Präsenz in der Hebammenarbeit

Würdigung der Jury

Das Projekt „Präsenz in der Hebammenarbeit“, eine von Frau Mag. Ursula Reisenberger konzipierte und durchgeführte, außergewöhnliche Lehrveranstaltung an der Fachhochschule Salzburg, besticht durch beispielhaften Einsatz innovativer Hochschuldidaktik. Dabei ist dieser hochschuldidaktische Ansatz im positiven Sinne höchst ungewohnt: Eine Theaterregisseurin vermittelt mit Methoden und Ansätzen, die eigentlich aus dem Bereich der Schauspielausbildung, also aus künstlerischen Studiengängen stammen, werdenden Hebammen konkrete Körpererfahrungen – es geht um körperliche Präsenz, um Embodiment und Storytelling.
Hier handelt es sich um eine im besten Sinne von der Entwicklung und Erschließung der Künste geleitete Lehre, und das in einer faszinierenden Spielart von Interdisziplinarität: Künstlerische Lehre wird gekonnt in einen wissenschaftlichen Studiengang mit hohen Praxisanteilen integriert.
Das Projekt setzt daher folgerichtig einen besonderen Schwerpunkt auf die Verbindung von ergebnisoffener Kreativität und zielgerichteter praktischer Umsetzung. Diese (wohl singuläre) Verbindung von künstlerischer Arbeitsweise und reflektierter Praxis des Gesundheitsberufes führt zu einer Studierendenzentrierung besonderer Art. An individuellen Stärken und Schwächen kann gezielt gearbeitet werden; und das geschieht – dieser Aspekt zeichnet das Lehrprojekt zusätzlich aus – mit einer hohen Sensibilität für interkulturelle Bedingtheiten. Ein solches, wohlstrukturiert über den gesamten Studienzyklus geplantes Projekt, kann nur durch das besondere, weit über das Normalmaß hinausgehende Engagement der Preisträgerin in der Lehre gelingen. Hervorzuheben ist der Mut der erfahrenen Regisseurin, sich auf Studierende ohne künstlerische Vorerfahrung bedingungslos und empathisch einzulassen, wie auch der Mut der Institution Fachhochschule, sich für eine künstlerische Form der Lehre zu öffnen.
Das Gesamtkonzept des Projektes erreicht in der Verbindung von Theater und Hebammenausbildung eine hohe Originalität und bürgt für ein sehr hohes und nachhaltiges Innovationspotential. Es steht zu hoffen, dass das Projekt Vorbildcharakter für zukünftige weitere, interdisziplinäre Vernetzungen von künstlerischer und wissenschaftlicher Lehre entfalten wird.

Auszug aus dem Gutachten von
Prof. Dr. Martin Ullrich
Hochschule für Musik Nürnberg

alt text
Umgesetztes Projekt

Ziele

Präsenz als wichtiges Instrument des Hebamme-Seins ist in der neueren Hebammentheorie gut verankert. Physisch und geistig anwesend zu sein, bedeutet, frei von vorgefertigten Bildern auf eine gegebene Situation mit größtmöglicher Flexibilität und Kompetenz reagieren zu können. Benner & Wrubel (1989) haben dazu 5 Dimensionen ausgearbeitet:

- die Fähigkeit, die Person in ihrer konkreten Situation zu verstehen

- Embodiment – gut im Körper verankert zu sein und dadurch schnell weil intuitiv handeln zu können

- die „Zeitlichkeit des Jetzt“ zu verstehen (die Vergangenheit beeinflusst das Jetzt und die Zukunft)

- zu bedenken, was für die jeweils konkrete Frau wesentlich ist

- zu verstehen, wie die Frau etwas erlebt und deutet.

Mit „dem zu sein was ist“, das Annehmen der Frau, der Situation und des Prozesses, ist der Schlüssel für die Öffnung, den zentralen Prozess des Gebärens (Schmid 2011).

 

Das Annehmen und Empfänglich-Sein erlebt allerdings gerade eine Krise, erkennbar unter anderem an den zahlreichen Interventionen rund um die Geburt (nur 6,7% der Frauen gebären ohne Intervention). Die Notwendigkeit einer humanistischen und persönlichkeitsorienterten Ausbildung für Hebammen ist evident, wurde aber bislang von den Verantwortlichen der entsprechenden Studiengänge weitgehend noch nicht erkannt (Schmid 2011).

