Wissenschaftliches Arbeiten für JuristInnen

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Seit einigen Semestern sieht der Studienplan für das Diplomstudium Jus der Universität Salzburg den Kurs „Wissenschaftliches Schreiben (für JuristInnen)“ vor. Jede Studentin, jeder Student der Rechtswissenschaft muss diesen Kurs absolvieren. Er wird parallel von jeweils vier Lehrenden pro Semester angeboten. Jeder Lehrende wendet ein eigenes Lehrkonzept an.

Der Kurs soll das nötige „Handwerkszeug“ vermitteln, um eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreiben zu können. Darüber hinaus ist es Ziel des Kurses, den Studierenden zu vermitteln, dass wissenschaftliches Schreiben nicht bloß eine abstrakte, brotlose Kunst ist, die lediglich akademischen Zwecken dient, sondern, dass es sich dabei, um etwas enorm „Praktisches“ handelt, das jeder Richter/jede Richterin, jeder Anwalt/jede Anwältin, jeder Notar/jede Notarin in seinem/ihrem Beruf täglich anwendet. Im Kern geht es bei der Juristerei immer darum, ein Rechtsproblem einer Lösung zuzuführen, die für andere nachvollziehbar und überprüfbar ist. Das geschieht anders als in den Naturwissenschaften nicht durch empirische Beweise, sondern allein durch die Verwendung von Argumenten, also durch die Anwendung von Sprache. Das heißt, dass eine Diplomarbeit und ein Schriftsatz – bei unterschiedlicher äußerer Form und unterschiedlicher Zielsetzung – im Kern demselben Ansatz verpflichtet sind. Beide überzeugen nur dann, wenn sie auf einer plausiblen, methodisch nicht angreifbaren Argumentation beruhen. Mit anderen Worten, wissenschaftliches Schreiben im Sinne von juristischem Argumentieren ist eine Kernkompetenz jedes Juristen und jeder Juristin, unabhängig davon ob sie nun in Theorie oder Praxis tätig sind. Aufgabe des Kurses wissenschaftliches Schreiben ist es daher den Studierenden genau diese Fertigkeit zu vermitteln.

Beschreibung

Der Kurs „Wissenschaftliches Schreiben für JuristInnen“ soll auf das Verfassen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit vorbereiten. Ziel des Kurses ist es auf diesem Weg den Studierenden eine Kernkompetenz des rechtswissenschaftlichen Studiums zu vermitteln: das juristische Schreiben im Sinne von juristischem Argumentieren.

Die Herausforderung des Kurses basiert auf der Ausgangssituation, dass dafür nur eine Semesterstunde zur Verfügung steht. In diesem begrenzten Rahmen soll den Studierenden ein theoretischer Input, die Möglichkeit zum praktischen Schreiben sowie ein inhaltliches Feedback gegeben werden. Das lässt sich mit den Präsenzeinheiten nicht bewerkstelligen. Aus diesem Grund ist die digitale Lern- und Lehrplattform „Blackboard“ ein integraler Bestandteil des Kurses. Über das Blackboard werden einerseits die Unterlagen und Materialien für die praktischen Übungen bereitgestellt. Zum anderen müssen auch die Studierenden ihre eigenverantwortlich verfassten Texte auf die Lern- und Lehrplattform hochladen. In den Präsenzeinheiten werden dann in Kleingruppen ausgewählte Texte in anonymisierter Form anhand des theoretischen Inputs analysiert und die Ergebnisse der Kleingruppen in moderierter Form im Plenum diskutiert. Daneben besteht ein digitales Diskussionsforum, das den TeilnehmerInnen die Möglichkeit geben soll, sich untereinander auszutauschen. Dieses horizontale Peer-Feedback stellt eine weitere Plattform dar, um juristisches Argumentieren zu üben.

