Business Project

Umgesetztes Projekt

Ziele

Die Grundidee des Kurses Business Project wurde im Rahmen des am IMD Lausanne im Jahr 2007 abgehaltenen International Teachers‘ Program (ITP, www.itp-schools.com) – einem internationalen Weiterbildungsprogramm für Hochschullehrende – von Gerhard Speckbacher mit Unterstützung mehrerer internationaler Experten und Coaches entwickelt. Ausgangspunkt waren die im Rahmen des ITP diskutierten Schwächen der Fallstudienmethode, die nach wie vor als führende Methode zur aktiven Anwendung und Reflexion von erlerntem Theoriewissen gilt. Während Fallstudien vor zehn Jahren noch als Inbegriff einer praxisorientierten Ausbildung galten und Lehrveranstaltungen, in denen z.B. Harvard Business School Fallstudien diskutiert wurden, von Studierenden hervorragend bewertet wurden, zeigt sich seit einiger Zeit, dass Studierende mit Fallstudien übersättigt sind und deren Struktur bei häufigerer Anwendung vorhersehbar wird und kaum mehr zu echten „Lernerlebnissen“ führt. Ziel war es daher, ein Format mit höherer Realitätsnähe zu entwickeln bei dem auch ein aktiveres, eigenständigeres studierendenzentriertes Lernen im Sinne des modernen „problem-based learning“ ermöglicht wird. Das zweite Ziel bestand darin, ein Lehrveranstaltungsformat zu entwickeln, das einen echten Beitrag zur Entwicklung verantwortungsbewusst handelnder zukünftiger Führungskräfte leisten kann und Studierende frühzeitig für die Entwicklung sozialer Kompetenzen sensibilisiert. Das dabei entstandene Grobkonzept des Kurses Business Project wurde in den Folgejahren mit Lehrenden der WU und anderer Universitäten sowie mit Führungskräften und Personalverantwortlichen aus der Wirtschaft hinsichtlich Umsetzbarkeit, Risiken und Möglichkeiten der Vermittlung wichtiger aber bisher an Universitäten zu wenig vermittelter Kompetenzen diskutiert und schließlich im Jahr 2012 erstmals umgesetzt. Seither wurde das Konzept kontinuierlich insbesondere von Aleksandra Klein und Arthur Posch im praktischen Einsatz unter Berücksichtigung des Feedbacks von Studierenden und Partnerunternehmen und von Kolleg/inn/en im Rahmen von Peer-Feedbacks weiterentwickelt, und seit dem Wintersemester 2014 wird dieser Kurs nun in jedem Semester angeboten.

 

Grundsätzlich basiert das Lehrveranstaltungskonzept auf dem seit Jahren am Institut für Unternehmensführung der WU Wien erfolgreich praktizierten Format eines „Projektkurses“, in dem Studierende das bisher erlernte theoretische Wissen in einem mit Unternehmenspartnern durchgeführten Praxisprojekt praktisch anwenden und dadurch wertvolle Praxiserfahrung für ihre berufliche Zukunft sammeln. Den Studierenden wird dabei von Führungskräften eines Partnerunternehmens eine aktuelle Problemstellung im Unternehmen präsentiert, die vor Beginn der Lehrveranstaltung zwischen dem Partnerunternehmen und der Lehrveranstaltungsleitung abgestimmt wurde. Ein Beispiel ist die Frage eines Flugunternehmens, wie auf Basis von Daten aus Fluggastbefragungen die Auswirkung von Kostensenkungsmaßnahmen auf die Kundenzufriedenheit prognostiziert werden kann und in welchen Bereichen daher signifikante Einsparungen mit möglichst geringen negativen Auswirkungen auf Kundenzufriedenheit und Kundenbindung möglich sind. Die Studierenden entwickeln dann in einem Team von 15-25 Studierenden einen umsetzbaren Lösungsvorschlag, der in einer Zwischenpräsentation und in einer Endpräsentation Führungskräften (i.d.R. Vorstandsebene) des Partnerunternehmens präsentiert wird und vom Partnerunternehmen direkt implementiert werden kann.

