Crossteaching – Vom Seminarraum zur wissenschaftlichen Konferenz

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

In einer länderübergreifenden Kooperation wurden vier wissenschaftliche Lehrveranstaltungen zwischen zwei tertiären Bildungseinrichtungen aus dem Fachbereich Wirtschaft (Hochschule Magdeburg/Stendal und Johannes Kepler Universität Linz) verschränkt. Für die Studierenden wurde eine Lernsituation kreiert, die der Realität von virtueller, interdisziplinärer Zusammenarbeit in globalisierten Unternehmen nahekommt, die Medienkompetenz fördert und die gleichwohl einen akademischen Anspruch verfolgt. Die Studierenden konzipierten in interuniversitären Lerngruppen ein Forschungsprojekt aus dem Themenbereich „Ethische Fragen der digitalen Kommunikation“ und durchlaufen dabei alle wesentlichen Schritte im Forschungsprozess. Die Studierenden wählen selbständig die Forschungsfrage und die entsprechenden Forschungsmethoden, überarbeiteten das Projekt in einer Forschungswerkstatt, unterziehen den Beitrag einem Peer Review und präsentierten die Ergebnisse auf einer wissenschaftlichen Konferenz. An diesem Lernszenario sind drei Lehrende der eingebundenen Institutionen beteiligt, der Austausch und die Zusammenarbeit der Lehrenden wurde durch ERASMUS+ ermöglicht.

Beschreibung

In einer intensiven Kooperation von Lehrveranstaltungen aus den Masterstudiengängen Digital Business Management (gemeinsames Programm von JKU Linz und FH OÖ Campus Steyr), Cross Media und Risikomanagement (beide Hochschule Magdeburg/Stendal) wurden interdisziplinäre, interuniversitäre und länderübergreifende Lerngruppen gebildet, die gemeinsam je ein Forschungsvorhaben aus dem Rahmenthema „Ethische Fragen der digitalen Kommunikation“ konzipierten und ausarbeiteten. Hierzu wurden zunächst Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens und der IT-Ethik vermittelt, gemeinsame Präsenztermine organisiert und ansonsten verstärkt auf digitale Kooperation mit selbst gewählter Werkzeugunterstützung gesetzt. Die Ergebnisse waren wissenschaftliche Artikel über die implementierten Forschungsprojekte, von denen die am besten bewerteten bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Magdeburg („Think Cross – Change Media“ #TCCM) präsentiert und im Tagungsband publiziert wurden. Der Anreiz, im Masterstudium eine echte Publikation vorweisen zu können, verbunden mit den im Prozess eingebauten Feedback-Schleifen (Forschungswerkstatt, Online-Beratungstermine mit den Lehrenden, Peer Reviews der Kommilitonen), sorgte für qualitativ hochwertige Beiträge und hohe Motivation der Studierenden.

Das hier vorgestellte Lernszenario basiert auf einer intensiven Kooperation von Lehrveranstaltungen aus zwei bzw. drei Studiengängen verschiedener Bildungsinstitutionen und wurde in den Wintersemestern 2015/16 und 2016/17 bereits zwei Mal erfolgreich durchgeführt. Eingebunden waren drei Lehrende aus den beteiligten Institutionen. In diesem forschungsbasierten Lernszenario auf Master-Niveau wird unter anderem Peer Review als eine Variante von verschiedenen Feedbacks in einem iterativen, selbstgesteuerten Lernprozess genutzt.

Mit diesem Lernszenario wird die Kompetenz zum interdisziplinären Arbeiten in virtuellen Teams gefördert. Die Teamfähigkeit der Studierenden ist die Voraussetzung für einen erfolgreichen Abschluss des Forschungsprozesses. Die eigenständige Wahl von entsprechenden kollaborativen Kommunikationsmittel fördert die Medienkompetenz der Studierenden. Durch die selbständige Wahl der Forschungsfrage bestimmen die Lernenden ihren Lernprozess wesentlich mit, so werden beispielsweise die Kenntnisse über die einzelnen Forschungsmethoden dem Projekt angepasst vertieft.

 

Bei den involvierten Studiengängen handelt es sich zum einen um das Masterstudium Digital Business Management (DBM), das von der Johannes Kepler Universität Linz und der Fachhochschule Oberösterreich gemeinsam durchgeführt wird, und zum anderen um die Masterstudiengänge Cross Media (CM) bzw. Risikomanagement (RM) an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Die interinstitutionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein Kennzeichen aller Studiengänge. DBM ist der erste gemeinsam angebotene Master einer Universität und einer Fachhochschule in Österreich. Das Curriculum ist so aufgebaut, dass die Hälfte der Lehre von der Universität bzw. der Fachhochschule angeboten wird, die Studierenden sind an beiden Institutionen eingeschrieben und nutzen die jeweiligen Lernplattformen.

