Prolegomena zu einer jeden künftigen Betriebswirtschaftslehre, die als Wissenschaft in der Lehre wird auftreten können (LV: Einführung in die BWL, Mikroökonomie, Wissenschaftliches Arbeiten, Klassiker des Wirtschaftsdenkens, BWL für KMU)

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das Motiv dieses Antrages ist es, die wissenschaftliche Fundierung der Praxis an einer Fachhochschule genau zu umgrenzen, ob also Theorie für die Praxis taugt (Kant). Die Lehre an einer FH macht es deshalb erforderlich, das Verhältnis von Theorie und Praxis wissenschaftstheoretisch und didaktisch zu bestimmen.

Beschreibung

Die Vorrangigkeit der Praxis an einer Fachhochschule erzwingt eine Reflexion, was Theorie leistet, ob sie für die Praxis taugt (Kant), so dass wir einen an Kant erinnernden Projektnamen wählten. Zusammenfassend lassen sich folgende Punkte hervorheben:

1. Konkretisierung des Willens zum Wissen: Wissenschaft vermag das Wollen der Studierenden zu konkretisieren, indem Ziel-Mittel-, Ursache-Wirkung-, Gründe-Zwecke-Relationen der auch eigenen Handlungen exponiert werden.

2. Technik des Lesens und Schreibens: Um nun Wissen erwerben zu können, sind die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens eminent, so dass eine Schreibkette konzipiert wurde.

3. Erfolgreiche und sinnstiftende Praxis: Wissenschaft an einer Fachhochschule ist nebst den grundsätzlichen wissenschaftstheoretischen Orientierungen wesentlich mit ökonomischen und (post-)analytischen Handlungstheorien verbunden.

4. Tradition und Selbstwirksamkeit: Wissenschaft macht bestimmte Pfadabhängigkeiten des eigenen Handelns durchsichtig, indem die Herkunft nicht mehr vorgibt, wie man handelt.

5. Wissen als Werkzeugkiste, Dekonstruktion und Bricolage Die Werkzeuge (im Zusammenhang mit einer Dekonstruktion und Bricolage), die Erkennungsmuster und die Indikatoren sind ein wichtiger Bestandteil des Erfahrungswissens.

6. Ein pragmatizistisches Wissen: Eine Fachhochschule ist der geeignete Ort schlechthin, um das pragmatische und pragmatizistische Versprechen einzulösen. Wissen ist stets bezogen auf konkrete Erfahrungen.

Erfüllung der Prüfkriterien

 

A) Innovative Hochschuldidaktik

Warum wollen die Studierenden eigentlich wissen, oder wie lässt sich der Wille zum Wissen konkretisieren? Dass die Studierenden Wissen erwerben wollen, ist selbstverständlich, warum aber, das versteht sich nicht von selbst. So werden in den ersten einleitenden Lehrveranstaltungen (Einführung in die BWL, Mikroökonomie, Betriebswirtschaftliche Handlungsfelder in KMU, Wissenschaftliches Arbeiten) die Gründe des Wollens mit den Studierenden besprochen: Aufbau des Humankapitals als Vorsprungswissen im Wettbewerb, der Wille zum Wissen als Lust, Wissen und Emanzipation im Sinn einer Selbstermächtigung und -wirksamkeit, Wissen um die Gesetzmäßigkeiten des (sozialen) Handelns, Wissen und Bildung, so dass sich Kenntnisse habitualisieren können, Wissen als normatives Prinzip, um situationsadäquat erfolgreich handeln zu können und Wissen als Form, um Mögliches überhaupt als solches erkennen zu können.

Um nun Wissen erwerben zu können, sind die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens eminent, so dass eine Schreibkette konzipiert wurde, die vom ersten Semester bis zum Beginn der Bachelorarbeiten die hermeneutischen, analytischen und strukturellen Fähigkeiten der Studierenden festigt. Denn Schreiben ist nicht nur eine Abbildung der Gedanken, sondern dass Gedanken beim Schreiben entstehen und die Verschriftung eine Ordnung des Gedachten erst hervorbringt, dass also Schreiben als Kulturtechnik erst »Geist« hervorbringt, ist eine klassische Einsicht. Die Schreibkette verringert die Scheu der Studierenden vor der Wissenschaft schlechthin, denn gelegentlich erscheint es einigen so, als hätte der Weltgeist ohnehin schon alles gedacht, so dass ihre Gedanken nur als blasser Ausdruck desselben keinen Anspruch auf Selbständigkeit erheben dürfen.

