Angewandte Ökonometrie

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die Lehrveranstaltung Angewandte Ökonometrie stellt den 3. Teil der Ausbildung in Ökonometrie innerhalb des Studienzweigs Volkswirtschaftslehre des Bachelors in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften dar. Die Lehrveranstaltung entspricht 2 Wochenstunden und findet wöchentlich statt.

In der LV werden Studierende dazu angehalten, das in den zuvor absolvierten Lehrveranstaltungen erworbene Wissen zu vertiefen und in eigenständiger Forschungsarbeit anzuwenden.

Das Ziel der Lehrveranstaltung ist ein Doppeltes: (a) Vervollständigung der methodischen Ausbildung in Ökonometrie mit einem Fokus an Paneldatenanalyse und Zeitreihenanalyse, (b) Gemeinsame Entwicklung von empirischen Studien, von der Entwicklung der Forschungsfrage über die Durchführung der ökonometrischen Analyse bis hin zu einer eventuellen Publikation.

Kurzzusammenfassung

Das Ziel der Lehrveranstaltung ist ein Doppeltes:

(a) Vervollständigung der methodischen Ausbildung in Ökonometrie mit einem Fokus an Paneldatenanalyse und Zeitreihenanalyse,

(b) Gemeinsame Entwicklung von empirischen Studien, von Forschungsfrage bis Durchführung der ökonometrischen Analyse.

 

Die LV wird als Mischformat geführt und beinhaltet einen Vorlesungs- und einen Workshopteil. Die ersten 6 Einheiten befassen sich mit der Vermittlung von modernen Methoden in Paneldatenanalyse und (univariaten und multivariaten) Zeitreihenanalyse in Form eines Vorlesungsteils. Nach einer Zwischenprüfung findet ein Workshop statt, wo Forschungsfragen und methodische Zugänge für die empirischen Seminararbeiten präsentiert, diskutiert und kritisch hinterfragt werden. Basierend auf den Ergebnissen des Workshops, bearbeiten die Studierenden in Gruppen die empirische Analyse in den darauffolgenden drei Wochen. In Woche 12 und 13 der Lehrveranstaltung wird ein weiterer Workshop veranstaltet, wo die Ergebnisse der empirischen Analyse präsentiert werden und Feedback für die Vervollständigung der Seminararbeiten geholt wird. Die Qualität der resultierenden Forschungsarbeiten hat dazu geführt, dass einzelne Arbeiten sogar in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften (Empirical Economics bzw. Journal of Economics and Statistics) eingereicht wurden und eine erste positive Revision bekommen haben („Revise and Resubmit“).

Nähere Beschreibung

Die Lehrveranstaltung Angewandte Ökonometrie bildet den 3. Teil der Ausbildung in Ökonometrie innerhalb des Studienzweigs Volkswirtschaftslehre des Bachelors in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. In Ökonometrie I und Ökonometrie II lernen die Studierende die wichtigsten methodischen Instrumente kennen, um fundierte empirische Wirtschaftsforschung durchzuführen (lineare Regressionsmodelle, Instrumentvariablen Schätzer, Modellen mit diskreten abhängigen Variablen). Der Fokus von Ökonometrie I und Ökonometrie II liegt auf Querschnittsdaten.

 

Angewandte Ökonometrie ist der Abschluss des Ökonometrie-Zyklus im Studienzweig Volkswirtschaftslehre. Die Lehrveranstaltung hat zwei klar definierte Ziele:

(a) Vervollständigung der ökonometrischen Methodenkompetenz: Angewandte Ökonometrie baut auf die methodischen Vorkenntnissen, die in Ökonometrie I und Ökonometrie II erworben wurden auf, und erweitert das Inventar der analytischen Instrumente um moderne Paneldatenanalyse- und Zeitreihenanalysemethoden.

(b) Anwendung der erworbenen ökonometrischen Methoden in der Durchführung eigenständiger Forschungsarbeiten und Replikationsstudien.

 

Im Mittelpunkt der Lehrveranstaltung steht die eigenständige Durchführung eines Forschungsprojektes. Die Struktur der Lehrveranstaltung unterstützt die Studierenden dabei. Nach der Vorstellung und Diskussion aktueller Studien, die den Studierenden als Modell und Inspiration dienen können, erarbeiten sie sich in Teams die eigene Forschungsfrage. Nach Feedback durch die Peers und durch den LV-Leiter arbeiten die Studierenden selbständig an ihren Projekten. Die Ergebnisse werden dann – angelehnt an das Format einer Forschungskonferenz – den Kolleg/inn/en vorgestellt.

