Lehrveranstaltung „Soziale Kompetenz“ - Patientenkontakt im 1. Semester zur Förderung der professionellen Entwicklung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Studien zeigen, dass sich ein früher Patientenkontakt positiv auf die professionelle Entwicklung von Medizinstudierenden auswirkt (Dornan et al. 2006; Yardley et al. 2010; Scavenius et al. 2006; von Below et al. 2008; Hannich et al. 2001; Goldie et al. 2007), und deshalb so früh wie möglich im Curriculum anzustreben ist. Daher hat die Medizinische Universität Wien die Lehrveranstaltung „Soziale Kompetenz“ im ersten Studiensemester implementiert, um die Entwicklung einer professionellen Haltung sowohl gegenüber PatientInnen, als auch KollegInnen aller Gesundheitsberufe zu fördern.

Kurzzusammenfassung

Um die professionelle Entwicklung der Medizinstudierenden zu fördern, findet der erste Patientenkontakt bereits im ersten Studiensemester im Rahmen der Lehrveranstaltung "Soziale Kompetenz" statt. Schwerpunkt der Lehrveranstaltung ist ein Praktikum in einem Pflegekrankenhaus, begleitet von theoretischen Inhalten und Reflexion. Im Vordergrund stehen der Beziehungsaufbau zur pflegebedürftigen Person und das Kennenlernen der Aufgabenbereiche der verschiedenen Gesundheitsberufe sowie die Zusammenarbeit mit diesen. Die erfolgreiche Implementierung des Curriculumelements „Soziale Kompetenz“ ist ein Baustein zur Förderung der professionellen Entwicklung der Medizinstudierenden in Wien.

Nähere Beschreibung

An der Medizinischen Universität Wien findet der erste Patientenkontakt bereits im ersten Semester in der Lehrveranstaltung „Soziale Kompetenz“ (30 akademische Stunden) statt, welche im Wintersemester 2009/10 erstmals als verpflichtendes Curriculumelement implementiert wurde. An dieser Pflichtveranstaltung nehmen alle 740 Studienanfänger der Human- und Zahnmedizin teil.

 

In Abstimmung mit dem Qualifikationsprofil für AbsolventInnen der Humanmedizin sind die Lernziele wie folgt definiert:

• Entwicklung einer professionellen Haltung gegenüber PatientInnen und gegenüber nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen.

• Sensibilisierung für den wichtigen Beitrag der nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe im Rahmen von umfassenden bio-psycho-sozialen Betreuungsstrukturen.

• Wertschätzung gegenüber Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderung.

• Anregung zur Reflexion der eigenen Rolle in der Interaktion mit diesen PatientInnen und den Betreuungsteams.

• Sensibilisierung für geschlechtsspezifische, soziale und kulturelle Determinanten von Gesundheit und Krankheit.

 

Die Lehrveranstaltung besteht aus einem Seminar-, einem Praktikums- und einem Tutoriumsteil.

In den Seminareinheiten (7 aS) wird in das Themengebiet theoretisch eingeführt. U.a. werden darin die folgenden Lerninhalte beleuchtet: Grundlagen der Kommunikation, professionelles ärztliches Handeln, Empathie, ältere Personen und häufig vorkommende geriatrische Krankheitsbilder, insbesondere Umgang mit Menschen mit dementiellen Erkrankungen, kognitiven Beeinträchtigungen und Verhaltensstörungen.

Des Weiteren werden die Studierenden auch praktisch auf den nächsten Teil der Lehrveranstaltung vorbereitet. Anhand von Praxisbeispielen erlernen die Studierenden, worauf sie in der Interaktion mit verschiedenen Gruppen von Pflegebedürftigen im Praktikum achten müssen. Durch die Übung „Instant Ageing“, einer Simulation von alters- und krankheitsassoziierten physischen und sensorischen Einschränkungen, erhalten die Studierenden die Möglichkeit, sich in die Situation dieser Menschen besser hineinzuversetzen.

 

Schwerpunkt der Lehrveranstaltung ist das Praktikum in einem Pflegekrankenhaus (17 akademische Stunden). Im Vordergrund stehen der Beziehungsaufbau zur pflegebedürftigen Person und das Kennenlernen der Aufgabenbereiche der verschiedenen Gesundheitsberufe sowie die Zusammenarbeit im interdisziplinären Team.