Missverständliche und irreführende Metaphern und Amphibolien führen zu unzulänglichen Einstellungen, indem ein »Innen« der Fachhochschule von einem »Draußen« der Praxis unterschieden wird und sich im Campus selbst wiederholt. Der Zugang zu einem Hörsaal wird somit von den Studierenden als Schwelle wahrgenommen, so dass dort »Theorie« gelehrt wird. Selbst die Rede über ein Transferwissen, ein Wissen, das woandershin, nämlich »in die Praxis« überbracht wird, verstellt den genuin praktischen Raum der Fachhochschule und die Klugheit der Praxis. Auch die sorglose Apologie der Narrative ist hinderlich. Wissenschaft klärt über den fruchtbaren Gebrauch von Metaphern und Narrativen auf, so dass im Wortsinn eine Professorin, ein Dozent für einen gemeinsamen Raum von Theorie und Praxis »in« der Fachhochschule sowie der Praxis einsteht.

 

B) Durch Forschung geleitete Lehre

Von größter Brisanz ist die strikte Abgrenzung zu einem Plagiat, die gegenwärtig dringlicher denn je ist. Angesichts der grundlegenden Veränderung von Kommunikation im Zeichen der neuen sozialen Medien, ist Selbstdenken für einige Studierende fragwürdig. Zwar werden informationsökonomisch hervorgebrachte commons (z.B. Wikipedia) von einigen als neue postkapitalistische Gesellschaft begrüßt – die damit verbundenen bildungsökonomischen Herausforderungen für das wissenschaftlich begründete Selbstdenken ohne Anleitung eines anderen Verstandes (also Aufklärung im Sinn Kants) bleiben indes oftmals unbedacht. Wissenschaft vermag einer kurzfristigen sowie –sichtigen Perspektive des schnellen, einmaligen Erfolgs, für den einige brennen, entgegenzuwirken, so dass Studierende nicht rasch verbrennen. Eine wissenschaftlich korrekte Arbeit zu verfassen, benötigt Geduld und Ruhe, Güter, die in der heutigen Zeit als selten und rar erscheinen, aber genau deshalb noch stärker vermittelt gehören, um besonnene, umsichtige, dauerhafte und sich bewährende Urteile über die wirtschaftliche Praxis zu befördern. Selbstredend ist bekannt, dass eine Zeit- und Aufmerksamkeitsökonomie die Spielräume von Geduld und Ruhe begrenzt, nur liegen oftmals auch verzerrte Präferenzen im Hinblick auf die Zeit vor.

Welche Forschungen der Bewerber werden nun in den Lehrveranstaltungen vermittelt? Mikroökonomische Entscheidungstheorie als (post-) analytische Handlungstheorie und die Rolle von Zufall, Risiko und Unsicherheit in der Erkenntnis von Möglichkeiten (opportunity recognition). Ein oftmals angeführter »Möglichkeitssinn« ist jenes Drehkreuz, das die einzelnen Forschungen der Bewerber verbindet. Wie kann Mögliches erkannt und gewusst werden, welche Handlungsweisen ermöglichen und verwirklichen dieses? Als Ausgangspunkt für die Lehre dient deshalb einerseits eine moderne, pragmatizistische und epistemische, auch epistemologische Wissenschaftstheorie unter besonderer Berücksichtigung des impliziten Wissens. Im Speziellen beschäftigen sich die Forschungen auch mit der Resilienz (im Sinn Karl Weicks) als Kern von Mindful Management im Rahmen eines angewandten Wissensmanagements. Dieses ist zudem die Grundlage der im Fachbereich Business Development & Economics betriebenen KMU-Forschung mit den Schwerpunkten Nachfolge, Wachstum und Change-Prozessen.

