„voice & piano“ – Schulpraktisches Klavierspiel und künstlerisch-musikpädagogische Persönlichkeitsentwicklung

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Ursprüngliche Motivation und bis heute bestehender Ausgangspunkt für das Projekt „voice & piano“ war bzw. ist die vielfache Beobachtung bei Studierenden sowie häufige Rückmeldungen aus der Schulpraxis, dass Kompetenzen im schulmusikalischen Begleiten, insbesondere von Popularmusik, bei Lehrerinnen und Lehrern nicht ausreichend vorhanden sind.

Daher wurde als erste inhaltliche Maßnahme das schulpraktisch zentrale „selbst am Klavier begleitete Singen“ in den Mittelpunkt des klavierpraktischen Unterrichts gerückt. Mit den Erfahrungen aus der so neu gestalteten Lehrveranstaltung wurde in den Folgejahren ein mehrstufiges methodisch-didaktisches Modell entwickelt, das neben der Vermittlung adäquater klavierpraktischer Kompetenzen eine ganzheitliche künstlerisch-musikpädagogische Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden zum Ziel hat.

Das am Ende jedes Semesters stattfindende öffentliche Konzert ist für alle Beteiligten der Höhepunkt der Lehrveranstaltung und bildet zudem eine zentrale Säule des Projekts, da sich die Studierenden damit bereits nach einem Studiensemester künstlerisch im Sinn des Projektziels (Kompetenz im selbst begleiteten Singen am Klavier) präsentieren können.

Das Projekt „voice & piano“ wird seit 2006 im Rahmen der Lehrveranstaltung Klavierpraktikum (Künstlerischer Einzelunterricht, einstündig im 1. und 2. Studiensemester) mit allen Studierenden eines Jahrgangs durchgeführt und laufend weiterentwickelt.

Beschreibung

Im Zentrum des Projekts stehen innovative Lern- und Lehrstrategien zur Vermittlung des selbst am Klavier begleiteten Singens. Dabei werden spieltechnische Fertigkeiten im Kontext mit auditiven und theoretischen Kompetenzen und unter Berücksichtigung heterogener musikalischer Voraussetzungen und Veranlagungen der Studierenden ganzheitlich nach künstlerischen, ästhetischen und pianistischen Kriterien definiert, erweitert und entwickelt.

Die praktisch-methodische Umsetzung erfolgt anhand eines vorrangig von den Studierenden gewählten Liedmaterials, speziell konzipierter Übungen sowie gezielt ausgewählter klassischer Klavierstücke. Arrangieren, auch im schulpraktischen Kontext, erweitert das Methodenrepertoire, wobei die eigenständige Umsetzung mittels Computersoftware angeregt und unterstützt wird.

Orientiert an den Parametern Performanz und Selbstsicherheit wird der Auftritt beim öffentlichen Semesterabschlusskonzert „voice & piano“ mit jeder/jedem Studierenden individuell erarbeitet. Die dabei gemachten Erfahrungen geben den Studierenden die Möglichkeit einer ersten Standortbestimmung hinsichtlich ihrer schulpraktischen Kompetenzen.

Begleitend werden projektrelevante Wirkungsparamter in Kooperation mit der Forschungsgruppe LehrerInnenbildung (Leitung: Univ.-Prof. Christian Kraler) am Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der School of Education der Universität Innsbruck fortentwickelnd untersucht.

1. Projekt „voice & piano“ – Inhaltlicher Referenzrahmen

 

Rückmeldungen aus der Schulpraxis im Fach Musikerziehung zeigen auf, dass das stilistisch adäquate Begleiten aktueller Popularmusik (i.d.R. am Klavier) und gleichzeitige Mitsingen der Lehrperson (Motivations- und Orientierungsfunktion) als eine der wesentlichen schulpraktischen Kernkompetenzen angesehen werden muss.

Defizite in diesem Bereich gehen oft einher mit einem Mangel an Authentizität, fehlender Selbstsicherheit sowie daraus resultierender Berufsunzufriedenheit.

