„voice & piano“ – Klavierpraktikum 1 und Klavierpraktikum 2 (KE, jeweils 1 SWS)

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Ausgangspunkt des Projekts war, basierend auf entsprechenden Rückmeldungen von Absolventinnen und Absolventen, Praxislehrenden sowie des Fachinspektors für Musik (LSR Tirol), das Bestreben, die Kompetenzen im Begleiten von Popularmusik im Musikunterricht bereits in der Ausbildung fundierter zu verankern. Dieses Ziel wurde und wird, wie Rückmeldungen zeigen, mithilfe eines mehrstufigen didaktischen Konzepts erreicht.

Darin wird, ausgehend von den unterschiedlichsten musikalischen Vorkenntnissen und Veranlagungen der Studierenden, ein künstlerisch-praktisches Selbstkonzept grundgelegt und entwickelt, das sich über den klavierpraktischen Bereich hinaus mit im weiteren Studium zu erwerbenden Kompetenzen nachhaltig vernetzt und erweitert.

Beschreibung

Das Projekt „voice & piano“ wird im Rahmen der Lehrveranstaltung Klavierpraktikum durchgeführt. Diese einstündige Lehrveranstaltung des Lehramtsstudiums BA Musikerziehung erfolgt als künstlerischer Einzelunterricht über zwei Semester (1. und 2. Studiensemester) und wird von allen Studierenden eines Jahrgangs belegt.

Im Zentrum steht die Vermittlung des selbst am Klavier begleiteten Singens und die damit einhergehende nachhaltige Vernetzung und Integration aller am musikalischen Prozess beteiligten Komponenten. So werden auditive und theoretische Kompetenzen sowie spieltechnische Fertigkeiten nach pianistisch-künstlerischen Kriterien von Beginn an sensibilisiert, erweitert und entwickelt. Die praktisch-methodische Umsetzung erfolgt mittels speziell entwickelter Übungen und anhand ausgesuchter Lieder.

In der Folge wird das Methodenrepertoire um den Bereich schulpraktisches Arrangieren erweitert, wobei die eigenständige Umsetzung mittels zeitgemäßer Computeranwendungen angeregt und unterstützt wird.

Der jeweilige Auftritt beim Semesterabschlusskonzert „voice & piano“ wird mit den Studierenden individuell - orientiert an den Parametern Performanz und Selbstsicherheit - vorbereitet und im Sinne einer künstlerisch-pädagogisch authentischen Vorbildfunktion im Praxisfeld Schule gemeinsam reflektiert.

1. Projekt „voice & piano“ – Design

Inhaltlicher Referenzrahmen zur Professionalisierung

1.1. Entfaltungsniveau I

Ab der ersten Unterrichtseinheit werden drei eigens konzipierte Basisübungen (Kadenzübung, Akkordübung Bluesübung; siehe Anhang Abschnitt 5) mit den Studierenden erarbeitet und vertieft, wobei besondere Aufmerksamkeit auf Audition, Struktur, Spieltechnik sowie Phrasierung gelegt wird.

Parallel dazu wird die ausschließlich auditive Erarbeitung eines selbstgewählten Liedes bereits im Hinblick auf das selbstbegleitete Singen initiiert und unter Berücksichtigung stilistischer Fragestellungen methodisch erläutert.

Sämtliche Spiel- und Übeprozesse werden ohne Noten ausgeführt.

Die methodische Vernetzung aller Übe- und Lernfelder steht im Zentrum der Lehre.

 

1.2. Entfaltungsniveau II

Nach einer ersten Standortbestimmung in der ersten Unterrichtseinheit rückt zunehmend die Erarbeitung des Liedmaterials, das von den Studierenden mehrheitlich aus dem Bereich der Popularmusik gewählt wird, in den Mittelpunkt. Begleitend werden Hörstrategien entwickelt und erste Aspekte des Arrangierens anhand des zu konzipierenden Klaviersatzes erörtert.

