Themenmodul: „Wissen im Unterrichtsfach – Wissen in der Literatur“: Fachliches Verstehen durch literarische Erfahrung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Das Projekt versteht sich als eine Form der Realisierung der anspruchsvollen leitenden Grundsätze des neuen Lehramtsstudiums Sekundarstufe im Cluster Mitte. Im seit Oktober 2016 erstmals umgesetzten Curriculum wird auf die für Lehrpersönlichkeiten besondere Bedeutung eines genetisch-dynamischen Zugangs zum Fachwissen, eine intensive Zusammenarbeit aller Lehrenden im Modul mit der Praktikumsschule und auf die Rolle der sprachlichen Gestaltungskompetenz von Lehrpersonen verwiesen. Diese drei Qualitätsmomente sind im eingereichten Themenmodul entscheidende Parameter in der Gestaltung und Evaluation von Lehre in der Lehrer/innen/bildung.

Kurzzusammenfassung

Ein Team von Wissenschaftler/inne/n aus den Bereichen der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaft an der Universität Salzburg und Pädagogischen Hochschule Salzburg arbeitet an einem interdisziplinären hochschuldidaktischen Konzept kollaborativ-bildungsorientierten Lehrens und Lernens in der LehrerInnenbildung. Die wissenschaftsdidaktische Grundintention ist es, einen genetisch-produktiven Zugang zu Verstehen und Darstellung von Fachwissen zu entwickeln, um substantielles fachliches Verstehen bei Studierenden als (angehenden) Lehrpersonen zu intensivieren. Dieser Ansatz geht von der Transformation der „Lerngegenstände“ durch die Veränderung von Wahrnehmungs- und Erschließungsperspektiven auf Fachwissen aus. Dessen unterschiedliche Genese, Funktionen und Kritik, Grenzen und Repräsentationsformen werden vorgeführt, interdisziplinär erarbeitet und diskutiert. Die „Verflüssigung“ durch alternative Erklär- und Repräsentationsformen soll den Blick frei machen auf elementare Konzepte der (Schul-)Fächer und wissenschaftlichen Fachdisziplinen, die – auch in ihrer Differenz - als Modi des Weltverstehens gedeutet werden.

In dem in Folge beschriebenen Themenmodul wird dieser Transformationsprozess von Fachwissen exemplarisch gezeigt, hier am fiktionalen Medium Literatur (als einer möglichen Repräsentationsform von Wissen), und mit Studierenden und Lehrpersonen als aktiven Partner/inne/n in Lehre und Praktikum erarbeitet: theoretisch, prozedural und gestaltungspraktisch

Nähere Beschreibung

Das Konzept der Themenmodule wurde 2016 an der Universität Salzburg entwickelt und als Option innerhalb der beiden gültigen Sekundarstufencurricula (Curriculum AHS/BHS 2013 und Cluster-Curriculum für die gesamte Sekundarstufe 2016) eingeführt. Im Zuge der Neustrukturierung der Lehrer/innen/bildung kommt pädagogisch-praktischen Studienanteilen an der Paris Lodron-Universität Salzburg ein hoher Stellenwert zu. Um eine qualitative Weiterentwicklung hinsichtlich der thematischen Spezialisierung der Studierenden zu ermöglichen, können zusätzlich zu den im Bachelorstudium Lehramt (Sekundarstufe Allgemeinbildung) vorgegebenen pädagogisch-praktischen Studien spezialisierte Themenmodule in diesem Bereich angeboten werden.

 

Dieses Themenmodul ist in das Salzburger Bildungslabor für Schüler/innen eingebettet, das sich gegenwärtig im Aufbau befindet. Es bildet einen „Third Space“ zwischen Universität, Gesellschaft und Schule und ist dem Dialog zwischen Wissenschaft, Lebenswelt und schulfachlichem Wissen gewidmet. Unter Schlagworten wie „Building Knowledge“, „Enabling Spaces“ oder „Epistemic and Learning Cultures at the University of the 21st Century” wird die produktive Rolle der universitären Lehre in der Gestaltung neuer (Erkenntnis-)RÄUME betont.

