Entwerfen Erforschen. Der "performative turn" im Architekturstudium

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Innovative Verknüpfung von Forschung und Lehre; Erforschung der kreativen Praxis des architektonischen Entwerfens mit Studierenden durch dessen eigene Mittel; Erprobung und Entwicklung performativer Formate durch Studierende als Methode künstlerischer Forschung; Publikation der Ergebnisse

Beschreibung

Am Institut für Kunst und Architektur (IKA) an der Akademie der bildenden Künste Wien wurden im Zeitraum von zwei Jahren zwei Bachelor- und ein Master-Entwurfsstudio der Plattform History | Theory | Criticism (HTC) inhaltlich so zusammengefasst, dass die Studierenden zur entwurfsbasierten Forschung (künstlerische Forschung) neue und innovative Ansätze vor allem im methodischen Bereich hervorgebracht haben. Die Ergebnisse sind im Jahr 2016 unter dem Titel Entwerfen Erforschen. Der „performative turn“ im Architekturstudium beim Birkhäuser Verlag, Basel, erschienen. Herausgeberinnen sind Angelika Schnell, Eva Sommeregger und Waltraud Indrist. Das Buch zeigt die Ergebnisse der Studios mit jeweils zwischen fünf und zwanzig Studierenden, die auf diese Weise zum ersten Mal eine künstlerische Forschungsarbeit veröffentlichen konnten. Flankiert werden sie von Gastbeiträgen verschiedener Autor_innen, die die Arbeiten der Studierenden analysieren und kontextualisieren.

Entwerfen Erforschen. Der „performative turn“ im Architekturstudium

 

Das Erlernen von kreativen Tätigkeiten ist für Kunstuniversitäten typisch. In den letzten Jahren richtete sich die Aufmerksamkeit jedoch auch auf die Frage, inwieweit diese Tätigkeiten selbst erforscht werden können. Am Institut für Kunst und Architektur (IKA) an der Akademie der bildenden Künste Wien wurden im Zeitraum von zwei Jahren drei Entwurfsstudios der Plattform History | Theory | Criticism (HTC) inhaltlich so zusammengefasst, dass sie zu dieser Frage methodisch neue und innovative Ansätze in enger Zusammenarbeit mit den Studierenden hervorgebracht haben. Die Ergebnisse sind im Jahr 2016 unter dem Titel "Entwerfen Erforschen. Der „performative turn“ im Architekturstudium" beim Birkhäuser Verlag, Basel, erschienen. Herausgeberinnen sind Angelika Schnell, Eva Sommeregger und Waltraud Indrist. Gezeigt und besprochen werden vor allem die Arbeiten der Studierenden, die von den Möglichkeiten der Studios so inspiriert waren, dass sie teilweise ihre Forschungsarbeiten sogar über das Studio hinaus fortgesetzt haben. Diese Arbeiten sind im Buch ebenfalls veröffentlicht. Das Buch zeigt die Ergebnisse von zwei Bachelorstudios und einem Masterstudio mit jeweils zwischen fünf und zwanzig Studierenden, die auf diese Weise zum ersten Mal eine künstlerische Forschungsarbeit veröffentlichen konnten. Flankiert werden sie von Gastbeiträgen verschiedener Autor_innen, die die Arbeiten der Studierenden analysieren und kontextualisieren.