 

Mit der Hereinnahme der Regisseurin Ursula Reisenberger ins Team geht der Studiengang Hebammen an der FH Salzburg einen innovativen Weg: Ausgehend von Techniken aus dem Theater (Körperarbeit, Sensibilisierungs- und Wahrnehmungsübungen, Bilder stellen, Storytelling u.a.) erarbeitet sie seit vier Semestern Präsenz als eine grundlegende Voraussetzung, die alle Arbeitsbereiche von Hebammen entscheidend beeinflusst.

Kurzzusammenfassung

Präsenz ist ein grundlegendes Thema in der Hebammenarbeit, sowohl in der Vor- und Nachbereitung als auch im Moment der Geburt selbst. Seit Wintersemester 2015 bietet Regisseurin Ursula Reisenberger dazu am Studiengang Hebammen der FH Salzburg in jedem Semester einen dreitägigen Workshop an.

 

Die Anwendung von ursprünglich berufsfremden Strategien aus dem Bereich des Theaters stellt eine innovative Ergänzung zur Vermittlung akademischer Inhalte dar und setzt im Unterschied zum intellektuellen Wissenserwerb vor allem an der Erfahrung der Studentinnen an. Das Vertrauen, dass Lernen auch durch den und im eigenen Körper stattfindet, ist gerade für zukünftige Hebammen von entscheidender Bedeutung.

 

Alle Übungen, über die die Studierenden in der Lehrveranstaltung zu neuen Erkenntnissen geführt werden, sind auch in ihrer Arbeit mit den Gebärenden anwendbar. Der Kompetenzerwerb ist daher ein doppelter: Praxisrelevantes Wissen erwächst sowohl aus den Inhalten ihrer eigenen Erfahrungen als auch aus dem Erlernen der angewandten Techniken.

 

Ebenso wenig wie Erfahrung systematisierbar ist, kann ihre Vermittlung einem allgemein gültigen Muster folgen. Der Zugang von Lernen durch Erfahrung muss daher per se immer auf die individuelle Studentin und ihre Bedürfnisse, Fähigkeiten und Herausforderungen reagieren. In diesem Sinne entstehen die Lehrinhalte in jeder Lehrveranstaltung neu, in enger Auseinandersetzung mit der jeweiligen Situation und den Bedürfnissen der Gruppe und ihrer Mitglieder.

Nähere Beschreibung

Erfahrungen und Perspektiven

 

„Präsenz in der Hebammenarbeit“ hat sich zum Ziel gesetzt, den Teilnehmerinnen in unterschiedlichen Übungen konkrete Erfahrungen zu vermitteln, anhand derer sie ihre eigene Präsenz klarer wahrnehmen und deren Entwicklungspotential einschätzen lernen. „Präsenz“ meint dabei die physische und mentale Anwesenheit in einer konkreten Situation, eine Wahrnehmung, die so weit wie möglich frei ist von Narrativen und Interpretationen, sowohl was die Situation selbst als auch was die eigene Reaktion darauf betrifft.

 

Ein derartiger Zugang macht einen Raum auf, der das Verhaltens-Repertoire deutlich erweitert: Wenn ich eigenes und fremdes Handeln nicht interpretieren muss sondern wertfrei wahrnehmen darf, eröffnet sich eine Fülle an Möglichkeiten, die ich an mir selbst so noch nicht kenne oder bisher nicht vor mir erwartet habe. Was auch immer in mir und um mich herum geschieht, ist Teil des gegenwärtigen Moments und damit „Material“, aus dem sich die Situation und mein Verhalten dazu zusammensetzen.

 

Diese wertfreie Wahrnehmung und Reaktionsmöglichkeit schlägt sich auch körperlich nieder: Typische Anzeichen von Unsicherheit wie Vergesslichkeit, Zittern, Atemnot etc. verändern sich in dem Maß, in dem es gelingt, sich der Situation so, wie sie ist, zu öffnen anstatt sich von ihr bedroht zu fühlen.

 

Eine derartige Offenheit ist gerade in der Geburtshilfe von entscheidender Bedeutung: Im Moment der Geburt ist die Hebamme einer Situation ausgesetzt, von der sie einerseits nicht vorhersehen kann, was sie von ihr fordern wird, und in der andererseits jede ihrer Reaktionen potentiell enorme Konsequenzen hat. Wenn es ihr gelingt, in diesem Moment die Verbindung zu sich selbst aufrecht zu erhalten, „präsent“ zu sein, ohne sich an erwartete Abläufe oder Zusammenhänge zu klammern, dann ist die ganze Fülle ihres Wissens, sei es erlernt oder erfahren, in vollem Umfang für sie verfügbar und kann situationsgemäß eingesetzt werden.