 

Vorlesungsteil:

Die Lehrveranstaltung entspricht 2 Wochenstunden und findet wöchentlich statt. In den ersten 6 Wochen werden Paneldatenanalyse- und Zeitreihenanalysemethoden anhand von theoretischen Einheiten und interdisziplinären empirischen Beispielen erklärt. Ein besonderer Fokus wird auf die Vermittlung von aktuellen Ergebnissen der empirischen Wirtschaftsforschung gelegt. Dazu werden Beispiele von moderner Forschung in der Politik-Evaluierung eingesetzt.

Im ersten Teil der Lehrveranstaltung werden Methoden der Paneldaten- und Zeitreihenanalyse diskutiert. Diese methodologischen Instrumente bauen auf Vorkenntnisse, die die Studierenden in Ökonometrie I und Ökonometrie II erworben haben auf und erweitern damit ihr Inventar an statistischen Instrumenten für empirische Wirtschaftsforschung.

Didaktisch kombinieren diese Einheiten Vortragselemente und Interaktion mit den Studierenden bei der Diskussion von modernen empirischen Forschungsergebnissen. Der Fokus liegt auf der Diskussion des Forschungsprozesses bei interdisziplinären empirischen Arbeiten mit (wirtschafts)politischem Fokus. Die Vorkenntnisse, die die Studierenden in Ökonometrie I und Ökonometrie II erworben haben ermöglicht es ihnen, die Modelle, die in diesen Arbeiten verwendet wurden gemeinsam mit dem LV-Leiter kritisch zu diskutieren und mögliche Grenzen der Studien zu identifizieren. Empirische Studien zu den folgenden Themen werden beispielweise diskutiert und repliziert: (1) Entwicklung eines hedonischen Modells für Immobilienpreise, um die Effekte vom Bau einer Müllverbrennungsanlage auf Wohnungspreise zu schätzen; (2) Schätzung der Effekte von Metalldetektoren in Flughäfen auf Flugzeugentführungen; (3) Schätzung einer makroökonomischen Produktionsfunktion mittels Paneldatenmethoden; (4) Modellierung des Zinstransmissionsmechanismus im Euroraum mittels Kointegrationsmethoden. Die gemeinsame Bearbeitung dieser empirischen Beispiele in der Stunde erlaubt den Studierenden die verschiedenen Schritte einer modernen ökonometrischen Analyse, von der genauen Definition der Forschungsfrage bis zur Interpretation der Schätzergebnisse und der Diskussion der wirtschaftspolitischen Folgen nachzuvollziehen. Der erste Teil des Kurses endet mit der Überprüfung der Kenntnisse in Form von einer schriftlichen Klausur, die 40% der Endnote der Lehrveranstaltung ausmacht.

 

Workshop-Teil:

Im zweiten Teil des Kurses müssen die Studierenden eine eigene empirische Arbeit entwerfen und entwickeln. Die Studie sollte entweder eine Replikation einer existierenden empirischen Studie mit anderen Daten (neueste Datensätzen, Daten aus anderen Ländern oder einer anderen Weltregion) darstellen oder anderen Methoden einsetzen (z.B. unter der Berücksichtigung von methodischen Verbesserungen, die erst nach der Publikation der Studie entwickelt wurden). In der Regel wird die Forschungsfrage der Studie mit dem Thema der Bachelorarbeit der Studierenden verknüpft, die einen empirischen Teil beinhaltet. Dazu werden zwei Workshops abgehalten (8. und 12. LV-Einheit).

 

e-Learning-Unterstützung:

Vorab wird die Kommunikations- und Lernplattform der Wirtschaftsuniversität Wien, Learn@WU, verwendet, um Gruppen von maximal 4 Student/inn/en zu bilden und potentielle Themen und Forschungsfragen zu diskutieren. Dafür wird das Forum auf Learn@WU verwendet. Diese Funktion ermöglicht Diskussionen in Form von Foren zu organisieren, die vom Lehrveranstaltungsleiter moderiert werden. In einer ersten Runde werden die Gruppen von Studierenden zusammengestellt und Forschungsfragen/Forschungsgebiete von den Studierenden vorgeschlagen. Die Interaktion mit dem Lehrveranstaltungsleiter und den anderen Studierenden im Forum führt dann in der Regel zu einer Verfeinerung der Forschungsfrage und zu ersten Vorschlägen bzgl. Literatur und Datenquellen.

