Grenzen des Humanen

Umgesetzte Maßnahme

Ziele

Das übergreifende Motiv ist, die Attraktivität und Relevanz des Faches Germanistik für Studierende erfahrbar zu machen, indem moderne literaturwissenschaftliche Theorieansätze und interdisziplinäre Methoden angewendet werden, die die Relevanz von Literatur für die Analyse von gesellschaftspolitischen Problemfeldern plausibel machen.

Das konkrete Ziel der Lehrveranstaltungsreihe „Grenzen des Humanen“ ist, den Master-Studierenden zu vermitteln, dass die „Neuere deutsche Literaturwissenschaft“ nicht nur ein Fach ist, das das literarische Gedächtnis unserer Kultur mitkonstituiert und pflegt, sondern auch ein Fach, das in der Beschäftigung mit der Gegenwartsliteratur an aktuelle kultur- und gesellschaftspolitische Diskurse anschließt. Die Studierenden sollen dabei die Literatur als ‚Kompass‘ kennenlernen, der den Menschen dabei hilft, sich im Feld der gegenwärtigen Grundprobleme der postmodernen Gesellschaften zu orientieren und Position zu beziehen.

Die Lehrveranstaltungsreihe „Grenzen des Humanen“ will die Studierenden an eine der zentralen Fragestellungen heranführen, mit der sich Geisteswissenschaften, Politik und Gesellschaft und die Küste derzeit auseinandersetzen. Es geht um die Frage, wie aktuelle (bio-)medizinische Innovationen unseren Begriff des Menschseins maßgeblich tangieren und verändern: eine Frage, die für die Gegenwartsliteratur zentral ist.

Die Lehrveranstaltungen sollen dabei eine Methode der modernen Literaturwissenschaft, der sog. „Literature & Science“, vermitteln und erproben. Diese stellt Literatur als Raum vor, in welchem sich immer schon Ästhetik und (Fakten-)Wissen überschneiden; und sie zeigt, dass Romane und Erzählungen Wissen generieren und einen produktiven Beitrag zu gesellschaftsrelevanten Debatten darstellen können.

Da Germanistik-Studierende häufig das Studium und seine Inhalte nicht genau mit konkreten Arbeitsfeldern und Tätigkeiten verknüpfen können, will die Lehrveranstaltungsreihe einen direkten Kontakt zwischen den Studierenden und Gegenwartsautoren/innen herstellen und am lebendigen Beispiel Formate der Interdisziplinarität erfahrbar machen. Und sie will die Studierenden mit der Institution ‚Literaturhaus‘ vertraut machen, die eine wichtige Vermittlungsinstanz zwischen Universität und Öffentlichkeit wie auch ein künftiges Betätigungsfeld für Germanisten/innen darstellt.

Beschreibung

Die Lehrveranstaltungsreihe „Grenzen des Humanen“ ist eine Kooperation des Instituts für Germanistik mit dem Literaturhaus Graz. Sie besteht aus zwei Masterseminaren: „Biotechnologie und Medizin in der Gegenwartsliteratur“ und „Narrative des Sterbens“ sowie dazugehörigen öffentlichen Lese- und Diskussionsveranstaltungen. Die Studierenden werden anhand von Romanen von Gegenwartsautoren/innen an die Thematik aktueller bio- und medizintechnologischer Innovationen – im Bereich der künstlichen Reproduktion, der Organtransplantation und der Intensivmedizin – herangeführt, die unseren traditionellen Begriff der conditio humana wie auch die etablierten Grenzen zwischen Mensch und Technik in Frage stellen. Das Seminar vermittelt, dass die Literatur in gesellschaftspolitische Wissensfelder eingreifen und mit den ihr eigenen ästhetischen Gestaltungsmitteln Aspekte ins Gespräch bringen kann, die in den öffentlichen Debatten oftmals vereindeutigt oder ausgespart werden. Die Studierenden machen an den seminarbegleitenden Veranstaltungsabenden, an denen Autoren/innen, Literaturwissenschaftler/innen und Fachexperten/innen aus Medizin, Psychiatrie und Ethik diskutieren, konkrete Erfahrungen mit praktizierter Interdisziplinarität. Sie werden an die Kulturinstitution ‚Literaturhaus‘ herangeführt, die sui generis wissenschaftliche Forschung und literarische Praktiken verbindet, im Sinne der Science-to-public vermittelt und so ein wichtiges Berufsfeld für graduierte Germanisten/innen darstellt.

Die Lehrveranstaltungsreihe „Grenzen des Humanen“ ist eine Kooperation des Instituts für Germanistik der Karl-Franzens-Universität mit dem Literaturhaus Graz. Sie besteht aus zwei Seminaren im Masterstudiengang Germanistik: SE „Grenzen des Humanen: Biotechnologie und Medizin in der Gegenwartsliteratur“ (WS 2014/15) und SE „Grenzen des Humanen: Narrative des Sterbens“ (WS 2015/16) sowie dazugehörigen öffentlichen Lese- und Diskussionsveranstaltungen.

