Mastering Interpreting Research: Von der multilingualen Praxis zur Translationsforschung

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die universitäre Ausbildung im Bereich Dolmetschen (für internationale Organisationen und Fachkonferenzen, aber auch Behörden und Gesundheitseinrichtungen) weist notwendigerweise einen hohen Grad an Spezialisierung und Praxisbezug auf. Das Lehrkonzept „Mastering Interpreting Research“ hat deshalb zum Ziel, auch in einem betont praxisorientierten Studium dem Prinzip „Bildung durch Forschung“ gerecht zu werden. Dabei wird Studierenden aus verschiedensten Herkunftsländern mit dezidiert sprachpraktischer Studienmotivation durch einen integrierten studierendenzentrierten Ansatz die Möglichkeit geboten, ihre Kompetenz zum eigenständigen wissenschaftlichen Problemlösen zu entwickeln.

Kurzzusammenfassung

Das Lehrkonzept von Franz Pöchhacker für die Hinführung von primär sprachpraktisch orientierten Studierenden mit sehr diverser kultureller Herkunft zu kompetenter translationswissenschaftlicher Forschung, wie sie im Rahmen der Masterarbeit unter Beweis gestellt wird, beruht auf drei Komponenten, die in starker Wechselwirkung stehen und als Dreiecksmodell konzipiert werden können. Dieses umfasst grundlegend das Curriculum, das die Rahmenbedingungen für die gemeinsame Arbeit schafft, und die Akteure im Lehr- und Lernprozess, nämlich die Studierenden und den Seminarleiter bzw. Betreuer der Masterarbeit. Der Schlüssel zum erfolgreichen Kompetenzentwicklungsprozess liegt in der geeigneten Themenwahl für die Masterarbeit, die oft in einem ersten Seminar vorbereitet und in der Folge im intensiven Austausch mit dem Betreuer festgelegt wird. Dabei wird so weit wie möglich auf die Motivation und Möglichkeiten der Studierenden Rücksicht genommen, deren Sprach- und Kulturkompetenz und Auslandserfahrungen für viele wissenschaftlichen Aufgabenstellungen und Untersuchungsfelder einen besonderen Trumpf darstellen. Dieses Potenzial wird zum einen dank einer spezifischen forschungsmethodischen Ausbildung (die in einer Vorlesung des Einreichers Franz Pöchhacker vermittelt wird) und zum andern durch gemeinsame Reflexion in der Forschungsseminargruppe sowie im regen E-Mail-Kontakt und in Einzelgesprächen mit dem Betreuer realisiert.

Nähere Beschreibung

Das Lehrkonzept „Mastering Interpreting Research“ von Franz Pöchhacker als Einreicher für eine optimale Betreuung von Masterarbeiten im Bereich Dolmetschwissenschaft am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien beruht auf drei Komponenten, die in starker Wechselwirkung stehen und als Dreiecksmodell konzipiert werden können. Dieses umfasst grundlegend das Curriculum, das die Rahmenbedingungen für die gemeinsame Arbeit schafft, und die AkteurInnen im Lehr- und Lernprozess, nämlich die Studierenden und den Seminarleiter bzw. Betreuer der Masterarbeit. Das Curriculum verdient im Bereich des Dolmetschens besondere Beachtung, zumal das Studium traditionellerweise stark praxisbezogen ist (und es im Sinne der „employability“ auch sein muss), während die fachwissenschaftliche Komponente erst im Lauf des letzten Jahrzehnts in das Studium integriert werden konnte. Zwar stehen praktischer Übungsbetrieb und wissenschaftliches Arbeiten nach wie vor – und auch an vergleichbaren Ausbildungsstätten weltweit – in einem Spannungsverhältnis, doch wurde durch den Studienplan für das Masterstudium Dolmetschen aus dem Jahr 2007, den Franz Pöchhacker federführend mitgestalten konnte, sehr gute Rahmenbedingungen geschaffen: Die theoretisch-methodische Komponente des Studiums fällt zwar mit zwei Vorlesungen und zwei Seminaren sehr bescheiden aus, erlaubt es den Studierenden aber, nicht nur ein translatorisches Leistungsniveau nach internationalen professionellen Standards zu erreichen, sondern auch die nötigen wissenschaftlichen Qualifikationen für die Erstellung einer anspruchsvollen Masterarbeit zu erwerben. Für die betreffenden Lehrveranstaltungen („Einführung in die Dolmetschwissenschaft“, „Forschungsmethodik“, „Seminar Dolmetschwissenschaft“, „Forschungsseminar“) zeichnet sich Franz Pöchhacker verantwortlich, wobei parallele Seminare von Prof. Mira Kadric-Scheiber angeboten werden, die analog auch Masterarbeiten betreut. Die Vorlesung zur Forschungsmethodik wurde bis zum Vorjahr unter der verantwortlichen Leitung vom Einreicher gemeinsam mit speziell ausgewiesenen KollegInnen (u.a. aus dem Bereich Psychologie und Soziologie) angeboten und wurde mit Inkrafttreten des neuen Studienplans mit WS 2015 diesem allein übertragen.

