe theoretische Lehrhinhalte in der Praxis anwenden und auftretende Probleme und Herausforderungen im Forschungsfeld thematisieren und Lösungsansätze erarbeiten

• Studierende generieren praktische Forschungserfahrung und können

auf diese in der zukünftigen Bearbeitung von Fragestellungen in der qualitativen Forschung aufbauen, z.B. im Rahmen der Masterarbeit oder bezogen auf eine studentische Mitarbeit in zukünftigen Forschungsprojekten

 

Der Mehrwert des Forschungs-Lernprojektes entsteht durch:

• den fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs zu pflegerelevanten Inhalten im Kontext eines aktuellen, innovativen Forschungsprojektes

• das gemeinsame Arbeiten in einem Forschungsprojekt

• die Verknüpfung von Lehre und Forschung

• die unmittelbare Praxiserfahrung im wissenschaftlichen Arbeiten

• das Kennenlernen des partizipativen Forschungsansatzes

• kennenlernen der interdisziplinären Ausrichtung im Forschungsprojekt

 

Vorgehensweise und didaktische Mittel

Beim folgenden Beispiel handelt es sich um eine auf 1 Semester ausgelegte Lehrveranstaltung (ILV), die in drei vierstündigen Blöcken mit Selbststudium der Studierenden, aufgeteilt in zwei Gruppen zu jeweils ca. 24 Studierenden am Department Pflegewissenschaft im 3. Semester des Masterlehrganges durchgeführt wurde. Die Lehrveranstaltung wurde unterstützt durch die Lernplattform Moodle.

Um Lehre und Forschung unmittelbar miteinander zu verbinden, wurden durch alle LV Blöcke hindurch theoretische Inhalte der qualitativen Forschung in Bezug gesetzt zur Forschungspraxis im aktuell durchgeführten Forschungsprojet „Drink Smart“.

 

Der erste LV Block widmete sich

a) der Vertiefung der wesentlichsten qualitativen Forschungsansätze, deren Merkmalen und dem Forschungsprozess in der qualitativen Forschung im Rahmen von Inputs und der Auseinandersetzung in Kleingruppen mit ausgewählten Beispielen dazu

 

b) die Studierenden wurden über das FFG geförderte Forschungsprojekt „Drink Smart“ informiert und setzten sich mit den pflegerelevanten fachlichen Inhalten und den forschungsrelevanten Aspekten des Projektes auseinander - gemeinsamer Diskurs im Plenum anhand einer Projektbeschreibung

Der zweite Block widmete sich

a) dem Thema Forschungsethik und forschungsethischem Verhalten in der qualitativen Forschung, weiters ausgewählten qualitativen Erhebungsmethoden mit dem Fokus auf das Leitfadeninterview und das Gruppeninterview (vgl. Mayring 2002; Kruse 2015) im Rahmen von Inputs und Literaturbearbeitung zur Vertiefung

b) Input zur Planung und Durchführung der Interviews mit Praxisbeispielen (vgl. Przyborski & Wohlrab – Sahr 2010; Kruse 2015; Froschauer & Lueger, 2003)

c) Informationen zur Transkription von Interviews (Froschauer & Lueger, 2003)

 

d) die Studierenden setzten sich mit dem vorbereiteten Arbeitsblatt des Erstentwurfes des Interviewleitfadens auseinander, überarbeiteten diesen anhand der bereitgestellten theoretischen Grundlagen zur Gestaltung eines Interviewleitfadens (vgl. Kruse 2015) in Kleingruppen – Feedback und Zusammenführen der Inhalte im Plenum

e) die Studierenden setzten sich mit den forschungsethischen Aspekten anhand zweier vorbereiteter Arbeitsblätter wie Informationsschreiben und Einverständniserklärung, als Vorbereitung für das Interview in Kleingruppen, auseinander und überarbeiteten diese, Grundlage dafür waren bereitgestellte theoretische Inhalte wie z.B. der Belmont-Report– Präsentation und Zusammenführen der Inhalte im Plenum

? die Anregungen der Studierenden wurden anschließend von der LV - Leiterin in den Erstentwurf eingearbeitet und die überarbeiteten Dokumente auf der Lernplattform Moodle, für die Durchführung der geplanten Interviews, bereitgestellt.

 

f) Aufgabenstellung für das Selbststudium: Jeder/jede Studierende konnte wählen zwischen

? Einzelinterview mit einer älteren Person (>60 Jahre), einem Angehörigen oder einer Pflegeperson

? ExpertInneninterview und

? Fokusgruppendiskussion (je zwei Studierende)

TO DO: Planung, Durchführung und nach Möglichkeit zeitnahe Transkription eines Interviews

 

Selbststudium

Auf der Moodle Plattform wurden den Studierenden zur Unterstützung folgende Dokumente zur Verfügung gestellt:

Literatur zu den Lehrveranstaltungsinhalten (siehe Literaturliste)

Arbeitsmaterial für das Interview, welches in einem iterativen Prozess mit den Studierenden er- bzw. überarbeitet wurde, wie Interviewleitfaden, Einverständniserklärung und Informationsschreiben

Folgender Überblick zeigt die durchgeführten Interviews:

Einzelinterviews: 11 ältere Menschen, 10 Angehörige, 17 Pflegepersonen, 2 Experten (Ethik und Recht)