Die universitäre Lehre unterscheidet sich von allen anderen Lehrangeboten durch ein zentrales Merkmal: Die Verknüpfung von Forschung und Lehre. Die Herausforderung dabei ist, diesen forschungsgeleiteten Ansatz auf allen Ebenen der Lehre zu implementieren. Das gilt besonders für Lehrveranstaltungen, die sich an Studierende richten, die noch nicht über die erforderlichen Fachkompetenzen verfügen. Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg habe ich festgestellt, dass gerade digitale Lern- und Lehrelemente in diesem Zusammenhang eine wichtige Hilfestellung bieten. Darüber hinaus haben sie den Vorteil, dass sie eigenverantwortliches und selbstgesteuertes Lernen fördern. Diese praktische Erfahrung konnte ich im Zuge meiner Teilnahme am Erweiterungslehrgang des Hochschuldidaktischen Lehrgangs der Universität Salzburg „HSD+“ vertiefen. Das Ergebnis dieses Lernprozesses war die Entwicklung und konkrete Umsetzung des Kurses „Wissenschaftliches Schreiben für JuristInnen“, mit dem ich mich um den diesjährigen Staatspreis für exzellente Lehre „Ars Docendi“ in der Kategorie „Digitale Lehr- und Lernelemente in Verbindung mit traditionellen Vermittlungsformen“ bewerben möchte.

 

1. Konzept der Lehrveranstaltung

1.1. Die Kernkompetenz „wissenschaftliches Schreiben“ wird vermittelt, indem gemeinsam mit den Studierenden die einzelnen Schritte einer juristischen Abschlussarbeit durchlaufen werden. Diese einzelnen Schritte werden jeweils anhand einer übergeordneten und zusammenhängenden Forschungsfrage erarbeitet: „Darf der Arbeitgeber die Nutzung des Internets durch die Arbeitnehmer kontrollieren und macht es einen Unterschied, ob die dienstliche oder private Internetnutzung kontrolliert wird?“ Hierbei handelt es sich um eine Frage, die weder in der Literatur noch in der Rechtsprechung abschließend geklärt ist. Damit eignet sie sich besonders für die Implementierung eines forschungsgeleitenden Lehrkonzepts.

Zu dieser Forschungsfrage werden folgende, einzelne Arbeitsschritte durchlaufen:

1) Formulierung einer Forschungsfrage

Den Studierenden wird über die E-Learning-Plattform „Blackboard“ Übersichtsliteratur zum Thema „Internet und Arbeitsrecht“ zur Verfügung gestellt. Anhand der bereitgestellten Materialien sollen die Studierenden unterschiedliche Forschungsfragen entwickeln.

2) Erstellung einer Gliederung und Einleitung

In der Präsenzeinheit wird den Studierenden vermittelt, wie sie die einzelnen Themen einer Forschungsfrage zueinander in Beziehung setzten können. Dabei wird zB auf das Instrument des „Mind-Mappings“ verwiesen. Auf Grund dieses Inputs sind die Studierenden aufgerufen, selbst eine Gliederung zu erstellen. In der nächsten Präsenzeinheit werden dann ausgewählte Beispiele in elektronischer Form präsentiert und gemeinsam diskutiert. Diesem Konzept folgt auch die Erstellung einer Einleitung. Vorab wird den Studierenden die Einleitung eines aktuellen wissenschaftlichen Artikels elektronisch zur Verfügung gestellt. Ihre Aufgabe ist es, die einzelnen Elemente der Einleitung anhand dieses Beispiels zu erkennen und zu benennen. Die Ergebnisse werden dann in der nächsten Präsenzeinheit besprochen. Dies soll den Studierenden als Grundlage für ihre eigenen Texte dienen.

3) Darstellung der Literatur und kritische Auseinandersetzung mit den vorgebrachten Argumenten anhand im Vorfeld zur Verfügung gestellter, digitaler Literaturauszüge.

Auch hierzu erhalten die Studierenden zuerst einen theoretischen Input in der Präsenzeinheit. Dies soll die Grundlagen für die eigenen praktischen Formulierungsversuche bilden. Die Studierenden müssen ihre Textbeispiele über das Blackboard im Word- oder pdf-Format hochladen. Auf diese Weise können den Texten individuelle Kommentare beigefügt werden und Stärken und Schwächen der Texte bildlich hervorgehoben werden. Diesem Prinzip folgen auch die weiteren Arbeitsschritte 4-5.