 

Die Titel der drei theoretisch geleiteten Entwurfsstudios waren: „Building the Design“ (Bachelor, WS 2012/2013), „Building the Theory“ (Master SS 2013) und „Play Architecture“ (Bachelor, WS 2013/2014). Gemeinsam war ihnen die Erforschung des architektonischen Entwurfsprozesses, und zwar mit seinen eigenen Mitteln. Sie folgten der Hauptthese unseres gemeinsamen Forschungsprojekts "Design Paradigm", dass die Geschichte der Architektur und des Städtebau des 20. und 21. Jahrhunderts nicht nur die Geschichte seiner Bauwerke ist, sondern vor allem auch die Geschichte seiner komplexen und vielfältigen Entwurfsmethoden und –medien. Denn die Architekturmoderne des 20. Jahrhunderts hat Praxis und Theorie des Architekturentwurfs gravierend verändert: durch die Einbeziehung des Faktors Zeit, durch die Einbeziehung von neuen Medien, durch die Einbeziehung anderer Disziplinen und Techniken. Wir nennen dies den „performative turn“ in der Architekturgeschichte. Dennoch ist der Architekturentwurf in der Forschung bisher nur als abstrakter Vorgang oder in Bezug auf seine Ergebnisse – in der Regel Gebäude – untersucht worden. Was fehlt, ist der Blick auf den Vorgang selbst, auf seine enorme materielle und mediale Vielfalt – ein Schatz an kreativen Prozessen und Ideen, der noch zu heben ist.

 

Den Studios gingen folglich forschungsgeleitete Fragen voraus: Wie lässt sich die „materielle Epistemologie“ des architektonischen Entwerfens seit der Moderne untersuchen? Welche Methoden werden gebraucht oder müssen erst entwickelt werden? Kann künstlerische Forschung bzw. entwurfsbasierte Forschung (design-based research) zu geeigneteren Ergebnissen führen? Wir sind davon ausgegangen, dass performative Formate – kritische Re-enactments, Animationen, Narrative usw. – die geeignete Methode sein können, um solche Fragen beantworten zu können. Die Studierenden der einzelnen Studios waren deshalb aufgefordert, völlig eigenständig einzelne Beispiele der Architekturgeschichte mit den Mitteln des Entwerfens selbst zu untersuchen, was zu so beachtlichen Ergebnissen geführt hat, dass wir beschlossen haben, diese zu publizieren.

 

„Building the Design“ war das erste und zugleich die Grundlage für die nachfolgenden Entwurfsstudios. Den Studierenden wurden bekannte und weniger bekannte „konzeptuelle Entwurfsbilder“ von Architekten und Architektinnen des 20. und 21. Jahrhunderts vorgelegt. Die Bilder von Kasimir Malewitsch, Theo van Doesburg, Le Corbusier, Ludwig Mies van der Rohe, Frederick Kiesler, Alison and Peter Smithson, Superstudio, Aldo Rossi, Peter Eisenman, Rem Koolhaas, Neil Spiller, Lebbeus Woods waren sehr unterschiedlich, gleichwohl war ihnen gemeinsam, dass sie weder traditionelle Entwurfsskizze noch bereits fertige Entwurfszeichnung waren. Die Studierenden waren zum „entwerfenden Forschen“ aufgefordert, indem sie dieselben visuellen Mitteln nutzen sollten, mit denen das von ihnen untersuchte Bild entstanden war.

 