 

 

KÖRPER

 

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Körper: Präsenz, Anwesenheit findet zuallererst im Körper statt – so wie sich auch Nervosität, innere Abwesenheit zuerst auf einer körperlichen Ebene äußern. In Partner- und Gruppenübungen werden sich die Teilnehmerinnen ihrer körperlichen Präsenz häufig überhaupt erst bewusst und lernen gleichzeitig, den Körper als Werkzeug für das Erkennen und weitere Entwickeln ihrer Präsenz zu nutzen.

 

Als Übungen kommen dabei vor allem Techniken zum Einsatz, die aus dem Bereich des Theaters stammen. Präsenz, das Agieren und Reagieren aus dem Moment, ist eine der Grundvoraussetzungen für gutes Theater – und alle Kontexte, in denen sie ebenfalls eine Rolle spielt, sind gut beraten, sich in diesem Bereich Anleihen zu nehmen. (Ganz abgesehen davon, dass das Erlernen jedweder Fertigkeit leichter fällt, wenn es in einer spielerischen, kreativen Form geschehen darf.)

 

Für „Präsenz in der Hebammenarbeit“ bilden die Erfahrungen des polnischen Regisseurs und Theatererneuerers Jerzy Grotowski eine wesentliche Grundlage. Er ging in seiner Arbeit von einer sehr einfachen Annahme aus: Durch den Einfluss von Kultur und Erziehung hätten wir einen sozialen Körper entwickelt, unter dem ein ursprünglicher, kreativer Körper lebendig sei, der im Alltag zwar selten zum Ausdruck komme, aber ein ganz wesentliches Instrument für die Wahrnehmung und Gestaltung unseres Umfeldes darstelle.

 

Durch eine Reihe von Improvisations-Übungen, die körperlich vor allem an den Gelenken ansetzen als den Punkten, wo sich (auch psychische) Spannungen am stärksten manifestieren, kommen die Übenden mit der Zeit zu einem flexibleren körperlichen Ausdruck. Vor allem aber wird ihre Wahrnehmung auf allen Ebenen differenzierter: Zustände, Emotionen, Erinnerungen werden deutlicher erfahrbar, und in der Folge kann bewusst mit und an ihnen gearbeitet werden.

 

Diese erweiterte Kompetenz bezieht sich nicht nur auf den eigenen Körper: In Partnerübungen zeigt sich, dass auch die Wahrnehmung für das Gegenüber deutlich zunimmt. Den Körper des Gegenübers, in diesem Fall der Frau, "lesen" zu können, spielt eine entscheidende Rolle für die Arbeit von Hebammen und lässt sich nicht auf messbare Veränderungen an diesem Körper beschränken. Eine Wahrnehmung für die gesamte Person der Gebärenden ist unabdingbar; nicht nur dann, wenn in interkulturellen Kontexten Sprache als Mittel der Verständigung vielleicht ohnehin kaum zur Verfügung steht.

 

Den eigenen Körper durch gezielte Übungen zum Sprechen und Reagieren zu bringen, ermächtigt die angehenden Hebammen darüber hinaus, diese Fähigkeit an die Gebärenden weiter zu geben. Das Körperbewusstsein der Frauen ist äußerst unterschiedlich ausgeprägt, und eine Sensibilisierung in diesem Bereich, schon über die Dauer der Schwangeren-Betreuung hinweg, kann sowohl den Vorgang als auch die Kommunikation im Moment der Geburt wesentlich erleichtern.

 

Dass sich diese Zunahme an Präsenz und damit Sicherheit im Agieren darüber hinaus auch positiv darauf auswirkt, wie sich die jungen Hebammen im Kontext der institutionellen Geburtsmedizin verorten, versteht sich von selbst. Neben den Übungen zu Körper-Wahrnehmung und -Ausdruck wird dieses Potential im Workshop denn auch in der Simulation von Präsentations-Situationen und Ähnlichem gefördert.

