Arbeitsmedizin im Blended Learning: praxisnah, interaktiv, innovativ.

Umgesetztes Projekt

Ziele

Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten verbessern das Gesundheitsverhalten ihrer Klientinnen und Klienten durch Beratung, Sensibilisierung und Motivation sowie Anleitung und Begleitung spezifischer gesundheitsfördernder Maßnahmen in einem interprofessionellen Handlungsfeld. Ein Baustein zum Erwerb dieser beruflichen Handlungskompetenz stellt die Lehrveranstaltung „Arbeitsmedizin und Prävention“ im Bachelorstudiengang Physiotherapie dar.

Vor dem Hintergrund, dass sich nur manche Studierenden für den Wahlbereich Arbeitsmedizin in der praktischen Ausbildung entscheiden, muss bereits auf Lehrveranstaltungsebene der Erwerb der beruflichen Handlungskompetenz im interprofessionellen Berufsfeld der Arbeitsmedizin sichergestellt werden. Konkret bedeutet das die Integration von praxisnahen Lernszenarien, die auf die Umsetzung von Kenntnissen in praxisrelevanten Problemstellungen fokussieren.

Kurzzusammenfassung

Die Innovation der Lehrveranstaltungskonzeption besteht in der Kombination zeit- und ortsunabhängigen Lernens an Modellen der realen Praxis mit Elementen des Rollenspiels. Das breite Spektrum der didaktischen Elemente berücksichtigt unterschiedliche Lernbiografien der Studierenden und ermöglicht die Integration von bereits erworbenen Kompetenzen in den individuellen Lernprozess.

Didaktik und methodische Umsetzung

Die Lehrveranstaltung Arbeitsmedizin und Prävention im 2. Semester ist als Blended learning konzipiert und aus 4 Präsenzphasen, 1 E-Learning-Phase über die Lernplattform Moodle und 1 Projektphase zusammengesetzt. Jeder Phase wurden Ziele, Methoden, Dokumente und Aktivitäten zugeordnet.

Assessment

Die Lehrveranstaltung hat einen immanenten Prüfungscharakter. Die Studierenden sammeln durch die Bewertungen Punkte für ihr persönliches Punktekonto, dessen Stand am Ende der Lehrveranstaltung die Beurteilung bestimmt. Die Bewertung durch die Lehrveranstaltungsleitung wird durch Peer group-Bewertungen ergänzt, die eine Reflexion ihrer Lernergebnisse durch Perspektivenwechsel ermöglicht.

Das Potenzial des Konzepts liegt in der Möglichkeit, zum Rollenspiel auch Unternehmen des realen Berufsfeldes einzuladen, wie z.B. jene Kooperationspartner und –partnerinnen des Studiengangs, die im 6. Semester Praktikumsplätze im Wahlpraktikum anbieten. Für die Studierenden wird damit die Chance einer ersten Kontaktaufnahme mit potenziellen künftigen auftraggebenden Unternehmen geboten.

Nähere Beschreibung

Ausgangslage

Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten verbessern das Gesundheitsverhalten ihrer Klientinnen und Klienten durch Beratung, Sensibilisierung und Motivation sowie Anleitung und Begleitung spezifischer gesundheitsfördernder Maßnahmen in einem interprofessionellen Handlungsfeld. Ein Baustein zum Erwerb dieser beruflichen Handlungskompetenz stellt die Lehrveranstaltung „Arbeitsmedizin und Prävention“ im Bachelorstudiengang Physiotherapie dar.

Vor dem Hintergrund, dass sich nur manche Studierenden für den Wahlbereich Arbeitsmedizin in der praktischen Ausbildung entscheiden, muss bereits auf Lehrveranstaltungsebene der Erwerb der beruflichen Handlungskompetenz im interprofessionellen Berufsfeld der Arbeitsmedizin sichergestellt werden. Konkret bedeutet das die Integration von praxisnahen Lernszenarien, die auf die Umsetzung von Kenntnissen in praxisrelevanten Problemstellungen fokussieren.

 

Rahmenbedingungen

Die Lehrveranstaltung Arbeitsmedizin und Prävention ist curricular im 2. Semester gelagert, umfasst 1 Semesterwochenstunde mit 18 Lehrveranstaltungseinheiten und eine workload von 1 ECTS. Curricular ist die Lehrveranstaltung ausgewiesen als Integrierte Lehrveranstaltung mit immanentem Prüfungscharakter. Die Einheiten der ersten Präsenzphase werden in der Großgruppe abgehalten (120 Studierende), die weiteren Einheiten erfolgen in Gruppen zu 12-14 Studierenden.