 

Im Unterschied zu diesem bereits bewährten Lehrkonzept durchbricht das Konzept für den Kurs Business Project allerdings die übliche strikte Trennung von Kursen auf „Bachelorniveau“ (Undergraduate Studies) und „Masterniveau“ (Graduate Studies). Stattdessen agieren im Rahmen dieses Kurses Masterstudierende als „Senior Consultants“, die jeweils als verantwortliche Vorgesetzte Teams von Bachelorstudierenden als „Junior Consultants“ führen. Hierdurch ergeben sich zusätzlich zu den Learning Outcomes eines gewöhnlichen Projektkurses völlig neue Möglichkeiten zur Entwicklung sozialer Kompetenzen, von Verantwortungsbewusstsein und von Führungskompetenzen sowie für den Einsatz neuartiger aktiver und eigenverantwortlicher Lernformen. Ausgehend von der Erfahrung, dass verantwortliche Führung (ähnlich wie Schwimmen) ebenso wie soziales Teamverhalten ohne aktives eigenes Tun und Ausprobieren kaum theoretisch vermittelbar ist, werden in diesem Format Führungssituationen durch die Studierenden selbst erlebbar und diese werden permanent gemeinsam mit der Lehrveranstaltungsleitung reflektiert und diskutiert. Dies eröffnet die Möglichkeit, gemeinsam mit Studierenden ein in klassischen Formaten nicht vermittelbares Verständnis und Fähigkeiten für verantwortungsbewusste und verantwortungsvolle Mitarbeiterführung und für soziales Verhalten in Teams und zwischen Teams in realen Situationen zu entwickeln.

 

Daneben ergeben sich aber auch neue Möglichkeiten der aktiven, eigenverantwortlichen und studierendenzentrierten Lehre. Die zu bearbeitende Fragestellung ist typischerweise zu Beginn nur sehr grob umrissen und die Studierenden müssen im Verlauf des Kurses gemeinsam Entscheidungen treffen, um die Aufgabenstellung sinnvoll weiter zu konkretisieren und auf die zu Beginn meist nicht genau formulierten Wünsche des Unternehmenspartners fortwährend anzupassen. Dabei wird die Aufgabenstellung permanent kritisch reflektiert und immer wieder in Teilprojekte, die von kleineren Teams zu bewältigen sind, zerlegt. Die Studierenden müssen selbständig das für die Lösung notwendige Wissen spezifizieren, sich fehlendes Wissen aneignen und Wissen im Team teilen. Dies entspricht dem Ansatz des „problem-based learning“, durch den Studierende anders als in klassischen Lehrveranstaltungen (unterstützt durch die Lehrveranstaltungsleiter/innen, die eher als Coaches statt als Wissensvermittler und Vortragende auftreten) selbständig Probleme erkennen und definieren und das zur Lösung der Probleme notwendige Wissen gemeinsam in spezialisierten Teams erarbeiten, sich aneignen und an Kolleg/inn/en weitergeben (Duch, Groh, & Allen, 2001). Insbesondere erfolgt ein Transfer von Wissen und Erfahrungen der Masterstudierenden auf Bachelorstudierende in der gemeinsamen Projektarbeit aber auch durch spezielle, themenbezogene „Coachings“, die von den Masterstudierenden für Bachelorstudierende durchgeführt werden. Die Themen für solche Coachings für Bachelorstudierende reichen von projektbezogenen Inhalten bis hin zu Coachings zur Erstellung von Präsentationsunterlagen oder Präsentationscoachings.

 

Eine weitere wesentliche Innovation des Kurses, die im Rahmen der Weiterentwicklung durch Aleksandra Klein und Arthur Posch implementiert wurde, ist die konsequente Anwendung der 360-Grad Feedbackmethode. Hierdurch werden eventuelle (soziale) Probleme frühzeitig erkannt und die Lernprozesse im Bereich von Führungsfähigkeiten, Teamfähigkeiten und weiteren (sozialen) Soft-Skills weiter unterstützt.

 

Ein von den Studierenden sehr geschätzter Vorteil dieses Formats besteht auch darin, dass in aller Regel ein großer Teil der Studierenden in Kooperation mit dem Partnerunternehmen und meist aufbauend auf dem Projektthema ihre Abschlussarbeiten schreibt, Studierende Praktika beim Partnerunternehmen absolvieren und in der Regel direkt nach der Abschlusspräsentation ein Job-Angebot des Partnerunternehmens erhalten. Dadurch ist auch gesichert, dass die Implementierung des Projekt-Lösungsvorschlages begleitet und verfolgt werden kann.

