Lernen durch Lehren von lebensrettenden Sofortmaßnahmen - Wahlfach im Rahmen des Großprojekts "Wien wird HERZsicher"

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Der plötzliche Herz-Kreislaufstillstand außerhalb eines Krankenhauses ist die dritthäufigste Todesursache der Welt und einer der zeitkritischsten Notfälle in der Medizin. In Wien überleben derzeit nur 17% einen plötzlichen Herzstillstand außerhalb des Krankenhauses. Durch rasche Ersthilfe können die Überlebenschancen jedoch signifikant (auf 50-70%) verbessert werden. Die Leitlinien zur Reanimation des European Resuscitation Council 2015 betonen die besonders große Bedeutung gut ausgebildeter Ersthelfer/innen.

Projektziel ist, durch ein innovatives und praxisnahes Lehrmodell mit individuellen Wahlmöglichkeiten einer großen Zahl Studierender die Möglichkeit zu geben, entsprechend Ihrer persönlichen Stärken und Qualifizierung durch eigene Lehre selbst zu lernen. Durch einen hohen Multiplikationsfaktor werden dabei tausende Ersthelfer/innen unterschiedlicher Alters- und Berufsgruppen in der Bevölkerung ausgebildet.

Beschreibung

Im Wintersemester 2015 wurde das Wahlfach „Lernen durch Lehren von lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ an der MedUni Wien neu gestaltet und ermöglicht pro Semester die Teilnahme für ca. 300 Studierende. Dabei haben Studierende, nach einer Vorlesung und mehreren Basisworkshops die Möglichkeit, einen von 3 Projektbereichen auszuwählen. (Schule, Polizei, Öffentlichkeit)

 

Schule: Die Studierenden bilden in Kleingruppen Volksschulkinder in Wiederbelebung aus, dies erfolgt selbstständig unter Supervision. Dafür wurde in Zusammenarbeit mit Volksschulpädagogen/innen ein spezielles Curriculum für den Unterricht der Kinder entwickelt. Pro Jahr werden so in Wien knapp 20.000 Volksschulkinder der 3. Schulstufe erreicht.

Polizei: Die Studierenden trainieren Beamte/innen der Wiener Polizei (die im Rahmen eines First Responder Systems in Wien eingesetzt sind).

Öffentlichkeit: Die Studierenden beteiligen sich an öffentlichen Veranstaltungen von PULS - Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes und verbreiten in der Bevölkerung das Wissen von lebensrettenden Sofortmaßnahmen. (z.B. am Donauinselfest, Wiener Sicherheitsfest usw.)

 

Die Studierenden werden durch Workshops theoretisch und praktisch ausgebildet, können aber auch ihr erlerntes Wissen praktisch einsetzen und weitergeben. Dies führt zu höchsten Lerneffekten. Bis heute konnten durch das Projekt so mit mehr als 500 Studierenden mehr als 50.000 Ersthelfer/innen in Reanimation und dem Einsatz eines Defibrillators geschult werden.

Das an der Medizinischen Universität Wien angebotene Wahlfach “Lernen durch Lehren von lebensrettenden Sofortmaßnahmen“ wurde vor mehreren Jahren von Univ. Prof. Dr. Fritz Sterz ins Leben gerufen und erlangte unter den Studierenden sehr bald den Ruf, eines der beliebtesten Wahlfächer an der MUW zu sein. Professor Sterz ging mit dem Wahlfach von Beginn an neue Wege, da er es schaffte, mit einem minimalen Anteil an theoretischer Lehre, die Studierenden dazu zu bringen, selbstständig das Wissen an Dritte weiterzugeben. Den Studierenden wurden zeitlich kurz aber sehr intensiv das Thema „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ und hier besonders der Bereich Erste Hilfe beim plötzlichen Kreislaufstillstand, die Reanimation und der richtige Einsatz eines Laiendefibrillators vermittelt. Anschließend wurden kleine Studentengruppen gebildet, die Professor Sterz in verschiedene Volksschulklassen schickte. Dort konnten die Studierenden selbstständig, jedoch bei Bedarf auch unter Supervision, das erlernte Wissen theoretisch und praktisch an die Schüler weitergeben. Bei den Studierenden förderte diese Art der Lehre das selbstständige Erarbeiten des Lehrstoffs, die Vertiefung in Bereichen mit bis dato wenig Kenntnis und das für Dritte (die Schüler) taugliche Vorbereiten der Inhalte. So musste das Unterrichtsthema „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ nicht für eine Prüfung „auswendig gelernt“ werden, sondern es entstand bei den Studierenden eine starke intrinsische Motivation, für den Unterricht in den Schulen selbst gut vorbereitet und trainiert zu sein.