Wissenschaft an einer Fachhochschule ist nebst den grundsätzlichen wissenschaftstheoretischen Orientierungen wesentlich mit ökonomischen, soziologischen und (post-)analytischen Handlungstheorien verbunden, die Aufschluss über die Effektivität und Effizienz der eigenen Handlung geben, sofern diese ein Mittel für einen übergeordneten Zweck ist. Sollte das Worumwillen die eigene Handlung selbst sein (also sinnstiftende Praxis im engeren – aristotelischen - Sinn), so sind damit Differenzen gesetzt, die gegenwärtig ein wenig emphatisch als Verhältnis von Handlung und Leben diskutiert werden.

Eine Fachhochschule ist der geeignete Ort schlechthin, um das pragmatische und pragmatizistische Versprechen einzulösen, das in den beiden grundlegenden frühen Aufsätzen von Charles S. Peirce, »The Fixation of Belief« und »How to Make our Ideas Clear«, zum Ausdruck kam. Wissen ist stets bezogen auf konkrete Erfahrungen, und bestimmte Überzeugungen sind angesichts von Erfahrungen mit einem Zweifel verbunden. So stellt sich hier das »Anwendungsproblem« (Zilsel, später mit Bezug auf die Wirtschaftspolitik auch Morgenstern) formaler Modelle auf Erfahrung nicht, denn in einem ersten Schritt ist die Klärung verworrener Vorstellungen sowie die Beunruhigung dogmatischer Überzeugungen ein Gebot der wissenschaftlichen Methode. Sodann werden die Wahrheitswerte dieser Überzeugungen wissenschaftstheoretisch bestimmt. Eine Logik des Schließens führt demnach zu einem »Modell des guten intellektuellen Geschmacks« (Peirce), das sich gegen dogmatische, heteronome Überzeugungen stellt und Bedingung der Möglichkeit von erfolgreichen Handlungen ist. So sind wir als Lehrende bisweilen auch »Unruhestifter« und erscheinen gelegentlich einzeln als »Puer Robustus« (Thomä), um Disruptionen, Innovationen und »schöpferische Zerstörung« (Schumpeter) zu ermöglichen.

 

C) Studierendenzentrierung

Die teils reservierte Haltung der Studierenden gegenüber quantitativen und qualitativen empirischen Methoden und Modellen (Szenarien, Spiele, Serendipität, Netzwerktheorie) lässt sich enthusiasmieren, indem geklärt wird, wie denn die Situation (Markt, Organisation, Region, Konsumbedürfnisse, Wettbewerbsstruktur) beschaffen ist, woraufhin strategische Maßnahmen oder operative Handlungen umgesetzt werden. Gerade innovative Theorien und Denkansätze wie beispielsweise »Serendipität« sollten ihre Bewandtnis in der Lehre bekommen, um mit den Studierende Situationen besprechen zu können, die auch ganz anderes hätten sein können: Dass wirtschaftliche Erfolge keiner eindeutigen Regel gehorchen, die ohnehin nur ein Laplacescher Dämon kennen würde, ohne dass eine methodische Anarchie oder inhaltliche Beliebigkeit zu befürchten ist, ist auf dem wissenschaftlichen Fundament von Kausalitäten, Strukturen und Relationen mit Bezug auf den schillernden Begriff des Zufalls zu diskutieren. Das Gespräch mit den Studierenden ist ein Geben und Nehmen von Argumenten im Rahmen einer gelungenen Campuskultur, also eine konsensorientierte Gesprächsform ist maßgeblich. Die Einsichten der formalen Logik mit Blick auf die Diskursspiele sind die Referenz für den dialogbestimmten Umgang der Lehrenden mit den Studierenden.

Der wissenschaftstheoretische Aufbau des analytischen Vermögens gibt Raum für Gedankenexperimente, die für (Geschäfts-)Ideen unverzichtbar sind. So sind auch Spielräume der Phantasie mit Bezug auf Realisierungsmöglichkeiten unabdingbar. Gerade die Phantasie, oftmals aus starren Wissensgebäuden verbannt, ist ein wichtiger Bestandteil eines zeitgemäßen Unterrichts. Selbst Dekonstruktion und Bricolage sind Teil des Lehrplans: Business Pläne werden in eigenen Lehrveranstaltungen (Entwicklungsräume, Geschäftsmodelle) nicht nur von den Studierenden selbst erstellt, sondern in Folge sind sie aufgefordert, andere Perspektiven zu übernehmen – und nun selbst zu bewerten. Die Übernahme anderer Positionen ist die Voraussetzung einer zunehmenden Verallgemeinerung bloß subjektiver Standpunkte im Sinn eines impartial spectators.