In der zentralen Kooperationsbeziehung zwischen Betreuer und Studierender (ca. 90% der Studierenden sind weiblich) lassen sich die kritischen Erfolgsfaktoren auf beiden Seiten unter den Begriffen Motivation und Möglichkeiten zusammenfassen. Die Stärken und primären Interessen der Studierenden im Bereich Dolmetschen liegen in der praktischen Anwendung ihrer mehrsprachigen Kompetenz und oft bi- oder multikulturellen Vorerfahrungen mit dem Ziel, Kommunikation über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zu ermöglichen. Die Tatsache, dass 30-50% der rund 50 Studierenden, die jedes Semester das Masterstudium beginnen, Deutsch als Fremd- bzw. Zweitsprache haben, verdeutlicht die erhebliche Diversität und Multikulturalität der Lernenden, die darin auch einen Fokus ihres Studiums sehen. Diese Studierenden mit dem Berufsziel Dolmetschen müssen im curricularen Rahmen zur Überzeugung kommen können, dass das wissenschaftliche Arbeiten nicht eine Hürde auf dem Weg zur professionellen Qualifikation ist, sondern eine wertvolle Komponente ihrer Bildung. Der Schlüssel liegt somit in einer studierendenzentrierten Hinführung zur Forschung ausgehend von der multilingualen Praxis. Nach einer Sensibilisierung in einführenden Vorlesungen spielt dafür ein erstes Seminar im Masterstudium eine zentrale Rolle. Im Wintersemester 2015 wurde darin das sehr positiv evaluierte Lehrprojekt “SIMinar” umgesetzt, in dem die Seminarreferate von entsprechend geübten KollegInnen simultan gedolmetscht wurden.

Auf dem Weg zur Masterarbeit ist wiederum die geeignete Themenwahl und Entwicklung einer zu bewältigenden Aufgabenstellung von entscheidender Bedeutung, wofür der Betreuer die Verantwortung trägt. Während sich die Themenwahl maßgeblich auf die nötige Motivation bei der Umsetzung des Masterarbeitsvorhabens auswirkt, ist es vor allem wichtig, die Möglichkeiten der Studierenden richtig einzuschätzen, damit die Motivation nicht durch Überforderung oder Rückschläge geschmälert wird. Neben der erforderlichen methodischen Kompetenz beziehen sich diese Möglichkeiten vor allem auf den „Zugang zum Feld“ bei empirischen Arbeiten, während die sehr diverse Sprach- und Kulturkompetenz sowie die Auslandserfahrungen der Studierenden in der Regel einen besonderen Trumpf darstellen.

Für Franz Pöchhacker als Betreuer liegt die Motivation grundsätzlich in der Überzeugung, dass auch in einem so praxisorientierten Studium wie jenem des Dolmetschens das Prinzip „Bildung durch Forschung“ Raum haben kann und muss. Zwar sind die Aussichten auf eine Karriere im Bereich der Dolmetschwissenschaft relativ gering, doch soll das Studium im Sinne des Lehrkonzepts „Mastering Interpreting Research“ auch eine wissenschaftliche Bildung vermitteln, die über das translatorische Arbeitsfeld hinaus zu anspruchsvoller beruflicher Betätigung befähigt. Diesbezüglich vermittelt Bildung durch Forschung den Studierenden vor allem Erfahrungen im eigenständigen Problemlösen (im Unterschied zum ausgangstextgebundenen „(re)produktiven“ translatorischen Handeln), die kraft der erworbenen methodischen Kompetenz (etwa im Bereich der qualitativen oder quantitativen empirischen Sozialforschung) in anderen Aufgabenbereichen anwendbar sind.

