Lernen am Videomodell: Vorbereitung auf den praktischen Unterricht in ärztlicher Gesprächsführung durch eine Videoaufgabe an der MedUni Wien

Umgesetztes Projekt

Ziele

Gute Kommunikation zwischen Arzt/Ärztin und Patient/Patientin ist die Voraussetzung für fundierte Diagnosen und Behandlungen(1). Daher sollen Medizinstudierende bereits in ihrem ersten klinischen Pflichtpraktikum, der Famulatur nach dem zweiten Studienjahr, beginnen unter Supervision strukturierte Anamnesegespräche mit Patienten/innen zu führen. Diese Tätigkeit trainieren sie vor der Famulatur in Kleingruppen im Rollenspiel(2). Studierende führen mind. zwei strukturierte Anamnesegespräche, bei denen Schauspieler/innen in der Rolle des Patienten/der Patientin agieren. Lehrende und andere Studierende beobachten die Situation und analysieren das Gesehene.

Trotz dieses ressourcenintensiven Trainings berichten Studierende über Probleme beim praktischen Anwenden des Gelernten und möchten mehr Übungsmöglichkeit mit Schauspielpatienten/innen. Zusätzlich berichten gesprächsunerfahrene Studierende durch Hemmungen beim Üben vor der Gruppe in ihrem Lernen beeinträchtigt zu sein.

Ausführliche Vorbereitung anhand kostengünstiger Lehr/Lernelemente soll eine effizientere Nutzung der ressourcenintensiven Rollenspiele mit Schauspielpatienten/innen ermöglichen. Dafür eignen sich videogestützte Beobachtungs- und Analyseaufgaben(3), weil nach einmaligen Produktionskosten das Material von beliebig vielen Studierenden selbstbestimmt bearbeitet werden kann. Die Aufgabe soll allen Studierenden die Gelegenheit geben, sich mit dem Gesprächsaufbau, den Gesprächsinhalten und relevanten Gesprächstechniken zu beschäftigen. Studierende ohne Vorerfahrung mit strukturierter Anamneseerhebung sehen, was von Studierenden beim Anamneseerheben erwartet wird.

Kurzzusammenfassung

Gemeinsam mit Lehrenden der ärztlichen Gesprächsführung wurde ein Drehbuch entwickelt. Als geeignetes Modell für Studierende in dieser Ausbildungsphase wurde ein/e Studierende/r erachtet, da Ärzte/Ärztinnnen aufgrund ihrer Routine Anamnesen symptomfokussiert führen und nicht mehr alle Themenbereiche systematisch abfragen. Im produzierten Video führt daher eine Studierende, die sich anhand der schriftlichen Kursunterlagen gewissenhaft für das erste Gespräch vorbereitet hat, dargestellt durch eine Schauspielerin, ein strukturiertes Anamnesegespräch mit einem Schauspielpatienten. Studierende lernen mit der Aufgabe indem sie im Video Szenen identifizieren in denen gut oder weniger gut kommuniziert wird und ihre Auswahl begründen. Dabei müssen sie Wissens aus den Kursunterlagen anwenden. Vertieft wird der Lerneffekt durch die Tatsache, dass die dargestellte Studierende einige der laut Kursunterlagen wichtigen Gesprächsführungsfertigkeiten bereits gut im Gespräch umsetzen bzw. zu einigen Themen der strukturierten Anamnese ausführliche Informationen vom Patienten sammeln kann. Die ‚teilweise unvollständige Leistung‘ der Modellstudierenden zwingt die Kollegen/innen die beobachteten Handlungen genauer zu hinterfragen(4).

Nähere Beschreibung

Der Kurs ärztliche Gesprächsführung kombiniert folgende digitale und traditionelle Lehr-Lernelemente:

 

Traditionelles Element:

Lesen der schriftlichen Kursunterlagen= Erwerben von Wissen

 

Digitale und digital unterstützte Elemente:

Ansehen des bereitgestellten Gesprächsführungsvideos, markieren von Szenen in denen gut/weniger gut kommuniziert wird = erworbenes Wissen durch Beobachten am Modell identifizieren

Schriftliches Beantworten der Analysefragen zum den markierten Szenen = Anwendung des erworbenen Wissens zur Analyse des Verhaltens des Videomodells

Lesen und Bewerten dreier zugewiesener anonymisierter Analyseergebnisse von Kollegen/innen = erworbenes Wissen durch Beobachten am Modell identifizieren

 

Traditionelle Elemente:

6 Übungsnachmittage in der Kleingruppe, Teilnahme am Rollenspiel = erworbenes Wissen selbst praktisch Anwenden; Beobachten von Rollenspielen und Formulieren einer Rückmeldung dazu = erworbenes Wissen durch Beobachten am Modell identifizieren.

 

Literatur

1. Kurtz S, Silverman D, Draper J. Teaching and Learning Communication Skills in Medicine. Oxford: Radcliffe; 2005.

2. Hartl A, Bachmann C, Blum K, et al. Desire and reality--teaching and assessing communicative competencies in undergraduate medical education in German-speaking Europe--a survey. GMS Z Med Ausbild. 2015;32(5):Doc56.

3. Wouda JC, van de Wiel HBM. Education in patient-physician communication: How to improve effectiveness? Patient Education and Counseling. 2013;90:46-53.

4. Stark R. Lernen mit Lösungsbeispielen. Einfluß unvollständiger Lösungsbeispiele auf Beispielelaboration, Lernerfolg und Motivation. Göttingen: Hogrefe; 1999.

Positionierung des Lehrangebots

2. Studienjahr Medizin

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.