Das Erlernen leichter Klavierliteratur, vorbereitet durch strukturelle, spieltechnische aber auch lerntheoretische Reflexion, ergänzt die inhaltliche Palette. Das an mentalen Lernstrategien orientierte, abschnittsweise schnelle Auswendiglernen steht dabei im methodischen Fokus.

Im Gegenzug treten die Basisübungen allmählich in den Hintergrund und werden, sobald deren Ausführung spontan, souverän sowie entsprechend phrasiert in jeder beliebigen Tonart gelingt, beiseitegelegt und allenfalls zu Beginn des 2. Semesters nochmals aufgegriffen.

Koordination als umfassendes Übe- und Lernprinzip wird u.a. anhand der Umsetzung des selbstbegleiteten Singens grundsätzlich thematisiert.

Immanenter Bestandteil der Vermittlung ist die Grundsteinlegung eines musikalisch-didaktischen Selbstverständnisses bzw. eines künstlerisch-praktischen Selbstkonzepts, das weit über die Lehrveranstaltung Klavierpraktikum hinausreicht.

 

2. Meilenstein – Projekt „voice & piano“

Erfahrungen bzw. Rückmeldungen aus dem Praxisfeld bzw. dem LSR im Fach Musikerziehung zeigen auf, dass das selbstbegleitete Singen, zumal von aktueller Popularmusik, als eine der wesentlichen schulpraktischen Kernkompetenzen angesehen werden muss.

Defizite in diesem Bereich gehen oft einher mit einem Mangel an Authentizität, fehlender Selbstsicherheit sowie daraus resultierender Berufsunzufriedenheit.

 

2.1. „voice & piano“ - Selbstbegleitetes Singen als methodischer Ausgangspunkt

Die inhaltliche Fokussierung auf das selbstbegleitete Singen hat einen methodischen Paradigmenwechsel eingeleitet, der in Form einer neuartigen, konsequenten Vernetzung aller am musikalischen Prozess beteiligten Lernfelder sichtbar wird.

Zu Beginn werden spieltechnische und koordinative Grundlagen mit drei einfachen, bei konsequenter Umsetzung, methodisch treffsicheren Übungen gelegt.

Eine feste methodische Säule bildet das ausschließlich auditive Erarbeiten des selbstgewählten Liedes. Neben der nachhaltigen Vermittlung von Hörstrategien werden Querverbindungen zu Tonsatz und Musikanalyse hergestellt sowie allfällige Möglichkeiten eines Arrangements aufgezeigt.

Es zeigt sich, dass dieser auf auditive, strukturelle, koordinative sowie spieltechnische Aspekte abzielende Ansatz nachhaltig positiv auf die künstlerische Kompetenz und die musikalische Reife der Studierenden einwirkt.

Anschlag, Phrasierung, aber auch Körpergefühl, Konzentrationsfähigkeit sowie Selbstsicherheit und Performanz zeitigen positive Veränderungen.

Entsprechende Rückmeldungen der Studierenden sowie ein weit über die curricularen Erfordernisse hinausgehendes studentisches Engagement bestätigen den eingeschlagenen Weg.

 

2.2. Koordination

Koordinative Prozesse sind über das naheliegende Bewältigen polyphoner musikalischer Strukturen hinaus in unterschiedlichsten Ausprägungen allgegenwärtig. Demnach sind u.a. das Ausführen einer Melodie mit Begleitung, das selbstbegleitete Singen, aber auch die dynamische Ausdifferenzierung der einzelnen Töne eines Akkords (z.B. Melodieführung in der Oberstimme) als koordinative Vorgänge zu betrachten.

Daher ist es, aus methodischer Sicht, mehr als sinnvoll, koordinative Problemlagen bewusst ausfindig zu machen, um durch deren Bewältigung nachgeordnete Defizite gezielt beheben zu können. So werden sämtliche Lernschritte, insbesondere bei der genauen Umsetzung der Basisübungen nach koordinativen Gesichtspunkten beleuchtet.

In dem Zusammenhang wird u.a. das in mehreren Publikationen (z.B. G. Mantel, 2001: EINFACH ÜBEN) beschriebene, bestens bewährte Prinzip der wechselnden Aufmerksamkeiten gezielt umgesetzt.