 

Workshop 1:

Die 8. Einheit der Lehrveranstaltung findet in Form eines Forschungsfragen-Workshops statt. Die Gruppen präsentieren ihre online erarbeiteten und diskutierten Forschungsfragen und eine kurze Beschreibung der Methoden und Daten, die sie verwenden möchten. Die anderen Gruppen haben die Möglichkeit Feedback zu geben.

Das Endziel des Workshops ist nicht nur allen Studierenden die Möglichkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Forschungsthemen und –methoden zu ermöglichen, sondern auch die Synergien zwischen den einzelnen Forschungsprojekten zu identifizieren. Dies sollte dazu führen, dass die Gruppen miteinander kollaborieren und sich gegenseitig mit Diskussionen bzgl. Der Durchführung der Studie und Interpretation der Ergebnisse unterstützen. Die direkte Interaktion von Studierenden im Rahmen des Workshops führt zu einer differenzierteren und tieferen Diskussion als die, die in der Learn@WU Plattform stattfindet. Der Lehrveranstaltungsleiter spielt hier eine zentrale Rolle in der Identifikation von methodischen Komplementaritäten zwischen Forschungsfragen und Methoden.

 

Durchführung der Forschungsarbeit und Begleitung durch den LV-Leiter:

Nach dem 1. Workshop haben die Gruppen drei Wochen Zeit um Ihre Forschungsarbeit durchzuführen und erste Ergebnisse zu liefern. Die Kurseinheiten in diesen Wochen werden durch individuelle Sprechstunden ersetzt, in denen die Gruppen die Möglichkeit haben, den Lehrveranstaltungsleiter aufzusuchen, um mögliche Probleme zu diskutieren, die im Rahmen der ökonometrischen Analyse vorgekommen sind. Um das Peerfeedback unter den Studierenden-Gruppen zu fördern, unterstützt der Lehrveranstaltungsleiter auch informelle Treffen jener Gruppen, welche mit ähnlichen Methoden arbeiten und vom gegenseitigen Wissens-und Erfahrungsaustausch profitieren können.

 

Abschlussworkshop:

In der 12. und letzten Einheit wird der Abschlussworkshop veranstaltet, in dem die Gruppen ihre Analyse und (vorläufige) Ergebnisse präsentieren. Die Atmosphäre beim Endworkshop erinnert an die einer Forschungskonferenz: Nach jeder Präsentation ist Zeit für Diskussion und (konstruktive) Kritik der anderen Studierenden und des Lehrveranstaltungsleiter eingeplant. Basierend auf der Diskussion wird die Forschungsarbeit finalisiert und in Form einer (kurzen) Seminararbeit zusammengefasst, die die Basis für die Benotung des 2. Teils der Lehrveranstaltung bildet (60% der Endnote). Die Lehrveranstaltung führt die Studierenden durch den ganzen Prozess von empirischer Wirtschaftsforschung, von der Abgrenzung der Fragestellung bis zur Fertigstellung einer Replikation bzw. eines methodologischen Updates einer existierenden Studie.

 

Unterstützung bei der Publikation – Austausch mit der Fach-Community:

Die sehr hohe Qualität der Beiträge der Studierenden hat dazu geführt, dass revidierte Versionen von ausgewählten Seminararbeiten in internationalen wissenschaftlichen Journals eingereicht wurden. Diese Studierenden haben somit mit der Unterstützung des Lehrveranstaltungsleiters einen gesamten Forschungszyklus bis hin zu einer Publikation durchlaufen. Zwei Studien, die in dieser Lehrveranstaltung entwickelt wurden, befinden sich gerade im Publikationsprozess wissenschaftlicher Journals zur Begutachtung. Eine kurze Beschreibung von diesen zwei Seminararbeiten als repräsentative Beispiele der Art von empirischen Studien, die im Kurs bearbeitet werden, folgt.