Kurzzusammenfassung

Führungskräfte eines Partnerunternehmens präsentieren eine Problemstellung zu der das Team mit Hilfe des im Studium erworbenen Wissens eine umsetzbare Lösung entwickelt und präsentiert. Masterstudierende führen als verantwortliche Vorgesetzte jeweils Teams aus Bachelorstudierenden. Dadurch werden Führungssituationen wie der Umgang mit Zeitdruck, Kommunikations- und Motivationsproblemen, Kompetenzstreitigkeiten, aber auch gemeinsame Erfolge aktiv erlebbar. Diese Erlebnisse werden ständig durch die LV-Leitung mit den Studierenden reflektiert und diskutiert, wodurch ein „geschützter Raum“ entsteht, in dem sich Studierende auch ausprobieren und als Persönlichkeiten entwickeln können. Die LV-Leitung nimmt eine Coaching-Rolle ein.

 

Die grob umrissene Problemstellung ist zu konkretisieren, laufend auf die Wünsche des Partners anzupassen und in Team-Module zu zerlegen. Studierende müssen Probleme erkennen, für die Lösung relevantes Wissen spezifizieren, sich fehlendes Wissen aneignen, im Team teilen und anwenden. Dies ermöglicht eine ideale Umsetzung des „problem-based learning“ Ansatzes.

 

Durch Anwendung der 360-Grad Feedbackmethode werden mögliche Probleme frühzeitig erkannt und die Lernprozesse für Führungs- und Teamfähigkeit unterstützt. Alle Teammitglieder geben regelmäßig Feedback zu ihren „Vorgesetzten“ und umgekehrt. Die Feedbackresultate werden für abschließende Coachings im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung und die spätere berufliche Laufbahn genutzt.

Nähere Beschreibung

Das Kursformat wird anhand des im WS 2014/15 durchgeführten Business Project, in dem erstmals die durch Aleksandra Klein und Arthur Posch für dieses Kursformat angepasste 360-Grad Feedbackmethode angewendet wurde, beispielhaft beschrieben. Das Projekt wurde in Kooperation mit einem Mittelstandsunternehmen, das im Bereich der Schokoladeproduktion tätig ist, durchgeführt.

 

Da dieses Projekt als Pilotprojekt für die Neueinführung des 360-Grad Feedbacks diente, wurden ausnahmsweise lediglich 14 Studierende aufgenommen. Während sich zwei Masterstudierende (Projektkoordinatoren) um die Gesamtkoordination des Projektes kümmerten (Project Management Office), übernahmen die anderen drei Masterstudierenden die Leitung eigener inhaltlicher Projektmodule. Im Rahmen dieser wurden die Gruppenleiter von jeweils drei Bachelorstudierenden unterstützt (Abb. 1 im Anhang). Ziel des Projektes war es, ein (nichtfinanzielles) Kennzahlensystem für die Produktion sowie ein teambasiertes Entlohnungssystem im Partnerunternehmen einzuführen.

 

Im Sinne des projektorientierten Designs wurde von den beiden Projektkoordinatoren, ein detaillierter Projektplan erstellt (Abb. 2 im Anhang). Der Kurs war in zwei Phasen gegliedert, wobei in Phase A der Fokus auf der Erarbeitung von theoretischen Grundlagen sowie einer detaillierten Unternehmensanalyse (u.a. Erstellung von Ablaufdiagrammen für alle Fertigungsprozesse) lag. In Phase B wurde neben einer Benchmarking-Studie, in deren Rahmen sowohl Geschäftsführer von Unternehmen derselben Branche als auch anderer Branchen befragt wurden, auch eine Befragung aller Mitarbeiter/innen des Partnerunternehmens durchgeführt. Basierend auf den empirischen Erkenntnissen sowie den theoretischen Grundlagen wurden der Geschäftsführung des Projektpartners Lösungsvorschläge im Rahmen der Abschlusspräsentation präsentiert (vgl. Abb. 3 im Anhang; Abb. 4 zeigt die Projektrollen der involvierten Stakeholder).

