Interdisziplinäre Ringvorlesung "Eine von fünf"

Umgesetztes Projekt

Ziele

Das Risiko für Frauen Opfer häuslicher Gewalt zu werden liegt um ein vielfaches höher als an Krebs zu erkranken oder bei einem Verkehrsunfall zu verunglücken. Nach seriösen Schätzungen ist davon auszugehen, dass in Österreich jährlich bis zu 300.000 Frauen in ihrem sozialen Umfeld misshandelt werden. Das heißt, dass jede fünfte in einer Beziehung lebende Frau zumindest einmal in ihrem Leben gewalttätigen Übergriffen durch ihren Ex-/Partner ausgesetzt ist (Quellen u.a. Österreichisches Institut für Familienforschung an der Universität Wien 2011, Gewalt in der Familie und im nahen sozialen Umfeld. Österreichische Prävalenzstudie zur Gewalt an Frauen und Männern sowie Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen, 2014).

 

Oft hinterlässt erlittene Gewalt Spuren in Form von sichtbaren Körperverletzungen, psychischen sowie psychosomatischen Erkrankungen. Daher suchen viele der Opfer in Ambulanzen oder Ordinationen adäquate ärztliche Hilfe. Aus Scham, Angst oder Schuldgefühlen geben sie allerdings nicht immer die realen Ursachen ihrer Leiden an.

 

Ob behandelnde Ärztinnen und Ärzte Verletzungen und Beschwerden als Auslöser bestehender Krankheitssymptome erkennen, ansprechen und in weiterer Folge gerichtsverwertbar dokumentieren, hängt in erster Linie von deren medizinischer Ausbildung ab. Um Leidtragende bestmöglich unterstützen zu können, ist Wissen über die Hintergründe und über die (gesundheitlichen) Auswirkungen von Gewalt notwendig. Auch sollten Kenntnisse über die verfügbaren regionalen Hilfsangebote bestehen, damit Betroffene nach der medizinischen Behandlung spezifisch betreut werden. Ferner braucht es einen professionellen Austausch darüber, wie ärztlicherseits nach erfolgten Gewaltdelikten vorzugehen ist bzw. was aufgrund gesetzlicher Rahmenbedingungen beachtet werden muss. Genau hier setzt die interdisziplinäre Ringvorlesung „Eine von fünf“ an.

 

„Eine von fünf“ steht den Studierenden der Medizin und anderer Fachrichtungen offen. Auch bereits im Beruf tätige Interessierte können die Vorlesungsreihe besuchen und sich so über wirksame Präventionsmaßnahmen von Gewalt und über den Umgang mit Opfern weiterbilden. Im Rahmen der Lehrveranstaltung zeigen Referentinnen und Referenten aus Wissenschaft und Praxis gesundheitliche, rechtliche, kriminologische und gesellschaftspolitische Aspekte zur Vermeidung und Erkennung von Gewalttaten auf. Gleichfalls werden wirksame Betreuungs- und Unterstützungsmöglichkeiten nach körperlichen/ sexuellen Misshandlungen diskutiert.

Kurzzusammenfassung

Im Medizincurriculum wird der gezielte Umgang mit Gewaltopfern nur selten thematisiert. Deshalb wird heuer bereits zum 8. Mal die Ringvorlesung „Eine von fünf – Gesundheit und Gewalt im sozialen Nahraum“ am Zentrum für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien in Kooperation mit dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und der Volksanwaltschaft durchgeführt.

 

Die Vorlesungsreihe gibt umfangreiche Informationen über Ausmaß, Hintergründe und gesundheitliche Folgen von erlittener Gewalt. Ferner werden korrekte ärztliche und rechtliche Vorgehensweisen in Verdachtsfällen beleuchtet und zur Verfügung stehende Opferschutzangebote vorgestellt. Lernziele sind - neben der Sensibilisierung bzgl. des Themas „Geschlechterspezifische Gewalt“ - das Erkennen und Ansprechen von Gewaltbetroffenen, die gerichtsverwertbare Dokumentation von vorliegenden Verletzungen und die Gewaltprävention.

 

Zielgruppen sind einerseits zukünftige Medizinerinnen und Mediziner, andererseits auch Studierende und im Beruf Stehende anderer Fachrichtungen wie Psychologie, Pädagogik, Rechts- und Pflegewissenschaften.

 

Durch die Interdisziplinarität und Diversität der an der Ringvorlesung Teilnehmenden sowie der Vortragenden ergeben sich ein reger Austausch mit interessanten Diskussionen, vielfältige Möglichkeiten der Vernetzung und eventueller zukünftiger Zusammenarbeit.

