LV Mikroökonomie

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Nominierung durch die Studierenden und das Rektorat

Beschreibung

Nebst einer Präsentation und Diskussion der Funktionsweise der Märkte ermöglicht Mikroökonomie (als formale Wissenschaft und Entscheidungstheorie)

1) die erkenntniskritische Erörterung einer formalen Wissenschaft (Gegenstand, Methode, Logik), wobei vor allem der Erkenntniswert der Formeln (seit Platons ta mathemata wohl die genuine didaktische Aufgabe schlechthin) zur Diskussion steht, 2) eine gemeinsame Perspektive auf die Wissenschaft und Lebenswelt, 3) die erkenntniskritische Grundlage für das Curriculum, 4) eine Besinnung der Studierenden auf ihre praktischen Entscheidungen, 5) ein strategisches Denken, 6) eine Praxis der Kritik, 7) die Herausbildung einer Denkökonomie, 8) verhaltensökonomische Experimente, die belegen, wie auch die Studierenden "geködert", "verankert" und "geschubst" werden und schließlich 9) ein Weltwissen, so dass auch moralische Entscheidungen bewertet werden können und das je eigene Glück aus einer ökonomischen und philosophischen Perspektive denkbar erscheint und praktisch wirklich werden kann.

Erfüllung der Prüfkriterien 

A) Grundlegende Orientierung

Innovative Hochschuldidaktik

Mikroökonomie im ersten Semester an einer Fachhochschule stellt besondere Ansprüche und besitzt mehrere Eigentümlichkeiten mit Bezug auf die Didaktik angesichts unterschiedlicher Bildungsbiographien der Studienanfänger. Da das Fach Mikroökonomie zunehmend mathematisch formalisiert wird und als abstrakte Entscheidungstheorie einer Analyse der eigentlichen ökonomischen Marktprozesse vorgelagert ist, stellt sich prinzipiell die Frage, auf welche Art und Weise damit die konkreten Erfahrungen der Studierenden angesprochen werden können.

Wie können demnach die mikroökonomischen Formeln zu einem Wissenserwerb führen, der sich in praktisch klugen Entscheidungen und Lernprozessen der einzelnen Studierenden niederschlägt? Hier sind vor allem vier didaktische Richtlinien maßgeblich: erstens die forcierte Reflexion sowie erweiterte Kognition der Studierenden. Die Studierenden - mit einem Wort von Kant - tappen nicht blind herum oder stolpern praktisch von einer Entscheidung zur nächsten, ohne dass sie Gründe angeben können.

Die für die Studierenden maßgeblichen Gründe für Entscheidungen sind aber für sie selbst noch nicht völlig durchsichtig. Um mögliche Regeln der Entscheidungen demnach im Plenum auch diskutieren zu können, werden in der Lehrveranstaltung zwei mikroökonomische Anwendungen erörtert: Die Rationalität des Schummelns (Tullock/McKenzie) und der Ehe (Becker, Thaler). Soziologisch im Sinn einer Theorie der mehrfachen Beobachtung (Spencer-Brown, Luhmann, Baecker) reflektieren die Studierenden demnach, indem sie eine Differenz setzen, d.h. es werden auch gruppendynamische Prozesse initiiert, die zu Verhaltensänderungen und verantwortungsvollen Lernergebnissen führen.

Damit ist nun das zweite didaktische Richtmaß verbunden: die Strategie. Dass der Nutzen einer Entscheidung von der Entscheidung eines anderen abhängt, wird also schon zu Beginn der Lehrveranstaltung gemeinsam diskutiert.

Die dritte didaktische Richtlinie springt aus den teils skurril erscheinenden mikroökonomischen Anwendungen hervor: In der Diskussion einer Haushaltsproduktionsfunktion oder des Heiratsmarktes wird früh bei den Studierenden ein emotionales Unbehagen spürbar, warum denn auch die Liebe als eine mikroökonomische Funktion (einer Indifferenzkurve) möglich sei. Dieses Unbehagen mit den Formeln, die scheinbar aus komplizierten menschlichen Gefühlen einfache Optimierungskalküle machen, wird nun didaktisch in das inferentialistische Spiel der Argumente übergeleitet, d.h. angesichts des ökonomischen Imperialismus üben die Studierenden ein Vokabular ein, das eminent kritikwürdig ist. Eine Praxis der Kritik als das Geben und Nehmen von Argumenten betrifft somit nicht nur den Inhalt der mikroökonomischen Aussagen, sondern auch den formalen Geltungsanspruch derselben.

Das vierte didaktische Richtmaß ist die Erprobung des analytischen Arsenals der Mikroökonomie: Die Analyse, also die Zergliederung umfassender Probleme in maßgebliche Komponenten ist Denkökonomie. Der Zusammenhang von Tatsachen, Erfahrungen, Formeln und Relationen ist denkökonomisch im Wortsinn. Durch die Aufhebung der vielfältigen und teils auch widersprüchlichen persönlichen Erfahrungen in widerspruchsfreie Axiome und Theorien lernen die Studierenden, dass Theorien sparsam sind, d.h. nicht jede Erfahrung von ihnen selbst gemacht werden muss, sie selbst nicht auch die Umwege der anderen gehen müssen, d.h. sie können sich diese ersparen.