 

Die auf diese Art teilweise gemeinsam abgehaltenen und in dem Forschungsprozess verschränkten Lehrveranstaltungen sind:

• Der Kurs Wissenschaftliches Arbeiten (Digital Business Management, Linz, 3 ECTS): Ziel ist die Vermittlung quantitativer und qualitativer Forschungsmethoden als Vorbereitung auf die eigene Masterarbeit. Die Studierenden sollen in der Lage sein, Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens beurteilen und so eine adäquate Auswahl von Werkzeugen treffen zu können.

• Der Kurs IT-Ethik und ausgewählte Fragen der Geschlechterforschung (Digital Business Management, Linz, 3 ECTS): Es werden Grundkenntnisse ethischer Begriffe und Theorien und ihre Relevanz für die alltägliche Informationspraxis vermittelt. Die Studierenden sollen für die Rolle, die Geschlecht in Forschung und Entwicklung von Informationssystemen spielt, sensibilisiert werden und IT-Ethik hinsichtlich Werte, Produkte und Prozesse verstehen.

• Das Modul Reflexion und Kommunikation (Cross Media, Magdeburg, 5 ECTS): Ziele sind die Reflexion eigener und fremder Argumentationsstrukturen sowie die Kenntnis über Konventionen und Strukturen im Wissenschaftsbetrieb mit Schwerpunkt auf Publikation und Konferenz. Weiters sollen die recherchierten und referierten Themen eine Hilfestellung für die Themenfindung der Masterarbeit sein.

• Das Modul Instrumentalansätze für das Risikomanagement (Risikomanagement, Stendal, 5 ECTS): Die Studierenden erlernen die Aufbereitung von Information und das Planen einer Moderation. Aufgaben- und Rollenverständnis, das Kennenlernen und Ausprobieren von Präsentationsmedien, das Proben von Fragetechniken sowie der Umgang mit Störungs- und Problemsituationen gehören zu den wesentlichen Inhalten.

 

Das bedeutet, dass die Linzer Studierenden in ihrem dritten Semester 6 ECTS für die beiden Kurse absolvieren, jene aus Magdeburg hingegen 5. Da in beiden Linzer Kursen jedoch noch weitere Arbeiten außerhalb der Kooperation gefordert sind, kann dieser Unterschied durchaus gerechtfertigt werden. An den Kursen der JKU nahmen im ersten in dieser Art durchgeführten Durchgang (Wintersemester 2015/16) 24 Personen (12 m, 12 w) teil, an jenem in Magdeburg 10 Personen (4 m, 6 w); beim zweiten Durchgang (Wintersemester 2016/17) waren es in Linz 29 Studierende (12 m, 17 w), in Magdeburg wiederum 10 (6 m, 4 w).

 

Alle Studiengänge richten sich im Wesentlichen an Berufstätige, dies hat Implikationen auf die Zeiten von Präsenzveranstaltungen und auch auf die Verfügbarkeit der Einzelnen für Gruppentreffen. Eine weitere Gemeinsamkeit der Studierenden der IT-nahen Studiengänge ist deren verhältnismäßig stark ausgeprägte Technikaffinität und hohe Medienkompetenz. Beides wird bedingt durch ihre Erfahrungen im Beruf: Viele der Studierenden sind im mittleren Management in IT-nahen Unternehmen tätig. Dies hat großen Einfluss auf Medienauswahl und -nutzung. Dennoch zeigen sich große Unterschiede hinsichtlich der Zielgruppen der beiden Studiengänge: Während Studierende von DBM typischerweise eher wirtschaftlich orientiert und techniknah denken, vereint CM Kreative aus Journalismus, Interaction Design und Management; in RM sind Studierende betriebswirtschaftlicher Bachelor-Studiengänge zu finden.

 

Die Studierenden bildeten interuniversitäre Lerngruppen mit einer Person der Magdeburger Studiengänge und zwei Personen von DBM. Die Aufgabenstellung für die Lerngruppen lautete, ein Forschungsvorhaben zu konzipieren und darüber einen wissenschaftlichen Artikel zum Rahmenthema „Ethische Fragen der digitalen Kommunikation“ zu verfassen. Die Organisation der Gruppenarbeit, die Wahl der Werkzeuge und der Kommunikationsmedien sowie die genauen Forschungsfragen und deren methodische Bearbeitung lag in der Verantwortung der Gruppe. Die formalen Vorgaben der Artikel folgten gängigen wissenschaftlichen Standards.

 

Das Semester begann mit einem gemeinsamen KickOff-Termin, hierzu waren die Studierenden in Linz und Magdeburg per Adobe Connect-Videokonferenz verbunden. Dieser Termin diente dem gegenseitigen Kennenlernen und der Gruppenbildungsphase. Die nächsten Wochen waren geprägt von methodischen Input-Terminen, in denen sowohl Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens als auch Fragen der IT-Ethik vermittelt wurden. Die Input-Termine wurden in Linz und Magdeburg individuell abgehalten, um besser auf individuelle Vorkenntnisse und Informationsbedürfnisse eingehen zu können. Ebenso wurden in dieser Zeit bereits Termine zur Online-Beratung für frühzeitiges Feedback von den Lehrenden angeboten.