Nähere Beschreibung

Die interdisziplinäre Ringvorlesung „Eine von fünf“ wird nun mehr seit acht Jahren unter der Leitung von ao. Univ.-Prof.in Dr.in Andrea Berzlanovich am Zentrum für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien gemeinsam mit dem Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser und seit 2016 auch in Kooperation mit der Volksanwaltschaft abgehalten. „Eine von fünf“ ist nicht nur der Titel der Lehrveranstaltung, sondern weist gleichfalls auf ihren inhaltlichen Fokus hin: Jede fünfte in Österreich lebende Frau ist körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt.

 

Diese Vorlesungsreihe wird jährlich während der Kampagne „16 Tage gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ angeboten. Zwischen dem 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und dem 10. Dezember, dem Internationalen Tag für Menschenrechte, finden weltweit Aktionen statt, die auf das Recht von Frauen und Mädchen auf ein gewaltfreies Leben aufmerksam machen. Die Kampagne wurde 1991 vom ersten Women's Global Leadership Institute ins Leben gerufen. Die Ringvorlesung ist damit als ein Beitrag zu dieser breitangelegten Initiative zu verstehen.

 

Die Vorlesungsreihe beginnt immer mit einem auf den jeweiligen Schwerpunkt ausgerichteten Festprogramm in entsprechendem Rahmen. Die Auftaktveranstaltung im vergangenen Jahr fand beispielsweise in den Räumlichkeiten der Volksanwaltschaft statt (http://volksanwaltschaft.gv.at/downloads/i2ep/02_einladung-einevonfuenf-2016.pdf).

 

Hauptziele dieser Lehrveranstaltung sind die Sensibilisierung und Information über die tabuisierte Thematik „Geschlechterspezifische Gewalt“ sowie Antworten auf die Fragen

• Wie erkenne ich Gewalt?

• Wie spreche ich Gewalt an?

• Wie dokumentiere ich Gewaltfolgen gerichtsverwertbar?

• Wie kann ich dazu beitragen, dass weitere Gewalttaten verhindert werden?

zu geben.

Fragen, die nicht nur für die fachgerechte medizinische Betreuung der Betroffenen unerlässlich sind, sondern ebenso für die Prävention künftiger Gewaltdelikte. Darüber hinaus sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ringvorlesung dafür gewonnen werden, sich im wissenschaftlichen Kontext mit Gewalt und den daraus resultierenden gesundheitlichen Problemen auseinanderzusetzen.

 

„Eine von fünf“, ursprünglich als Pilotprojekt gestartet, wurde an der Medizinischen Universität Wien initiiert, weil die Kenntnisse über das Ausmaß, die gesundheitlichen Folgen von Gewalt und der verantwortungsvolle Umgang mit Gewaltopfern im Medizincurriculum nicht ausreichend verankert sind. In der Hochschullandschaft liegt generell eine große Lücke betreffend Lehrveranstaltungsangeboten über geschlechterspezifische Gewalt und deren Prävention vor. Daher war von Beginn an eine weitere Bestrebung, dass die Vorlesungsinhalte nicht nur für zukünftige Medizinerinnen und Mediziner in ihrer beruflichen Praxis umsetzbar sind, sondern generell für alle Studierenden, die im späteren Arbeitsleben mit Gewaltbetroffenen zu tun haben (z.B. Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Pflegewissenschaft). Da die Lehrveranstaltung Aktuelles und Praxisrelevantes bietet, richtet sich diese Wahlfachlehrveranstaltung ebenso an bereits im Beruf stehende Interessierte. Im vergangenen Jahr haben insgesamt 70 in verschiedensten Gesundheits- und Sozialberufen Tätige und mehr als 100 Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen die Blockvorlesung besucht.

 

Das Gesamtkonzept von „Eine von fünf“ wird maßgeblich geprägt von der Intention, möglichst viele Interessierte zu erreichen und ihnen Wissen über geschlechterspezifische Gewalt und deren Prävention zu vermitteln.

 

Jedes Jahr wird in der Lehrveranstaltung ein anderer Themenschwerpunkt erarbeitet, so lag 2016 der Fokus auf „Gewaltschutz für Frauen in allen Lebenslagen“. Es referierten insgesamt 24 Frauen und Männer, Expertinnen und Experten von der Volksanwaltschaft, des Bundesministeriums für Inneres, von Gewaltschutzeinrichtungen, von Flüchtlingsorganisationen und von wissenschaftlichen Institutionen. Die breite Palette von Gewalt an Frauen wurde unter den Themenbereichen „Besonders gefährdete Frauen“, „Altere & Pflegebedürftige“, „Flucht & Menschenhandel“, „In den eigenen vier Wänden“, „Strafvollzug & Frauenschutz“ sowie „Medizinische Versorgung“ näher beleuchtet (http://volksanwaltschaft.gv.at/downloads/cfhon/03_flyer-einevonf%C3%BCnf-2016.pdf).