Ergänzend dazu wird mit den Studierenden darauf hingearbeitet, Spielprozesse (z.B. ein Motiv oder eine Akkordzerlegung sowie grundsätzlich koordinative Prozesse) mental in einer Weise zu antizipieren, dass Fehler möglichst ausgeschlossen werden können.

Im Sinne einer strukturellen Koordinierung steht die Vernetzung der konkreten Lernfelder verwandter Lehrveranstaltungen, wie beispielsweise Tonsatz, im Zentrum der methodischen Betrachtung.

 

2.3. Studierendengruppe und heterogene Voraussetzungen

Die Studierenden eines Jahrgangs weisen die unterschiedlichsten pianistischen bzw. musikalischen Vorkenntnisse auf: Klavier Hauptfach, Klavier Pflichtfach sowie Hauptfach Klavier-Jazz/Pop. Neben der grundsätzlichen Individualität der jeweiligen Vorkenntnisse liegen die Herausforderungen u.a. in folgenden Bereichen:

• Nebenfachstudierende mit manuell geringen Vorkenntnissen

• Studierende mit auditiven Defiziten

• Hauptfach Jazz/Pop Studierende mit Defiziten im Bereich des Notenlesens

Die vorwiegend aus dem popularmusikalischen Bereich gewählte schulpraktische Literatur, bestehend aus kurzen, harmonisch überschaubaren Stücken mit Improvisationsmöglichkeiten, scheint geradezu ideal für die Bewältigung dieser Situation: Auditive und strukturelle Erfassung sowie das Spiel nach Akkorden können nachhaltig und schnell im Einklang mit der Professionalisierung von Phrasierung und Anschlag bzw. Spieltechnik vermittelt werden. Darüber hinaus ergeben sich weite Spielräume zur individuellen Schwerpunktsetzung.

Ergänzend wird angemerkt, dass, auch wenn überwiegend schulpraktische Literatur aus dem Bereich der Popularmusik zur Anwendung kommt, alle methodischen Ansätze stilübergreifend verfolgt werden und darüber hinaus „klassische“ Literatur unter didaktischen Gesichtspunkten in die Lehre einbezogen wird.

Die Zielsetzung, dass alle Studierenden, auch diejenigen mit schwächeren Voraussetzungen am Ende des ersten Semesters einen positiv erlebten Auftritt im öffentlichen Konzert „voice & piano“ bewältigen können, wird mittlerweile erreicht.

Schwellenängste werden durch das gemeinsame Proben und Musizieren und den daraus entstehenden kollegialen, über die Lehrveranstaltung hinausgehenden Gemeinschaftssinn der Studierenden, gemindert.

 

3. Folgewirkungen

3.1. Künstlerische Kompetenz

Vorhandene Leistungspotentiale werden individuell gefordert und gefördert, so dass herausragende künstlerische Leistungen, solistisch, im Ensemble, aber auch im Rahmen größerer Projekte, mittlerweile zur Regel geworden sind.

3.2. Arrangements / Digitale Lehr- und Lernelemente

Neben Anwendungen im Rahmen der auditiven musikalischen Erarbeitung wird insbesondere im Bereich des Arrangierens der Einsatz des Computers auch im Hinblick auf schulpraktische Aspekte angeregt und gefördert.

Die Erfahrung zeigt, dass Studierende im Zuge der Erstellung erster eigener rudimentärer Arrangements (z.B. eine Notenzeile über 4 Takte) wesentliche Grundbegriffe einschlägiger Notenprogramme mühelos erlernen.

Auf freiwilliger Basis bzw. motivationsbedingt werden auch größere Herausforderungen gesucht, was mittlerweile zu einer Vielzahl an aufwendigen Arrangements in den unterschiedlichsten Besetzungen geführt hat.

So wurden in den Konzerten u.a. Ausschnitte aus Jesus Christ Superstar, The Blues Brothers, The Rocky Horror Show, The Wall aber auch Kabarettlieder wie z.B. von Helge Schneider aufgeführt.