 

Ende November gab es einen ganztägigen Präsenztermin in Linz, zu dem die Magdeburger Studierenden individuell anreisen konnten. Es handelte sich um eine Forschungswerkstatt, in der die bisherigen Fortschritte präsentiert wurden und alle Beteiligten gemeinsam Lösungen für aufgetretene Probleme erarbeiteten. Zur Motivation wurden auch Preise für die Best Proposals vergeben. Bis Weihnachten folgte nun Zeit für die Implementierung der individuellen Forschungsvorhaben sowie für erste Ausarbeitungen der Artikel. Diese wurden dann einem Peer Review-Prozess unterzogen, in dem alle Studierenden zwei Reviews für fremde – anonymisierte – Artikel schrieben und so jede Gruppe fünf bzw. sechs Reviews der eigenen Arbeit bekam. Dieses Feedback half vielen Gruppen enorm weiter und konnte so die Qualität der Endergebnisse nochmals deutlich steigern.

 

Als spezieller Anreiz wurde den Studierenden bei entsprechender Qualität ihrer Beiträge sowohl die Teilnahme und Präsentation in einem eigenen Track bei der CrossMedia-Konferenz „Think Cross – Change Media“ (#TCCM) als auch die Publikation der Beiträge im Konferenzband in Aussicht gestellt. Die Chance, während des Masterstudiums an einem „echten“ publizierten wissenschaftlichen Paper mitgearbeitet zu haben, stellte sich als stark motivationserhöhend heraus. In die Auswahl der besten Beiträge floss sowohl das Peer Review als auch die fachliche Meinung der Lehrenden ein. Die Beiträge, die nicht zur Präsentation und Publikation ausgewählt wurden, nahmen an der Poster Session der Konferenz teil.

 

Für die Ausgestaltung dieses Prozesses wurde der „Learning Cycle im Format des Forschungsprozesses“ nach [Wildt, J. (2009): Forschendes Lernen – Lernen im „Format“ der Forschung. Journal Hochschuldidaktik, 20(2), S. 6] auf die Veranstaltung angewendet und dabei die vier Elemente Erfahrung, Reflexion, Konzeption und Experiment nach [Kolb, D. A. (1984): Experiential Learning – Experience as the Source of Learning and Development, Prentice-Hall Inc., Englewood Cliffs, N.J.] in den Zyklus eines fortlaufenden Forschungsprojekts eingebettet. Aus der überwiegend offenen Vorgabe der Werkzeuge resultierte, dass die diskursiven, kollaborativen Anteile einen hohen Medien- bzw. Tooleinsatz (und auch eine hohe Vielfalt) verzeichneten. Folgend dem Spiralansatz bei Wildt wurden dem ersten Zyklus weitere hinzugefügt. Befördert durch die Verarbeitung der Erfahrungen und Feedbacks sollte durch Verfeinerung des ersten Projektes mit weiteren Forschungsexperimenten ein Niveau erreicht werden, mit dem die finalen Forschungsartikel auf einer wissenschaftlichen Tagung bestehen können.

 

Das hier gezeigte Prozessmodell wurde iterativ aus den Erfahrungen und Evaluierungen aus insgesamt drei ähnlichen Lehrveranstaltungen entwickelt und auf die interuniversitäre sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit abgestimmt. Die Umsetzung der gemeinsamen Präsenzoptionen KickOff, Forschungswerkstatt und Konferenz stellte wegen der Entfernung der Standorte eine organisatorische und finanzielle Herausforderung dar. Während die Lehrendenpräsenz durch Finanzierungsoptionen aus dem ERASMUS+ Programm leichter umsetzbar war, mussten die Studierenden mangels geeigneter Programme eigene Mittel einsetzen.

 

Die Resultate dieses Lernszenarios wurden von den Lehrenden auch eingehend beforscht, sie sind unter anderem in den Lecture Notes in Computer Science des Springer Verlags erschienen: [Herzog, M.A., Katzlinger, E., Stabauer, M. (2017): Embedding Interuniversity Peer Review in Virtual Learning Groups. In: Wu TT., Gennari R., Huang YM., Xie H., Cao Y. (eds) Emerging Technologies for Education. SETE 2016. Lecture Notes in Computer Science, vol 10108, Springer, Cham, S. 614-623]

 

Ein Zitat eines Studierenden: „Auch wenn die Ausarbeitung dieses Papers so anstrengend wie sonst keine während meines Studiums war, würde ich diese Kooperation mit der Hochschule Magdeburg auch für die kommenden Jahre empfehlen. Nicht nur, dass wir um eine Erfahrung reicher sind, es ist auch interessant zu sehen, dass Studenten von einer anderen Universität teilweise ganz andere Ansätze haben. Die Chance, das Paper auf der Cross Media Konferenz präsentieren zu können, ist toll und wird sich für mich so schnell nicht wieder bieten. Auch die Arbeit mit virtuellen Teams stellt, auch wenn nicht immer ganz einfach, eine Bereicherung für uns alle dar – eine Erfahrung, die auch im Arbeitsalltag in der heutigen Zeit hilfreich sein kann.”

Positionierung des Lehrangebots

Master, 3. Sem.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.