 

Durch Forschung geleitete Lehre

Die Studierenden werden nun auch mit aktuell durchgeführten Forschungsprojekten konfrontiert, die vor allem zwei Dimensionen besitzen: zum einen werden sie mit der Wirksamkeit der ökonomischen Formeln konfrontiert, die unmittelbar in ihre Lebenswelt eingreifen, nämlich mit den Formeln der Finanzmärkte, die selbstredend auch eine lange spieltheoretische Geschichte besitzen und als strategische Interdependenz schlechthin gelten. Zum anderen wird dargelegt, dass die Möglichkeiten und Optionen des Lebens mittlerweile buchstäblich im Rahmen der real option analysis ökonomisch interpretiert werden. Die vermeintlich bloße Theorie der Mikroökonomie ist somit immer schon real und praktisch wirksam am Werk. Dies ist nun die eigentliche Kunst der Lehrveranstaltung, nämlich die lebensweltliche Reichweite der Mikroökonomie zu erfassen und Interventionsmöglichkeiten zu erproben, so dass nicht schlicht Sachzwänge vorliegen, sondern die Spielräume und –züge von den Studierenden erkannt werden können.

 

Studierendenzentrierung

Zwar ist hier zu Beginn des Studiums der Anspruchscharakter bisweilen hoch, denn dass die Studierenden nur ihren eigenen Verstand vor allem auf dem Feld der Mikroökonomie gebrauchen, kann nicht vorausgesetzt werden. Hier ist eindringlich festzuhalten, dass Fehler selbstredend gemacht werden können und im Dialog mit anderen Studierenden oder dem Lehrveranstaltungsleiter zu Lernprozessen führen. Auch Witz und Humor leisten Beträchtliches, nicht weil sie den Ernst der Sache oder Personen schmälern, sondern weil sie Spielräume und Distanzierungen ermöglichen, die den hohen Anspruch der Mikroökonomie nicht feierlich fixieren, sondern verhandelbar erscheinen lassen. Witz und Humor schulen somit die Einbildungs- und Urteilskraft, so dass mögliche Anwendungen erst vorgestellt werden können, die sonach zu beurteilen sind. Von entscheidender Bedeutung sind diese Spielräume vor allem, weil hier ein akademischer Ethos erscheint, der sich erst in einem gemeinsamen Raum des Nachdenkens, Experimentierens und Urteilens zeigt. So werden Fälle und praktische Anwendungen gemeinsam beurteilt und verkommen nicht zu Punktationen fragwürdiger Klassifikationen, deren Gebrauchswert analytisch gering ist.

 

Kompetenzerwerb

Die Studierenden erwerben somit zu Beginn ihres Studiums maßgebliche Kompetenzen: Eine Fachkompetenz, d.h. die grundlegenden ökonomischen Theorien und Werkzeuge, die in anderen Lehrveranstaltungen wiederum einsichtig angewendet werden können, und eine umfassende Methodenkompetenz, die nicht nur von unterschiedlichen Methoden zu berichten weiß, sondern den epistemologischen und praktischen Gehalt von Methoden beurteilen kann. Die vielfältigen Lehrmethoden der Lehrveranstaltung (Impulsreferate, Diskussionen, gemeinsames Rechnen, Streitgespräche, Interpretation von Texten, Lesetechniken, Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit, in der erstmals im Studium auch wissenschaftliche Quellen recherchiert und zitiert werden) fördern ferner eine Sozialkompetenz, welche die Fähigkeiten zur Präsentation und Moderation erhöht sowie Kooperationsgewinne ermöglicht. Die in der Lehrveranstaltung diskutierten Themen führen zwangsläufig zur Herausbildung einer Wertekompetenz, welche die Grenze einer ökonomischen Interpretation von moralischen Werten auch beurteilen kann, so dass einzig die Produktion von „Humankapital“ gewiss auch mit abnehmenden Erträgen rechnen muss.

 

B) Einführung und Studium Generale/Weltwissen/Allgemeinbildung

Da ein Studium Generale im Curriculum einer FH nicht vorgesehen ist und dennoch ein spezifisches Weltwissen das Mitspielen in der Welt (Kant) für die Studierenden erleichtert, werden in der LV Mikroökonomie thematische und epistemologische Verbindungen angesprochen und diskutiert: Eine mikroökonomische Entscheidungstheorie gibt demnach Raum, um philosophische (ethische) und psychologische Erkenntnisse konkret zu befördern. Die überwiegend utilitaristische Ausrichtung der modernen Moral ist mit ökonomischen Methoden zu konkretisieren, indem die Bewertung der Handlungskonsequenzen dargestellt werden kann. Dass dies auch seit dem frühen 18. Jahrhundert glücklich mache und mit Gerechtigkeit verbunden sei, ist der Einstieg, um mit den Studierenden auch soziale Glücksbilanzen und Gerechtigkeitsvorstellungen zu ergründen. Die ferner von der Verhaltensökonomie vorgebrachte Kritik an der formalen Modellen der Ökonomik gibt Anlass, um gemeinsam mit den Studierenden auch einige Experimente durchzuführen, um die Fallstricke der je eigenen Entscheidungen besprechen zu können. So ist es kein geringes Lernergebnis, wenn die Studierenden erkennen, wie sie geködert, verankert oder geschubst werden (Köder- und Ankereffekt, Nudges). Diese Praxis im Namen der Aufklärung ist demnach auch Teil der einführenden Lehrveranstaltung.

 

 

 

Positionierung des Lehrangebots

Bachelor/1.Semester

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 in der Kategorie Lehr- und Prüfungsformen bei Einführungsveranstaltungen nominiert.