Ihnen fiel auf, dass die visuellen Mittel der „konzeptuellen Entwurfsbilder“ oft von anderen Disziplinen entlehnt waren, denen der Faktor Zeit immanent ist wie Film und Photographie, Theater, Tanz und Performances, genauso Literatur, Comics oder Musiknotation. Berühmt ist beispielsweise Le Corbusiers umfassender Gebrauch neuer Medien für den Entwurfsprozess: die „promenade architecturale“ ist direkt aus der kinematographischen Idee eines Körpers, der sich durch den Raum bewegt, geboren. Um solche Bewegungsstudien zu illustrieren, nutzte Le Corbusier sehr oft einen Zeichen- und Skizzierstil, der eindeutig an Comic Strips erinnert und von den Studierenden Desislava Petkova und Paula Strunden in seinen kommunikativen und flexiblen Funktionen beeindruckend szenisch nachgestellt wurde. Dabei wurde die sonst so monolithisch erscheinende Künstlerpersönlichkeit Le Corbusiers – in seinem Ideenreichtum unerschöpflich und unerreicht – als handelnde Person erkenntlich: fragend, reflektierend und agierend zugleich. Aber auch die Zeichnung selbst (es handelte sich um eine bekannte Skizze aus La ville radieuse) wurde als Gemachtes sichtbar. Jedes Detail stellte sich als präzise Beziehung zu einem Gedanken dar, und die comicartige Skizze wurde in ihrer Reichhaltigkeit erfahrbar. Gleichermaßen und doch ganz anders wurde Alison und Peter Smithsons Patio & Pavilion-Konzept von 1956 als wilde Collage von historischen und heutigen Funden nachgestellt (Nadja Götze und Jasmin Schienegger), Kasimir Malewitschs suprematistische Architekturzeichnungen durch dreidimensionale analytisch-schwebende Modelle in ihrer zweidimensionalen Flachheit rekonstruiert (Avin Fathulla und David Rasner), Aldo Rossis analoge Entwurfsmethode in einem selbst gebauten „Rossi“-Theater als ambivalentes Erinnerungsmodell vorgeführt (Kay Sallier und Doris Scheicher). Das Ergebnis war eine Ausstellung von zwölf unterschiedlichen „Re-enactments“, die genauer und anschaulicher als jede konventionelle Forschung den prozesshaften und konzeptuellen Charakter der Entwurfsbilder verdeutlichten. (Die Ausstellung wurde als Teil des jährlichen Akademierundgangs im Januar 2013 am Institut für Kunst und Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien gezeigt.)

 

Im darauf folgenden Sommersemester haben eine kleine Gruppe von Masterstudierenden die Ergebnisse von „Building the Design“ theoretisch reflektiert. Ihre Aufgabe bestand gleichwohl nicht nur darin, einen Aufsatz zu verfassen, sondern sie sollten sich auch mit dem Problem der Speicherung und Veröffentlichung von entwurfsbasierter Forschung beschäftigen. Denn es ist ein Problem der „performativen“ Forschung, dass sie an den Moment gebunden ist. Sie erfordert die Präsenz und Einbezogenheit des Publikums, das während der Aufführung die Ergebnisse der entwurfsbasierten Forschung sieht und hört, weil so das Prozessuale des Entwurfs, das sinnliche Denken selbst besser erkennbar wird.

 

Die Studierenden waren deshalb aufgefordert, eine eigene Publikation zu gestalten, die die Textbeiträge auch durch eigene bildhafte Entwürfe weiter entwickeln konnte. Im Ergebnis kam es zu dem selbst gestalteten Buch "Heterokopien", aus dem exemplarisch der Beitrag des Studenten Maximilian Müller über das „Rossi-Re-enactment“ von Kay Sallier und Doris Scheicher in "Entwerfen Erforschen" abgedruckt ist. Er untersucht die Nähe der „strukturalistischen Tätigkeit“ von Roland Barthes zur performativen Methode und ist somit ein wertvoller Beitrag zur aktuellen Forschung von Design Paradigm.

 