Die Flexibilisierung der Ausbildung – mit den Folgen eines »flexiblen Menschen« (Sennett) - ist notwendig um die Bildung eines Selbst, das weiß, was es will, zu ergänzen, auch und gerade mit Blick auf die face book society. Denn Wissenschaft macht bestimmte Pfadabhängigkeiten des eigenen Handelns durchsichtig, indem die Herkunft nicht mehr vorgibt, wie man handelt, sondern wie ein selbstständig Studierender aus Gründen handelt und somit auch Möglichkeiten selbst entdeckt.

 

D) Kompetenzorientierung

Fachliche Kompetenz zeigt sich in der Praxis, indem man seine Handlungen so wählt, dass aus der Analyse einer (betrieblichen) Problemstellung ergebnisorientiert eine wohl erdachte Problemlösung angestrebt und schlussendlich auch umgesetzt wird. Diese Fähigkeit muss den Studierenden in einer praxisnahen (Aus-)Bildung auf den beruflichen Weg mitgegeben werden. Dies kann nur dann gelingen, wenn das vermittelte theoretische Wissen mit dem Verständnis des Verhältnisses von Theorie und Praxis vermittelt wird. Diese auffällige Dialektik der Vermittlung wird demnach durch ein nahezu sokratisches Frage-Antwort-Spiel erbracht, dessen Kunst darin besteht, die Aussagen und Einsichten der Studierenden zu ermöglichen, ohne dass die Fragen in der Lehrveranstaltung als Prüfungsfragen erscheinen.

In den einzelnen Lehrveranstaltungen wird deshalb sehr viel Wert auf eine gründliche Behandlung der Theorien gelegt, um so das »explanatorische« Wissen der Studierenden während des Studiums aufzubauen. Der Anspruch an eine Kompetenzorientierung ist nun, dieses explanatorische Wissen mit einem praktisches Verfahrens- oder Handlungswissen (»deskriptives« Wissen) zu kombinieren. Didaktisch sind deswegen alle Bemühungen dahin gerichtet, den Studierenden zu zeigen, wie man Theorien interpretiert, sodass daraus ganz konkrete Handlungsanleitungen für die praktische Umsetzung entstehen.

Sachverhalte und Tatbestände erklären, Geschehnisse in Kontexten verstehen zu können, führt deshalb zu einer klugen Praxis, so wie eine kluge Praxis, die sich begrifflich noch nicht durchdrungen hat, zu einer gehaltvollen Theorie führt. 

Positionierung des Lehrangebots

1. Sem.: LV Einführung in die BWL, die als Grundlagenveranstaltung für ein erstes und überblicksmäßiges Verständnis von Betriebswirtschaftslehre den Nährboden für tiefergreifendes und zusammenhängendes (betriebs-)wirtschaftliches Wissen liefert; Mikroökonomie; BWL für KMU, Start der Schreibkette 2. Sem.: aufbauend die LV Wissenschaftliches Arbeiten, in der u.a. die Grundlagen für das Studium des Verhältnisses von Theorie und Wirklichkeit / Praxis behandelt werden. 3. Sem.: LV Klassiker des Wirtschaftsdenkens, in der das gelernte theoretische Wissen im gemeinsamen und offenen Diskurs auf adäquate Anwendbarkeit hin untersucht wird. 4. Sem.: LV Unternehmensentwicklung (in der Vertiefung MA), in der das selbständige Problemlösen der Studierenden anhand von u.a. Case Studies geübt wird. 5. Sem.: LV Praxisprojekt, in dem Studierende unter fachlicher Aufsicht eines Lehrenden an einer ganz konkreten (betriebs-)wirtschaftlichen Problemstellung arbeiten; BA Arbeit 1 6. Sem.: LV BA Arbeit 2

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.