 

Neben wöchentlichen Core Team Meetings (CTM), an denen alle Studierenden sowie die LV-Leiter teilnahmen, gab es wöchentlich auch noch ein Steering Committee (SteerCo) um den Status Quo des Projektes sowie nächste Schritte zu besprechen. Ebenso wurden die SteerCos für regelmäßiges Feedback genutzt (anwesend waren immer die LV-Leiter sowie die Masterstudierenden; den Bachelorstudierenden wurde eine Teilnahme freigestellt).

Folgende Learning-Outcomes wurden vorab von den LV-Leitern definiert und genutzt um den Projektfortschritt auf Kompatibilität mit den Lernzielen regelmäßig zu überprüfen:

• ein Beratungsprojekt aufzusetzen und erfolgreich abzuwickeln,

• Projekte zielgerichtet zu managen und Projektmanagement-Tools anzuwenden,

• komplexe praxis- und theorierelevante Probleme zu erkennen und zu strukturieren,

• theoretisches Wissen auf eine praktische Problemstellung anzuwenden und kreative wertstiftende Lösungsvorschläge für Problemstellungen aus der Unternehmenspraxis zu entwickeln.

Im Zuge des Projektes konnten die Studierenden in folgenden Bereichen Fachwissen und Erfahrungen sammeln:

• Teamwork: Abstimmung und regelmäßige Koordination mit Teammitgliedern,

• Leadership-Skills: Führungsverantwortung übernehmen und lernen mit Herausforderungen in Führungssituationen reflektiert umzugehen,

• Coaching/Feedback Skills: Studierende in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen,

• Zeitmanagement: Unter großem Zeitdruck qualitativ hochwertige Lösungen entwickeln,

• Problemlösungskompetenz: Strukturiertes Vorgehen beim Erkennen und Lösen von Problemen,

• Analytische Fähigkeiten: Management und quantitative Analyse von Produktions- und Umfragedaten sowie

• Kommunikationsfähigkeit: Effektive und zielgerichtete Kommunikation zwischen Teammitgliedern sowie anderen Stakeholdern im Projekt.

 

Studierendenzentrierung durch problembasiertes Lernen

 

Das Konzept des Kurses Business Project durchbricht die übliche strikte Trennung von Kursen auf „Bachelorniveau“ und „Masterniveau“. Durch die Zuordnung der Rolle als Führungskraft an Masterstudierende mit Führungsverantwortung für Teams aus Bachelorstudierenden ergeben sich völlig neuartige Möglichkeiten für aktives, eigenverantwortliches und studierendenzentriertes Lernen und für die Entwicklung von sozialen Kompetenzen, Verantwortungsbewusstsein und Führungskompetenzen. Führungssituationen werden durch die Studierenden selbst erlebbar und diese Situationen werden permanent gemeinsam mit der LV-Leitung reflektiert und diskutiert. Studierende können nicht nur erste Führungserfahrung als Führungskraft und Erfahrungen „als Geführte“ sammeln, sondern sie erleben auch damit verbundene soziale Spannungen, Autoritätsprobleme, Kompetenzstreitigkeiten, Kommunikationsprobleme, Missverständnisse, Motivationsprobleme, aber auch die Teamdynamik nach durcharbeiteten Nächten vor Abschlusspräsentationen und bestandenen Herausforderungen – wobei sie aber permanent durch die LV-Leitung unterstützt werden und mit dieser die gemachten Erfahrungen diskutieren und reflektieren. Dies ermöglicht Studierenden, erfahrungsbasiert und aktiv ein Verständnis für verantwortungsbewusste Mitarbeiterführung zu entwickeln und soziales Verhalten in Teams anhand realer, selbst erlebter Situationen gemeinsam und mit der LV-Leitung zu diskutieren, zu bewerten, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen und sich als Persönlichkeit weiter zu entwickeln.