Im Praktikum treten die Studierenden in direkten Kontakt zu pflegebedürftigen Personen. Jede/r Studierende besucht jeweils eine pflegedürftige Person. Die PatientInnen werden im Vorfeld informiert und nehmen freiwillig daran teil. Bevor die Studierenden die Patientin bzw. den Patienten kennenlernen, erhalten sie eine Einführung durch die Stationsleitungen. Das diensthabende Pflegepersonal ist auch während des gesamten Praktikums Ansprechpartner. Die Studierenden verbringen fünf Wochen je einen Nachmittag pro Woche mit der/dem ihnen zugeteilten Patientin bzw. Patienten.

Die Tätigkeit der Studierenden bewegt sich im gleichen Rahmen wie bei Besuchsdiensten. Mögliche Tätigkeiten sind beispielsweise, sich mit den PatientInnen zu unterhalten oder spazieren zu gehen, zu spielen, zu Therapien zu begleiten und ähnliches. Die Studierenden sollen zudem Einblick in die Aufgabenbereiche der verschiedenen im Pflegekrankenhaus tätigen Gesundheitsberufe bekommen.

 

Parallel zum Praktikum ist ein Reflexionsbericht zu verfassen. Darin werden die Praktikumstage zunächst dokumentiert. Darauf aufbauend reflektieren die Studierenden anhand von Leitfragen ihre positiven und negativen Erlebnisse mit den PatientInnen sowie mit den MitarbeiterInnen des Pflegekrankenhauses, ihre eigenen Stärken und Schwächen in der Interaktion mit jeweils beiden Gruppen und den wichtigsten Erkenntnisgewinn aus der Teilnahme an der Lehrveranstaltung. Im abschließenden Tutorium erfolgt auf Basis der Berichte die Auseinandersetzung mit den gemachten Erfahrungen in der Gruppe. Das Erlebte wird zusammengeführt und die Reflexion wird vertieft.

 

Durch diese Struktur werden Theorie und Praxis miteinander verknüpft, und es wird den Studierenden ermöglicht, Schlüsse für ihre professionelle Entwicklung daraus zu ziehen.

Für den positiven Abschluss der Lehrveranstaltung sind die Teilnahme an und aktive Mitarbeit in allen Lehrveranstaltungsteilen, und das sorgfältige Verfassen des Reflexionsberichtes erforderlich.

 

Die Lehrveranstaltung wird in Kooperation mit dem Institut „Haus der Barmherzigkeit“ durchgeführt. Die Lehrveranstaltungseinheiten werden in zwei modernen geriatrischen Pflegekrankenhäusern des Institutes absolviert.

 

Die Evaluationen zeigen, dass die Lernziele erreicht werden konnten. Die Haltungen der Studierenden gegenüber Pflegebedürftigen als auch gegenüber anderen, nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen haben sich nach der Lehrveranstaltung deutlich verbessert.

 

Die erfolgreiche Implementierung des Curriculumelements „Soziale Kompetenz“ ist ein Baustein in Richtung Förderung des professionellen Handelns der Medizinstudierenden in Wien.

 

Quellenverzeichnis:

Dornan, T., Littlewood, S., Margolis, S.A., Scherpbier, A., Spencer, J., & Ypinazar, V. (2006).How can experience in clinical and community settings contribute to early medical education? A BEME systematic review. Medical Teacher, 28 (1), 3-18.

 

Goldie, J., Dowie, A., Cotton, P., & Morrison, J. (2007). Teaching professionalism in the early years of a medical curriculum: a qualitative study. Med Educ., 41 (6), 610-7.

 

Hannich, H.-J., & Wiesmann, U. (2001). Das Lehrkonzept der Community Medicine in Greifswald und eine erste studentische Evaluation des “frühen Patientenkontaktes”. Z. Allg. Med., 77, 24-27.

 

Scavenius, M., Schmidt, S., & Klazinga, N. (2006). Genesis of the professional-patient relationship in early practical experience: qualitative and quantitative study. Medical Education, 40, 1037-1044.

 

Yardley, S., Littlewood, S., Margolis, S. A., Scherpbier, A., Spencer, J., Ypinazar, V., & Dornan, T. (2010). What has changed in the evidence for early experience? Update of a BEME systematic review. Medical Teacher, 32, 740-746.

 

von Below, B., Hellquist, G., Rödjer, S., Gunnarsson, R., Björkelund, C., & Wahlqvist, M. (2008). Medical students’ and facilitators’ experiences of an early professional contact course: Active and motivated students, strained facilitatores. BMC Medical Education, 8:56.

Positionierung des Lehrangebots

Diplomstudium Humanmedizin (n202) und Diplomstudium Zahnmedizin (n203), erstes Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.