 

Im Jahr 2015 wurde das Wahlfach von Ao.Univ. Prof. Dr. Sterz unter seiner Leitung überarbeitet, an aktuelle Anforderungen und Gegebenheiten angepasst und damit neu gestaltet. Einerseits nahm die Zahl der am Wahlfach interessierten Studierenden immer weiter zu, andererseits entstanden an der MUW immer mehr Projekte zur Förderung des Wissens über Lebensrettende Sofortmaßnahmen in der Bevölkerung. Gemeinsam mit drei weiteren Lehrenden (Dr. Mario Krammel, Dr. David Weidenauer und Dr. Markus Winnisch) wurde das Wahlfach in seiner Neuauflage im Wintersemester 2015 erstmalig angeboten und ermöglicht seit dem regelmäßig jedes Semester Platz für die Teilnahme von ca. 300 Studierenden. Eine Teilnahme ist für alle Studentinnen und Studierenden der Medizinischen Universität Wien, sowie bei Interesse und Mitbelegung auch für die Studierenden anderer Hochschulen möglich. Es bestehen keine Einschränkungen hinsichtlich des Studienfortschritts, oder spezielle Voraussetzungen für eine Teilnahme, jedoch ist ein grundlegendes Interesse am Thema „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ bzw. „Erste Hilfe“ nötig und der Wille zum selbstständigen Vermitteln von Lehrinhalten sinnvoll.

 

Das Wahlfach ist in einen theoretischen Teil, einen theoretisch/praktischen und einen für die Studierenden rein praktischen Lehr-Teil gegliedert.

Am Beginn findet eine zirka einstündige Vorlesung statt, an der alle gemeldeten Studierenden und alle im Wahlfach Lehrenden teilnehmen. Hier wird das Wahlfach vorgestellt und den Studierenden bereits wesentliche Hintergründe über die Bedeutung der Thematik „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ im Bereich der ärztlichen Tätigkeit, als auch im Bereich der Laien - Ersten - Hilfe vermittelt. Anschließend werden die drei möglichen Subgruppen des Wahlfachs (Schule, Polizei, Öffentlichkeitsarbeit) kurz von den gruppenverantwortlichen Lehrenden vorgestellt. Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, sich für ein oder mehrere Subgruppen zu melden, um das Wahlfach dann dort zu absolvieren.

Alle weiteren Wahlfachtermine finden bereits in den jeweiligen Subgruppen mit den dort verantwortlichen Lehrenden statt. Der Zeitaufwand ist für die Studierenden unabhängig von der gewählten Subgruppe, nur die Inhalte unterscheiden sich hinsichtlich des späteren Einsatzgebietes der Studierenden. In zwei theoretischen-praktischen Blöcken werden organisatorische und fachliche Inhalte vermittelt, die für die Lehrtätigkeit der Studierenden benötigt werden. Hier werden nochmals Grundlagen der Lebensrettenden Sofortmaßnahmen sowie deren Unterricht besprochen. Dabei werden die Inhalte in verschiedenen Lehrmodalitäten (Frontalvortrag, Workshop, Frage-Antwort-Situation, Praxisstationen, Kleingruppenarbeiten, Rollenspiele) vermittelt. Die Lehrenden können so sehr individuell auf die Vorkenntnisse der Studierenden eingehen und mögliche Schwächen erkennen und präzise verbessern bzw. fördern. Die Studierenden haben außerdem jederzeit die Möglichkeit, die Subgruppe zu wechseln, um so ihre Kenntnisse und Fähigkeiten optimal einsetzen zu können.