 

Gegenstand und Fragestellung

Die Reihe geht von dem Befund aus, dass in den letzten Jahren eine große Zahl bedeutender deutschsprachiger Gegenwartsautoren/innen, wie David Wagner, Lukas Bärfuss, Arno Geiger, Sibylle Lewitscharoff u.a., literarische Werke publiziert hat, die auf die rasanten Entwicklungen im Bereich der Lebenswissenschaften reagieren. In ihren Romanen wird die biotechnologisch oder medizinisch bedingte Auflösung von Grenzen verhandelt, die bis dato mehr oder weniger festzustehen schienen: Grenzen zwischen Tod und Leben, dem eigenen und dem fremden Körper, Mensch und Technik sowie zwischen Natur und Kultur. Denn ob es sich um die Themen Koma, Hirntod und lebensverlängernde Intensivmedizin, um den Komplex Präimplantationsdiagnostik oder Human Enhancement; ob es sich um die Möglichkeiten der In-Vitro-Fertilisation oder des menschlichen Klonens handelt; oder ob es um Entwicklungen in der Organ-Transplantation, der Prothetik und der Plastischen Chirurgie geht – stets stehen dabei grundlegende Fragen nach den Grenzen des Humanen im Raum. Die literarischen Werke fragen danach, ob wir und wie wir angesichts der rasanten biomedizinischen Entwicklungen die conditio humana neu denken müssen.

 

Literaturwissenschaftliche Methode und Fragestellungen

Die Lehrveranstaltungen vermitteln die Ansätze und erproben die Methoden des Forschungsfeldes „Literatur und Wissen“ bzw. „Literature & Science“, dem auch ein aktuelles Forschungsprojekt mit dem Titel „Grenzen des Humanen“ am Institut für Germanistik Graz (mit Nachwuchswissenschaftlern/innen, internationalen Kooperationen und Workshops) unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Anne-Kathrin Reulecke zuzuordnen ist. Die Forschungsrichtung „Literatur und Wissen“ postuliert Literatur als Raum, in welchem sich Ästhetik und (Fakten-)Wissen überschneiden. Sie zeigt, dass literarische Texte seit der Antike maßgeblich an der Konstitution von Wissen beteiligt sind, dass sie diagnostische und reflexive Potentiale haben und darüber hinaus einen produktiven Beitrag zu gesellschaftsrelevanten Debatten darstellen können. Im Sinne des Forschungsfeldes „Literatur und Wissen“ wird im Unterricht am Beispiel des Themas „Bio(medizinische) Innovationen“ analysiert, mit welchen ästhetischen Strategien, mit welchen genuin literarischen Schreibweisen, Techniken und Narrativen literarischen Texte operieren, deren Bandbreite vom autobiographischen Erfahrungsbericht über die Kriminalgeschichte und den Science-Fiction-Roman bis hin zum lyrischen Gedankenexperiment reicht. Es wird zudem untersucht, wie die Literatur mit diesen ihnen eigenen Mitteln die öffentlich geführten Debatten um Aspekte erweitern kann, die dort oftmals objektiviert, vereindeutigt, skandalisiert oder gar ausgespart werden.

 

Inhaltliches und didaktisches Profil der Seminare

Im Seminar Biotechnologie und Medizin in der Gegenwartsliteratur (WS 2014/15) werden in einer Einleitungsphase die Forschungsrichtungen „Literatur und Wissen“ und „Literatur und Medizin“ in Hinblick auf zentrale Fragestellungen, Forschungsgegenstände und Methoden erarbeitet. Aus dieser Perspektive werden exemplarisch vier literarische Texte und die in ihnen verhandelten Themenbereiche untersucht: Michael Kleebergs „Das amerikanische Hospital“ (2012) und das Thema „Reproduktionsmedizin und künstliche Befruchtung“; David Wagners „Leben“ (2013) und das Thema „Organtransplantation“; Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ (2011) und das Thema „Demenz, Alzheimer und Alter“; Angelika Meiers „Heimlich, heimlich mich vergiss“ (2012) und das Thema „Gesundheitswahn und Human Enhancement“.