Als international renommierter Dolmetschwissenschaftler nützt Franz Pöchhacker sein Lehrkonzept zugunsten des eigenen Faches zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und zur konkreten Weiterentwicklung des dolmetschwissenschaftlichen Forschungsstandes. Aus Letzterem ergibt sich der Anspruch für die betreuten Arbeiten, die jedenfalls einen angemessenen Erkenntnisgewinn bringen müssen. Dieser kann, wiederum entsprechend den vorhandenen Möglichkeiten der Studierenden und ihren sehr diversen Vorerfahrungen, in Art und Ausmaß verschieden sein; schließlich gilt für „Mastering Interpreting Research“, dass die wissenschaftliche Arbeit auf Masterniveau ebenso den Studierenden nützen soll wie diese durch ihre Arbeit dem Fach. 

Im Rahmen des Lehrkonzepts „Mastering Interpreting Research“ kommen diese Ressourcen zum Nutzen der Studierenden in einem 10 Schritte umfassenden Stufenplan wie folgt zum Einsatz:

1) Thematische Orientierung

In dem an die einführende Vorlesung anschließenden Seminar mit wechselnden Rahmenthemen (und zum Teil bereits in der Vorlesung selbst) werden die Studierenden auf mögliche Themen und Fragestellungen für eine Masterarbeit hingewiesen bzw. zu diesen hingeführt. Anhand der im betreffenden Seminar behandelten Arbeiten lernen die TeilnehmerInnen auch verschiedene methodische Ansätze kennen.

2) Methodische Orientierung

In der meist vor dem Seminar besuchten Vorlesung Forschungsmethodik wird insbesondere der Weg von der Idee bis zur Masterarbeit thematisiert und es werden methodische Ansätze und Verfahren vorgestellt und anhand von Beispielen erläutert.

3) Themendiskussion

Erste Anfragen und Vorschläge werden per E-Mail oder in der Sprechstunde übermittelt und mit einer ersten Einschätzung der Sinnhaftigkeit und Machbarkeit sowie Hinweisen auf relevante Literatur und ähnlich gelagerte fertige Masterarbeiten beantwortet. Dieser interaktive Themenfindungsprozess erfolgt oft in mehreren Anläufen (mit dazwischenliegenden Recherchephasen) und kann wiederholte Korrespondenzrunden und geraume Zeit in Anspruch nehmen.

4) Themenvereinbarung

Eine essenzielle Rolle in der gemeinsamen Festlegung des Masterarbeitsthemas spielt das ausführliche persönliche Gespräch. Die Einschätzung der Umsetzbarkeit eines konkreten Vorhabens (d.h. der Beantwortbarkeit einer spezifischen Fragestellung) erfordert meist ein über die Arbeit im ersten Seminar hinausgehendes näheres Kennenlernen der jeweiligen Studierenden, einschließlich ihrer speziellen Interessenslagen, Vorerfahrungen und kulturellen Hintergründe sowie auch aktueller privater Bezüge. In vielen Fällen sind Kompetenzen, die durch ein Vor- oder Zweitstudium erworben wurden, oder Erfahrungen im Rahmen von beruflicher Tätigkeit ausschlaggebend für die Machbarkeit eines Themas, in anderen wiederum die spezielle Sprach- und Kulturkompetenz, wie sie etwa für Interviews mit fremdsprachigen NutzerInnen von Dolmetschleistungen vonnöten ist. Zahlreiche Beispiele ließen sich zur Veranschaulichung anführen – von der rumänische Studentin, die in einer Wiener Klinik tätig ist und eine Arbeit über „Dolmetschen im rumänischen Medizintourismus“ (Ivascu 2014) schreibt, über den passionierten Tablet-Nutzer aus Italien, der eine Studie über „Mobile Geräte beim Simultandolmetschen mit besonderem Bezug auf Tablets“ (Paone 2016) durchführt, bis zur Studentin mit Muttersprache Swahili mit ihrer Arbeit über „Dolmetschen für die Afrikanische Union“ (Kyoni 2012).

