Berufsfeld Migration - Flucht - Asyl

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die LV wurde im Herbst 2015 vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise konzipiert und im WS 2015/16 sowie im SoSe 2016 durchgeführt. Damals wurde an der Universität Graz wie an weiteren österreichischen Hochschulen eine Reihe an Unterstützungsaktivitäten für geflüchtete Menschen ins Leben gerufen. So fand sich auch am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft eine Gruppe von MitarbeiterInnen zusammen, die sich in diversen zivilgesellschaftlichen und bildungsbezogenen Projekten engagierte. Darunter fällt das hier vorgestellte Lehrveranstaltungsformat, das eine gesellschaftliche Herausforderung angesichts einer Krisensituation mit berufsfeldorientierten Lernzielen und -inhalten für angehende PädagogInnen verknüpft. Neben der Teilnahme an Lehreinheiten an der Universität absolvieren die Studierende jeweils 80 Stunden in einer Praxiseinrichtung im Feld der Integration von Geflüchteten/MigrantInnen.

 

Das praxisbezogene Proseminar soll Studierende auf zukünftige berufliche Herausforderungen rund um das Thema Flucht bzw. Integration in pädagogischen Handlungsfeldern vorbereiten. Migration und Flucht zählen zu den wichtigsten globalen Herausforderungen unserer Zeit, weshalb davon auszugehen ist, dass einschlägige interkulturelle, migrationsbezogene Schlüsselqualifikationen auch mittel- und langfristig wichtige Aspekte pädagogischer Professionalität darstellen werden. Die angestrebten Learning Outcomes werden in der näheren Beschreibung detailliert erläutert. Ein weiteres Ziel der LV besteht darin, pädagogische Begleitmaßnahmen im Integrationsbereich, für die gerade in der Krisensituation engagierte Freiwillige dringend gebraucht wurden, aktiv zu unterstützen. Die LV versteht sich somit auch als ein konkreter Beitrag zur Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung der Universitäten.

Kurzzusammenfassung

Die LV „Berufsfeld Migration – Flucht – Asyl“ wurde im Herbst 2015 vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise für pädagogische Studiengänge an der Universität Graz konzipiert. Das Proseminar verbindet berufsfeldorientierte Lehr- und Lernziele mit dem Anspruch, seitens der Universität einen Beitrag zur Bewältigung aktueller gesellschaftspolitischer Herausforderungen zu leisten.

Die praxisbezogene LV soll Studierende auf zukünftige berufliche Aufgaben rund um das Thema Flucht bzw. Integration in pädagogischen Handlungsfeldern vorbereiten. Einschlägige interkulturelle, migrationsbezogene Kompetenzen gelten als aktuelle Schlüsselqualifikationen im Kontext pädagogischer Professionalität. Ein weiteres Ziel der LV besteht darin, pädagogische Begleitmaßnahmen im Integrationsbereich, für die engagierte Freiwillige dringend gebraucht werden, aktiv zu unterstützen.

Die Studierenden absolvieren einerseits theoretische Lehreinheiten, andererseits pädagogische Tätigkeiten im Ausmaß von je 80 Stunden in einer Praxiseinrichtung im Bereich Migration/Integration. Dabei werden sie zusätzlich durch Einzel- und Kleingruppensitzungen in der Reflexion ihrer Erfahrungen begleitet, bei etwaigen Problemen individuell unterstützt sowie in der Verknüpfung der praktischen Erfahrungen mit den theoretischen Inhalten gefördert. Für die Praxiseinsätze wurden eigens tragfähige Kooperationen mit 13 steirischen Bildungs- und Sozialeinrichtungen (NGOs, Schulen, Wohlfahrtsverbände) aufgebaut.

Nähere Beschreibung

„Berufsfeld Migration – Flucht – Asyl“ (PS 2st.) wurde im WS 2015/16 und im SS 2016 durchgeführt und war anrechenbar als freies Wahlfach für alle Studiengänge des Instituts für Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Universität Graz (Bachelorstudium Pädagogik; Masterstudiengänge „Weiterbildung - Lebenslanges Lernen“, „Inclusive Education“, „Sozialpädagogik“). Die Leitung lag bei Ao. Univ.-Prof. Dr. Annette Sprung, das Team der Lehrenden ergänzten Mag. Lisa Paleczek, Dr. Brigitte Kukovetz, Dr. Ines Findenig, Mag. Christina Gimplinger (SoSe 2016) und Mag. Christina Pernsteiner, Dr. Clemens Wieser, Mag. Simon Reisenbauer, Mag. Edvina Besic (WS 2015/16).