1.1. Entfaltungsniveau I

 

Ab der ersten Unterrichtseinheit werden drei speziell konzipierte Kernübungen (Kadenzübung, Akkordübung, Bluesübung) mit den Studierenden erarbeitet und vertieft, wobei besondere Aufmerksamkeit auf Audition, musikalische Strukturierung, Spieltechnik und Phrasierung gelegt wird.

Parallel dazu wird die auditive Erarbeitung eines selbstgewählten Liedes bereits im Hinblick auf das selbstbegleitete Singen initiiert und unter Berücksichtigung stilistischer Fragestellungen methodisch erläutert. Die Spiel- und Übeprozesse werden ohne Noten ausgeführt.

Im Zentrum des Unterrichts steht die individuell orientierte methodische Vernetzung aller Übe- und Lernfelder.

 

1.2. Entfaltungsniveau II

 

Unterstützend zur Erarbeitung des Liedmaterials, das von den Studierenden mehrheitlich aus dem Bereich der Popularmusik gewählt wird, werden Hörstrategien entwickelt und erste Aspekte des Arrangierens anhand des zu konzipierenden Klaviersatzes erörtert.

Die Erarbeitung angemessener klassischer Klavierstücke, grundgelegt durch strukturelle, spieltechnische sowie lerntheoretische Reflexion bzw. die adäquate Anwendung mentaler Lernstrategien ergänzt das inhaltliche Portfolio.

Im weiteren Verlauf treten die Kernübungen allmählich in den Hintergrund und werden, sobald deren Ausführung in jeder beliebigen Tonart souverän sowie entsprechend phrasiert gelingt, beiseitegelegt und allenfalls zu Beginn des 2. Semesters wieder aufgegriffen.

Durch die fortdauernde Erläuterung und Vermittlung strukturbildender Übe- und Lernprinzipien wird ein musikalisch-didaktisches Selbstverständnis bzw. ein künstlerisch-praktisches Selbstkonzept grundgelegt, das weit über den Bereich Klavierpraktikum hinausreicht.

2. Projekt „voice & piano“ - Konzeptionell-methodischer Referenzrahmen

 

Wesentliche konzeptionell-methodische Aspekte des Projekts leiten sich direkt aus der berufsfeldnotwendigen Fokussierung auf das selbstbegleitete Singen ab, indem der Erwerb dieser grundlegenden schulpraktischen Kompetenz eine tiefgreifende Vernetzung relevanter musikalischer Lernfelder geradezu zwingend erfordert.

 

2.1. „voice & piano“ - Selbstbegleitetes Singen als didaktisch-methodischer Ausgangspunkt

 

Die dafür notwendigen spieltechnischen und koordinativen Fertigkeiten werden zusätzlich mit drei eigens dafür konzipierten Kernübungen unter Berücksichtigung persönlichkeitsorientierter, schülerInnenseitiger Parameter erweitert und entwickelt.

Der zumindest am Anfang gänzliche Verzicht auf Notenmaterial bei der Erarbeitung der meist selbst gewählten Lieder und die daraus resultierende Notwendigkeit zur Entwicklung individueller Hörstrategien sowie die durchgängige musiktheoretische bzw. analytisch-stilistische Reflexion bestimmen das unterrichtliche Handeln.

In der spieltechnischen Umsetzung wird lehr- und lernseitig besondere Aufmerksamkeit auf Anschlag, Phrasierung, aber auch Körpergefühl, Konzentrationsfähigkeit sowie Selbstsicherheit und Performanz gelegt.

Diese Aspekte werden zusätzlich anhand „klassischer“ Literatur, auch unter dem Blickwinkel der Stilvielfalt, veranschaulicht und vertieft, wobei das Notenlesen gesondert unter methodisch-didaktischen Gesichtspunkten betrachtet wird.
Abseits der Vermittlung auditiver, struktureller, koordinativer sowie spieltechnischer Aspekte steht die individuelle Fortentwicklung vorhandener Potentiale im Vordergrund.