Das Seminar verzichtet auf Frontalunterricht und auf reine Referatssitzungen. Zum einen werden die Romane im Plenum einer gemeinsamen textnahen Lektüre, eines „Close reading“ unterzogen und analysiert. Zum andern übernehmen die Studierenden ‚Patenschaften‘ für jeweils einen der Romane. Sie erarbeiten sich unter Anleitung der Dozentin literaturwissenschaftliches Fachwissen (zu Autor/in, Werk, Rezeption) und medizinische Grundlagenkenntnisse zum jeweiligen Thema, die im Plenum präsentiert und diskutiert werden. Schließlich wird in Arbeitsgruppen und Plenumsgesprächen gemeinsam diskutiert, wie sich die literarische Verarbeitung der jeweiligen Sachthemen gestaltet hat und welche ästhetischen Lösungen gefunden wurden. Wie setzt etwa der Roman von David Wagner die bei Transplantationen virulente Frage nach dem schwierigen Verhältnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen, zwischen dem fremden Organ im eigenen Körper literarisch in Szene? Wie gestaltet Arno Geiger in seinem Roman den Sprachverlust eines Demenzkranken? Und welche Erkenntnisse könnten Leser/innen, Betroffene oder Mediziner/innen daraus gewinnen? Mediale Voraussetzungen des Themas „Biomedizin“ werden in einer studentisch organisierten Filmreihe behandelt.

 

Das Seminar Narrative des Sterbens (WS 2015/16) richtet die Perspektive auf ein verwandtes Themenfeld. Es geht von der Feststellung aus, dass in der Moderne das religiöse Konzept des Jenseits brüchig geworden ist und damit das Lebensende seinen tradierten Sinn zunehmend verloren hat und somit der Tod verleugnet, tabuisiert oder marginalisiert wurde. Sterben und Tod passen zudem nicht in die leistungsorientierte, auf ökonomische Effizienz ausgerichtete Gesellschaft und werden „aus der Merkwelt der Lebenden immer weiter herausgedrängt“ (W. Benjamin). Seit einigen Jahren zwingen uns jedoch Innovationen der Medizin, das Ende des Lebens und besonders den Übergang vom Leben zum Tod erneut in den Blick zu nehmen. Seien es Entwicklungen in der Intensivmedizin und Phänomene wie Wachkoma, Locked-in-Syndrom und Hirntod; seien es Fortschritte in der Palliativmedizin oder Praktiken der Sterbehilfe und des Freitods – stets werden dabei existentielle, medizinethische und gesellschaftspolitische Fragen zu den Grenzen des Mensch-Seins und des Menschlich-Seins aufgerufen. Dies sind Themen, die auch von der Gegenwartsliteratur des 21. Jahrhunderts aufgegriffen werden: „Untote und Wiedergänger“ in Sibylle Lewitscharoffs „Consummatus“ (2006); „Nahtoderfahrungen“ in Thomas Lehrs „Frühling“ (2001); „Selbstmord“ in Lukas Bärfuss’ „Koala“ (2014); „Koma und Sterbehilfe“ in Ursula Frickers „Außer sich“ (2012). Hier setzten sich die Studierenden u.a. mit dem engen Zusammenhang zwischen der literarischen Technik der Perspektivführung und der Narration eines ethischen Konflikts auseinander, wenn es etwa um die Frage geht, ob Außenstehende über die ‚Menschenwürdigkeit der Existenz‘ eines komatösen Patienten befinden können. Die Seminarstruktur und die methodisch-didaktischen Schritte entsprechen denen des Vorgängerseminares.

 

Struktur und Funktion der Lese- und Diskussionsveranstaltung im Literaturhaus

Die ‚Höhepunkte‘ beider Seminare bilden die komplementären Veranstaltungen „Grenzen des Humanen“ im Literaturhaus. Das Format der Lese-und Diskussionsreihe umfasst je vier Abende, die jeweils aus einem einführenden Kurzvortrag eines/einer Literaturwissenschaftlers/in (10 Min.), einer Lesung eines/einer Autors/Autorin (30 Min.) und einem gemeinsamen Gespräch mit einem/einer Experten/in (40 Min.) aus Geriatrie, Reproduktionsmedizin Transplantationsmedizin, Medizinethik, Psychiatrie oder Moralphilosophie bestehen.

Für Germanistik-Studierende (besonders aus der Generation der Digital Natives) bedeutet die Erfahrung der stets ‚auratisch‘ aufgeladenen Autorenlesungen eine stärkere Bindung an das Fach und seine Gegenstände. Sie können durch die Aussagen der Autoren/innen in Bezug auf Entstehungsgeschichte und Poetologie die zuvor in den Seminarsitzungen analysierten Romane besser verstehen und kontextualisieren.

