Case Study: Erzählanalytische und ethnografische Forschungs- und Arbeitsweisen im Bachelorarbeits-Seminar als Verknüpfung von Forschung und Praxis Sozialer Arbeit (WA)

Umgesetztes Projekt

Ziele

Nach wie vor wird in der Sozialen Arbeit in der Fachliteratur zum Teil eine künstliche Trennung zwischen Praxis und Forschung aufrechterhalten. Im Kern der durch Lehrveranstaltungen begleiteten Bachelorarbeit, die einen realen Fall aus dem Praktikum einer Analyse unterzieht, geht es nicht darum, von Sozialarbeiter/innen gesetzte Interventionen oder ihre Professionalität zu bewerten, sondern vielmehr eigene bestehende Logiken der Studierenden gegenüber Adressat/innen Sozialer Arbeit aufzuklären. Die Studierenden bzw. Absolvent/innen werden befähigt, einerseits vertiefte, gleichzeitig anwendungsbezogene Kenntnisse interpretativer Methoden der Sozialforschung sowie der Methoden und Diagnostik-Instrumente der Sozialen Arbeit zu erwerben. Andererseits ist die Aneignung analytischer, selbstreflexiver Kompetenzen für die spätere berufliche Praxis Ziel dieses Projekts forschungsbasierter Lehre.

Kurzzusammenfassung

Im Rahmen der Bachelorarbeit verfassen die Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit eine Case Study, für die sie zuvor bereits einen Fall im Praktikum identifizierten. Das Konzept des „Case“ bezieht sich auf die in der Sozialen Arbeit typischen, als „problematisch“ gemeldeten Situationen, in denen Sozialarbeiter/innen für gewöhnlich im Praxisfeld tätig werden. Nicht das Expert/innenwissen der Fachkräfte (vgl. Ader 2006:23) bildet den Gegenstand einer solchen Case Study, sondern die Analyse von spezifischen organisationalen, professionellen und sonstigen wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen von Fällen und die damit in Zusammenhang stehenden Interventionen und Entscheidungen.

In einer Case Study kann sowohl die Problemdarstellung des/der Klient/in zum analysierenden Fall werden, oder die einer Familie oder Gruppe, aber auch eine Einrichtung bzw. ihre Teamstrukturen können in der Fallstudie einer Analyse unterzogen werden. Es geht dabei jedoch keineswegs darum, das professionelle Arbeiten von Sozialarbeiter/innen zu bewerten, evaluieren oder Qualitätsmängel aufzuzeigen, sondern mittels rekonstruktiver Analyseverfahren den Implikationen des Handelns von Klient/innen und Sozialarbeiter/innen, auf den Grund zu gehen. Dies geschieht unter der Distanznahme wissenschaftlicher Herangehensweise bei gleichzeitiger Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmung und dem Handeln im Praktikum und mit dem Involviert-Sein in die Interaktion zwischen Klient/in und Praktikant/in.

Nähere Beschreibung

Im 14-wöchigen Berufspraktikum im 4. Semester des Bachelor-Studiums wählen die Studierenden einen Fall aus der Praxis, der zum Gegenstand der Analyse in der Bachelorarbeit wird.

Nach Müller (2008: 35) sind Fälle in der Sozialen Arbeit „Personen oder Ereignisse, die von dafür zuständig gehaltenen Personen/Institutionen/Berufsgruppen zu Fällen gemacht werden. Genau genommen sind deshalb nicht das Ereignis/die Person selbst [...] Fall zu nennen, sondern ihre Thematisierung durch diejenigen, die den Fall bearbeiten.“ So ist einerseits Handlungsbedarf von Seiten der Sozialen Arbeit – also die Entscheidung, ob ein Fall zum Fall wird – gesellschaftlich geformt und veränderbar (Stark, 2013), ebenso wie auch die Definition aus Sicht der Klient/innen, ob sie Hilfebedarf haben.

Im Kern der durch Lehrveranstaltungen begleiteten Bachelorarbeit geht es nicht darum, von Sozialarbeiter/innen gesetzte Interventionen oder ihre Professionalität zu bewerten, sondern vielmehr eigene bestehende Logiken gegenüber Adressat/innen aufzuklären.

Als Erhebungsmethoden stehen einerseits diagnostische Instrumente aus dem Methodenrepertoire der Sozialen Arbeit zur Verfügung (Netzwerkkarte, Ökogramm, Biografiebalken etc.). Andererseits werden narrative Interviews mit Klient/innen und den fallführenden Sozialarbeiter/innen geführt, die mittels Kodierparadigma im Rahmen des Forschungsstils der Grounded Theory ausgewertet werden.