Die übliche „voice & piano“-Besetzung wird oft erweitert durch weitere Gesangssolisten, Backgroundchöre sowie Ensembles bis hin zu kleinen Orchestern.

Das diesbezügliche Notenmaterial wird durchgängig auditiv und mit Hilfe von Notenprogrammen erstellt, wobei v.a. bei größeren Ensembles auf die jeweils zur Verfügung stehenden Instrumente Bedacht genommen werden muss.

3.3. Curriculare Einbettung und fachliche Vernetzung

Das mit dem Studienjahr 2015/16 in Kraft getretene Curriculum BA Musikerziehung weist einige Neuerungen im schulpraktischen Bereich auf, die in direktem Zusammenhang mit dem Projekt „voice & piano“ bzw. der Neukonzeption der LV Klavierpraktikum stehen.

Vorausgeschickt wird, dass sowohl Rückmeldungen aus dem schulischen Bereich als auch die Studierendensicht maßgeblich in die curriculare Konzeption eingeflossen sind.

So wird die Lehrveranstaltung Klavierpraktikum als künstlerisch-praktische Einführungsveranstaltung definiert, in der alle Studierenden des 1. Jahrgangs individuell und vernetzt in allen relevanten Lernfeldern (Spieltechnik, auditive und musiktheoretische Kompetenzen, schulpraktische Inhalte einschließlich Arrangieren und Einsatz des Computers) für eine spätere künstlerische bzw. schulpraktische Vertiefung vorbereitet werden.

In der Modulgestaltung ist eine formale Zusammenführung sowie konsekutive Abstimmung zwischen Klavierpraktikum, Klavier (Nebenfach) sowie, wenn gewählt, Klavier Jazz/Pop vorgesehen. Ein gleichzeitiges Absolvieren der unterschiedlichen klavierbezogenen Lehrveranstaltungen sollte nach Möglichkeit vermieden werden, um eine fortlaufende, über 8 Semester andauernde Entwicklung zu ermöglichen. Dies wird durch einen in Gang gesetzten regen kollegialen Austausch ermöglicht und unterstützt.

Die schulpraktische Vernetzung mit anderen künstlerisch-praktischen Bereichen erfolgt in einer entsprechenden Präsentation am Ende des Studiums. Der Bezug zu anderen inhaltlich überschneidenden Lehrveranstaltungen wie z.B. Gesang, Tonsatz einschließlich Gehörbildung oder Neue Medien ist in der methodischen Umsetzung implementiert. Dabei wird dem didaktischen Grundsatz entsprochen, dass theoretische Lerninhalte in Kombination mit der praktischen Umsetzung schneller und dauerhafter verinnerlicht werden.

In der curricularen Planung für das Masterstudium ist die Einrichtung eines Konversatoriums vorgesehen, in dem Masterstudierende ihre im Praxisfeld gemachten Erfahrungen bzw. daraus resultierende Fragestellungen in den Unterricht für die BA-Studierenden einbringen.

Im Zuge der Umsetzung des gemeinsamen Curriculums Lehramt ab WS 2016/17 ist eine inhaltliche Ausweitung des Projekts „voice & piano“ auf die Primarstufe (in Kooperation im Entwicklungsverbund West) geplant. Im Kontext der Primarstufenausbildung ist systembedingt mit noch wesentlich heterogeneren künstlerischen bzw. klavierpraktischen Voraussetzungen der Studierenden zu rechnen. Daher wird einem niederschwelligen Lehrangebot im Kompetenzbereich Begleitung von (Popular-)Musik im Klassenunterricht im Rahmen der Ausbildung eine noch größere Bedeutung zukommen als im Sekundarstufenbereich. Das vorgestellte Projekt enthält hochschuldidaktisch wie künstlerisch zentrale Bausteine, um den geschilderten Anfordernissen im Rahmen der Primarstufenausbildung gerecht werden zu können.

Seit 2013/14 Durchführung des Projekts; Entwicklungsbeginn seit 2005/06

Positionierung des Lehrangebots

BA Lehramt Musikerziehung

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.