Da die Studierenden die Problemstellung im Verlauf des Kurses immer mehr präzisieren und auf die zumeist anfangs nicht genau formulierten Wünsche des Unternehmenspartners anpassen müssen, wird die Aufgabenstellung permanent kritisch reflektiert und re-formuliert. Zudem müssen die Studierenden die komplexe Fragestellung immer wieder in Teilprojekte zerlegen, deren Bearbeitung dann kleineren Teams überantwortet werden kann. Die Studierenden müssen selbständig Probleme erkennen, das für die Lösung notwendige Wissen spezifizieren, sich fehlendes Wissen aneignen und Wissen im Team teilen, wodurch in idealer Weise der moderne Ansatz des „problem-based learning“ (Duch, Groh, & Allen, 2001) als „an instructional, learner-centred approach that empowers learners to conduct research, integrate theory and practice, and apply knowledge and skills to develop a viable solution to a defined problem” (Savery, 2006, S. 12) realisierbar ist. Während die Studierenden dabei eine aktive Rolle beim eigenständigen Erkennen und Lösen von Problemen sowie bei der Wissensaneignung übernehmen, konzentriert sich die LV-Leitung auf eine moderierende Coaching-Rolle, durch die kritische Reflexion unterstützt und Experimentieren mit Rollen und Erfahrungen ermöglicht wird.

 

Das regelmäßige 360-Grad Feedback (Collins, 2008) sorgt dafür, dass eventuelle (soziale) Probleme frühzeitig erkannt und die Lernprozesse im Bereich von Führungs- und Teamfähigkeiten und weiteren (sozialen) Soft-Skills unterstützt werden. Studierende lernen, sowohl „nach oben“ als auch „nach unten“ respektvolles und nützliches Feedback zu geben und Feedback positiv und produktiv für die eigene Entwicklung zu nutzen (Feedbackkultur). Dabei geben die Studierenden einerseits regelmäßig nach jeder Projektphase strukturiertes (anonymes) Feedback an die Lehrveranstaltungsleitung und erhalten umgekehrt regelmäßig Feedback von der Lehrveranstaltungsleitung und vom Projektpartner, aber auch horizontales Feedback von ihren Kolleg/inn/en. Vor allem aber bewerten die Teammitglieder (Bachelorstudierende) regelmäßig „ihre Vorgesetzten“ (Masterstudierende) anhand vorgegebener Kriterien, während letztere wiederum „ihre Mitarbeiter/innen“ (Bachelorstudierende) bewerten. Die mehrmalige Durchmischung der Teams stellt sicher, dass alle Studierenden von unterschiedlichen Vorgesetzten bzw. Untergeordneten Feedback erhalten (Abb. 5 im Anhang). Ebenso war es den Studierenden immer möglich, Termine mit den LV-Leitern und externen Coaches zu vereinbaren. Ein weiterer informeller Feedback-Mechanismus war der wöchentlich stattfindende Pulse Check (Abbildung 6 im Anhang). Bei diesem von der Harvard Business School und den Forschern Perlow & Porter (2009) entwickelten Instrument handelt es sich um eine anonyme Umfrage bei der die Studierenden eine persönliche Bewertung des Projektes (eigene zeitliche Belastung, Qualität der Zusammenarbeit, Zufriedenheit, etc.) abgeben. Weiters waren die Studierenden am Projektbeginn dazu angehalten, für sich persönlich mehrere Kennzahlen zu definieren, die trotz der Projektbelastung immer erreicht werden sollten. Die Ergebnisse der Umfrage wurden im CTM präsentiert und diskutiert.

 

Umfangreiches formales Feedback erhielten die Masterstudierenden am Projektende durch die LV-Leitung. Dabei wurden spezielle Bewertungsformulare verwendet, die ein möglichst transparentes Feedback ermöglichen sollten. Das Formular beinhaltete eine kurze Rollenbeschreibung für jede/n Studierende/n, ein erforderliches und tatsächliches Kompetenzprofil sowie eine detaillierte Beschreibung von Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten (Kaiser, 2009; Collins, 2001; Drucker, 1999; Kaplan & Kaiser, 2009). Die Bewertungen gingen in die Projektnote ein (Abb. 7 im Anhang). Nach der Abschlusspräsentation wurden die Masterstudierenden zu einem Gespräch einzeln geladen um die Bewertung zu diskutieren und um die persönlichen Stärken und Schwächen insbesondere im Hinblick auf eine zukünftige Berufstätigkeit (welche Tätigkeiten passen besonders zu mir) zu diskutieren. Auf diese Art konnte eine nachhaltige Lernerfahrung der Studierenden weiter gefördert werden. Ebenso nahm sich die Geschäftsführung des Projektpartners im Rahmen einer externen Abschlussveranstaltung Zeit für ausführliches Feedback (Pugel & Shubert, 2008).