2.2. Theoretische Fundierung und handlungsleitende Konzeption

 

Die methodisch-konzeptionelle Basis des Projekts stützt sich auf Ansätze von A. N. Whitehead (zyklische Lernzugänge), J. S. Bruner (passive vs. fundamentale Ideen) und G. A. Miller (Magical Number Seven, Plus or Minus Two). Davon abgeleitet werden basale musikalisch-pianistische Lernfelder definiert und verdichtet und mittels personen- bzw. situationsadäquater, permanent variierter Lernprozesse fortlaufend erweitert.

Die praktische Umsetzung erfolgt anhand speziell entwickelter Übungen, des Liedmaterials sowie mittels ausgewählter Klavierstücke (Erarbeitung nach Noten). Qualitäts- und prozessbestimmend sind hierbei individuelle, lernseitige Faktoren, die über das durchgängige Aufzeigen von Querverbindungen bzw. multiple Transfers zwischen allen Lernbereichen (Übungen, Lieder, Klavierstücke) identifiziert, verinnerlicht und weiterentwickelt werden.

Basierend auf der ursprünglichen Konzeption von „voice & piano“ und gemeinsamen Überlegungen zur theoretischen Einbettung des Projekts in den fachdidaktischen und bildungswissenschaftlichen Forschungskontext wird seit dem WS 2016/17 in einem experimentellen Setting von Christian Kraler (UIBK) und dem Projektleiter Reinhard Blum ein rekonstruktiv empirisches lernseitiges Handlungsmodell für die Abfolge der Unterrichtssequenzen entwickelt.

Mit diesem Teilprojekt wird „voice & piano“ im Rahmen einer eigenen Dissertation weiterentwickelt und hinsichtlich seiner instrumentaldidaktischen und bildungswissenschaftlichen Einbettung theoretisch begründet.

 

2.3. Studierendengruppe und heterogene Voraussetzungen

 

Normativ unterschiedliche Voraussetzungen zwischen Hauptfach Klavier, Pflichtfach Klavier und Hauptfach Jazz/Pop Klavier sowie darüber hinaus abweichende pianistische bzw. musikalische Vorkenntnisse sind als wesentliche unterrichtliche Bedingungsfaktoren zu berücksichtigen. Im Besonderen liegen die methodischen Herausforderungen im Hinblick auf die Lehrveranstaltungsziele, individuell höchst unterschiedlich gewichtet, in folgenden Bereichen:

• Aufbau und Entwicklung einer entsprechenden Spieltechnik (v.a. bei Klavier Nebenfach)


• Erweiterung und Vertiefung auditiver Kompetenzen


• Vermittlung des Notenlesens im Kontext mit Theorieverständnis und Hören

Vor diesem Hintergrund bietet v.a. popularmusikalische Literatur inhaltlich-methodisch viele Vorteile: Bestehend aus kurzen, harmonisch überschaubaren Stücken mit Improvisationsmöglichkeiten, können auditives und strukturelles Erfassen sowie das Spiel nach Akkorden schnell und nachhaltig im Einklang mit der Professionalisierung von Phrasierung und Anschlag bzw. Spieltechnik vermittelt werden. Darüber hinaus ergeben sich Freiräume zur kreativen Entfaltung und individuellen Schwerpunktsetzung.

Die Zielsetzung, dass sämtliche Studierenden am Ende des ersten Semesters einen subjektiv positiv erlebten Auftritt im öffentlichen Konzert „voice & piano“ bewältigen können, wird mittlerweile erreicht.

Schwellenängste werden durch gemeinsames Proben und Musizieren und den daraus entstehenden kollegialen, über die Lehrveranstaltung hinausgehenden Gemeinschaftssinn der Studierenden gemindert.

3. Wirkungen

3.1. Künstlerische Kompetenzen

 

Vorhandene Leistungspotentiale werden individuell gefordert und gefördert, so dass herausragende künstlerische Leistungen, solistisch, im Ensemble, aber auch im Rahmen größerer Projekte, mittlerweile zur Regel geworden sind.

 

3.2. Arrangieren und Integration neuer Technologien

 

Die eigentliche „voice & piano“-Besetzung wird meist durch weitere Gesangssolisten, Backgroundchöre, Instrumente sowie Ensembles bis hin zu kleinen Orchestern erweitert.

