Mozarteum und Klangspuren MOBIL - Musikvermittlung als musikpädagogisches Konzept (LV: Projekt PT, 2 SSt)

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Als Ausgangslage soll ein bestehendes Musikvermittlungsprogramm im Rahmen einer Lehrveranstaltung analysiert und neu konzeptioniert werden. Ziele sind die Entwicklung eigener Unterrichtsmaterialien sowie die Durchführung und Evaluation dieser in der Schulpraxis. Zur Professionalisierung des eigenen Lehrverhaltens werden die Workshops an den Schulen gefilmt und mithilfe des Ansatzes zum Classroom Management systematisch und theoriegeleitet analysiert. Im Anschluss an die Lehrveranstaltung sollen die Studierenden vom Festival „Klangspuren“ als selbstständige WorkshopleiterInnen engagiert werden, was einen sanften Übergang zwischen Studium und Berufswelt ermöglicht.

Beschreibung

Mozarteum/Klangspuren Mobil – Neukonzeption eines Musikvermittlungsangebots

 

Im Zentrum der Lehrveranstaltung stand die Entwicklung und Durchführung von Workshops mit didaktischer Zielsetzung rund um einen Kleinbus voller Musikinstrumente, der sich auf den Weg zu Tiroler Schulen macht, um vor Ort mit den Kindern Musik durch Anfassen und Ausprobieren erlebbar und erfahrbar zu machen. Zunächst galt es die Instrumente in Spielbereitschaft zu bringen und geeignete Spieltechniken zu beschreiben, die auch ohne musikalische Vorkenntnisse umsetzbar und dennoch musikalisch sinnvoll sind - „Musik von Anfang an!“. Der Erfolg dieses Projekts lässt sich in der realen Praxis deutlich ablesen: Die Studierenden wurden als pädagogische Expertinnen und Experten vom Festival „Klangspuren“ übernommen und touren mit den selbstentwickelten Materialien seither durch ganz Tirol. Bereits über 1.000 Kinder musizierten nach grafischer Notation, entwickelten eigene Kompositionen oder vertonten außermusikalische Inhalte. Die Verantwortungsübernahme für ein Instrument für die Dauer eines Workshops stellt ein einzigartiges Erlebnis kultureller Teilhabe dar. Die Studierenden erweiterten ihre fachlichen wie auch didaktischen Kompetenzen und führten selbstständig ein musikpädagogisches Projekt von der Planungs- bis zur Auswertungsphase durch. An den Schulen wurden die Studierenden von der LV- Leiterin begleitet, um strukturiertes Feedback nach den „Techniken der Klassenführung“ (Kounin 2006) zu erhalten.

Die neukonzipierte Lehrveranstaltung „Musikvermittlung als musikpädagogisches Projekt“ ist eine Kooperation zwischen dem renommierten Tiroler Festival für zeitgenössische Musik „Klangspuren“ und der Universität Mozarteum. Ein bestehendes Angebot aus dem Bereich der Musikvermittlung wurde hierbei innerhalb einer universitären Lehrveranstaltung reflektiert, musikpädagogisch weiterentwickelt und in der Schulpraxis erprobt. Der aktuelle Fachdiskurs zeigt, dass sich der Kulturbegriff und damit die Kulturvermittlung im Wandel befinden. Die Musikpädagogik darf sich dieser Entwicklung nicht verschließen, sondern muss mit der Musikvermittlung gemeinsame Schnittmengen bestimmen, um Synergien sinnvoll zu nutzen. Die Forschung im Bereich der Musikvermittlung blüht auf, besonders im deutschsprachigen Raum entsteht eine Reihe von musikpädagogischen Qualifizierungsarbeiten hierzu. Um diese Publikationen einordnen zu können, brauchen die Studierenden Terminologie, angeleitete Reflexion und vor allem Gelegenheit zur Praxiserfahrung in diesem Feld.

Im Zentrum des Projekts steht ein Kleinbus voller Musikinstrumente, das sogenannte „Klangspuren Mobil“, das sich auf den Weg zu Tiroler Schulen und Bildungseinrichtungen macht, um vor Ort mit den Kindern Musik durch Anfassen und Ausprobieren unmittelbar erlebbar und erfahrbar zu machen. Die Aufgabe für die Lehrveranstaltung lautete, ein pädagogisch wertvolles Konzept zur Erarbeitung unterschiedlicher musikalischer und musikbezogener Inhalte rund um den Klangspurenbus mit seinem Instrumentenangebot zu entwickeln und entsprechende Materialien zu erstellen. Dabei stellte die Lehrveranstaltungsleiterin das Motto „Musik von Anfang an!“ ins Zentrum des Projekts und sprach die Forderung nach einer stärkeren Anbindung an die Programmierung des Festivals aus. „Musik von Anfang an!“ bedeutet, dass die Kinder sofort in Kontakt mit den Instrumenten kommen und darauf in korrekten Spielhaltungen zum konkreten Musizieren angeleitet werden sollen.