 

Für die schriftliche Abschlussprüfung werden Unterlagen zur den einzelnen Vorlesungen zur Verfügung gestellt. Diese sind auch für Interessierte zum Nachlesen downloadbar unter: www.meduniwien.ac.at/hp/gerichtsmedizin/lehre/weitere-lehrveranstaltungen/eine-von-fuenf/

 

Darüber hinaus werden für die Lehrveranstaltung eigene Infomaterialien wie Folder, Flyer und Poster gestaltet (http://volksanwaltschaft.gv.at/eine-von-fuenf#anchor-index-3476).

 

Zur Ringvorlesung 2016 ist die Publikation eines Sammelbandes mit Beiträgen aller Vortragenden geplant (Herausgeberinnen: G. Brinek, M. Rösslhumer, A. Berzlanovich, Verlag Edition Ausblick).

Die Lehrveranstaltung gab mehrfach Anstoß für Diplomarbeitsthemen, davon wurden bereits einige Ergebnisse in vergangenen Ringvorlesungen vorgestellt, um bei den Studierenden das Interesse in Bezug auf ihre eigenen Abschlussarbeiten zu wecken.

 

Nach jeder Vorlesungsreihe wird eine Evaluierung unter den Studierenden durchgeführt. Die Rückmeldungen waren bisher durchwegs positiv.

Auszüge der bisherigen Rückmeldungen der Lehrveranstaltungsteilnehmerinnen und -teilnehmer:

 

„Habe mir mittlerweile alle Unterlagen der Ringvorlesung ausgedruckt und immer wieder sehr viel Freude damit!“

 

„Ich möchte mich nochmals ganz herzlich für diese gewinnbringende Veranstaltung bedanken, mit der sicher auch sehr viele Ihrer Arbeitsstunden verbunden sind!“

 

„Vor allem aber beeindruckt mich immer wieder aufs Neue Ihre Persönlichkeit, Ihr engagierter Einsatz zur Verbesserung der Lebenssituation vieler Menschen und Ihre Menschlichkeit, die für mich so deutlich spürbar ist.“„

 

Ich bin vom Konzept der Lehrveranstaltung beeindruckt, es ist toll, was Sie den Studierenden bieten. Der berufsübergreifende Ansatz ist so bereichernd, für mich selbst jedenfalls sehr spannend…“

 

„Glückwunsch zu dieser großartigen Veranstaltung, Deine Vorlesung war der krönende Abschluss sehr informativ auch für Nicht-MedizinerInnen.“

 

„Vielen Dank für die Teilnahmebestätigung und vor allem für die Organisation der Lehrveranstaltung. Derzeit bin ich auf Arbeitssuche, aber ich konnte auf jeden Fall von den Vorträgen profitieren. Allein die Sensibilisierung für das Thema war die Teilnahme schon wert. Seit der Lehrveranstaltung fallen mir Nachrichten, die sich mit Gewalt an Frauen beschäftigen viel mehr auf und ich habe ganz ein anderes Verständnis für die Thematik…“

 

“Mir hat es große Freude gemacht, an Ihrer Ring-Vorlesung mitzuarbeiten, und ich habe – gerade was meinen Arbeitsschwerpunkt der Antidiskriminierung betrifft – viele neue Denkanstöße bekommen…“

 

„Once again, many thanks for the very kind, very understanding, very respectful and very humane and gentle manner, in which you personally welcomed and treated me while attending your One in Five course.“

„It is most sincerely appreciated indeed - More than what mere words alone, can aptly express. Thank you !“

 

 

Die Referentinnen und Referenten der Lehrveranstaltung kommen sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis und haben alle entweder mit Opfern und Täterinnen/Tätern oder mit beiden Gruppen zu tun. Aufgrund der Interdisziplinarität und Multiprofessionalität der Studierenden/Berufstätigen sowie der Diversität der Vortragenden, aber auch der teilnehmenden Gewaltbetroffenen, findet ein konstruktiver Austausch mit interessanten/spannenden Diskussionen statt. Die unterschiedlichen Vorlesungsschwerpunkte bieten den Hörerinnen und Hörern die Gelegenheit sich intensiv mit ausgewählten Themen zu beschäftigen und davon vieles für ihr weiteres Studium bzw. für ihre praktische Arbeit mitzunehmen. Nebenbei ergeben sich für alle vielfältige Möglichkeiten der Vernetzung sowie Chancen einer darauffolgenden weiteren Zusammenarbeit.

Positionierung des Lehrangebots

Das Lehrangebot setzt keine speziellen Vorkenntnisse voraus und richtet sich daher an Anfängerinnen/Anfänger sowie im Studium Fortgeschrittene, Bachelor-/Masterstudierende und auch an Berufstätige aus dem Gesundheits- und Sozialbereich.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2017 nominiert.