Internationale Lehr- und Konferenzinitiative "A Great Transformation?"

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Ausgangspunkt war das Wissen darum, dass Studierende zwar sehr großes Interesse an aktuellen internationalen Forschungen und Diskussionen, aber nicht immer Gelegenheit haben, ihm auch im Rahmen von Auslandsaufenthalten nachzugehen. Daher sollte das Vorhaben im Sinne guter Lehre und der Internationalisierung at home Studierenden die Möglichkeit schaffen, vor Ort in den internationalen Austausch mit weltbekannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zu treten und sich ein bedeutendes Thema auf internationalem Niveau zu erschließen. Das weltweit beachtete Werk des ungarisch-österreichischen Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi wurde in diesem Sinne in einer Kombination von Seminaren und Vorlesungen grundlegend behandelt, um eine theoretische, epistemologische, wisenschaftshistorische und thematische Auseinandersetzung zu gewährleisten.

Beschreibung

Drei Lehrveranstaltungen mit renommierten Gastlehrenden (Michael Burawoy, Beverly Silver) und eine Konferenz an der Johannes Kepler Universität Linz ermöglichten den Studierenden vielfältige, international orientierte Lernerfahrungen. Inhaltlich war die Internationalisierungsinitiative „A Great Transformation?“ dem Hauptwerk von Karl Polanyi (1944) gewidmet, das weltweit intensiv rezipiert wird, um gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen in Nord und Süd zu reflektieren. Die Seminare bereiteten die Studierenden auf die Diskussion mit den Gastlehrenden und auf die Konferenz, die mit 300 Gästen aus allen Teilen der Welt die größte dieser Art in Österreich darstellt, inhaltlich und sprachlich vor.

Die dokumentierten Lernergebnisse zeigen, dass die Studierenden sich auf ein Thema von globaler Relevanz und auf die internationalen Debatten darüber aktiv eingelassen haben. Die Diskussion mit den Gastlehrenden Michael Burawoy und Beverly Silver zeigten gleichermaßen erfolgreichen Spracherwerb und die Entwicklung eigener Perspektiven zu einem komplexen Thema. Die Konferenz bot den Studierenden erstmals Gelegenheit zu interkultureller Kommunikation und trug in vielerlei Hinsicht zu individuellen und kollektiven Lernprozessen bei. Der Erfolg der lokalen Internationalisierung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Studierenden ein selbstorganisiertes Netzwerk gründeten, das sich die weitere Internationalisierung zum Ziel setzt.

Wissenschaft gilt als ein Feld, in dem die Kommunikation zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern keine sozialen, kommunikativen und nationalen Grenzen erfahren soll und darf. Gleichwohl bedarf es in der Lehre eigener Anstrengungen, Themen sowie theoretische und epistemologische Denktraditionen nicht nur auf dem internationalen Stand der Forschung zu verhandeln, sondern auch den internationalen Austausch darüber zu befördern. Wer sich im Studium nicht für einen Auslandsaufenthalt entscheidet, hat in der Regel zwar immer wieder Gelegenheit, internationalen Gastvorträgen beizuwohnen, aber die Möglichkeit zu Diskussion und direktem Austausch ist eher eine Ausnahme.

Die hier vorgestellte Initiative folgte dem Ziel einer Internationalisierung zu Hause. Aus Erhebungen an der JKU Linz wussten die Lehrveranstaltungsleiterinnen, dass Mobilitätsprogramme nur einen kleinen Teil der Studierenden erreichen. Mangelnde finanzielle Ressourcen, aber auch die Lebensumstände, an erster Stelle Betreuungspflichten und Berufstätigkeit, hindern Studierende, ein oder zwei Semester an einer Universität im Ausland zu verbringen. Das regionale Einzugsgebiet der JKU und ein beträchtlicher Anteil an berufstätigen Studierenden legen deshalb Maßnahmen zu einer „Internationalisierung at home“ besonders nahe.