4) Darstellung und Zusammenfassung einer höchstgerichtlichen Entscheidung anhand im Vorfeld zur Verfügung gestellter, digitaler Urteile

5) Beantwortung konkreter Teilfragen zur Forschungsfrage, anhand der zur Verfügung gestellten Literatur und höchstgerichtlichen Entscheidungen

 

Am Ende müssen die Studierenden die einzelnen Teilleistungen zu einer einheitlichen Abschlussarbeit zusammenführen.

Für eine positive Absolvierung des Kurses sind daher folgende Leistungsnachweise zu erbringen:

- Anwesenheit

- Mitarbeit

- Abgabe der Hausarbeiten (hier wird tatsächlich nur die Abgabe und noch nicht der Inhalt berücksichtigt. Damit soll dem didaktischen Konzept des Kurses Rechnung getragen werden, dass die TeilnehmerInnen voneinander lernen sollen, in dem sie unterschiedliche Zugänge kennenlernen und auch die Möglichkeit haben, aus Fehlern zu lernen

- Abschlussarbeit

Diese Leistungsanforderungen werden zu Beginn der ersten Einheit erklärt und transparent gemacht.

1.2. Die Herausforderung besteht freilich darin, das Ziel des Kurses im Rahmen einer einstündigen Lehrveranstaltung im Ausmaß von 3 ECTS zu erreichen, an dem im Schnitt vierzig Personen – zT ohne fachlich einschlägige Vorkenntnisse – teilnehmen. Zum einen soll den Studierenden jeweils ein theoretischer Input gegeben werden, zum anderen müssen die TeilnehmerInnen die Möglichkeit haben, das Gehörte umsetzen und erproben zu können. Letzteres macht darüber hinaus nur dann Sinn, wenn sie auch ein inhaltliches Feedback dazu bekommen. In ca sieben Präsenzeinheiten lässt sich dies kaum unterbringen.

Deshalb bilden digitale Lehr- und Lernelemente einen integralen Bestandteil dieses Kurses. Sie dienen zum einen dem Zweck, den Studierenden die notwendige Literatur leicht zugänglich zu machen und somit die Möglichkeit zu geben, fehlende Vorkenntnisse nachzuholen. Auf diese Weise soll dem uneinheitlichen Wissenstand der Studierenden zu Beginn des Kurses Rechnung getragen werden. Zum anderen verfolgt der Einsatz digitaler Lehr- und Lernelemente das Ziel, die Kommunikation und Interaktion zwischen Lehrendem und Studierenden zu vereinfachen und somit das didaktische Konzept des Kurses zu unterstützen.

In den Präsenzeinheiten steht dadurch ausreichend Zeit für theoretischen Input, Austausch und Feedback zur Verfügung. Ziel ist es den theoretischen Input mit dem Feedback zu verbinden. Deshalb sind in einem ersten Schritt die Studierenden selbst aufgerufen, ein Feedback zu den verfassten Arbeiten abzugeben. Auf diese Weise soll gewährleistet werden, dass die Studierenden den theoretischen Input nicht nur passiv konsumieren, sondern sich diesen auch aktiv erarbeiten.