 

 

STORYTELLING

 

Ein weiteres Element für die Ausbildung von Präsenz und Kompetenz in der Rolle der Hebamme ist die Beschäftigung mit antrainierten sozialen Bildern. Die Frage nach Narrativen von Weiblichkeit, Mutterschaft, Geburt und Tod verhilft zu einem Bewusstsein für das Ausmaß, in dem unsere Reaktionsmuster auch in den essentiellsten menschlichen Situationen kulturell geprägt sind und eröffnet so Spielraum für neue Zugangsweisen.

 

In einer kulturell zunehmend durchmischten Gesellschaft stellt die Frage unterschiedlicher Erwartungen auch Hebammen in ihrem Arbeitsalltag immer wieder vor ganz neue Herausforderungen. Eine Sensibilisierung für die soziale Bedingtheit scheinbar selbstverständlicher Vorstellungen kann hier den Umgang mit ungewöhnlichen Reaktionen erleichtern.

 

Die Schaffung eines solchen Bewusstseins setzt jedoch einen unvoreingenommenen Zugang voraus, der nicht an Wertungen und Interpretationen interessiert ist, sondern die Phänomene annimmt als eine mögliche Spielart unter vielen. Den sicheren Boden der gewohnten Zuschreibungen zu verlassen, geschieht auch hier wieder in spielerischer Weise.

 

So sind Lebende Bilder als Momentaufnahme einer systemischen Konstellation hervorragend geeignet, um Differenzen sicht- und verhandelbar zu machen. Im konkreten Fall zeigte sich an einer Aufstellung zum Thema Geburt ein sehr deutlicher Unterschied in der Positionierung der Hebamme in den Vorstellungen österreichischer Studentinnen im Vergleich zum Idealbild einer serbischen Gasthörerin. Anhand der Konstellation, die den beteiligten Frauen eine ganz direkte weil körperliche Erfahrung ermöglichte, wurde für sie spürbar, wie weit die Vorstellungen auseinander lagen – aber auch, dass nach längerem Probieren eine Position erarbeitet werden konnte, die für beide Seiten zwar nicht die jeweilige Idealvorstellung befriedigte, aber akzeptabel und gut lebbar war. (Ein beispielhafter Ablauf hierzu findet sich unter dem unten stehenden Link.)

 

Die Auseinandersetzung mit vorgefertigten und / oder alternativen Rollen führt fast zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen von Storytelling. Die Bedeutung von Geschichten wird mittlerweile weit über den künstlerischen Bereich hinaus breit anerkannt und diskutiert: Sei es in der Wirtschaft oder in der Sozialpsychologie – das Erzählen hat offenbar die Macht, Realität bzw. deren Wahrnehmung zu verändern.

 

Wenn man von „Storytelling“ spricht, wird darunter meist ein assoziatives Erzählen verstanden, das den Inhalt der Geschichte dem Moment ihres Erzählt-Werdens intuitiv anpasst. Das kann für das Wieder-Erzählen einer bereits existierenden Geschichte ebenso gelten wie für die Erfindung einer neuen. Ob von einer Gruppe oder einem / einer Einzelnen erzählt werden soll – das Erzählen macht das sichtbar, was für diesen Moment wesentlich ist. Das ermöglicht, unbewusst Wirksames ins Bewusstsein zu holen und im Erzählen eventuell sogar Alternativen dazu zu entwickeln.

 

In der Erfahrung mancher Studentinnen ist das Erzählen von Geschichten weitgehend an die Medien delegiert und die Position der Erzählerin zu Beginn mit einer gewissen Scheu belegt. Nach einfachen Einstiegsübungen wird jedoch sehr bald sichtbar, dass die Aufforderung, eine Geschichte zu erzählen, immer etwas Unvorhersehbares, keineswegs aber Willkürliches hervorbringt. Die Geschichte wird zum Katalysator für die Situation. (Einige Beispiele dazu finden sich ebenfalls unter dem beigefügten Link.)

 

Storytelling kann also ein wertvoller Begleiter sein auf dem Weg der Entwicklung eines eigenen Rollenbilds als Hebamme. Seine Übung soll die jungen Frauen aber auch ermächtigen, es selbst als Werkzeug in ihrer Arbeit einzusetzen, sprich: in der Betreuungssituation für die Frauen zu erzählen oder sie selbst zum Erzählen zu motivieren.