 

Die Internationalisierungsinitiative kombinierte Lehrveranstaltungen (zwei Seminare und eine Vorlesung mit Übung) und lud einen renommierten Gegenwartssoziologen und eine renommierte Gegenwartssoziologin zu Diskussion und Austausch mit den Studierenden ein. Dafür konnten Michael Burawoy (Professor an der University of California, Berkeley) und Beverly Silver (Professorin an der Johns Hopkins University, Baltimore) gewonnen werden. Bestandteil der Lehrveranstaltungen war der intensiv vorbereitete, aktive Besuch der internationalen Konferenz “A Great Transformation? Global Perspectives on Contemporary Capitalisms”, die von den beiden Lehrveranstaltungsleiterinnen im Rahmen eines interdisziplinären Organisationskomitees an der JKU Linz mit veranstaltet wurde. Die Initiative stellt mit ihren vielgestaltigen Lehr- und Lernformaten einen engagierten und in dieser kombinierten Form an der Johannes Kepler Universität Linz bislang einzigartigen Beitrag zu einer „lokalen Internationalisierung“ dar.

Internationales Thema von hoher Relevanz: “A Great Transformation?“

 

Die Lehrveranstaltungen und die Konferenz nahmen auf das 1944 erschienene Hauptwerk des exilierten ungarisch-österreichischen Wirtschaftshistorikers Karl Polanyi “The Great Transformation” Bezug. Dabei handelt es sich um ein globales Thema von hoher theoretischer Relevanz und brennender gesellschaftlicher Aktualität.

Polanyis Buch handelt von der Etablierung des Liberalismus mit der Idee selbstregulierender Märkte und die dadurch hervorgerufenen Gegenbewegungen; es erscheint aus heutiger Sicht nicht nur prognostisch gewesen zu sein, sondern sich geradezu anzubieten, um die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung durch seine Brille zu betrachten. Polanyis Argumentationsfiguren werden daher nicht von ungefähr seit geraumer Zeit wieder weltweit rezipiert.

Eine solche travelling theory birgt eine Reihe von Herausforderungen, soll sie für die Analyse von Gegenwartsgesellschaften und globalen Dynamiken nutzbar gemacht werden: Sie ist vor dem Hintergrund ihres eigenen zeit- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexts zu lesen, um zu prüfen, inwieweit ihr Gegenwartsgehalt verschafft werden kann. Und sie ist in ihrem sozialräumlichen Entstehungskontext und mit Blick auf den Sozialraum zu lesen, den sie selbst zum Thema hatte, um herauszuarbeiten, inwiefern sich mit ihr Entwicklungen in anderen Teilen der Welt analysieren lassen. Für Studierende – selbst im fortgeschrittenen Masterstudium – stellt solch ein thematischer, theoretischer, epistemologischer, wissenschaftshistorischer Zugriff eine große Herausforderung dar und zwar auch bereits dann, wenn sie lesend und in der Diskussion untereinander bewältigt werden soll. In der Lehr- und Konferenzkombination ging es allerdings um noch viel mehr: Die Studierenden sollten in die internationale Polanyi-Debatte eintauchen und

„mitreden“ können und hierfür wurde mit der hier vorgestellten Internationalisierungsinitiative eine – nicht zuletzt auch aus Ressourcengründen – nicht ohne Weiteres replizierbare und damit für das jeweilige individuelle Studium vermutlich einmalige Gelegenheit geschaffen.

 

Lehrveranstaltungen mit international renommierten Gastlehrenden

 

Eine sorgfältige Vorabplanung und Abstimmung der drei Lehrveranstaltungen gewährleistete, dass deren Inhalte komplementär waren und von den Studierenden kombiniert werden konnten. Die Belegung von zwei oder allen drei Lehrveranstaltungen (LVA) – ein Angebot, das von der Mehrheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen angenommen wurde – machte es möglich, das Generalthema aus verschiedenen Blickwinkeln zu durchdringen.

Im Januar hatten die Studierenden Gelegenheit, ihr gemeinsam während des Semesters erworbenes Wissen, ihre Fragen und Kommentare mit Michael Burawoy und Beverly Silver zu diskutieren. Die beiden Gastlehrenden hatten vorneweg Fragen der Studierenden erhalten und sich auf die Diskussion vorbereitet. Darüber hinaus war die Tochter Polanyis, die international bekannte Wirtschaftswissenschaftlerin Kari Polanyi-Levitt, nicht nur Ehrengast der Konferenz, sondern sie stand den Studierenden in allen Lehrveranstaltungen zur Diskussion zur Verfügung.

