Erkennen und Behandeln von Traumafolgestörungen im Kontext von Migration und Flucht

Umgesetztes Projekt

Ziele

Migration prägt Europa schon seit langem. Die hohe Zahl der in den letzten zwei Jahren angekommen Flüchtenden stellt Administration, Gesundheitssystem und Bevölkerung jedoch vor neue Herausforderungen. Für Psycholog/inn/en entsteht bei der Unterstützung der Flüchtenden bei der gesellschaftlichen und beruflichen Integration sowie in der gesundheitlichen Betreuung ein neuer Arbeitsmarkt. Im Gesundheitsbereich stehen die Traumafolgestörungen im Vordergrund. Diese erzeugen hohes subjektives Leid bis hin zu Aggression oder Suizid und sind schwer zu erkennen, was häufig (medizinische) Fehlbehandlungen nach sich zieht. Weiter behindern sie die Integration massiv. Bestehende Diagnose- und Behandlungskonzepte sind noch nicht zielgruppenspezifisch angepasst. Die Gesamtsituation setzt auch die zivilen und professionellen Hilfesysteme unter Druck und resultiert in Überlastungen und Burnout. Aus diesem Themenkreis erwachsen neue Anforderungen an psychologische Lehre und Forschung, insbesondere in der Klinischen- und Gesundheitspsychologie. Fachdidaktisch kann kaum auf bestehende Konzepte zurückgegriffen werden. Im inhaltlichen Seminar werden die Themenblöcke Traumafolgestörungen (A) und Burnout bei Helfenden (B) aufgegriffen, im Forschungsseminar die Entwicklung und Evaluation eines Gruppentherapiekonzepts.

Kurzzusammenfassung

Psychologische Inhalte sind durch viele konkurrierende Theorien charakterisiert. Solche Inhalte in konkrete Kompetenzen zu übersetzen fordert Lehrende heraus. Die hier beschriebenen Seminare setzen ein breites didaktisches Instrumentarium ein, um theoretisches Wissen in handlungsnahe Kompetenzen zu übersetzen und gleichzeitig persönlichkeitsbildende Selbsterfahrung zu ermöglichen. Inhaltlich widmet sich das Seminar den Traumafolgestörungen (Angst, Depression, Posttraumatische Belastungsstörungen), die im Zusammenhang mit dem jüngsten Zuzug einer großen Zahl von traumabelasteten Flüchtlingen an Relevanz gewonnen haben. Somit hat die Thematik auch transkulturelle und kommunikationspsychologische Aspekte, welche speziell vermittelt werden wollen. Gleichzeitig widmet sich das Seminar auch der Seite der Helfenden: weder professionelle noch freiwillige Helfer sind gut im Erkennen oder gar dem kultursensitiven Behandeln von Traumafolgestörungssymptomen (wie Schlafstörungen, Aggression, Suizidalität) ausgebildet und daher selbst burnout-gefährdet.

Das Seminar kombinierte Selbststudium und Referatstätigkeit mit Diskussionen, Gesprächen mit Betroffenen, emotionaler Auseinandersetzung und Umsetzung in konkrete Projekte. Studierende entwickelten und erprobten ein Ressourceninterview für Flüchtlinge und hielten einen Kurs über Traumafolgestörungen für Flüchtlingsbetreuer ab. Zudem wurde ein Forschungsprojekt zur Evaluation von Therapiegruppen in Flüchtlingsunterkünften ins Leben gerufen.

Nähere Beschreibung

THEMENBLÖCKE IM INHALTLICHEN SEMINAR

Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen gesellschaftlichen Situation und fachlichen Herausforderung wurden zwei Themenbereiche fokussiert.

THEMENBLOCK A: Traumafolgestörungen bei Flüchtlingen erkennen. Aktuelle Daten zeigen, dass ein hoher Prozentsatz von Flüchtenden an Traumafolgestörungen leidet, die therapeutisch bisher kaum adressiert werden, und welche ohne spezifische Behandlung selten einen günstigen Verlauf zeigen. Diese Störungen interferieren mit einer erfolgreichen sozialen und professionellen Integration. Kulturunterschiede in der Präsentation der Symptomatik (z.B. Stigmatisierung von psychischen Störungen im arabischen Raum, andere Vorstellungen von Psyche, Geist und Körper in afrikanischen Ländern) erschweren Diagnostik und Behandlung.

THEMENBLOCK B: Überlastung der Hilfssysteme und Burnoutprävention. Eine große Zahl von professionellen und freiwilligen Unterstützenden (UnterkunftsbetreuerInnen, Personal der Hilfsorganisationen, Gesundheitssystem, Therapeut/inn/en) sind mit Traumafolgestörungen und deren Auswirkungen auf Leistungsfähigkeit und Sozialverhalten bei Flüchtlingen konfrontiert. Eine Schulung im Bereich Interkulturalität und Traumafolgestörungen ist dringend von Nöten, steht jedoch nur vereinzelt zur Verfügung. Oftmals sind die Helfenden zudem noch mit einem ablehnenden gesellschaftlichen Klima konfrontiert. Dies gefährdet die Hilfssysteme zusätzlich und erhöht das Risiko für Überlastung und Burnout.