Die Studierenden entwickelten in Teams eine Reihe von Bausteinen, die sich je nach Alter, musikalischer Vorbildung, Raum- oder Gruppengröße sowie dem zur Verfügung stehenden Zeitrahmen anpassen und zu unterschiedlichen Workshops kombinieren lassen. Gemeinsam in der Lehrveranstaltung wurden die Materialien erprobt, überarbeitet und perfektioniert. Als Ergebnis dieses intensiven Prozesses kann eine Workshopreihe präsentiert werden, die sich an 6- bis 12-jährige Schülerinnen und Schüler richtet und die voraussetzungslose Begegnung mit grafischer Notation, Komposition bzw. Vertonung außermusikalischer Inhalte an verschiedensten Instrumenten ermöglicht.

Von Mai 2015 bis jetzt konnten über 1.000 Kinder tirolweit an ihren Schulen je zwei Stunden an einem dieser Workshops teilnehmen. Dabei wurden Kinder mit unterschiedlichster musikalischer Vorbildung und aus allen sozialen Schichten erreicht. Zentral ist die selbsttätige Auseinandersetzung mit den Instrumenten und den musikalischen Inhalten. Die Verantwortung für ein Instrument im Rahmen der Workshops, das Musizieren im Klassenverband und die damit unmittelbare kulturelle Teilhabe sind nachhaltig prägende ästhetische Erfahrungen in dieser für die musikalische Biografie ausschlaggebenden Altersstufe.

Die Studierenden erleben sich selbst in der Rolle der Lehrperson und testen ihre Materialien in unterschiedlichen Bildungskontexten, was ihre fachlichen wie auch didaktischen Kompetenzen erweitert. Ein Projekt von der Planungs- bis zur Auswertungsphase zu durchleben, ist aus Sicht der projektorientierten Unterrichtsdidaktik (Frey 2007, Gudjons 2016) immanent. Neben den inhaltlichen Herausforderungen in der Entwicklung des pädagogischen Materials, fand die Erweiterung der Fach- und Sachkompetenz in Bezug auf das (teilweise fremde) Instrumentarium statt: Instrumentenkunde, Wartung und kleinere Reparaturarbeiten sowie Entwicklung von Spieltechniken, die sofort anzuleiten und einzusetzen sind – das alles war nur im Team der Studierendengruppe möglich. Die Entwicklungsphase der Inhalte wies hohes Innovationspotential auf, dennoch fanden nur Materialien in die Workshops Einzug, die situationsgerecht und an die heterogenen Voraussetzungen ad hoc anzupassen sind. Neben der Leitung dieser intensiven Entwicklungsphase, begleitete die Lehrveranstaltungsleiterin die Studierenden auch in der Praxisphase vor Ort, um ihnen ein strukturiertes Feedback unter dem Aspekt des Classroom Managements aus der wissenschaftlichen Unterrichtsforschung geben zu können. Hierfür wurden alle Schulbesuche auf Video aufgezeichnet und nach den Techniken der Klassenführung, dem Ansatz von Kounin (2006) und in Weiterentwicklung Pearl (2009) sowie Helmke (2014) folgend, gemeinsam mit den Studierenden in der Videoanalyse ausgewertet. Gerade im Kontext von Musikunterricht sind nonverbale Techniken der Klassenführung von Bedeutung und ihre Wirksamkeit in Unterrichtsvideos zu beobachten. Diese forschungsgeleitete Lehre spricht die Studierenden an und weckt ihre Neugierde, diese Ansätze selbst an ihren Unterrichtvideos anzuwenden bzw. kleinere Forschungsarbeiten (Portfolios, Bachelor- und Masterarbeiten) aus diesem Bereich zu verfassen. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist in diesem Projekt besonders spürbar, da theoriegeleitetes Handeln in der Praxis und die anschließende Rückführung auf die unterrichtstheoretische Ebene hier maßgebend sind. Die Lehrveranstaltung bezieht aktuelle Erkenntnisse aus der Unterrichtsforschung zur Lehr-Lernform Projektunterricht mit ein und vermittelt diese durch eigenständige Projektarbeit. Projektorientierter Unterricht kann am besten über Teilnahme und Verantwortung in einem Projekt vermittelt werden, das auch außeruniversitär Anbindung findet. In diesem Projekt werden Kenntnisse und Fertigkeiten aus dem künstlerischen Unterricht, der Aufführungspraxis Neuer Musik, Instrumentenkunde, der Fachdidaktik und der Allgemeinpädagogik fächerübergreifend miteinander verbunden. Den Studierenden wird dadurch ermöglicht, Anknüpfungspunkte zu den zu erarbeitenden Inhalten aus ihrer Lebenswelt und Biografie zu schaffen sowie durch Interaktion Lernmöglichkeiten zu generieren. Selbstorganisation und Eigenverantwortung zeigen sich als zentrale Aspekte. Alle Studierenden entwickelten in Partnerarbeit individuelle Bausteine, die gemeinsam in der Gruppe erprobt und redigiert wurden. Die Durchführung der Workshops vor Ort findet ebenfalls im Team-Teaching statt. In der eigenverantwortlich durchgeführten Praxisphase wurde auch die gesamte Terminierung und Logistik den Studierenden übertragen, was Team- und Organisationsfähigkeit fördert. Das Lernen in der peer-group gleicht heterogene Seminargruppen aus, so dass sich Anforderung und Förderung die Waage halten. In dieser Lehrveranstaltung wird vernetztes Denken und Wissen gefördert und ein breites Spektrum an Handlungskompetenzen ausgeprägt. Aufbau und Erweiterung von pädagogischer, fachlicher, sachlicher sowie sozialer Kompetenz sind inhärent, organisatorische Stärken werden genauso wie künstlerische Expertise gefördert. Der Aufbau dieser Kompetenzen ist von unmittelbarer Berufsrelevanz für die Studierenden.