Die Gruppe der Studierenden ist mittelgradig homogen: hohe Homogenität zeigt sich in Bezug zu den Vorerfahrungen aus dem Studium, geringe Homogenität weist die Lerngruppe in Bezug auf individuelle Bildungsbiografien und/oder individuell unterschiedliche Erfahrungen in der Arbeitswelt sowie mit der Planung und Umsetzung von Projekten und im Umgang mit Klientinnen und Klienten auf.

 

Lernergebnisse

Die Lernergebnisse der Lehrveranstaltung decken Qualifikationsziele ab, die der aktuellen Forschungslage zum Kompetenzerwerb in der Physiotherapie entsprechen und orientieren sich an den berufspraktischen Anforderungen:

Die Studierenden haben sich einem neuen beruflichen Handlungsfeld genähert, kennen typische Problemstellungen dieses Arbeitsfeldes und können standardisierte Problemlösungsstrategien für Routinefragestellungen anwenden. Lernergebnisse aus anderen Lehrveranstaltungen sollen im arbeitsmedizinischen Kontext modifiziert und angewendet werden.

 

Didaktische und methodische Umsetzung

Die Lehrveranstaltung Arbeitsmedizin und Prävention ist aus 4 Präsenzphasen, 1 E-Learning-Phase und 1 Projektphase zusammengesetzt.

Jeder Phase wurden Lehr-Lernziele, Methoden und Aktivitäten der Studierenden zugeordnet. Den Studierenden werden Materialien für jede Phase in Form von Dokumenten zur Verfügung gestellt, die sie in ihrem Lernprozess unterstützen. Um die workload auf die inhaltliche Bearbeitung zu lenken und die Studierenden nicht mit formalen Anforderungen zu belasten, haben die Dokumente für die Arbeitsaufträge Formularcharakter. Alle Materialien werden in einem Moodle-Kurs verwaltet.

 

Assessment

Bei der Auswahl der Assessments wurde auf die Berücksichtigung des Constructive Alignment geachtet: Die Lehr-Lernziele der einzelnen Phasen stimmen mit dem jeweiligen Lernsetting und der Form der Beurteilung überein. Die Studierenden sammeln in den Phasen Punkte für ihr persönliches Punktekonto.

 

Präsenzphase 1:

Didaktischer Hintergrund: Es soll sichergestellt sein, dass die Studierenden Klarheit über die Aufgaben der E-learning-Phase haben. Die Nutzung des Moodle-Kurses soll für die Studierenden Transparenz über die zu erfolgenden Arbeitsschritte bringen. Der Einstieg in die E-learning-Phase erfolgt vorbereitet und begleitet von der Lehrveranstaltungsleitung.

• Ziele: Der Ablauf, die Prüfungsmodalitäten, die Arbeitsaufträge und die ersten Aufgaben sind klar. Die Kernkompetenzen der Physiotherapie in der Arbeitsmedizin sind bekannt.

• Methode: Einführung in die Inhalte der Lehrveranstaltung, Überblick über Ablauf und Prüfungsmodalitäten

• Aufgaben: Informationsaufnahme, bei Unklarheiten nachfragen

 

E-Learning-Phase:

Didaktischer Hintergrund: Die Studierenden übernehmen Eigenverantwortung für den Lernprozess und sind selbständig aktiv für die Erreichung der angestrebten Lernergebnisse. Teamarbeit in der Kleingruppe wird initiiert und fördert eine berufsspezifische Herangehensweise an die gestellten Aufgaben. Fachübergreifende Kompetenzen werden erprobt und vertieft. Studierende mit individuellen Vorerfahrungen können sich ensprechend ihrer Qualifikation in den Lernprozess einbringen und ihre Kompetenzen vertiefen, während Studierende ohne individuelle Vorerfahrungen davon profitieren und ihren Horizont erweitern können.