INHALTLICHES UND FACHDIDAKTISCHES KONZEPT

Überblick: Didaktisch wurde eine dreistufige ‚Vertiefungssequenz‘ der zwei inhaltlichen Themenblöcke realisiert: ausgehend von referatsbasierter Erarbeitung der Kerninhalte (Stufe 1) wurden diese in einem Blockwochenende erlebnisbasiert vertieft (Ebene 2) und in Folge kleingruppenbasiert in Eigenarbeit in konkrete Anwendungen übersetzt (Ebene 3). Ebene 2 und 3 hatten damit konkret auch studierendenzentrierte, insbesondere gruppendynamische und persönlichkeitsbildende Ziele, während Ebene 3 eine deutliche Kompetenzorientierung aufweist, welche auf ein konkretes Arbeits- und Anwendungsfeld abzielt. Die drei Ebenen entsprechen damit aufeinander aufbauenden Lernzielebenen (Kenntnisse/Wissen > Analyse/Verstehen > Anwenden; vgl. Zieltaxonomie nach Hilbert & Meyer).

Ebene 1. Am Anfang stand eine referatsbasierte aktive Wissenserschliessung durch die Studierenden (in Referatsgruppen, inklusive online und offline Diskussionen).

Ebene 2. Um die Inhalte auch erlebnisbasiert vertiefen zu können, wurde in der Mitte des Semesters ein Blockseminar (Freitag nachmittag, Samstag) unter Hinzuziehung von externen Personen abgehalten. Themenblock A (Traumafolgestörungen) wurde erlebbar gemacht durch Schilderungen eigener Erfahrungen in der Flüchtlings- und Entwicklungshilfe (Dr. Lindorfer) und im Gespräch mit einem Flüchtling aus Syrien, der im Seminar über seine Fluchterfahrungen berichtete und Fragen beantwortete. Weiter wurden die Inhalte über einen Film über psychologische Traumaarbeit mit Bürgerkriegsüberlebenden in Uganda anschaulich gemacht und emotional vertieft. Themenblock B (Burnout) wurde mit einem Flüchtlingsunterkunftsbetreuer erarbeitet, der im Blockseminar über seine Arbeit und seine Erfahrungen mit Traumafolgestörungen, interkulturellen Schwierigkeiten und Überlastungssymptomen im Kolleg/inn/enkreis berichtete, und die Fragen der Studierenden beantwortete.

Ebene 3. Auf der dritten Lernzielebene stand die konkrete Anwendung erarbeiteter Kompetenzen, um einerseits Gelerntes zu vertiefen und andererseits einen konkreten Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderung zu leisten. Themenblock A mündete in die Entwicklung eines ‚Ressourceninterviews‘, in dem - nach einem salutogenen Ansatz - Bewältigungserfahrungen und Stressregulationskompetenzen bei Flüchtlingen erarbeitet werden (unter Minimierung der Gefahren der Retraumatisierung der Flüchtlinge bzw. Überforderung der Studierenden). Themenblock B mündete in einen Kurs über Traumafolgestörungen und Burnout spezifisch für Spontanfreiwillige und professionelle Helfer im Flüchtlingskontext. Der vierstündige Kurs wurde an zwei aufeinanderfolgenden Abenden mit 80 überwiegend uni-externen Besucher/inn/en durchgeführt. Die Durchführung oblag dabei komplett den Studierenden (Werbung, Organisation, Präsentation, Moderation, Evaluation), die Lehrenden hielten sich dabei lediglich ‚in Bereitschaft‘. Das Training wurde gut angenommen und evaluiert. Alle Materialien und Ressourcen wurden auf einem eigens erstellten Blog dokumentiert.

FORSCHUNGSSEMINAR

Angeschlossen an das inhaltliche Seminar konnten sich einige der Studierenden im Rahmen ihrer Masterarbeit an einer Studie zur Evaluierung eines psychotherapeutischen Gruppenkonzepts zur Behandlung von Traumafolgestörungen bei Flüchtlingen (in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz Salzburg) engagieren. Hierbei wird ein psychoedukatives Gruppenkonzept an die Zielgruppe adaptiert und formal evaluiert. Die Masterstudierenden erlernen dabei die Entwicklung eines Evaluationsdesigns mit quantitativen (Symptomdiagnostik vor und nach der Intervention) und qualitativen (Interviews mit Gruppentrainern, Flüchtlingen, Betreuern) Aspekten.

OUTCOME UND EVALUATION

Die Studierende erwarben spezifische diagnostisch-therapeutische und interkulturell-kommunikative Kompetenzen und somit nachweisbare Qualifikationen. Diese stellen ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Arbeitsmarkt dar, nicht nur in der Betreuung und Behandlung von Flüchtlingen, sondern auch in der ‚klassischen‘ ambulanten und stationären psychotherapeutischen Versorgung von Personen mit Migrationshintergrund. In den teilweise emotionalen Diskussionen konnten einige Studierende ihre persönlichen Neigungen, Fähigkeiten und Grenzen kennenlernen, was manchen sogar zu konkreten Berufsentscheidungen verhalf. Durch Abhaltung der Trainings, der Entwicklung des Ressourceninterviews und der Durchführung des Forschungsprojekts werden konkrete gesellschaftliche Beiträge geleistet.

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.