Die Studie „Brain Drain Effects On Human Capital Formation: An Update” untersucht die Effekte von Migration auf Bildung in Entwicklungsländern und verwendet ein existierendes Modell (von M. Beine, F. Docquier und H. Rapoport im renommierten The Economic Journal publiziert) und moderne Daten, um die empirische Evidenz neu zu untersuchen. Mit Daten von 2000 bis 2010, findet die Arbeit höhere positive Effekte von Migration auf Bildung als die ursprüngliche Untersuchung. Diese Studie befindet sich gerade in Begutachtung für Publikation (Revise & Resubmit) in Empirical Economics (Impact Factor 0.614).

Die zweite Seminararbeit, die in dieser Lehrveranstaltung entwickelt wurde und sich gerade im Publikationsprozess bei einem wissenschaftlichen Journal befindet, heißt „The Empirics of Hidden Labor Force Dynamics in Germany“. In dieser Arbeit wird untersucht, wie groß die sogenannte „stille Reserve“ des Arbeitsmarkts in Deutschland ist. Als „Stille Reserve“ wird der Teil des Arbeitsangebots bezeichnet, der nur unter bestimmten Bedingungen bereit ist, einen Arbeitsplatz anzunehmen und inzwischen nicht arbeitslos gemeldet ist. Es gibt in der akademischen Literatur eine aktive Diskussion über die Größe der „stillen Reserve“ in Deutschland, mit wichtigen Beiträgen von Ökonom/inn/en des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Arbeit verwendet neue Daten und liefert neue Schätzungen für die „stille Reserve“ in Deutschland. Diese Studie befindet sich in Revision (Revise & Resubmit) im Journal of Economics and Statistics/Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik (Impact Factor: 0.258).

 

Die Studierenden durchlaufen in der LV einen Forschungsprozess von der Erarbeitung der Forschungsfrage bis zur Präsentation ihrer Ergebnisse. Dabei werden sie nicht nur mit aktuellen Ergebnissen und Methoden der Ökonometrie vertraut gemacht, sondern können das erworbene Wissen auch gleich in der Bearbeitung eines eigenen Forschungsprojekts anwenden. Dadurch gehen die Studierenden bereits auf BA-Level darüber hinaus, aktuelle Ergebnisse zu rezipieren und zu verwerten. Mit der Unterstützung des LV-Leiters wird es für einzelne Studierende sogar möglich, erste eigene Forschungsergebnisse in Journals zu publizieren und damit aktiv am wissenschaftlichen Diskurs zu partizipieren.

Mehrwert

Die Studierenden erhalten durch die klare Forschungsorientierung in der Lehrveranstaltung einen Überblick über aktuelle Forschungsmethoden und –ergebnisse aber auch über verfügbare Datenquellen in der Ökonometrie. Das Workshopformat leitet die Studierenden durch den Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens und bietet die Möglichkeit das im ersten Teil erworbene theoretische Wissen unmittelbar in die Praxis umzusetzen. Durch den gesamten Prozess werden sie sowohl vom Lehrveranstaltungsleiter unterstützt, als auch von ihren Peers mit denen sie kontinuierlich im Austausch stehen.

 

Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse können sie nicht nur in einer Abschlusskonferenz vorstellen und verteidigen, sondern in einzelnen Fällen sogar in wissenschaftlichen Publikationsmedien des Faches veröffentlichen und damit auch mit der Fach-Community in Austausch treten.

Profitierende

  • Studierende

Aufwand

In den Wochen vor dem ersten Workshop, wenn die Forschungsfragen auf der Lernplattform Learn@WU definiert werden, erfordert das Feedback ca. zwei extra Stunden pro Woche an Mehraufwand für den LV-Leiter.

Mit der Unterstützung des LV-Leiters wird es für einzelne Studierende sogar möglich, erste eigene Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Journals zu publizieren. Diese Unterstützung kann auf Seiten des LV-Leiters als zeitlicher Mehraufwand gesehen werden.

Positionierung des Lehrangebots

Die LV ist der dritte (und letzte) Teil der Ökonometrie Lehrveranstaltungen im Angebot des Studienzweigs Volkswirtschaftslehre. Typischerweise wird die Lehrveranstaltung von Studierenden besucht, die sich am Ende ihres Bachelor-Studiums befinden.

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 in der Kategorie Forschungsbezogene Lehre, insbesondere die Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens während des Studiums nominiert.