Zudem sind die Abendveranstaltungen Beispiele praktizierter Interdisziplinarität. Denn es gibt dort sowohl Begegnungen zwischen den „Two Cultures“ (Snow), den Natur- und Geisteswissenschaften, als auch zwischen den Wissenschaften und der Literatur. Hier lernen die Studierenden die Differenzen zwischen den einzelnen Fachsprachen, aber auch zwischen dem wissenschaftlichen und dem literarischen Diskurs kennen. Die Studierenden erkennen am lebendigen Beispiel, wie eng Wissen an die Paradigmen des eigenen Fachs geknüpft ist. Sie erfahren, dass Interdisziplinarität auch mit Übersetzungsproblemen oder diskursiv bedingten Missverständnissen zu rechnen hat, im besten Falle aber zu wechselseitigem Austausch, Blickwechseln und Erkenntnisgewinnen führt. Und so werden in den Protokollen, die die Studierenden zu den Veranstaltungsabenden geschrieben haben, immer wieder jene Momente hervorgehoben, in denen die Schriftsteller/innen und Experten/innen einander mit Neugier begegnen und über die Perspektive des Gegenübers staunen. Ein Zuwachs an Erkenntnis entsteht etwa dann, wenn Literaten den (be-)handlungsorientierten Fokus der Mediziner nachvollziehen; oder wenn die Medizinerinnen ihr notwendig objektiviertes Fachwissen mit der subjektiven Perspektive der Betroffenen, die die Literatur häufig gestaltet, ins Verhältnis setzen.

Darüber hinaus macht die Lehrveranstaltungsreihe die Studierenden mit der Kulturinstitution ‚Literaturhaus‘ vertraut. Da Germanistik-Studierende häufig das Studium und seine Inhalte nicht genau mit konkreten Arbeitsfeldern und Tätigkeiten verknüpfen können, lernen sie durch die Veranstaltungen der Reihe „Grenzen des Humanen“ mit dem Literaturhaus eine Instanz kennen, die sui generis sowohl zwischen Kultur und städtischer Bevölkerung als auch zwischen literaturwissenschaftlicher Forschung und literarischer Praxis vermittelt. Das Literaturhaus hat im Sinne der ‚Art-to-Public‘ und der ‚Science-to-Public‘ eine wichtige Brückenfunktion – und stellt somit ein künftiges Berufsfeld für graduierte Germanisten/innen dar.

 

 

Gewinn für die Studierenden – auf den Punkt gebracht

 

1. Die Studierenden profitieren von aktuellen Forschungsaktivitäten am Institut für Germanistik. So können die immer wieder eingeforderten Synergieeffekte zwischen Forschung und Lehre entstehen. Die Studierenden werden mit dem aktuellen literaturwissenschaftlichen Forschungsansatz „Literatur und Wissen“ / „Literature & Science“ vertraut gemacht und erlernen Methoden der Anwendung am ihn am konkreten Beispiel umzusetzen.

 

2. Die Studierenden lernen einige der wichtigsten Autoren/innen der unmittelbaren Gegenwart und ihre Schreibweisen kennen. Sie werden zudem via Literatur an eine gesellschaftsrelevante Frage herangeführt, die im Zentrum gegenwärtiger und zukünftiger politischer und ethischer Debatten steht: an die Frage, wie sich angesichts der rasanten biomedizinischen Entwicklungen unser Begriff vom Mensch-Sein und Menschlich-Sein verändert und welchen neuen Aufgaben sich unseren Gesellschaft dabei stellen muss.

 

3. Die Studierenden treten in Kontakt mit ‚lebendigen‘ Schriftstellern/innen und erwerben vertiefte Kenntnisse zur Genese und Rezeption der zuvor im Seminar analysierten literarischen Werke. Sie partizipieren an Diskussionen, die im mehrfachen Sinne interdisziplinär sind. Sie erfahren am Beispiel der Podiumsdiskussionen, dass jede Wissenschaftskultur ihre eigenen Perspektiven, Fragestellungen und Termini hat, es aber – gerade über das Medium Literatur – zu produktiven Annäherungen kommen kann.

 

4. Den Studierenden wird deutlich, dass der Gegenstand ihres akademischen Studiums, die Literatur, Teil der lebendigen Kultur ihres Landes und ihrer Stadt ist und dass das Literaturhaus eine zentrale Institution für ihre öffentliche Vermittlung darstellt. Sie lernen mit dem Literaturhaus einen Ort für studiumsbegleitende Praktika und ein wichtiges Berufsfeld für Germanisten/innen kennen.

 

5. Last but not least haben die Lehrveranstaltungen eine wichtige Science-to-Public-Funktion. Die Öffentlichkeit erfährt an einem konkreten Beispiel, mit welchen Inhalten und Fragestellungen sich die neuere deutschsprachige Literaturwissenschaft und ihre Studierenden beschäftigt und welchen Beitrag die wissenschaftliche Forschung für gesellschaftlich relevante Fragestellungen ? wie die nach der Gegenwart und Zukunft der conditio humana ? leisten kann.

Positionierung des Lehrangebots

Master

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 nominiert.