Das im Moodle-Kurs eingerichtete Forum kann von den Studierenden während der E-learning-Phase genutzt werden um Erfahrungen auszutauschen bzw. Fragen zu diskutieren. Die Diskussionen im Forum können von der Lehrveranstaltungsleitung eingesehen werden, bei Bedarf kann sich die Lehrveranstaltungsleitung korrigierend, lenkend und/oder unterstützend in den Lernprozess einbringen. Das E-learning-Rollenspiel ermöglicht einen Perspektivenwechsel in einer frühen Phase der Fallbearbeitung.

Innerhalb der definierten Arbeitsschritte können die Studierenden den Lernprozess im E-learning zeit- und ortsunabhängig selbst steuern, die Kleingruppen arbeiten selbstorganisiert.

• Ziele: Selbstorganisiert angeeignetes Grundlagenwissen kann unter Einbeziehung bereits (in anderen Lehrveranstaltungen) erworbener Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu Lösungsstrategien arbeitsmedizinischer Problemstellungen verknüpft werden.

• Methode: Bearbeitung von Fallbeispielen, für die fragestellungsbezogen Grundlagenwissen aus dem Selbststudium herangezogen wird.

Die für die E-Learning-Phase zur Verfügung stehenden Fallbeispiele wurden aus realen Firmen/Projekten der Betrieblichen Gesundheitsförderung aus dem Praxisumfeld der Lehrveranstaltungsleitung zusammengestellt und beinhalten Kennzahlen, Fakten und Daten aus realen Projektausschreibungen.

• Aufgaben: Im Rollenspiel werden von allen Studierenden zwei Rollen mit unterschiedlichen Aufgaben eingenommen:

- Rolle als Physiotherapeutin/Physiotherapeut: Unternehmen (A) zur Fallbearbeitung einsehen, Erstellung eines Angebots zur Projektausschreibung des Unternehmens, Upload des Angebots in den Moodle-Kurs, Vorbereitung der Präsentation des Angebots zum Unternehmen

- Rolle als Unternehmen: Unternehmen (B) einsehen, Bewerten des Angebots einer anderen Kleingruppe zur Projektausschreibung des Unternehmens und Vorbereitung auf die Rolle des Unternehmens in der Präsentation (Fragen vorbereiten).

• Assessment: Peer group-Bewertung im E-learning-Rollenspiel (Overrule der Lehrveranstaltungsleitung möglich). Die Studierenden reflektieren ihre Lernergebnisse aus der berufsspezifischen Rolle durch den Perspektivenwechsel in der Rolle als Unternehmen.

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Präsenzphase 2:

Didaktischer Hintergrund: Das Rollenspiel der E-learning-Phase wird face-to-face fortgesetzt: Die Studierenden können im ihre Handlungskompetenz erproben und erhalten unmittelbar Feedback in der Peer group sowie von der Lehrveranstaltungsleitung. Durch das Einnehmen unterschiedlicher Rollen wird die Berücksichtigung mehrerer Perspektiven einer komplexen berufsspezifischen Aufgabenstellung gefördert.

• Ziele: Das in der E-Learning-Phase erstellte Angebot professionell präsentieren, reflektieren und fachkompetent auf vertiefende Fragen der Unternehmer antworten können.

• Methode: Rollenspiel (1 Kleingruppe präsentiert ihr Angebot, 1 Kleingruppe spielt das Unternehmen)

• Aufgaben:

- Rolle als Physiotherapeutin/Physiotherapeut: Präsentation beim Unternehmen, Eingehen auf Fragen

- Rolle als Unernehmen: Fragen stellen, Präsentation bewerten

• Assessment: Peer group-Bewertung mit unmittelbarem Feedback der Lehrveranstaltungsleitung, dadurch Vergleich mit der realen Situation des Fallbeispiels (Erfahrung der Lehrveranstaltungsleitung im realen Unternehmen des bearbeiteten Falls). Für besonders kreative zielführende Lösungsansätze kann ein Kreativitätsbonus vergeben werden.

 

Präsenzphase 3:

Didaktischer Hintergrund: Basierend auf der ersten Auseinandersetzung mit dem Arbeitsfeld werden in der Präsenzphase 3 Inhalte mit höherem Komplexitätsgrad thematisiert und Aufgaben gemeinsam mit der Lehrveranstaltungsleitung bearbeitet. Dadurch soll sichergestellt werden, dass auch Aufgaben, die eine größere Verarbeitungstiefe erfordern, bewältigt werden können.