1.3. Zunächst werden in Kleingruppen von zwei bis vier Personen ca vier anonymisierte Beispiele diskutiert, um Fehler zu erkennen und Positives hervorzuheben. Dabei sollen die Studierenden in einem ersten Schritt bloß benennen, welche Texte sie gut bzw weniger gut finden. Die Beispieltexte werden zu diesem Zweck jeweils am Beginn der Präsenzeinheit ausgeteilt. Es ist Teil des didaktischen Konzepts, dass die Studierenden in dieser Phase noch keine Zeit zur Vorbereitung hatten. Dadurch soll eine spontane Reaktion der Studierenden provoziert werden, die dann in weiterer Folge unter Anleitung des Lehrveranstaltungsleiters strukturiert wird. In einem nächsten Schritt sollen die Gründe für ihre Beurteilung herausgearbeitet werden. Die Ergebnisse der Kleingruppen werden dann gesammelt und gemeinsam in moderierter Form im Plenum besprochen und analysiert. Hier geht es darum, die Ergebnisse der Kleingruppen mit dem theoretischen Input zu verknüpfen. So entstehen durchaus kontrovers geführte Diskussionen unter den Studierenden; zB zu der Frage, ob Fußnoten in der Einleitung ein Zeichen von Wissenschaftlichkeit und folglich positiv sind, oder den Zugang zum Thema eher erschweren und deshalb möglichst sparsam verwendet werden sollen. Die Anonymisierung der Texte soll dabei möglichst das Gefühl eines „An-den-Pranger-Stellen“ verhindern. Es soll die Angst vor Fehlern genommen werden. Tatsächlich ist die Möglichkeit, aus Fehlern zu lernen, ein zentrales didaktisches Element des Kurses. Die Studierenden sollen auf diese Weise einen Eindruck bekommen, wie KollegInnen mit dem Stoff umgehen und verschiedene Zugänge kennen lernen. Es geht primär darum, den Studierenden zu vermitteln, dass sie nicht nur vom Lehrveranstaltungsleiter, sondern vielmehr voneinander lernen können. Der Kurs folgt damit einem „bottom-up-approach“.

Um eine vertiefende Auseinandersetzung mit den Bespieltexten zu ermöglichen, besteht daneben ein digitales Diskussionsforum. Dieses Diskussionsforum soll den Studierenden die Möglichkeit geben, sich über die Beispieltexte nochmals auszutauschen. Hier geht es darum, die Diskussion in der Präsenzeinheit nochmals zu reflektieren; nunmehr in strukturierter und nicht spontaner Form. Es können auf diese Weise noch offengebliebene Fragen gestellt bzw geklärt oder Erkenntnisse kritisch hinterfragt werden. Dieser horizontale Austausch über die Stärken und Schwächen der eigenen Texte stellt eine weitere Plattform dar, um juristisches Argumentieren zu üben. Zum anderen wird auf diese Weise gewährleistet, dass jede/r Studierende letztlich über die Gesamtlaufzeit des Kurses mehrmals individuelles Feedback erhält; sei es vom Lehrveranstaltungsleiter in der Präsenzeinheit oder den KollegInnen im digitalen Diskussionsforum.

Dies war zunächst bei der erstmaligen Abhaltung des Kurses nicht gewährleistet, da sich damals aus Zeitgründen das Feedback auf die Präsenzeinheiten beschränkt hatte. Mit der Einführung eines digitalen Diskussionsforums im aktuellen Semester sollte also gerade diesem dezidierten Wunsch der Studierenden Rechnung getragen werden. Die Implementierung eines digitalen Lern- bzw Lehrelements soll daher auch in diesem Punkt zu einer höheren Akzeptanz des Kurses beigetragen. Tatsächlich hat sich in diesem Zusammenhang gezeigt, dass das Peer-Feedback der Studierenden eine hohe Treffsicherheit aufweist und damit auch hohe Aussagekraft hat.

Letztlich ist es das Ziel, dass die TeilnehmerInnen auf Grundlage der Diskussionen ihre Texte noch einmal überarbeiten, bevor sie sie zur Abschlussarbeit zusammenfügen. Damit soll die Eigenverantwortung der Studierenden für ihre Texte und auch die Selbstorganisation gefördert werden. Auf die Abschlussarbeit bekommt jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin ein individuelles Feedback. Daraufhin hat jede/r noch einmal die Möglichkeit, die Arbeit zu verbessern.

Positionierung des Lehrangebots

1. Studienabschnitt

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 in der Kategorie Digitale Lehr- und Lernelemente in Verbindung mit traditionellen Vermittlungsformen nominiert.