 

Subgruppe Schule: Nach Abschluss der bereits beschriebenen praktischen und theoretischen Ausbildung, ist das Ziel der Studierenden dieser Gruppe, der Unterricht von Volksschulkindern der dritten und vierten Schulstufe zu den Themen Erste Hilfe und Reanimation. Der verantwortliche Lehrende steht in Kontakt mit den Organisationsverantwortlichen der in Frage kommenden Volksschulen. Diese sind bereits Teil eines anderen Projekts, welches eine flächendeckende Reanimationsschulung für Kinder der dritten und vierten Schulstufe in ganz Wien beinhaltet. Der in dieser Subgruppe verantwortliche Lehrende ist Projektleiter dieses Projekts. Die Studierenden erhalten also Termine zu Schulklassen, in denen Sie die Schüler unterrichten können. Das Wahlfach ist positiv abgeschlossen, wenn die Studierenden Termine gewählt und in Summe an fünf Vormittagen Volksschüler unterrichtet haben. Dieser Unterricht findet in Gruppen von je zwei bis drei Studierenden und unter der Aufsicht der jeweiligen Klassenlehrkraft statt. Es besteht für die Studierenden jederzeit die Möglichkeit einer Supervision oder auch Feedbackmöglichkeit. Die Performance der Studierenden wird regelmäßig durch Supervisoren überprüft und mögliche Problemstellungen fließen in eine Adaptierung der Studierendenschulungen ein.

Für den Unterricht der Studierenden in den Schulen wurde eine kindgerechter und pädagogisch sinnvoller Lehrplan zu den geplanten Themen (Erste Hilfe, Reanimation, Umgang mit dem Defibrillator, Notruf, etc.) in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Wien erstellt. So konnte sichergestellt werden, dass die Inhalte hoch qualitativ und für die Zielgruppe passend aufbereitet werden, um einen maximal hohen Lerneffekt bei den Kinder zu erreichen.

 

Subgruppe Polizei: Seit dem Jahr 2013 ist die Wiener Polizei Bestandteil eines wienweiten First Responder Systems, welches von der Leitstelle der Berufsrettung Wien (MA70) betrieben wird. Das Projekt wurde in enger Zusammenarbeit zwischen Wiener Polizei, Medizinischer Universität Wien, Wiener Berufsrettung und dem Verein PULS (Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes) aufgebaut und steht nunmehr in Vollbetrieb. Der Lehrende der Subgruppe Polizei ist Projektleiter dieses Projekts. Die Wiener Polizei erhielt über 200 Defibrillatoren und wird im organisierten Rettungssystem als „kompetenter Ersthelfer“ zu Einsätzen mit Patienten, welche einen Kreislaufstillstand erlitten haben, entsandt. Erste Daten konnten bereits eine deutliche Zunahme der Überlebensraten nach plötzlichem Kreislaufstillstand, seit Projektbeginn zeigen.

Die PolizeibeamtInnen werden im Rahmen Ihrer Grundausbildung, sowie in berufsbegleitenden regelmäßigen Fortbildung in Erster Hilfe und der Anwendung von Defibrillatoren geschult. Durch die nun deutlich gehäuften Einsatzzahlen, mit Notwendigkeit dieser „medizinischen Hilfeleistungen“, ergab sich auch eine höhere Schulungsnotwendigkeit der Beamten/innen.