Im Seminar „Globalisierung, Weltpolitik und soziale Kämpfe“ erschlossen sich die Studierenden Beverly Silvers Werk zu den historischen und aktuellen Veränderungsdynamiken im globalen Kapitalismus, im Brückenschlag zu den Fragestellungen von Polanyi. Im Seminar wurde mit dem Konzept eines Peer-to- Peer-Feedbacks gearbeitet. Zu den Ergebnissen einer jeden Arbeitsetappe gaben sich die Studierenden anhand festgelegter Kriterien schriftlich Feedback und diskutierten ihre Ideen in sog. Peer Response Workshops in der LVA. Der strukturierte Feedback-Prozess förderte gleichermaßen das Selbststudium und die Eigenverantwortung der Studierenden. Die Auseinandersetzung mit den Texten und Ideen der anderen trug zum fachübergreifenden Kompetenzerwerb bei (aufmerksames Lesen der Texte von Mitstudierenden, solidarische Kritik). Das Feedback-Verfahren und intensive Gruppenarbeit bewirkten, dass sich auch Leistungsschwächere auf das Treffen mit den Gastlehrenden und auf die Konferenz gut vorbereiten konnten.

In der Vorlesung mit Übung „Kapitalismus heute: Märkte, Neoliberalismus und soziale Bewegungen“ wurde Polanyis Hauptwerk gelesen. Die Studierenden arbeiteten mit Textexzerpten, wobei die zentrale Herausforderung darin bestand, die Argumentationsfiguren herauszustellen, die seine Analyse des Kapitalismus für die Betrachtung der gegenwärtigen Entwicklung interessant machen. Die Vorlesung folgte dem Muster: Vortrag der Veranstaltungsleiterin, gemeinsame Textarbeit, individuelle Diskussionsinputs und Bezugnahme aufeinander unter der Frage nach den theoretischen Argumentationsfiguren, epistemologischen Perspektiven und zeit- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexten.

In dem Seminar „Öffentliche und globale Soziologie: Soziologie, Gesellschaft, Kapitalismuskritik“ ging es um Michael Burawoys Interpretation und Weiterentwicklung von Polanyis Werk, in der er es nicht nur zur Gegenwartsanalyse heranzieht, sondern mit der Frage verbindet, was die Aufgabe der Soziologie

 

angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung ist: Soll sie rein analytisch- diagnostisch verfahren oder sich streitbar einmischen? Die Herausforderung für die Studierenden bestand darin, die Leistungsfähigkeit des eigenen Fachs zu reflektieren. Hierzu wurde zum einen intensiv am Text gearbeitet, wobei nicht ausschließlich Polanyi und Burawoy verhandelt wurden, sondern auch Kritiken ihrer Ansätze wie außerdem Auszüge aus Werken der Klassiker und mit ihnen die traditionsreiche Frage, was Aufgabe der Soziologie ist und in welcher Weise sie die Gesellschaft in den Blick nehmen kann. Didaktisch arbeitete die Veranstaltung mit der Kombination Lektüre, Exzerpt, Input, Diskussion, Entwicklung eigener Perspektiven, Festhalten offener Fragen an den Gastlehrenden und Herausstellung auch kontroverser Punkte für die Diskussion mit ihm.

Das ambitionierte Programm der drei Lehrveranstaltungen bestand zusammenfassend aus:

- der vorbereitenden Lektüre von und intensiven Auseinandersetzung mit Polanyis, Burawoys und Silvers Werk und zwar nicht nur gegenstandsbezogen, sondern auch wissenschaftsgeschichtlich, epistemologisch und theoretisch;

- der Arbeit an der eigenen Sprachkompetenz, da die Textlektüre, Konferenzvorbereitung und die Diskussion mit den Gastlehrenden auf Englisch erfolgte;

- der Entwicklung eigener Fragestellungen, die den Gastlehrenden übermittelt wurden und entlang derer die Studierenden mit den Gästen diskutierten;

- der Lektüre der Konferenzpapers, dem Besuch der Vorträge, der Protokollierung der Kerninhalte und der Reflexion über das Konferenzgeschehen;

- der Entwicklung eigener Perspektiven;

- der Konferenznachbereitung und Reflexion, was die Inhalte der Konferenz und die dort gemachten Erfahrungen angeht.