 

Forschungsgeleitete Lehre und Kompetenzorientierung

 

Projektthemen beziehen sich wie im Beispielfall stets auf das Forschungsprogramm des Institutes (Analyse des Designs und der Wirkungen betrieblicher Kennzahlen- und Steuerungssysteme). Die Analysen und Datenerhebungen durch die Studierenden erfolgen nach wissenschaftlichen Standards. Neben qualitativen Interviews (mit Mitarbeitern, Geschäftsführern, Eigentümern und mit Benchmarking-Unternehmen) mussten die Studierenden Daten aus den Produktions- und Planungsprozessen analysieren und auswerten. Zudem wurde ein Fragebogen entwickelt, um unter der Belegschaft des Partnerunternehmens eine an wissenschaftlichen Standards orientierte Umfrage durchzuführen. Hierdurch wurden Informationen über die Zufriedenheit der Belegschaft bzw. deren Motivatoren generiert. Das Datenmaterial wurde dann von den Studierenden mithilfe von inferenzstatistischen Methoden ausgewertet.

 

Aufbauend auf dem Projekt wurden eine Masterarbeit und mehrere Bachelorarbeiten zu weiterführenden Themen in Kooperation mit dem Projektpartner verfasst. Auf Basis des gewonnenen Datenmaterials entstand zudem ein wissenschaftlicher Artikel.

 

Neben allgemeinen betriebswirtschaftlichen Kenntnissen erforderte das Projekt auch technische Kenntnisse, um die Produktionsprozesse zu verstehen und zu modellieren (Flussdiagramme, Ablauforganisation und Prozessmodellierung) und auf der Grundlage dieser Prozessmodellierung wurde dann ein Kennzahlensystem für die Produktion entwickelt. Diese technischen und betriebswirtschaftlichen Aspekte waren dann im Rahmen der Entwicklung eines Vorschlages für ein betriebliches Bonussystem mit psychologischen Motivationstheorien zu vernetzen. Dabei wurde den Studierenden von der Lehrveranstaltungsleitung aus laufenden Forschungsprojekten des Instituts zu den Motivationswirkungen von Anreizsystemen berichtet und es wurden die Studienergebnisse anhand des konkreten Projektes diskutiert. Diese Diskussion führte schließlich zu einer Revision des ursprünglichen Vorschlages für ein Bonussystem und zu einer vom Projektpartner unerwarteten Handlungsempfehlung des studentischen Projektteams. Der Grund hierfür war, dass der ursprüngliche Vorschlag für ein Kennzahlensystem in vorhersehbarer Weise zu sozialen Spannungen innerhalb der Belegschaft geführt hätte, weil Boni zwar aus „technischer Leistungssicht“ sinnvoll erschienen, aber von der Belegschaft als unfair empfunden worden wären. Dies wurde über detaillierte Interviews mit Beschäftigten validiert und die eindrucksvolle empirische Evidenz führte auch zu einem Umdenken des Partnerunternehmens in dieser Frage. Hierdurch konnte den Studierenden ein Bewusstsein für die Komplexität und Vielschichtigkeit praktischer Problemstellungen der Unternehmensführung und die Bedeutung interdisziplinärer Perspektivenwechsel vermittelt werden. Insgesamt bot das Projekt den Studierenden die einzigartige Chance, einen Produktionsbetrieb in allen Facetten, von der technischen Seite bis hin zu psychologischen und soziologischen Faktoren der Mitarbeiterführung kennen zu lernen und zu verstehen, wie betriebswirtschaftliche Fragen mit verschiedenen Fragen aus wissenschaftlichen Nachbarsdisziplinen zusammenhängen. Hierdurch wurden besonders die Entwicklung und das Training von fachübergreifenden Kompetenzen und Qualifikationen ermöglicht.