 

Im Themenmodul „Wissen im Unterrichtsfach - Wissen in der Literatur“ lernen Studierende im direkten Schulbetrieb und in kollaborativen Lehr-Lernprozessen zwischen Wissenschaftler/inne/n, Lehrpersonen und Schüler/inne/n die Erschließungskraft von Literatur für Fachunterricht auch praktisch kennen, sie rezipieren, produzieren und stellen mit Schüler/inne/n gemeinsam Texte und Diskursräume dar. Praktische Erfahrungen werden im Team reflektiert. Die Repräsentation von Fachwissen im Unterricht und die Förderung von Textkompetenz mit literästhetischen Formen werden praktisch gemeinsam erarbeitet. Dies geschieht in jedem Durchführungsjahr des Themenmoduls an einem anderen anthropologisch-bildungstheoretisch zentralen Thema, das zugleich hohe Relevanz für die Analyse und Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen hat. Im Studienjahr 2016/17 wurde vom Lehrendenteam die Thematik RAUM gewählt, eine in vielerlei Hinsicht neu definierte sozial- und kulturwissenschaftliche Kategorie, die sich hervorragend für einen „Interdiskurs“ eignet.

 

In der fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltung werden den Studierenden im Kontext von „Wissen im Unterrichtsfach – Wissen in der Literatur“ Grundlagen und Perspektiven zum Thema „RAUM“ vermittelt. Auf Basis einer Einführung in das Themenfeld „Literatur und Wissen: Zwischen Repräsentation und Performativität“ werden anhand von Beispielen aus Literatur und Film narrative und dramatische Formen von Räumlichkeit und Raumdarstellung diskutiert, wobei die Rolle individueller sowie sozial und kulturell geprägter Imagination im historischen Kontext betont werden soll. Kulturwissenschaftliche Raumtheorien und Methoden zur Analyse fiktionaler Räume werden diskutiert. Bezüge zu fachspezifischen Raumbegriffen und Thematisierungsweisen von Raum werden anhand der folgenden vier Themenfelder erarbeitet:

 

o Raumwahrnehmung, Raum und Sprache (sprachliche Konstitution von Raum von der Beschreibung realer Räume zur Konstruktion imaginärer Welten)

o Raumaneignung (von der Kartographie zum Kolonialismus)

o Reisen

o Exil und Migration

Diese Themenfelder werden unter den Aspekten „Stadtraum/Gedächtnisorte“, „historische Raummodelle“, „sozialer Raum“, „europäische Expansion“/“first contact scenes“/“contact zones“, „Utopie/Heterotopie“ behandelt. Die Beispiele aus Literatur und Film werden dabei auf die in ihnen präsenten Typen von „Wissen“ hin analysiert und reichen von mittelalterlichen Raummodellen und Thomas Morus‘ Utopia über Ferdinand v. Saar und Stefan Zweig bis zu Christoph Ransmayr, Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard. Dazu werden zum Aufbau einer bereichsspezifischen Analysesprache Texte neuerer Raumtheorie im Auszug gelesen (u.a. Michel Foucault, Michail Bachtin, Gilles Deleuze, Michel de Certeau, Pierre Bourdieu und Jurij Lotman). Als vortragende Gäste nehmen zudem Spezialisten und Spezialistinnen aus den Bereichen Mediävistik, Archiv und Biographie teil. Konkrete Raumgestaltung wird am Thema Literaturausstellung unter Rückgriff auf museumsdidaktische Modelle erprobt.

 

In der fachdidaktischen Lehrveranstaltung wird Literatur fachdidaktisch als „Interdiskurs“ (Jürgen Link) auf mehreren Ebenen verhandelt. Gesellschaftlich relevante Themen, Brüche und Veränderungen von Wahrnehmungsweisen und historische Brüche werden in der Literatur thematisiert, bevor und während sich Fachwissenschaften zu ihrer systematischen Erforschung konstituiert und dieser Themen angenommen haben. Zugleich nützen die Fachwissenschaften immer schon „literarische“ – narrative und dramatische – Modi der Präsentation ihrer Erkenntnisse und Themen. Auf dieser Grundlage sowie in enger Abstimmung mit dem fachwissenschaftlichen Proseminar sollen in dieser LV zum Thema Raum

 

o Darstellungsformen von Wissen analysiert (u.a. durch Lehrwerkkritik)

o exemplarisch Unterrichtsmaterialien zum Thema Raum erarbeitet

o Modelle für fächerübergreifenden Unterricht diskutiert sowie eine

o erweiterte fachdidaktische Perspektive auf das eigene Fach gewonnen werden.