 

 

Internationale Konferenz „A Great Transformation?“

 

Mit der Konferenz „A Great Transformation?“ wurde die JKU Linz für eine knappe Woche zu einem internationalen Ort. Hatten die Studierenden schon bislang an internationalen Themen in den Lehrveranstaltungen gearbeitet, gab die Konferenz ihnen nun die Möglichkeit, zum ersten Mal an einem internationalen Event mitzuwirken und über den „lokalen Tellerrand“ zu blicken. Rund dreihundert Forscher und Forscherinnen aus aller Welt setzten sich auf der damit größten internationalen Polanyi-Konferenz Österreichs mit der Frage auseinander, ob wir gegenwärtig Zeugen einer großen Transformation des globalen Kapitalismus sind.

Die Studierenden hörten in den Plenaries und Sessions gleichsam international renommierte und junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen am Beginn ihrer Laufbahn. Die inhaltliche und sprachliche Vorbereitung in den LVA half den Studierenden, zum einen die Redebeiträge auf der Konferenz mit eigenem Wissen

 

zu verknüpfen und zum anderen einen Theorie-Empirie-Bezug herzustellen. Vor allem in den Sessions waren empirische Arbeiten, die auf den theoretischen Grundlagen von Polanyi aufbauten, zu hören und luden dazu ein, sich aktiv an den Diskussionen zu beteiligen.

Ein nicht zu unterschätzender Mehrwert entstand für die Studierenden durch informelle Gespräche und Kontakte auf den Gängen und in den Pausen der Konferenz. Dort tauschten sie sich untereinander aus, dort ließen sich Gespräche mit den Vortragenden unkompliziert herstellen. Das Kennenlernen von Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmern aus allen Teilen der Welt (von den USA bis Südafrika, von Italien bis Hongkong, von Argentinien bis Sri Lanka) bildete eine bereichernde Erfahrung.

Die Konferenzprotokolle wurden von den Lehrveranstaltungsleiterinnen mit Absicht in der Form offengehalten. Die Studierenden sollten nicht durch Lehr- und Lernfragen in ihrem Aneignungsprozess gelenkt werden, sondern offen in das Konferenzgeschehen eintauchen. Die Studierenden wurden eigens ermuntert, auch nicht inhaltsbezogene Wahrnehmungen zu protokollieren. Dazu gehören etwa Dynamiken am Podium und Diskussionsverläufe im Plenum, unterschiedliche Sprechkulturen etc. Das sollte die Studierenden nicht nur für Gender- und Dominanzaspekte sensibilisieren, sondern auch für interkulturelle (Re-

)Präsentationsformen. Lernerfahrungen und -ergebnisse

 

Die Lernergebnisse – in der Reflexion im Rahmen der Lehrveranstaltungen, in den Konferenzprotokollen, im Bericht der Studierenden für den Blog des viel gelesenen (studentischen) Soziologiemagazins, einer referierten Zeitschrift im Budrich-Verlag, in der Bildung eines Netzwerkes, das sich nicht zuletzt die Internationalisierung vorgenommen hat (siehe Anlage) – zeigen, dass es gelungen ist, Studierende zu motivieren,

- sich auf internationale Debatten und auf interkulturelle Kommunikation aktiv einzulassen;

- sich komplexer Themen in Englisch als einer der international akzeptierten Wissenschaftssprachen anzunehmen;

- die Erfahrung mit dem internationalen Austausch mit viel Einsatz zu reflektieren;

- selbsttätig kollektive Lernprozesse zu organisieren und

- eigene Möglichkeiten zu suchen, den internationalen Austausch weiter voranzutreiben.

Positionierung des Lehrangebots

Master, 2 Seminare, 1 Vorlesung mit Übung

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.