 

Auszug aus dem Gutachten von Dipl.-Betriebswirtin Margret Schermutzki
Higher Education Expertin Tuning Educational Structures in Europe:

Das Konzept des Business Projekts vermittelt „Verantwortungsbewusstes Handeln von Führungskräften“ als wesentliche Kompetenz. Seine Struktur und anwendungsbasierte Funktionsweise sind Ausdruck äußerst effizienter Anwendung kooperativer Lehr- und Lernformen sowohl innerhalb einer Universität als auch über deren Grenzen hinweg mit Unternehmen aus der Privatwirtschaft.  In seinem Rahmen werden Theorie und Praxis durch die Anwendung der „Problem Based Learning“ Methode gezielt verknüpft. Es durchbricht die übliche strikte Trennung von Bachelor- und Masterkursen. Masterstudierende agieren als „Senior Consultance“ und Bachelor StudentInnen agieren als „Junior Consultance“. Indem die Studierenden durch ständige Interaktion voneinander lernen und die Lernprozesse relativ autonom gestalten, führt die Kombination von BA und MA Studierenden zu einer Entlastung von Lehrenden. Mit einem solchen Rollenverständnis können die StudentInnen nicht nur Erfahrungen als „Führungskraft“ und „als Geführte“ zugleich sammeln, sondern sie erleben unmittelbar auch die damit verbundenen sozialen Spannungen, Autoritätsprobleme, Kompetenzstreitigkeiten, Kommunikations- und Motivationsprobleme, etwaige Missverständnisse, aber auch die Teamdynamik und den Erfolg nach bestandener Herausforderung.
Das Konzept ist eine Weiterentwicklung der Fallstudienmethode als Ergebnis einer Untersuchung der WU und anderer Universitäten sowie Personalverantwortlichen aus der Wirtschaft.
Führungskräfte eines Partnerunternehmens präsentieren eine Problemstellung, zu der das Team aus Master- und Bachelorstudierenden gemeinsam mit Partnern des Unternehmens - mit Hilfe des im Studium erworbenen Wissens - eine umsetzbare Lösung entwickelt und präsentiert. Masterstudierende führen als verantwortliche Vorgesetzte jeweils Teams Bachelorstudierender. Dadurch werden lösungsorientierte realitätsadäquate Führungssituationen aktiv erlebbar. Es folgen eine diesbezügliche eingehende Reflexion und Diskussion der gewonnen Erfahrungen der Lehrveranstaltungsleitung mit den Studierenden. Die LV-Leitung nimmt dabei eine Coaching-Rolle ein. 
Die grob umrissene Problemstellung wird konkretisiert, den Wünschen des Partners angepasst und in Team-Module zerlegt. Studierende müssen dabei die identifizierten Probleme erkennen, lösungsrelevantes Wissen spezifizieren, sich fehlendes Wissen aneignen, dieses im Team teilen und gegenständlich anwenden. Durch Anwendung der 360-Grad Feedbackmethode werden mögliche Probleme frühzeitig erkannt und die Lernprozesse für Führungs- und Teamfähigkeit unterstützt. Studierende lernen sowohl „nach oben“ wie auch „nach unten“ nützliches Feedback respektvoll zu geben und für die eigene Entwicklung schöpferisch zu nutzen. Die Teammitglieder (BA-Studierende) bewerten ihre „Vorgesetzten“ (MA-Studierende) anhand von Kriterien, während umgekehrt letztere Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (BA-Studierende) bewerten.  Die Feedbackresultate werden - im Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung und die spätere berufliche Laufbahn - für abschließende Coachings genutzt.
Insgesamt bietet das Projekt den Studierenden die einzigartige Chance, einen Produktionsbetrieb in allen Facetten, von der technischen Seite bis hin zu psychologischen und soziologischen Faktoren der Mitarbeiterführung kennen zu lernen und zu verstehen, wie betriebswirtschaftliche Fragen mit Fragen aus diversen wissenschaftlichen Nachbarsdisziplinen zusammenhängen. Hierdurch werden die Entwicklung und das Training von fachübergreifenden Kompetenzen und Qualifikationen möglich gemacht.

 

 

Positionierung des Lehrangebots

MA bzw. BA

Das Beispiel wurde für den Ars Docendi Staatspreis für exzellente Lehre 2016 in der Kategorie Kooperative Lehr- und Lernformen innerhalb der jeweiligen Hochschule, über Hochschulen und HS-Sektoren hinweg nominiert.