Die Studierenden dieser Subgruppe können aus einer Liste der über 100 Wiener Polizeidienststellen wählen und vereinbaren dort direkt mehrere Schulungstermine für die dort tätigen BeamtInnen. Für die Schulungen kann das dafür nötige Material von den Studierenden zentral abgeholt und direkt zu den Schulungen gebracht werden. Der genaue Ablauf der Schulungen und auch die zeitliche Einteilung obliegt der Abspracht zwischen den Studierenden-Teams (diese arbeiten immer in Zweiergruppen) und der jeweiligen Polizeidienststelle. Auch hier haben die Studierenden jederzeit die Möglichkeit der Supervision und Unterstützung, sollte das gewünscht sein. Feedback erhalten die Studierenden direkt von den SchulungsteilnehmerInnen, als auch von den Supervisoren. Außerdem erhält der hier verantwortliche Lehrende auch regelmäßiges Feedback über die Koordinatoren der Polizei. Die Studierenden profitieren massiv von der geforderten sehr selbstständigen organisatorischen als auch inhaltlichen Tätigkeit. Die Schulungsgestaltung ist im Rahmen vorgegeben, auch bekommen die Studierenden bei Bedarf jederzeit Hilfestellung, jedoch kann die Detailplanung hier sehr individuell passieren.

 

Subgruppe Öffentlichkeitsarbeit: Die Medizinische Universität Wien arbeitet seit einigen Jahren sehr intensiv mit dem gemeinnützigen Verein PULS (Verein zur Bekämpfung des plötzlichen Herztodes) zusammen. Ziele dieses Vereins sind die Verbreitung des Wissens um Erste Hilfe in der Öffentlichkeit, Durchführung von Maßnahmen zur Steigerung der Anzahl ausgebildeter ErsthelferInnen, Steigerung der Verfügbarkeit von öffentlich zugänglichen Defibrillatoren und Aufmerksamkeitssteigerung das Thema „Plötzlicher Herztod“ betreffend. Eine der Tätigkeitssäulen des Vereins PULS, dessen Vorstand und medizinsicher Beirat aus namhaften Experten der MUW besteht, ist es, in der Bevölkerung Aufklärungsarbeit rund um das Thema „Lebensrettende Sofortmaßnahmen“ zu leisten. Dies passiert zum Beispiel im Rahmen von öffentlichen Großveranstaltungen wie zum Beispiel dem Wiener Donauinselfest oder dem Wiener Sicherheitsfest. Dort steht der Verein PULS mit Informationen und praktischen Trainingsmöglichkeiten für Ersthelfer/innen zur Verfügung.

Die Studierenden dieser Subgruppe haben die Möglichkeit, an verschiedenen Veranstaltungen als unterstützende Mitarbeiter des Vereins PULS tätig zu werden. Dort können Sie dann an Informationsständen oder bei Praxisstationen das Wissen um Lebensrettende Sofortmaßnahmen einem breiten Publikum in der Öffentlichkeit vorstellen. Dies erfolgt unter Supervision von erfahrenen PULS Mitarbeitern/innen bzw. Lehrenden.

 

Die Studierenden haben zu jedem Zeitpunkt ihrer Tätigkeit im Rahmen des Wahlfachs die Möglichkeit, inhaltlichen oder organisatorischen Rat bei den Lehrenden des Wahlfachs zu suchen. Ihnen wird von Beginn an die Bedeutung einer allseits offenen Feedback - Kultur vermittelt und diese auch gelebt.

Durch den Einsatz von mehr als 500 Studierenden im Rahmen des hier eingereichten Projekts konnten bereits über 50.000 (!) Ersthelfer/innen in Erster Hilfe und der Anwendung eines Laiendefibrillators geschult werden. Es konnte bereits eine deutliche Steigerung der Überlebensraten bei plötzlichem Kreislaufstillstand in Wien gezeigt werden.

Eine überregionale Ausweitung des Projekts befindet sich in der Planungsphase. International konnte das Projekt bereits im Rahmen namhafter Kongresse vorgestellt werden, wissenschaftliche Arbeiten zu den relevanten Inhalten befinden sich in Fertigstellung.

 

Literatur

Beck, S., et al., Teaching school children basic life support improves teaching and basic life support

skills of medical students: A randomised, controlled trial. Resuscitation, 2016. 108: p. 1-7.

Positionierung des Lehrangebots

Wahlfach, welches allen Studierenden des Diplomstudiums Human- und Zahnmedizin angeboten wird. Eine Mitbelegung des Wahlfachs durch Studierende anderer Hochschulen ist bei Interesse jederzeit möglich. Keine Einschränkung auf Studienabschnitte/Semester.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.