Seit Oktober 2015 sind die Studierenden als WorkshopleiterInnen beim Verein der Klangspuren als geringfügig Beschäftige angestellt und versichert, um nun in Folge weitere Termine an Tiroler Schulen und Bildungseinrichtungen eigenverantwortlich durchzuführen. Dies stellt eine Form des begleiteten Übergangs vom Studium in die Berufspraxis dar, die den vielzitierten Praxisschock bei Berufseinsteigerinnen im Lehramt abwendet. Diese pädagogische Praxis hat den Studierenden Erfahrungen in der Lehrendenrolle ermöglicht, die von Selbstwirksamkeit und Kompetenzerweiterung im schulischen Kontext geprägt sind. Dies zeigen nicht zuletzt die Portfolioarbeiten für die musikpädagogischen Abschlussprüfungen der Studierenden, in denen das gesamte Projekt reflektiert und ausgewertet wird.

Die Lehrveranstaltung „Musikvermittlung als musikpädagogisches Projekt“ zeigt, wie innovative Konzepte für den Übergang zwischen Studium und Berufseinstieg aussehen können. In dem Projekt konnten die Studierenden ihre Fähigkeiten, Interessen sowie ihre Kenntnisse in die Entwicklung eines bestehenden Kulturvermittlungsprogramms integrieren, um dieses zu verbessern. Für Lehramtsstudierende essentiell ist die Begleitung in der Entwicklung ihrer eigenen Lehrerpersönlichkeit. Zeitgemäße Hochschuldidaktik misst sich auch an realen Aufgabenstellungen. Die Resonanz, die von Seiten des Festivals, aus den Feedbacks der Schulen sowie via Presse an die Studierenden dringt, lässt sie spüren, dass sie ein aktiver Teil der Tiroler Kulturlandschaft sind, die sie mitgestalten. Die Rückmeldungen der Studierenden bestätigen das Gelingen eines niederschwelligen Übergangs in eine eigenverantwortliche pädagogische Praxis und den Zuwachs von Souveränität. Sich selbst regelmäßig in Schulkontexten zu erleben und gleichzeitig die Rückbindung und Hilfestellung an der Ausbildungsstätte in Anspruch nehmen zu können, wurde besonders positiv als Berufsvorbereitung in der Lehrveranstaltungsevaluation hervorgehoben.

 

 

Frey, Karl (2007): Die Projektmethode: der Weg zum bildenden Tun. Neu ausgestattete Sonderausg. Weinheim, Basel: Beltz (Pädagogik).

 

Gudjons, Herbert (20016): Handlungsorientiert lehren und lernen. Schüleraktivierung. Selbsttätigkeit. Projektarbeit. Bad Heilbrunn (Klinkhardt).

 

Helmke, Andreas (2012): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts; Franz Emanuel Weinert gewidmet. Unter Mitarbeit von Franz E. Weinert. 4., [aktualisierte] Aufl. Seelze-Velber: Klett/Kallmeyer.

 

Kounin, Jacob S. (2006): Techniken der Klassenführung. Münster [u.a.]: Waxmann (Standardwerke aus Psychologie und Pädagogik, Reprints, 3).

 

Nitsche, Pearl (2009): Nonverbales Klassenzimmer-Management. Strategien aus der Praxis für die Gruppe. 2. Aufl. Untermeitingen: Reichardt Printyourbook (Unterrichten mit Logik & Liebe).

Positionierung des Lehrangebots

Projekt (2 SSt./ Wahlfach: 2. Studienabschnitt/ empfohlenes Semester 8)

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.