 

 

AUSBLICK

 

Aus einem Seminar von Univ.Prof.a Barbara Duden hat sich im letzten Semester das Projekt einer Theater-Produktion entwickelt, die alle vorgenannten Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammenführen und weiter ausbauen kann. Als Ansatzpunkt dienen Protokolle aus genetischen Beratungen für Schwangere, die auf besonders anschauliche Weise Fragen und Problemstellungen einer modernen Geburts- und Vorsorge-Medizin sichtbar machen. Die Vorstellung, diese Beispiele nicht nur beobachtend als Leserinnen zu verfolgen, sondern durch Verkörperung selbst zu erleben, stieß von Anfang an auf großes Interesse bei den Studierenden.

 

In einem solchen Projekt laufen viele Fäden aus der Präsenz-Arbeit zusammen: In der Aneignung einer Figur findet eine intensive Auseinandersetzung und Befragung einer konkreten (Frauen)Rolle und ihrer Geschichte statt; in ihrer Verkörperung wird die intellektuelle Einsicht ergänzt durch sinnliche Erfahrung; durch das Auftreten vor einem Publikum schließlich wird die Notwendigkeit und das Wachsen der eigenen Präsenz als rückhaltlose Anwesenheit noch einmal pointiert erfahrbar.

 

Die Realisierung ist für die letzten beiden Semester geplant und soll in diesem Sinne einerseits die über die Zeit gewonnene Sicherheit sichtbar machen – und andererseits noch einmal eine verdichtete Möglichkeit bieten, sich mit dem Thema Präsenz auseinander zu setzen. Da jede Studentin eine Rolle verkörpern soll, wird auch jede Einzelne die Möglichkeit erhalten, noch einmal ihre individuellen Stärken und Schwächen zu erkennen und konzentriert an ihnen zu arbeiten.

 

 

ZUSAMMENFASSUNG

 

Trotz der zunehmenden Wichtigkeit von alternativen Lehr- und Lernzugängen ist nach wie vor die Auseinandersetzung mit akademischen Inhalten vielfach die dominierende Vorstellung von „richtigem“ Lernen. Dementsprechend gab es auch bei den Studentinnen des Studienganges Hebammen anfangs durchaus Skepsis gegenüber einem Zugang, in dem sie vor allem in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefordert waren.

 

Mit der wiederholten Erfahrung, dass sie auch und gerade durch experimentelles Erleben (im Unterschied zu intellektuellem Wissenserwerb) ihren Handlungsspielraum und ihre Kompetenz erweitern konnten, stiegen auch Interesse und Vertrauen in die konkrete Relevanz der vermittelten Inhalte für ihren beruflichen Alltag.

 

Vor allem im Kontext der Praktika, die die Studentinnen regelmäßig zu absolvieren haben, konnten sie zunehmend auf Erfahrungen aus der Lehrveranstaltung zurückgreifen und brachten interessante neue Fragestellungen und Anliegen in den jeweils nächsten Workshop ein. Über die Dauer von sechs Semestern wird sich so ein Corpus von Praxis-relevanten Themen stetig erweitern und den Studentinnen des nächsten Ausbildungszyklus bereits zur Verfügung stehen.

 

Insgesamt lässt sich also sagen, dass der Ansatz, Studierende der Hebammenkunst mit dem Thema Präsenz zu konfrontieren, zu nachhaltigen Ergebnissen geführt hat. Die Studentinnen haben sich selbst in neuen, stärkenden Rollen erlebt und konnten das in den Workshops Erfahrene in ihren Praktika gut umsetzen. Ihr Vertrauen in den situativen, dynamischen Charakter von Hebammenwissen ist gestiegen in dem Maß, in dem sie ihre eigene Wahrnehmung als Quelle von situationsrelevanten Informationen erfahren und schätzen gelernt haben. Über ihr eigenes Tun haben sie zudem Techniken erlernt, die sie an die Frauen, die sie durch Schwangerschaft und Geburt begleiten werden, weitergeben können.

 

Darüber hinaus hat der Blick von außerhalb des engeren Zusammenhangs Geburtshilfe im Kontext der gesamten Ausbildung dazu beigetragen, gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen und sowohl für Studierende als auch für Lehrende neue Themen in die Auseinandersetzung mit dem Berufsbild Hebamme hineinzutragen.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelorstudiengang Hebammen; begleitende Lehrveranstaltung in allen sechs Semestern.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 in der Kategorie Persönlichkeitsorientierte und/oder kreativitätsfördernde Ansätze in Lehrveranstaltungen und Studierendenbetreuung nominiert.