Fokusgruppeninterviews: 1 (7 ältere Personen) ; 1 (5 Pflegepersonen)

 

Der dritte Block widmete sich

a) Dem Thema Auswertungsmethoden in der qualitativen Forschung mit dem Schwerpunkt zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (vgl. Mayring 2015) und der Ergebnisdarstellung anhand von theoretischen Inputs und anhand der Bearbeitung von Beispielen aus bereitgestellten Textstellen in Kleingruppen und im Plenum

b) Input zum Projektbericht: Details zur Ausgestaltung und zum Inhalt wie Feldzugang, Postskript, Transkription, Prozess der zusammenfassenden inhaltsanalytischen Auswertung nach Mayring (vgl. Mayring, 2016) und Ergebnisdarstellung

 

c) Die ausformulierte Aufgabenstellung für die Seminararbeit wurde auf der Moodle Plattform bereitgestellt

d) Reflexion der Interviewführung: Erfahrungsberichte der Interviewverläufe Herausforderungen wurden thematisiert und Lösungsansätze erarbeitet

Eine wesentliche Herausforderung für Studierende stellte die „Offenheit“ in qualitativen Interviews dar; häufig wurden geschlossenen Fragen gestellt und es hat sich gezeigt, dass

ein „Üben“ qualitativer Methoden unbedingt notwendig ist um diese anwenden zu können

e) Bearbeitung von Übungsbeispielen zur zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring (vgl. Mayring, 2015) aus den bereits geführten Interviews in Kleingruppen und im Plenum

f) Klärung von Fragen zur Transkription

 

 

Leistungsnachweis

Als Leistungsnachweis diente eine schriftliche Ausarbeitung des durchgeführten Forschungsprozesses im Sinne eines gezielten, strukturierten Projektberichtes mit Ergebnisdarstellung.

Die Beurteilungskriterien und die Details zur Ausgestaltung des Projektberichts bzw. der Seminararbeit wurden den Studierenden in schriftlicher Form auf der Moodle Plattform zu Verfügung gestellt und in der letzten Lehrveranstaltungseinheit besprochen.

Die Note, die sich aus einer Punktevergabe zu den Aspekten der Seminararbeit ergab, wurde durch ein schriftliches Feedback, insbesondere zur Interviewführung und zur Datenauswertung, ergänzt. Nach Wunsch hatten die Studierenden auch die Möglichkeit ein mündliches Feedback in der Sprechstunde einzuholen.

Abschluss und Resümee

Die Daten fanden, mit Einverständnis der Studierenden, Eingang in das FFG geförderte Forschungsprojekt „Drink Smart“, welches am Department Pflegwissenschaft gemeinsam mit dem Department Technik, dem Department Gesundheitswissenschaften und externen Partnern durchgeführt wird. Dadurch konnten die Studierenden erleben, dass „Forschende Arbeit“ im Studium Einfluss auf aktuelle Entwicklungen in der Forschung nehmen kann.

Die Studierenden hatten die Möglichkeit zum geplanten Science Slam zu kommen, um den weiteren Verlauf und den aktuellen Stand des Forschungsprojektes mitverfolgen zu können.

Die Organisation des Feldzuganges und der Interviews führte dazu, dass Studierende in Eigenverantwortung praktische Forschungsarbeit durchführten und damit wichtige Kompetenzen hinsichtlich der bevorstehenden Masterarbeit erwerben konnten. Durch die gemeinsame Arbeit an diversen Dokumenten, wie beispielsweise dem Interviewleitfaden oder der Einverständniserklärung, konnten Diskursprozesse erlebbar gemacht werden, wie sie in der Forschung oftmals erforderlich sind und zunehmend in interdisziplinären Projekten bedeutsam werden.

Ein wesentliches Anliegen ist nicht zuletzt, dass durch das durchgeführte Forschungs - Lernprojekt Studierende für eigene Forschungsprojekte angespornt werden.

 

 

Literatur

FLICK, Uwe; Von KARDORFF Ernst; STEINKE, Ines (2015): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. 11. Aufl. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt

FLICK, Uwe (2016): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. 7. Aufl. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt

FROSCHAUER, Ulrike & LUEGER Manfred (2003): Das qualitative Interview. Facultas. Wien.

KRUSE, Jan (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Beltz. 2. Aufl., Weinheim und Basel

LOBIONDO - WOOD. Geri; HABER, Judith (2005): Pflegeforschung. Methoden, Bewertung, Anwendung. 2. Aufl. München: Elsevier

MAYER, Hanna (2015): Pflegeforschung anwenden. Elemente und Basiswissen für das Studium. 4. Aufl. Wien: Facultas

MAYRING, Philipp (2002): Einführung in die Qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zum qualitativen Denken. 5. Aufl. Weinheim und Basel, Beltz Verlag

MAYRING, Philipp (2015): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Beltz. 12. Aufl., Weinheim und Basel

PRZYBORSKI, AGLAJA & WOHLRAB-SAHR, Monika (2010): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. Oldenburg Verlag, 1. Aufl., München

Internetquellen

Der Belmont-Report

www.dg-pflegewissenschaft.de/pdf/Belmont-Report.pdf

Deklaration von Helsinki www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/Deklaration_von_Helsinki_2013_DE.pdf

Positionierung des Lehrangebots

Department Pflegewissenschaft Masterlehrgänge Advanced Nursing - Practice, - Education und - Counseling 3. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.