Das diesbezügliche Notenmaterial wird durchgängig auditiv und mit Hilfe von Notenprogrammen erstellt, wobei der schon bei der Erarbeitung der Lieder obligate Einsatz des Computers im Hinblick auf die grundsätzliche schulpraktische Perspektive angeregt und aktiv gefördert wird.

Die Erfahrung zeigt, dass Studierende im Zuge der Erstellung erster rudimentärer Arrangements wesentliche Grundbegriffe einschlägiger Notenprogramme mühelos erlernen bzw. bald, motivationsgeleitet, größere Herausforderungen suchen, was mittlerweile durch eine Vielzahl anspruchsvoller Arrangements in den unterschiedlichsten Besetzungen dokumentiert ist.

So wurden in den bisherigen Konzerten Ausschnitte aus Musical und Film, u.a. Jesus Christ Superstar, The Blues Brothers, The Rocky Horror Show, The Wall, James Bond, Herr der Ringe, Das Dschungelbuch und Harry Potter sowie Kabarettlieder (z.B. Bodo Wartke, Helge Schneider) aufgeführt.

 

3.3. Curriculare Einbettung und fachliche Vernetzung

 

Das mit dem Studienjahr 2016/17 in Kraft getretene Bachelorstudium Musikerziehung für das Lehramt Sekundarstufe (Allgemeinbildung) im Verbund LehrerInnenbildung West weist einige Neuerungen im schulpraktischen Bereich auf, die in direktem Zusammenhang mit dem Projekt „voice & piano“ bzw. der Neukonzeption der LV Klavierpraktikum stehen, wobei die Studierendensicht sowie im Besonderen Rückmeldungen aus dem schulischen Bereich maßgeblich in der curricularen Konzeption berücksichtigt sind.

So wird die Lehrveranstaltung Klavierpraktikum als künstlerisch-praktische Einführungsveranstaltung definiert, in der alle Studierenden des 1. Jahrgangs individuell und vernetzt in allen relevanten Lernfeldern (Spieltechnik, auditive und musiktheoretische Kompetenzen, schulpraktische Inhalte einschließlich Arrangieren und Einsatz des Computers) für eine spätere künstlerische bzw. schulpraktische Vertiefung vorbereitet werden.

In der Modulgestaltung ist eine formale Zusammenführung sowie konsekutive Abstimmung zwischen Klavierpraktikum, Klavier (Nebenfach) sowie, wenn gewählt, Jazz/Pop Klavier (Nebenfach) vorgesehen. Ein gleichzeitiges Absolvieren der unterschiedlichen klavierbezogenen Lehrveranstaltungen ist nicht mehr vorgesehen, um im Gegenzug eine fortlaufende, über 8 Semester andauernde Entwicklung zu ermöglichen. Dies wird auch durch kollegiale Absprachen ermöglicht und unterstützt.

Die schulpraktische Vernetzung mit anderen künstlerisch-praktischen Bereichen erfolgt in einer entsprechenden Präsentation am Ende des Studiums. Der Bezug zu anderen inhaltlich überschneidenden Lehrveranstaltungen wie z.B. Gesang, Tonsatz einschließlich Gehörbildung oder Neue Medien ist in der methodischen Umsetzung implementiert.

In der curricularen Planung für das Masterstudium ist die Einrichtung eines Konversatoriums vorgesehen, in dem Masterstudierende ihre im Praxisfeld Schule gemachten Erfahrungen bzw. daraus resultierende Fragestellungen in den Unterricht für BA-Studierende einbringen.

NB: Das vorgestellte Projekt bietet künstlerisch-praktisch sowie hochschuldidaktisch zentrale Bausteine, um den geschilderten Anfordernissen im Rahmen der Primarstufenausbildung gerecht werden zu können.

 

(Ausführliche Projektbeschreibung mit Abbildungen, Tabellen und Notenbeispielen siehe "Weiterführende Links")

Positionierung des Lehrangebots

 Bachelor Lehramt Unterrichtsfach Musikerziehung/1. und 2. Studiensemester

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.