• Ziel: Der physiotherapeutische Prozess kann entsprechend den Problemstellungen der Prävention und Arbeitsmedizin modifiziert werden und forschungsrelevante physiotherapeutische Aspekte können aus dem Gebiet der Arbeitsmedizin abgeleitet werden.

• Methode: Bearbeitung von „Brennpunktthemen“ aus der Praxis vor aktuellem Forschungshintergrund

• Aufgaben: Informationsaufnahme, aktive Mitarbeit

 

Projektphase:

Didaktischer Hintergrund: Erfahrungen aus der E-learning-Phase und aus den Präsenzphasen 2 und 3 sollen nun in einem Lernszenario, das dem realen Arbeitsfeld in geschütztem Rahmen entspricht, verknüpft und angewendet werden. Die Projektphase lässt den Studierenden einen großen Spielraum für selbstorganisiertes und selbstgesteuertes Lernen, indem Lernergebnis (inkl. Projektbericht nach vorgegebenen Kriterien) und Zeitrahmen definiert sind aber nicht die Anzahl und Art der Arbeitsschritte.

• Ziel: Die Lernergebnisse der vorangegangenen Phasen werden in einer realitätsnahen Situation zusammengeführt und in einer konkreten Aufgabenstellung erprobt.

• Methode: Projektarbeit (Studierende arbeiten zu zweit an einer Aufgabenstellung mit Projektchrarakter)

• Aufgaben: Planung, Durchführung und Dokumentation einer exemplarischen Intervention in einem selbstgewählten Unternehmen (inkl. Verfassen eines Projektberichts)

• Assessement: Bewertung des Projektberichtes anhand klar definierter und transparenter Kriterien

 

Präsenzphase 4:

Didaktischer Hintergrund: Die Studierenden nehmen eine Selbsteinschätzung zu ihrem persönlichen Lernprozess vor und werden in der Reflexion ihrer Lernergebnisse von der Lehrveranstaltungsleitung begleitet. Die Reflexion erfolgt erst nach abgeschlossener Beurteilung um eine neutrale Position aller am Reflexionsprozess Beteiligten zu gewährleisten.

• Ziel: Der individuelle Lernprozess wurde reflektiert.

• Methode: Reflexion und Diskussion im Plenum mit der Lehrveranstaltungsleitung

 

Innovation und Modellcharakter

Die Innovation der Lehrveranstaltungskonzeption besteht in der Kombination zeit- und ortsunabhängigen Lernens an Modellen der realen Praxis mit Elementen des Rollenspiels und der Peer group-Bewertung. Das breite Spektrum der didaktischen Elemente berücksichtigt unterschiedliche Lernbiografien der Studierenden und ermöglicht die Integration von bereits erworbenen Kompetenzen in den individuellen Lernprozess. Das Potenzial des Konzepts liegt in der Möglichkeit, zum Rollenspiel auch Unternehmen des realen Berufsfeldes einzuladen, wie z.B. jene Kooperationspartner und –partnerinnen des Studiengangs, die im 6. Semester Praktikumsplätze im Wahlpraktikum anbieten. Für die Studierenden wird damit die Chance einer ersten Kontaktaufnahme mit potenziellen künftigen auftraggebenden Unternehmen geboten.

 

Evaluierung des Lehrveranstaltungssettings

Das Setting in dem oben beschriebenen Blended Learning in 6 Phasen gelangt im Studienjahr 2016/17 bereits zum vierten Mal zur Umsetzung. Das Lehr-Lernsetting der E-learning-Phase wird aktuell in einem Forschungsprojekt dem traditionellen Lehr-Lernsetting gegenübergestellt. Verglichen wird der Langzeiteffekt der Lernergebnisse jener Studierender, bei denen die Lehrveranstaltung noch im traditionellen Lehr-Lernsetting abgehalten wurde, mit dem Langzeiteffekt der Lernergebnisse von den Studierenden im Blended Learning.

Erste Auswertungen zeigen, dass die Studierenden die E-learning-Phase für ihren individuellen Lernprozess zur Entwicklung von vor allem affektiven Leistungsdimensionen nutzen können. Auch die Eindrücke der Lehrveranstaltungsleitung zeigten einen höheren Aktivitätsgrad der Studierenden in der Auseinandersetzung mit den Themen der Lehrveranstaltung.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor, 2. Semester

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.