 

In der bildungswissenschaftlichen Lehrveranstaltung werden mit den Studierenden bildungswissenschaftliche Perspektiven zu folgenden Themenbereichen erarbeitet:

 

o Zusammenhang von fachlichem/sprachlichem Lernen, im Kontext von Unterrichtsgestaltung und Unterrichtsqualität

o Reflexion unterschiedlicher Wissensformen von Lehrpersonen

o Repräsentationsmodi von Fachwissen in Zusammenhang mit Fachkulturen an Schulen

o Bildungswissenschaftliche Raumdefinitionen

o „Der Raum als „dritter Pädagoge“

o Besondere Räume der Lehrer/innenbildung: Third Spaces, Inklusive Räume, Labore und Ateliers

o „Innere“ Bildungsräume: „Subjekt, Raum und Bewegung“ aus bildungswissenschaftlicher Perspektive sowie transmigratorische/transkulturelle Zugänge im pädagogischen Kontext zum Thema „Raum“

 

Die Differenz zwischen „Sprechen“ und „Zeigen“ wird in dieser Lehrveranstaltung bewusst eingesetzt, um den Lehrprozess aus bildungswissenschaftlicher Perspektive als Re-Präsentation von Wissen und Vor-Zeigen des eigenen Verhältnisses zum Wissen im didaktischen Dreieck der Lehrer/innen/bildung sichtbar zu machen. Der entsprechende Diskussionsprozess wird mit den Studierenden gemeinsam erarbeitet und permanent literaturwissenschaftlich, didaktisch und bildungswissenschaftlich kommentiert. In dieser Lehrveranstaltung wird auch die Dokumentation und Begleitforschung zum gesamten Themenmodul durchgeführt.

 

Literatur wird in diesem Themenmodul nicht bloß als Illustration oder als „erleichterter“ Zugang zu abstrakten Wissensbeständen verstanden. Die Inanspruchnahme von Literatur – bei Wahrung ihrer relativen Autonomie als Kunst – erfolgt hier in dreierlei Hinsicht: Erstens hat Literatur das Potenzial, scheinbar Bekanntes und Alltägliches neu erfahrbar zu machen, ein Effekt, den Bertolt Brecht als „Verfremdungseffekt“ bezeichnet hat und der – nach der Theorie der Formalen Schule – es ermöglicht, die „automatisierte“ Wahrnehmung einer „Entautomatisierung“ zu unterwerfen und „den Stein wieder steinern zu machen“ (Viktor Šklovskij 1928/1966). Zweitens ermöglicht es der hohe Grad an Komplexität, der literarische Texte auszeichnet und der anderen kulturellen Praxen unerreichbar ist, ein neues Licht auf Gegenstände zu werfen, die in Wissenschaft und Schule nur durch Komplexitätsreduktion isoliert und präpariert werden können: Naturdinge, gesellschaftliche Phänomene, Verhalten von Lebewesen in unterschiedlicher Perspektivierung, aber auch Relationen zwischen Subjekten, zwischen Dingen und zwischen Subjekten und Dingen (Beziehungen und Beziehungstypen wie Affinität und Repulsion, Nähe und Distanz, Kausalität, Interdependenz, Wirklichkeit und Möglichkeit u.a.m.). Mit der Rückführung in ein komplexes Netz von Bezügen kann die in Wissenschafts- und Schul-„Fächern“ notwendige methodische Isolierung quasi-experimentell korrigiert werden; dies gilt insbesondere für die wissenschaftlichen und schulischen Darstellungstraditionen von Wissensgegenständen, deren Verfestigung zu Naturalisierungs- und Objektivitätseffekten führt (vgl. Daston/Galison 2007); Einsicht in diese Effekte ist ein wichtiges Bildungsziel, das von den Einzelfächern schon aus systematischen Gründen nicht zu leisten ist, da das Herauslösen von Dingen aus ihren lebensweltlichen Bezügen Grundlage ihrer „wissenschaftlichen“ Bearbeitung ist. Drittens bietet Literatur in besonderer Weise Einsicht in die textuelle Dimension von Natur- und Gesellschaftsdingen; dass die wissenschaftliche „Vertextung“ ihren Gegenständen nicht äußerlich ist, sondern sie geradezu konstituiert, wurde von Kulturwissenschaft und Wissenschaftsgeschichte in jüngerer Zeit eindrucksvoll belegt (vgl. z.B. Vogl² 2010).