 

Inhalt, Aufbau und Methodik

Das Proseminar (TeilnehmerInnenzahl: 25) bietet unterschiedliche Lernsettings an, nämlich:

1. Theoretische Inputs durch LV-Leitung und zusätzliche Expertinnen (interdisziplinär!) mit anschließenden Diskussionen im Ausmaß von 16 UE. Die Inhalte umfassen: Theoretische Grundlagen zu Migration/Flucht; Überblick über das österreichische Asylrecht bzw. europäische Bestimmungen; Integrationspolitik in Österreich; Integrationsbegriff und -verständnis; Grundlagen des Spracherwerbs inklusive methodischer Unterstützung für die Arbeit als SprachlernbegleiterIn; Interkulturalität; Trauma und Flucht – psychologische und sozialpädagogische Aspekte.

2. Selbststudium durch Fachlektüre

3. Eigenständige praktische Tätigkeit in Bildungseinrichtungen und NGOs: Die Studierenden absolvieren je 80 Praxisstunden in einer migrationsspezifischen Einrichtung in Graz/in der Steiermark.

4. Begleitete Lernprozesse in der Praxis durch Anleitung im Praxisfeld sowie durch Beratung, Reflexion und Feedback durch die Lehrveranstaltungsleitung sowie kollegialen Austausch in Kleingruppen. Mindestens zwei Kleingruppentreffen pro Semester dienen der Besprechung von Herausforderungen im Praxisfeld, zur Verknüpfung der Erfahrungen und Beobachtungen mit theoretischen Wissensgrundlagen der Erziehungs- und Bildungswissenschaften sowie zur Lösung von etwaigen Problemen im Praxiseinsatz (z. B. Thema Abgrenzung). Zusätzlich werden bei Bedarf Einzelgespräche mit Mitgliedern des Lehrendenteams angeboten.

5. Methoden der Selbstreflexion: Studierende werden zu Reflexionsprozessen in Bezug auf ihre Erfahrungen angeleitet und unterstützt und haben einen schriftlichen Reflexionsbericht vorzulegen.

 

Die Erfahrung Studierender mit eigener Migrationsbiografie wird explizit zum Thema gemacht und als Ressource genutzt bzw. wird hierfür auch bewusst ein Anerkennungsraum eröffnet.

 

Praxisstellen

Im Vorfeld der Lehrveranstaltung wurden Kooperationen zu 13 geeigneten Institutionen aufgebaut, die im Bereich Flucht und Migration pädagogische Maßnahmen durchführen und Unterstützungsbedarf durch VolontärInnen aufweisen. Dabei wurden die genauen Bedarfe und Begleitmöglichkeiten der Einrichtungen erhoben sowie konkrete Vereinbarungen zur Abwicklung der Praxiseinsätze ausgearbeitet. Es handelt sich um folgende Grazer Organisationen/Tätigkeitsbereiche:

• Verein ISOP (innovative Sozialprojekte): Lernbegleitung in Deutsch- und Basisbildungskursen

• Verein DANAIDA (Bildung und Treffpunkt für Migrantinnen): Lernbegleitung in Deutsch- und Basisbildungskursen für Frauen

• Caritas – Quartier für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am Hilmteich: sozial- und freizeitpädagogische Begleitung der Jugendlichen

• Demiri-Haus - Quartier für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge am Lendplatz: sozial- und freizeitpädagogische Begleitung der Jugendlichen

• Alea LERNFORUM: Kurse für AsylwerberInnen; Lernbegleitung

• Jugendzentrum YAP: sozial- und freizeitpädagogische Begleitung der (großteils migrantischen) Jugendlichen

• Jugendzentrum JAM: sozial- und freizeitpädagogische Begleitung der (großteils migrantischen) Jugendlichen

• Heidenspass – Beschäftigungsprojekt: Lernbegleitung sowie sozialpädagogische Begleitung der (großteils migrantischen) Jugendlichen

• Jugend am Werk – mobile Betreuung von Asylwerber_innen: sozialpädagogische Betreuung

• Kinderfreunde – Kinderbetreuung in der Notunterkunft Schwarzl-Halle; Freizeitbetreuung von Flüchtlingskindern im Übergangsquartier

• Jukus – Beratung/Bildung für jugendliche Migrant_innen: Beratung und sozialpädagogische Begleitung

• Volksschule Bertha v. Suttner: Lernbegleitung von Kindern mit Migrationshintergrund im Unterricht und in der Nachmittagsbetreuung

• Neue Mittelschule St. Andrä: Lernbegleitung von Kindern mit Migrationshintergrund im Unterricht und in der Nachmittagsbetreuung

 

Der Leistungsnachweis erfolgt durch Bestätigung der Absolvierung der 80 Praxisstunden, durch das Verfassen eines schriftlichen Reflexionsberichtes und die aktive Teilnahme an Theorie- und Reflexionseinheiten.