5) Konzeptentwicklung

Nach der Themenvereinbarung wird durch offene Diskussion in den ersten Terminen des Forschungsseminars die Konzeptentwicklung vorangetrieben, wobei einerseits das Feedback der Gruppe genützt wird und diese andererseits insbesondere von methodischen Diskussionen profitiert.

6) Präsentation

Im Rahmen eines Referats (20-30 Min.) wird das Masterarbeitsvorhaben als „work in progress“ im Seminar vorgestellt und sowohl von den anderen TeilnehmerInnen als auch vom Betreuer intensiv kommentiert und diskutiert, wobei vielfach die Instrumente zur Datenerhebung und -analyse weiter verfeinert werden können.

7) Seminararbeit

Die für das Forschungsseminar erstellte Seminararbeit im Umfang von ca. 25 Seiten soll so weit wie möglich als Textabschnitt in die Masterarbeit einfließen. Die penible Korrektur der Seminararbeit ermöglicht dabei eine klare Abstimmung des geforderten Niveaus an Klarheit und Korrektheit der Darstellung und sonstiger redaktioneller Anforderungen zwischen VerfasserInnen und Betreuer.

8) Einzelbetreuung

Nach Abschluss des Forschungsseminars erfolgt die weitere Einzelbetreuung im persönlichen Gespräch oder per E-Mail, je nach Bedarf und (selbst bestimmtem) Arbeitsplan. Im Vordergrund stehen dabei meist Fragen der inhaltlichen Gliederung und methodische Aspekte der Datenerhebung und -auswertung.

9) Gesamtentwurf

Nach Vorlage des ersten Gesamtentwurfs der Masterarbeit erhalten die Studierenden neben entsprechenden Kommentaren einen detailliert annotierten Ausdruck zur Überarbeitung.

10) Endbeurteilung

Nach Vorlage der überarbeiteten Endfassung der Masterarbeit erfolgt eine weitere vollständige Durchsicht vor der Freigabe zur offiziellen Einreichung. Dies ermöglicht es dem Betreuer, nach erfolgter Einreichung der Masterarbeit das Gutachten für die Beurteilung möglichst zeitnah (d.h. meist innerhalb einiger Tage) zu erstellen.

 

Der hohe Zeitaufwand, der mit dieser intensiven Betreuung von durchschnittlich 25 laufenden Masterarbeiten verbunden ist, rechtfertigt sich durch die meist sehr hohe Qualität der Ergebnisse, die im Idealfall in Form von Aufsätzen in internationalen Fachzeitschriften oder zumindest in Form von Berichten in Publikationen von Berufsverbänden veröffentlicht werden können. Dies gelingt jedoch zugegebenermaßen zu selten, da die AbsolventInnen primär damit beschäftigt sind, im Berufsleben Fuß zu fassen und der Aufwand für die Erstellung eines englischen Fachartikels auf Basis der Masterarbeit ohne erhebliche Unterstützung seitens des Betreuers kaum zu bewältigen wäre. Dass eine Masterarbeit in Buchform erscheint (z.B. Balbous 2015), ist eher die Ausnahme, wobei die AbsolventInnen ausdrücklich vor den Praktiken deutscher Verwertungsverlage gewarnt werden.

Von der hohen Qualität vieler Masterarbeiten zeugen auch Preise und Auszeichnungen, wie z.B. der Förderungspreis für NachwuchsforscherInnen der Berufsgruppe Sprachdienstleister der Wirtschaftskammer Wien für die Masterarbeiten von Kirsten Hawel (2010) und Bettina Hiebl (2011) und der CIUTI (Conférence Internationale Permanente d’Instituts Universitaires de Traducteurs et d’Interprètes) Prize 2014 für herausragende Masterarbeiten auf dem Gebiet der Translationswissenschaft für die in Italien durchgeführte Studie von Elisabeth Nimmervoll (2013).

Positionierung des Lehrangebots

Masterstudium Dolmetschen (seit WS 2007) bzw. Masterstudium Translation (seit WS 2015). Ein dolmetschwiss. Seminar für Stud. im 2./3. Semester, ein 2. Forschungsseminar/Masterkolloquium für Stud. im 4. Semester bei der Betreuung der Masterarbeit.

Weiterführende Information


Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.