Im Wintersemester 2013/2014 wurde der Fokus mehr auf die mediale Inszenierung des performativen Entwerfens gelegt. „Play Architecture“ fußte auf ausgesuchten Texten aus Wissenschaft und Literatur, die sich mit dem Wohnen als sozialem und räumlichem Phänomen beschäftigen. Die zehn Texte reichten von der Antike (Petronius, Satyricon) über die frühe Neuzeit (Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft) bis zu Moderne (Vilém Flusser, Die Freiheit des Migranten) und Gegenwart (Gloria Analzadúa, Borderlands), ihre Verfasser waren Dichter, Philosophen oder Sozial- und Kunstwissenschaftler, aber keine Architekten. Nachdem sie jeweils ein Buch ausgewählt hatten, sollten die Studierenden durch filmische Entwürfe die Wirklichkeit des dort beschriebenen menschlichen Wohnens und Seins veranschaulichen und zugleich neu entwerfen. Auf die methodische Grundfrage, ob ein zeitbasierter Entwurfsprozess zutreffender durch Bewegtbilder ausgedrückt werden kann, haben einige Arbeiten aufschlussreiche Antworten gegeben. Eva Herunters und Roxy Rieders Visualisierung von Flussers Idee einer von medialen Kanälen durchlöcherten modernen Welt nutzt die filmische Animation, um scheinbar Irreales darzustellen, das gerade deshalb ein Grundlegendes unseres modernen Seins offenbart. Fabian Puttinger, Julian Raffetseder und Jiri Tomicek haben hingegen konsequent Elias’ höfische Gesellschaft in ein modernes Computerspiel übersetzt, das die Auswechselbarkeit von Räumen und Kostümen herausfordert und die Konstruktion von Raum an die Präsenz und das Agieren eines aktiv handelnden Spielers knüpft. Tatsächlich sind die Ergebnisse am besten als Bewegtbild zu bewerten, gleichwohl haben wir in unserer Publikation versucht, diese in ihren wichtigsten Sequenzbildern wiederzugeben.

 

Die Arbeiten der Studierenden leisten einen wichtigen Beitrag zur entwurfsbasierten und „performativen“ Forschung, indem sie sowohl die „matters of concern“ (Bruno Latour) als sinnlich erfahrbare Ergebnisse verdeutlichen, aber auch auf eine Besonderheit dieser Forschung verweisen, die an die Aufführung und den Moment gebunden ist. Sie erfordert die Präsenz und Einbezogenheit des Publikums, das während der Aufführung die Ergebnisse der entwurfsbasierten Forschung sieht und hört, weil so das Prozessuale des Entwurfs, das sinnliche Denken selbst besser erkennbar wird. Diese Methode bezieht sich teilweise auf neuere kulturwissenschaftliche Forschung, die sich mit Performanz beschäftigt und ebenfalls andere Formen einer „praktischen Ästhetik“ erprobt. Sie hat vor allem den Vorteil, dass sie passive Lehrmaterialien durch „aktive Wissensobjekte“ ersetzt, dass sie die tradierte Architekturwissenschaft durch neue Methoden der „künstlerischen Forschung“ bereichert und somit ein vertieftes Verständnis für die Stellung des Architekturentwurfs im 20. und 21. Jahrhundert liefert.

 

Sich neue Methoden der Erforschung kreativer Prozesse zu erobern, geht nur, wenn Studierende und Lehrende in ständigem Austausch sind, wenn die Studierenden sich ihre Themen eigenständig erarbeiten und sowohl mit ihren Kommiliton_innen als auch mit den Lehrenden kritisch diskutieren. Die drei Studios hatten jeweils einen eigenen Atelierraum, der als Arbeitsraum für die Studierenden bereit stand und wo zudem regelmäßig Reviews und Gastkritiken mit sowohl Architekt_innen als auch Wissenschaftler_innen stattfanden. Es wurden auch eine Reihe von Workshops lehrbegleitend organisiert, die den Studierenden grundlegendes Wissen über performatives Vortragen wie zum Beispiel Stimm- und Präsentationsübungen, Animationskurse usw. vermittelt haben. Diese sind auch für den späteren Beruf von großer Bedeutung, weil das öffentliche Vortragen und Argumentieren für Architekt_innen zur Praxis gehört. Das Erlernen der Verbindung von Theorie und Praxis ist deshalb für Architekturstudierende eine wichtige Erfahrung, die insbesondere durch die Verbindung von Forschung und Lehre möglich wird. Dass wir durch die drei HTC-Entwurfsstudios diese besondere Lehre um neue didaktische Modelle und Lehrformate bereichert haben, ist unsere Überzeugung, die wir in "Entwerfen Erforschen. Der „performative turn“ im Architekturstudium" dokumentiert haben.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor und Master

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.