 

Studierendenzentrierung

Eine intensive Studierendenzentrierung wird folgendermaßen gewährleistet:

• Studierende erhalten theoretische Inputs durch LV-LeiterInnen und (externe) Expertinnen für die Themen Asylrecht und Trauma. Durch ausreichend Raum für Diskussion ist es möglich, hierbei auf individuelle Interessen der Studierenden einzugehen und ihnen fachübergreifenden Kompetenzerwerb zu ermöglichen.

• Jede/jeder Studierende erhält eine Bezugsperson aus dem Lehrendenteam zugeteilt, die bei Fragen und Problemen in der Praxis jederzeit für ein individuelles Gespräch zur Verfügung steht. Die Studierenden treffen sich mit der Bezugsperson aber jedenfalls zweimal im Semester zu einer zweistündigen Kleingruppenreflexion (4-5 Personen). Dabei werden die zu besprechenden Themen von den Studierenden selbst nach ihren Bedürfnissen eingebracht.

• Mit den Praxisstellen wurde im Vorfeld die Betreuung der Studierenden vor Ort abgesprochen, hier steht demnach auch eine Kontaktperson zur Verfügung. Grundsätzlich sind Studierende jedoch zu einem hohen Maß zu Selbstorganisation und Eigenverantwortung angehalten. Da der Praxiseinsatz individuell mit den Institutionen zu vereinbaren ist, ist die LV auch für berufstätige Studierende bei entsprechender Auswahl der Praxisstellen realisierbar.

• Feedback wird laufend eingeholt, am Ende der Theorieeinheiten und in den Kleingruppen – jeweils mündlich –, und es wird in den weiteren Einheiten nach Möglichkeit darauf eingegangen. In der Abschlusseinheit wird Raum für ausführliches Feedback gegeben und die summative LV-Evaluierung über CampusOnline durchgeführt.

 

Folgende Kompetenzen und fachübergreifende Schlüsselqualifikationen sollen von den Studierenden erworben werden:

1. Theoretisches Wissen durch Inputs und Lektüre (aktuelle internationale Entwicklungen, Diskurse und Politiken zu Migration/Flucht, Lebenslagen von Flüchtlingen inkl. rechtliche Aspekte, Migrationspädagogik, Institutionenkunde). Die Wissengrundlagen sind interdisziplinär.

2. Analytische und diagnostische Kompetenz durch Theorieinputs sowie Analyse von Fallbeispielen aus dem Praxiseinsatz.

3. Verknüpfung theoretischer Konzepte mit Beobachtungen im Praxiseinsatz durch systematische, angeleitete Reflexion, Diskussion und theoretische Einordnung der Praxis-Erfahrungen in Kleingruppen.

4. Problemlösungskompetenz durch Reflexion auftretender Konflikte und Herausforderungen sowie Diskussion angemessener Lösungsansätze in Kleingruppe, Einzelgespräch und in der Praxiseinrichtung mit Kontaktperson.

5. Entfaltung eines professionellen pädagogischen Selbstverständnisses durch Diskussion des Rollenverständnisses anhand der Praxiserfahrungen.

6. Planerische und organisatorische Fähigkeiten (z. B. in der Gestaltung von Sprachlern-Angeboten) durch entsprechende Aufgabenstellungen im Praxiseinsatz; begleitet durch Lehrende und Praxisstelle.

7. Methodische Kompetenzen, insbesondere im Bereich der Lernbegleitung und des Spracherwerbs, durch konkrete Inputs im Theorieteil und durch BegleiterInnen in der Praxisstelle (u. a. Lernen am Modell).

8. Soziale, insbes. interkulturelle Kompetenzen (u. a. Kommunikationsfähigkeit) durch intensive Interaktion mit geflüchteten Menschen und MigrantInnen bzw. die Reflexion dieser Begegnungen sowie durch einschlägige theoretische Inputs.

Positionierung des Lehrangebots

anrechenbar als freies Wahlfach für alle Studiengänge des Instituts für Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Universität Graz (Bachelorstudium Pädagogik; Masterstudiengänge „Weiterbildung - Lebenslanges Lernen“, „Inclusive Education“, „Sozialpädago

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.