 

Das Format eines hier verfolgten Bildungsdiskurses in der universitären Lehrer/innen/bildung setzt sich mit der Relation Wissenschaftsdisziplin, Schulfach und der dritten Ebene eines daraus entstehenden bildungsfachlichen Wissens („Bildungsfach“) in der Lehrer/innen/bildung auseinander. Die entsprechende Kartographie der Wissenschaftsdisziplinen (Bsp. Geographie) gibt immer noch die Grundlagen für Schulfächer (Bsp. Geographie und Wirtschaftskunde) ab, aber die Relationen sind komplex und müssen gerade in der Lehrer/innen/bildung explizit thematisiert werden (z.B. Wissenschaftsfach Geschichte – Schulfach Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung). Schulfächer inkludieren auch Wissen aus zusätzlichen Wissenschaftsdisziplinen (z.B. Medizin im Schulfach Biologie).

 

Auch uns geht es mit diesem Ansatz um die Steigerung vielfältiger fachlicher und über-fachlicher Kompetenzen Studierender, wobei bereits unser (transformatorischer) Wissensbegriff auch Handlungsrelevanz besitzt und daher Praktiken und Haltungen inkludiert, aber eben nicht nur intentional erlernte, sondern auch sozialisatorisch (eben durch kulturell-intellektuelle Aneignungspraxis im Studium) erworbene. Wir fokussieren bei den Studierenden in diesem Themenmodul die fachliche Dialogfähigkeit mit Schüler/inne/n.

 

o Literarische Erfahrung und vielfältige Interpretationszugänge sowie multimodale Repräsentationen sollen den analytischen Blick der Studierenden auf die sprachlich-kreative Gestaltung von Zeichenprozessen im Unterricht erweitern.

o Der Aufbau eines ästhetischen Erkenntnisraumes befördert neben der analytischen und prozeduralen Kompetenz der Lehramtsstudierenden auch ihre ästhetisch-narratologisch-performative Gestaltungskompetenz.

o Das konzeptionelle Wissen über Wissensformationen ermöglicht Studierenden einen metafachlichen Verstehenshorizont aufzubauen, der neues Erklärwissen für Schüler/nnen in basalen Fachverständnisfragen generiert (z.B.: Was sind die substantiellen Unterschiede zwischen physikalischen, biologischen und chemischen Erkenntnisprozessen? Wie erklärt sich die Faszinationskraft des neuen biochemischen Wissensaufbaus? Was sind die elementaren Verstehensprozesse in der Fachdisziplin Biochemie und was davon ist in unseren Schulfächern und Lehrplänen zu finden?)

Nach der Absolvierung des Themenmoduls können die Studierenden das Thema „Raum“ als Themenstellung ihres jeweiligen Schulfaches unter Berücksichtigung unterschiedlicher disziplinärer Wissensformen (Fachwissenschaft, Fachdidaktik, Bildungswissenschaft) und didaktischer Wissensformate (deklarativ, prozedural, konditional, implizit) mit einer mehrperspektivischen Hermeneutik verorten und exemplarisch als „literarische“ Narration darstellen. Sie können literarische Texte zu schulfachlichen Fragestellungen selektieren und in Lehr-Lernzusammenhängen produktiv einsetzen. Sie können die Unterrichtssituation als kulturell-performative Handlungssituation begreifen und auch den Unterrichts-raum als symbolischen Raum gestalten. Sie situieren ihren Dialog mit Schüler/inne/n bewusst und gekonnt als aktivierende „Aufführungspraxis“ („Staging“) von Unterricht.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor, 5. Semester

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.