So können Schlüsse gezogen werden, ob das Ziel bzw. die idealtypische Arbeitsweise einer Einrichtung (beispielsweise „Autonomie für Klient/innen“) und die Art und Weise, wie über Klient/innen gesprochen wird (paternalistische Haltungen etc.), divergieren. Des Weiteren können etwa die Perspektiven von Sozialarbeiter/innen und Klient/innen hinsichtlich der Zielvorstellungen oder Resümees bezüglich der Interventionen der Fallbearbeitung gegenübergestellt werden.

Die Studierenden lernen zwischen der Rolle als Praktikant/in und Forscher/in zu wechseln. Sie beforschen den Fall nicht nur aus kühl-wissenschaftlicher Distanz zum Selbstzweck der Forschung, sondern lernen ihre eigenen Vorannahmen, Stereotype, Denk- und Handlungsmuster bezüglich der Klient/innen zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen.

Semesterübergreifend werden die Studierenden dabei in mehreren Lehrveranstaltungen begleitet:

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit Fällen aus dem Berufspraktikum leisten die interaktionistischen Fallanalysen des eigenen professionellen Handelns und des der Praktikumsanleiter/innen einen wichtigen Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Fundierung und zur Selbstkritik der Sozialen Arbeit (Riemann, 2009). Selbstreflexive Praxis ist gleichzeitig Objekt und Anwendungsfeld einer solchen Forschung (Riemann, 2011). Erst erzählanalytische und ethnographische Forschungs- und Arbeitsweisen machen eine Rekonstruktion und ein selbstkritisches Herangehen an Fälle für die Absolvent/innen der FH Burgenland als zukünftige Sozialarbeiter/innen möglich.

Gegenstand der Case Study ist also die erkenntnistheoretisch fundierte Analyse von professionellen Deutungen, die im Zusammenhang mit fachlichen Entscheidungen immer Wirkung entfalten.

Wissend, dass die Rekonstruktion von „Denk- und Wahrnehmungsschemata“ (Bourdieu 1998:21) immer Grundlage jedweden routinehaften Handelns (in Rede und Schrift) darstellt, sind die über Fälle diskursiv erzeugten Daten solche, die auch Rückschlüsse auf das Entstehen von Entscheidungen und Interventionen zulassen. So können ja mit Pierre Bourdieu (1993:191) gesprochen durchaus komplexe leitende Prinzipien in Gestalt von Deutungen und Denkschemata gebildet, fixiert und angewendet werden, ohne dass die Handelnden sich dieser Prozesse je bewusst sein müssen. Insofern ist die zentrale Erkenntnis aus Case Studies jene, wie Erkenntnisse von Menschen in der „Praxis gelebt“ (ebd.) werden und wie sie soziale Wirklichkeiten erzeugen. Die Sprache und insofern auch die erzählenden Passagen in Interviews sind demnach nicht bloßes Abbild der Realität des Falles, sondern reproduzieren gleichzeitig die Bedingungen der Praxis Sozialer Arbeit. Welche Normen, Erwartungen (an Klient/innen und an sich selbst als Sozialarbeiter/in), welches Wissen und welche Vorstellungen von und über helfende Professionalität, Hilfebedarf und –bedürftigkeit sowie den Problemkontext in den Praxen sichtbar werden, bilden die Ergebnisse von solchen Case Studies, bei denen Studierende in engmaschigen Interpretationszirkeln angeleitet werden.

 

Ader, S. (2006): Was leitet den Blick? Wahrnehmung, Deutung und Intervention in der Jugendhilfe. Weinheim und München:Juventa.

Bourdieu, P. (1993): Soziologische Fragen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bourdieu, P. (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Aus dem Französischen von Hella Beister. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Müller, B. (2008). Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit (5 ed.). Freiburg/Breisgau: Lambertus.

Riemann, G. (2009). Der Beitrag interaktionistischer Fallanalysen professionellen Handelns zur sozialwissenschaftlichen Fundierung und Selbstkritik der Sozialen Arbeit Professionalität in der Sozialen Arbeit (pp. 287-305). Wiesbaden: Springer.

Riemann, G. (2011). Self-reflective Ethnographies of Practice and their Relevance for Professional Socialisation in Social Work. International Journal of Action Research, 7(3), 1-32. doi: 10.1688/1861-9916_IJAR_2011_03

Stark, C. (2013). Wie ein "Fall" zum "Fall" wird. Zur Bedeutung individueller Konstruktionsleistungen von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen in der Jugendwohlfahrt bei Fällen indirekter Gewalt. In R. Loidl (Ed.), Gewalt in der Familie. Beiträge zur Sozialarbeitsforschung (pp. 119-149). Wien, Köln, Weimar: Böhlau.

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor-Studium, 5. Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.